Gegend Entwürfe 2018 – Literatur aus Rheinland-Pfalz

Gestern erfahre ich, dass  das Buch Gegend Entwürfe – Literatur aus Rheinland-Pfalz (mit einem Blogbeitrag von mir)  nun doch gedruckt wurde. Soweit ich mich erinnere, war geplant, dass es 2017 erscheint. Als Blogger bin ich mit einer Geschichte aus dem Irgendlink-Blog darin vertreten.

Herrjeh, lief das alles kreuz und quer und zu einem guten Teil muss ich Facebook, die Ratte, dafür verantwortlich machen, dass ich weder erfahren habe, dass das Buch doch noch wahr wurde, noch eine Kurzbiografie dafür eingereicht habe, noch genau weiß, welche Geschichte von mir denn in dem Buch veröffentlicht wurde.

Nachtrag: natürlich kam alles gut. Das Buch wurde sorgfältig redigiert, die Metatexte der beiden Herausgeber bereichern das kleine Kunstwerk, das zudem sehr solid gedruckt wurde und über ein schönes Layout verfügt. Das Lila Lesebändchen ist als eine Art Schwarzer Gürtel der Literatur das Tüpfelchen auf dem I.

Rheinpfalz-Kulturredakteurin Andrea Dittgen hat das Buch hier besprochen.

In einem weiteren Artikel richtet Andrea Dittgen den Fokus auf den Abschnitt ‚Familiengeschichten‘ der Gegend Entwürfe in dem vorwiegend Zweibrücker Autorinnen und Autoren zu Wort kommen.

Die Gegend Entwürfe 2018 sind ein Spaziergang durch die literarische Szene in Rheinland-Pfalz. Als Blogger war ich eingeladen, einen Beitrag zu leisten. Wie das mit dem Bloggen so ist (und mit der Kommunikation auf Facebook): Ich weiß noch nicht einmal, welcher meiner Blogartikel im Buch erschien.

Mein derzeitiger Literaturliebesstatus: warte auf das Belegexemplar.

Es ist ja auch alles schon so lange her. Die Kommunikation über das Literatur-Projekt fand ausschließlich über Facebook statt. Ich bin Facebook-Legastheniker. Der Herausgeber vermutlich auch. Den Rest des kommunikativen Chaos steuerten die Algorithmen bei. Per Direktnachricht hatte ich dem Herausgeber diese beiden Geschichten vorgeschlagen; er könne sich bedienen nach Herzenslust.

Die Parkbank am nördlichsten Ende von Rheinland-Pfalz

Die Omlette-Situation

Okay. Dann kam Weihnachten 2017 und das Buch war nicht erschienen.

Mein Hirn war auf Waiting For Input geschaltet, sprich, ich wartete, um zu erfahren, welcher der Blogartikel ins Buch kommt, damit ich dem Text den letzten literarischen Schliff geben kann. Als Blogger gehört man ja nicht zum Hochadel der Literatur. Sie kennen das, im Blog geht es zu wie in einer Bildhauerwerkstatt. Aufgeräumt wird immer erst später. Man kreiert Texte auf bestmöglichem Niveau, aber es handelt sich wegen des Literatur-on-the-fly-Gebarens doch stets um Entwürfe, um ungeschliffene Rohliteratur.

So weit so gut. Ich halte fest: Der Herausgeber wollte mich ins Buch haben, ich sagte ja, der Pakt war geschlossen. Die Fähigkeit, das Ganze auf telepathischem Weg zu vollenden, scheiterte. Den Rest hat Facebook verpatzt.

Gestern (November 2018) erhielt ich eine Direktnachricht vom Herausgeber, wohin der Verlag denn das Belegexemplar schicken soll.

