Zurück aus Bitche. Frühling. Der Mann verlässt die lange Unterhose. Heute zum Glück frei. Kollege T. und ich haben eine Radeltour gemacht nach Frankreich, um ein bisschen Urlaubs-Feeling, besser Pilger-Feeling zu kriegen. Die Alleinsamkeit wie weggeblasen. In Bitche erklimmten (erklommen? nuja, rauf eben) wir die Zitadelle, ein uraltes Militärfort von unglaublicher Größe. Verkehrsschilder in der Stadt datieren den Bau auf 17tes bis 19tes Jahrhundert. Dabei sieht das Ding wie eine Bunkeranlage aus den beiden Weltkriegen aus.

Die Tour ist empfehlenswert. Ruhige Landstraßen und um Bitche eine Landschaft, wie man sie hier überhaupt nicht vermutet: hügelige Kiefernwälder.

Insgesamt 85 Kilometer (habs bei maps.google nachgemessen, lieber T. Z-Bitche und zurück über diese Strecke 77 km plus acht bis zu unserem Treffpunkt), also beinahe eine klassiche Etappe wie ich sie von frühen Fernradtouren kenne. Ich weiß nun, dass ich wieder verreisen könnte. Wäre da nicht das schwebende Insolvenzverfahren. Montag muss ich wieder arbeiten. Zumindest haben wir dem Owner versprochen, die Werkstatt neu einzurichten. Ich bin viel zu gutmütig? Oder ist es das Mitgefühl, den Owner nicht mittellos zurück zu lassen und seinen kleinen Sohn? Sicher auch ein Aspekt.

Pornolize my Sternbild

Ja. Wir sitzen ums Lagerfeuer. Kollege T., J., der Sohn von Anwalt K. und ich. Starren in den Himmel und jemand kommt auf die Idee, die Sternbilder zu sexualisieren. Die Nacht ist fahl. Der Mond ist jung.

„Der Große Bär ist ja sowieso schon sexuell“, sagt T.

„Ja, genau, gepiercte Dreilochstute“, sag‘ ich.

Wir trinken Wein. Es gibt Huhn, Wurst und noch mehr Wurst, längliche, phallische Dinge, die Männer zu seltsamen Phantasien veranlassen.

„Der Krebs ist sie Schundtunte der lasziven Empfängnis“, sagt jemand.

Es spielt hier keine Rolle, wer was sagt. Wir benennen die Sternbilder um.

„Kasiopeia: Hermaphroditischer Bückemund„.

Wir sind desperat, wild, die Nacht ist mild und eine frisch gefällte Kiefer im Garten von Anwalt K. erfüllt die Luft mit einem harzigen Geruch.

„Seht nur, diese Konstellation, könnte man die nicht Schwulfred dient nennen?“

„Sicher, guter Einwurf.“

Zwischendurch erzählen wir Witze. Einer geht so: „Kommt ein Einarmiger in den Secondhandladen“.

Niemand lacht. Der Witzerzähler räuspert sich: „Immer wieder erstaunlich, dass nach dem Witz niemand etwas sagt.“

Die Hühnchen sind gespickt mit Knoblauch. Haben wir Kollege T. zu verdanken. Er ist der beste Griller, den ich kenne. Auch ein Feuer kann er mit nur einem Streichholz anzünden. Survival as best.

„Wie wärs mit Gieremund für die drei Sterne da Oben?“

„Mhm, nicht übel, aber dann muss der Haufen da drüben Dark pervert Policeman heißen und die drei, die gerade am Horizont hoch kommen würd ich gerne auf Vagina taufen“.

„Wie Vagina? Vagina ist langweilig. Einer davon ist der Saturn. Kanns nich‘ machen, oder? Nich‘ der Saturn?“

„Gerade der. Und schick die Venus hinterher und du hast das Sternbild Bückstück“.

Ja, so verdulden wir uns die Abende, wir frisch gebackenen Tackerkonzernretter.

Es tut mir aufrichtig leid.