Ich scrollte durch die Korrespondenz und entdeckte eine Nachricht vom Januar 2018, in der er nach einer Kurzvita fragte. Peinlich. Die Nachricht habe ich nie gesehen. Oder auch doch? Vielleicht werden auf Facebook Nachrichten und Beiträge nach Gutdünken übermittelt? Ach und es ist ohnehin alles so wischi-waschi, so verwirrend, und überhaupt, es geht ja bei Facebook nicht darum, dass die Teilnehmenden es bequem und übersichtlich haben, die Leute sollen kaufen, Werbung schalten, nix wie drauflos, je orientierungsloser die User sind, desto besser …

Ich bin gespannt auf das Belegexemplar. Der Herausgeber und ich kommunizieren mittlerweile auch per Mail. Also zumindest ich (denn, wie ich der Direktnachrichten-Korrespondenz entnehme, habe ich ihm auch schon früher Mails geschickt) … die Verlagsseite mit der Autorinnenliste liest sich übrigens gut: Rafik Schami, Norman Ohler, Wolfgang Ohler, Monika Rinck … fast dreißig Autorinnen und Autoren versammeln sich mit Texten und Gesprächen in dem 300 Seiten starken Buch.

Apropos Gespräch. Blick über die Schulter: Da steht ein Telefon (das ist das ‚Warum liegt denn da Stroh‘ der Feinen Künste).

Ein Gutes hat die Sache auch. Ich habe meine Bücher-Seite aktualisiert

 

Der innere Bisquitkuchen der Seele

Begleiten Sie mich auf einen Spaziergang durch das einsame Gehöft, in dessen hintersten Winkel über dem Hühnerstall unter einem löchrigen, Moos bewachsenen Dach sich meine spartanisch eingerichtete Künstlerbude befindet. Schlagen Sie die Bettdecke auf in der Morgendämmerung, steigen Sie mit mir die Leiter hinab aus dem Hochbett und vier Stufen wieder hinauf in die schäbige Küche, wo sich seit gestern Abend frisch gespültes Geschirr neben der Spüle stapelt bis auf Brusthöhe. Zapfen wir uns gemeinsam ein paar Deziliter Wasser und erhitzen es in einem uralten Wasserkocher, dessen Wackelkontakt wahlweise dafür sorgt, dass das Wasser nur lauwarm wird oder dass es kocht und kocht und kocht, während wir die Bude verlassen, der Katze die Ateliertür öffnen, damit sie fressen kann, durchs Atelier scharwenzeln. Vorbei am Bierkasten, stellen  wir die leeren Flaschen des Abends hinein, rammen die klemmende Stahltür am anderen Ende des Raums auf und laufen auf der Nordseite zwischen der Halle mit den Wohnwagen und dem Lagerschuppen vorbei zum Hühnerstall. Die zehn Hennen kriegen je 35 Gramm Körner und 70 Gramm Legemehl. Dafür hatte ich einmal zwei alte Blechdosen abgewogen und markiert – damals waren es noch vierzehn Hühner und ein Hahn. Es ist also wichtig, die Becher nur zu zehn Fünfzehntel zu füllen.

Der Hühnerstall ist eigentlich ein ehemaliger Schweinestall, an dessen Mittelgang rechts und links noch die alten Tröge flankieren. Es ist immer ein Balanceakt – im wahrsten Wortsinn, mit den beiden Bechern durch die hungrigen Tiere zu balancieren, den halben Meter hinauf auf die Trogkante und auf der anderen Seite wieder hinab bis zu den Hühnernäpfen, die eigentlich keine Näpfe sind, sondern aus Brettern zusammengenagelte längliche – ja, ich würde sagen, ebenfalls Tröge. Zwei Stück. Daneben stehen zwei alte Kochtöpfe, in denen Wasser ist. Vergessen Sie nicht, nachzuschauen, ob noch genug drin ist, sonst müssen die Viecher dursten. Auf dem Rückweg schauen wir in der dunkelsten Ecke des Stalls in den Nestern direkt neben den Schlafstangen, ob schon Eier darin sind. Meist sitzt noch ein Huhn in einem der Nester, seien wir behutsam.