Eigentlich wollte ich ja über die Sexualisierung der Sternbilder schreiben: „Gepiercte Dreilochstute“ und „ausgiebig dienender Lecksklave“ zum Beispiel. Zu Recht darf ich behaupten, diese Sternbilder gibt es gar nicht und der Abend, an dem sie erfunden wurden, vorhin, ist erstmal mit Schweigen belegt.

Alles dominierend die Ex-Firma meines Ex-Owners, der auch der zukünfitige Owner sein wird. Diese Sache beschäftigt mich derzeit zu 150 % und es gibt nichts sonst, um das ich mich kümmere. Das alles überfordert mich maßgeblich. Ich bin nicht geschaffen für Konflikte. Die gibt es zu Hauf. Das Jazzfest letzte Woche war eine nette, 80-stündige Erholung. Beinahe möchte ich das Geplänkel um Künstlerbedürfnisse als eine Art Kur bezeichnen. Was war das für ein leichter Job!

Im Vergleich zur Abwicklung der Arbeitsstätte, an er ich nun schon ein Jahr verbracht habe.

Heute wieder Mitarbeiterversammlung: Willkommen zurück im Haifischpool. Mit einer fünfstündigen Sitzung zwischen Insolvenzverwalter und Owner war ich reichlich bedient. Die Tatsachen: Firma pleite, aber im neuen Kostüm mit einem Fünftel der Belegschaft geht es weiter. Zufälliger Weise erweist sich die Lohntackerei als steinerner, krisenfester Job und ein Tacker in diesen Tagen ist mehr wert als jeder Banker. Will, sagen: die Idioten wollen und wollen mir keine Kündigung schreiben, weil ihre Zukunft auf meiner Arbeit fußt. Sie erwarten, dass ich brav weiter arbeite, um mitzuhelfen einen neuen, weltweiten Tackerkonzern aus der Taufe zu heben. Die Logik sagt: das ist gut. Ein Job in diesen Krisentagen ist einfach unschätzbar. Aber: Ich werde niemals frei sein. Für einen kurzen Moment habe ich von Freiheit geträumt, dachte, ich könnte mal wieder Europas Straßen unsicher machen und ein bisschen nach Süden radeln. Im Prinzip wäre das auch möglich. Ich habe so viel Geld, dass ich die nächsten fünf Jahre nicht arbeiten muss. Aber was kommt danach? Zukunft hin, Zukunft her. Mich plagt obendrein unglaubliche Angst vor der Alleinsamkeit (ich berichtete, sucht mit der Suchfunktion nach dem Artikel, Begriff Alleinsamkeit) – Alleinsamkeit ist ein trauriger Zustand, der einem mit unsäglicher Angst erfüllt, sobald man sein Haus mehr als 50 km verlässt. Ich könnte gar nicht verreisen, weil ich mit der unweigerlich einhergehenden Alleinsamkeit nicht zurecht käme.

Kurzum: nichts ist in Ordnung. Erstmals im Leben hätte ich Zeit und Geld auf einem Fleck und könnte tun und lassen, was ich will, aber ich kann nicht. Ich könnte die Welt umrunden, per Rad, zu Fuß oder auf dem Kreuzfahrtschiff. Die Psyche lässt es nicht zu. Nicht von Ungefähr habe ich einen Artikel zuvor die Jugend gewarnt: „Dinge, die du Früher auf Später verschoben hast, wünschst du dir später, früher getan zu haben“. Junger Mensch, erst wenn du älter geworden bist, wirst du wissen, was ich damit meine. Nun da ich dies schreibe, kann ich nur erklären: ich habe zu lange gewartet. Die Dinge, die ich mir Früher für Heute vorgenommen habe, kann ich nicht mehr tun, weil ich mich verändert habe. Je est un autre. Ich weiß nicht, ob Rimbaud das so versteht, aber irgendwie scheint mir das zu passen.

Rimbaud hat sowieso nie mein Alter erreicht. Vielleicht wüsste dieser Kerl ja Rat?