Langsam fährt das Hirn hoch. Also meines. Ich weiß nicht, wie es sich mit Ihrem Hirn verhält. Aber meines ist frühmorgens immer so wunderbar unschuldig, noch umlullt von Träumen – hoffentlich guten Träumen – mein Hirn ist dann in einem friedlichen Zustand und voll und ganz integer. Es denkt noch kaum, nimmt wahr, lässt den Körper automatisch funktionieren, lässt ihm wie einem kleinen, süßen, pelzigen Tier die nötige Ruhe, in Unschuld zu erwachen und sich an dem großen, friedlichen Nichts zu nähren, das die Grundlage für ein ruhiges, unbesorgtes Sein ist. Ein Nichts wie ein Bisquitkuchen, kurz bevor er mit Marmelade beschmiert wird und gerollt wird. Eine schier unendliche Weite feinsten, duftenden Bisquits, auf der schlicht alles möglich ist, alles möglich sein könnte, solange man nicht darüber nachdenkt, was möglich ist und was man gegebenenfalls in der Zeitspanne jetzt bis irgendwann erreichen könnte. Der innere Bisquitkuchen der Seele gilt so lange als unendlich unschuldig, bis man anfängt, ihn mit Marmelade zu beschmieren und ihn zusammen zu rollen. Mit diesen beiden Akten wird er festgeschrieben zu dem was er ist und er erhält seine Bestimmung, die er vorher nicht hatte und mit seiner Bestimmung verliert er alle anderen Bestimmungen, die er hätte haben können. Er entsteht. Entstehen macht Vergehen erst möglich.

Doch zurück zu den Hühnernestern. Ein Ei. Nicht schlecht. Ohne das weiße Huhn anzuschauen, das im Nest daneben sitzt, nähern wir uns langsam und greifen nach dem Ei und schon geht das Gegacker und Gezeter los. Hühner dulden keine Nähe. Die Henne flattert ab. Staub stiept. Ein weiteres Ei kommt zum Vorschein, wir schnappen es. Es ist noch huhnwarm.

Vielleicht ist das der Moment, an dem es beginnt, an dem das Hirn, also meins – kommen Sie mal mit rein und schauen sie sich um, versuchen Sie gemeinsam mit mir herauszufinden, ob das der Moment ist, an dem mein Hirn in seltsamen Denkschleifen damit beginnt, Systeme aufzubauen, die nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln betreffen. Das Hirn denkt, das Heu in den Nestern könnte mal wieder erneuert werden. Das impliziert unweigerlich, dass Hände das alte Heu herausnehmen müssen und neues Heu hinein füllen. Kein Thema. Ganz einfache Sache. Doch wohin mit dem alten Heu und woher das neue Heu? Wir lassen die Nester erst einmal wie sie sind und nehmen die Eier. Im Vorraum des Hühnerstalls steht ein Korb mit frischem Heu. Das alte Heu muss in die entgegengesetzte Richtung zur Südseite des einsamen Gehöfts auf den Komposthaufen. Hierzu müsste man die Südtüre des Stalls öffnen, die Gehegetüre öffnen, zum Komposthaufen neben dem Quittenbaum gehen und das Heu dort hinschütten. Um es überhaupt schütten zu können, müssen wir es vorher in einen Korb füllen, den wir zunächst finden müssen und zu den Nestern bringen müssen. Okay, wir könnten auch einen Schubkarren finden und die Nester insgesamt darauf packen und sie am Komposthaufen … ein Schublarren steht bestimmt bei den Körben irgendwo in der großen Halle des einsamen Gehöfts, wo sich allerlei Gerätschaft, Rasenmäher, Traktoren und Schweißgeräte befinden. Wir lassen das erst einmal bleiben mit dem Nester neu mit Heu bestücken, kommen Sie mit.

Unser Kaffeewasser kocht bestimmt schon. Auf der Nordseite kommen wir am alten Traktor vorbei. Ein schöner, grüner Deutz, der leider kein Tüv mehr hat. Die Motorhaube steht offen. Ein Batterieladegerät hängt an. Da es nach über 24 Stunden noch immer nicht grün leuchtet, können wir davon ausgehen, dass die Batterie kaputt ist. Eigentlich ist die ganze Elektrik im Arsch. Das Hirn gibt schon seit Monaten Anweisungen, dass der Körper sich wie auch immer einmal um den Traktor kümmert. Immer, wenn wir an dem Traktor vorbei kommen, setzt eine Art Mahnreflex ein, der dem Gehirn ja auch nicht gut tut. Wertvolle Rechenzeit geht dabei drauf, wenn man wieder und wieder etwas anmahnen muss, statt es einfach zu erledigen. Doch so einfach ist das nicht mit dem Traktor. Im Prinzip ist es wie mit dem erneuern der Nester. Ein Rattenschwanz an Dingen hängt an der einzelnen Tat, Traktor reparieren. Viele Türen müssen geöffnet werden.

Ein elektrischer Defekt, der wie ein Hühnernest funktioniert. Dafür muss man viel nachdenken und davor scheut man sich. Also besser die Denkenergie ins Mahnen stecken. Das sind immer nur ein paar Sekunden, wenn der Traktor ins Sichtfeld kommt. Um ihn zu reparieren muss man Stunden am Stück nachdenken und obendrein auch noch handeln. Fehler finden, Bauteile bestellen, Schrauben lösen … schnell weg, das vergessen wir besser. Vielleicht den Schubkarren oder einen Korb? Ach ne, das Kaffeewasser erst einmal. Katze frisst. Ateliertür einen Spalt offen lassen, damit sie anschließend raus kann.

Wir schaffen es bis in die Wohnung. Eier in den Kühlschrank. Endlich ein Kaffee. Irgendwie haben wir es geschafft, ohne Größeres zu schaffen, Katze und Hühner zu füttern, zwei Eier zu retten und Kaffee zu kochen und sitzen nun in den beiden Sesseln in der Künstlerbude unterm löchrigen Dach mit dem vielen Moos darauf. Mhmmm Kaffee. Blick zum Fenster. Könnte geputzt werden. Blick zum Dach. Müsste erneuert werden. Gut, dass es nicht regnet und apropos, der Winter naht und man müsste die Regenrinne so umbauen, dass das Wasser nicht mehr in die Regenfässer fließt, sondern über ein fünf Meter langes Rohr direkt in den Garten geleitet wird. Außerdem müsste das Wasser abgelassen werden aus den Fässern und, seit Jahren denken wir darüber nach, alle Fässer einmal gründlich zu reinigen und die komplizierte Schlauchkonstruktion, mit der sie verbunden sind zu erneuern. Sind Sie noch bei mir? Gell, es ist ganz schön verwirrend, in so einem fremden Hirn zu stöbern?!

Der Kaffee tut gut. Unser Blick fällt auf die drei Poster dreier Reisen, die nebeneinander über dem Bürotisch hängen. Der Bürotisch ist genial vor Regen geschützt. Falls es denn mal wieder so stark regnet, dass es durchs marode Künstlerbudendach tröpfelt, denn überm Bürotisch ist auch ein Teil Hochbett. Das Wasser würde also zuerst ins Bett und dann auf den Computer und die Poster. Das Bett rettet die Kunst. Der Preis ist doch vertretbar, oder sollen wir das Dach reparieren?

Schon seit Sommer sollte eigentlich ein viertes Poster an der Wand hängen, das halb fertig designt im Computer gaukelt. Sieht ziemlich gut aus, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden. Sie wären auch nicht ganz zufrieden, wenn Sie ich wären, vermute ich. Irgendwas müssen wir daran noch ändern, kommen Sie, wir schalten mal den Computer ein und klemmen uns hinter die Sache. Derweil gackern die Hühner im Stall unter uns. Wieder ein Ei im schmutzigen Nest. Während das Betriebssystem lädt, könnten wir doch die Körbe, damit wir die Nester, aber dann müssten wir am Traktor vorbei, der ja kaputt, ach herrjeh, was nicht alles kaputt ist, steht nicht irgendwo bei den Schubkarren und Körben auch das Schweißgerät, mit dem wir das Blechteil des großen Balkenmähers schweißen könnten, damit entweder Sie oder ich später, wenn wir mit der Computerarbeit fertig sind, das hohe Gras unter den Quittenbäumen mähen könnten …