Egal. Ich bin ich und Ich ist ein Anderer geworden. Ich bin nicht mehr der Typ mit 30, der sich einfach aufs Rad setzen würde und Europa umkreist, Abenteuer erleben, sich treiben lassen.

Je mehr du trainierst, um Hürden zu überwinden, desto höher werden die Hürden. Es ist, als wüchsen sie wie Hecken und versperren dir den Weg.

Ich fürchte, dieses Blog wird nun unlesbar. Ein Larmoyanzblog. Egal. Das Blog war nie dafür ausgelegt, von Anderen gelesen zu werden. Es ist auch gar kein typisches Weblog. Vielmehr ist es ein öffentlich zugängliches Buch. Ich darf an dieser Stelle erwähnen, dass ich schon immer daran geglaubt habe, dass es Bücher geben muss, die keine Leser haben. Was nicht bedeutet, dass sie niemals Leser haben werden. Ich habe selbst festgestellt, dass es für mich als Leser eine Zeit gibt, in der ich reif bin für ein Buch, in der ich also empfänglich bin, es zu lesen. Mit Hamsuns Mysterien war das so. Jahrelang stand das Ding im Regal und ich habe es nicht angerührt. Langweiliger Schrott, den ich erstaunlicher Weise 1990 auf Teneriffa nur so verschlungen habe. Wie es Leser gibt, die auf ihre Bücher warten, gibt es Bücher, die auf ihre Leser warten. Irgendwann in der Zukunft wird man vielleicht das eine oder andere Buch, das heute oder schon vor Jahren geschrieben wurde, erst entdecken und sagen, wow, was für ein Machwerk. Vermessen, zu behaupten, die Irgendlinktexte gehören dazu. Aber man weiß je nie. Dinge, die in der Zeit entstehen, darf man nicht in der Zeit beurteilen, es sei denn, man kann sie in der Zeit auch verkaufen.

Nun, da das Jazzfest vorbei ist, kommt die seltsame Phase, in der Luft zu hängen. Es scheint, als sei Lohnerwerb der beste Motor, Geschichten zu texten.

Gestern war ich zu matt zum Schreiben; hatte beim Ministerpräsidenten eine Flasche Wein mitgehen lassen, Feierabendwein nach sieben Tagen Jazzfest. Ich bin einfach nichts mehr gewöhnt. Zu berichten wird sein über V.I.P.s sowie ein Claim mit Klomann F.M.

Aber nicht jetzt. Vom Owner gibts auch Neues: es geht (vielleicht (stets gibt er sich orakulös)) weiter mit der Lohntackerei. Wer sich in das Hamsterrad begibt, kommt nie wieder raus.

Die Künstler mit dem Katzen-Gen

Zwei Weisheiten:

  • „Wenn man Katzen in einen Aufzug setzt und einen Knopf drückt, so steigen sie in dem betreffenden Stockwerk aus und laufen davon“, weiß Katzenspezialist Journalist F. Er kennt sich auch mit der Psyche von Bühnenkünstlern bestens aus.
  • „Paris Charles-de-Gaulle ist einer der größten Flughäfen Europas mit vielen Terminals, und noch mehr Stockwerken. Ein Labyrinth des modernen Luftverkehrs, aus dem es kein Entrinnen gibt, wenn man sich einmal verlaufen hat“, erklärte mir Tourmanager G.

Tourmanager G. ist ein alljährlich wieder kehrender Gast auf dem Jazzfest in der Nachbarstadt S. Meist betreut er amerikanische Jazz-Combos – die ganz harten Fälle; der nette Schwabe mit dem roten Gesicht ist in der Jazztournee-Organisations-Branche bekannt als eine Art Spezialagent, ein 007 unter den Tourbetreuern. Muss er auch sein. Dieses Mal scheint er aber mit der US-Combo S., welche nach dem Tod ihres gleichnamigen Gründers noch immer um die Welt tourt, an seine Grenzen gelangt zu sein. Im Kulturamt flatterten Wochen zuvor warnende Hinweise in den Mailpostkasten. Betreff: „S.-Orchester – sie klauen wie die Raben“, weshalb ich den Backstagebreich notdürftig in einen Hochsicherheitstrakt verwandelte, der vor ihnen auftretenden Gruppe einen eigenen Raum gab und ihnen einschärfte, nichts, aber auch absolut nichts, weder Kuli, noch Handy, noch Schlüssel, noch Geld auf den Tischen liegen zu lassen, sowie die Garderobe immer fest zu verschließen.

Der Soundcheck S. verzögerte sich um gut eine Stunde. Katastrophal. So würde die Sch.-Band unweigerlich auch nach Einlass noch auf der Bühne üben. Bei Konzertabenden mit mehreren Gruppen gilt das LIFO-Prinzip, ein Begriff, den ich der Betriebswirtschaftslehre entliehen habe: Wer zuletzt soundcheckt, steht als erster auf der Bühne, Last in First out. Alleine dem genialen Tonteam ist zu verdanken, dass die Show pünktlich um Acht beginnen konnte.

Tourmanager G. sagte: „Das ist ein Kindergarten. So etwas habe ich noch nie erlebt. Du kannst denen sagen, was du willst, sie hören nicht hin. Gestern wollten sie in den Flieger nach München einsteigen.“ „Wahrscheinlich haben sie sich gemerkt, dass der Name der Stadt, in die sie fliegen, einen komischen Buchstaben mit zwei Punkten darauf enthält und haben es nur verwechselt.“ „Nein, die tun das, um mich zu quälen. Pass‘ nur auf, gib ihnen nichts, denn sie nehmen es als selbstverständlich hin. In Polen haben sie einen Instrumentenbauer um seinen Lohn geprellt.“ Da kam der Saxophonist herbei, er benötige einen Schraubenzieher. Schon zückte ich mein 60-Euro-Schweizermesser, da rief G. hinterher: „Das ist eine Falle! Er sabotiert sein Instrument absichtlich. Lass das Werkzeug nicht aus den Augen.“

Später erzählte er die Charles-de-Gaule Geschichte: „Paris, Flughafen. Der eine Teil der Band soll nach Philadelphia, der andere nach New York. Zwei Flüge, zwei Terminals und (zum Glück) massig Zeit. Aber denkste. Während ich die Phillys zum Terminal bringe, schleust meine Kollegin die New Yorker in einen Aufzug. Da nicht alle rein passen, bleibt sie mit dem Rest unten, drückt den Knopf. Und als sie mit der zweiten Fuhre oben ist, sind sie verschwunden. Laufen einfach weg ohne Ziel, ohne Idee, verschwunden im Chaos von Charles-de-Gaulle.“

Wie Katzen.

Somit grenzt es an ein Wunder, dass, bis auf ein Bandmitglied, die Show pünktlich um 21:30 beginnen konnte. Anfangs waren die Jungs ein bisschen chaotisch, fummelten an den Mikrofonen, verhedderten sich mit ihren Kostümen, riefen die Techniker noch während des ersten Stücks auf die Bühne, um etwas umzustöpseln. Als hätte es nie einen Soundcheck gegeben. Letztlich jedoch brilliante Show im Bereich Swing bis Freejazz.

Bitterböser Nachtrag: Einmal verließen Saxophonist und Trompeter die Bühne, auf Tuchfühlung im Zuschauerraum, während der Klarinettist einen Breakdance zeigte. „Pure Ablenkung“, raunte ich Journalist F. zu, der mittlerweile auch eingetroffen war, um sich die schillernden Vögel zu betrachten, „das sind Jazz-Trickdiebe, sie greifen sich jetzt Geldbeutel, Ohrringe und Eheringe“.

Was auch immer von all den Gerüchten stimmt, aus der Rolle des Beobachters, ausgestattet mit opulenter Hintergrundinformation, hat es viel Spaß gemacht.

Heute letzter Tag. Französisches Trio, viele Ehrengäste, Bodyguards, denn der Ministerpräsident beehrt uns.