Das System ist geladen. Was wollten wir? Erst einmal Mails checken und bis das Mailprogramm geladen ist, den Browser öffnen und da er nicht richtig beendet wurde am gestrigen Abend – waren Sie das, der den Computer einfach so ausgeschaltet hat, oder ich – öffnen sich alle Fenster vom Abend, Twitter gucken, Facebook. Achgott und da ist noch die Bestellung beim Elektronikladen, die wir noch nicht weggeschickt haben, weil wir erst einmal das Bankkonto anschauen müssen in einem anderen Browserfenster.

Die Mails sind da. Jemand will was zu einem bestimmten Zeitpunkt und da fällt uns siedend heiß ein, dass wir eine Sache verbummelt haben und deshalb einen Umweg machen mussten und warten mussten bis Bedingung A und B erfüllt sind, damit wir uns an C aktiv ranmachen können und dem, der per Mail etwas will, endlich zur Seite stehen können. Alles kein großer Akt, aber so filigran zerzieselt wie ein Fraktal. In Twitter gibt es diverse interessante Nachrichten, kommen Sie, wir lesen erst einmal diesen verlinkten Zeitungsartikel über die Regierungsbildung in Bayern. Diese Freien Wähler sind Ihnen doch auch suspekt, oder? So eine Art CSU, nur anders, ach, lassen wir das, der Artikel ist hinter einer Bezahlschranke. So ärgerlich. Sollen wir uns beschweren bei dem Twitterer, dass er solche Artikel überhaupt verlinkt?

Die Bestellung kann raus, auf dem Bankkonto ist genug Geld.

Wir schauen mal im Ordner mit dem Poster, was wir noch ändern können … Obschon, das Hirn ist mittlerweile derart durcheinander, dass es zu kreativen Dingen überhaupt nicht mehr fähig ist. Blitze zucken. Was für ein Donnerwetter. Alles, was wir jetzt anpacken und was Feingefühl benötigt, wird zur groben Masse – wenn es ein Bisquitkuchen wäre, würden wir einen hässlichen, übel schmeckenden Kuchen zusammenrollen, der keinerlei Gehalt hat und sogleich in seine Einzelteile zerbröseln würde.

Irgendwo ist noch ein Browserfenster offen mit einem Blogartikel, den wir begonnen haben lange bevor alles aus dem Ruder lief hier bei unserem Spaziergang durch mein Leben, durchs einsame Gehöft, vorbei an all den Dauerbaustellen. Ein kleines Wunder von Blogartikel. DIESER hier. Ein Glück, dass alles, worüber in diesem Blogartikel berichtet wird noch nicht geschehen ist. Ich finde, wir sollten ihn publizieren. Was meinen Sie?

Und dann setzen wir uns einen Kaffee auf, füttern die Katze und die Hühner und machen einen Spaziergang durchs einsame Gehöft.

Wir müssen Pflanzen kaufen – Anthologie Du fehlst im Verlag Q5

Vielleicht würdest du springen.
Direkt vom Bahnhof, wo mich die Nachricht erreichte, besuchte ich dich im Krankenhaus. Fünfter Stock. Tür zum Balkon unverschlossen. Ich lüftete das Zimmer. Dein Bett am Fenster, das andere unbelegt. Schwach warst du. Du hattest die Sterbehaltung eingenommen: wie ein Embryo auf der Seite liegend. Wie dein Bruder vor anderthalb Jahren. Der Arzt sagte, es sei unheilbar, man müsse sich bereit machen. Der schmutzige Balkon war teils von Schnee bedeckt. Die Lichter der Stadt kämpften mit dem Nebel. Vielleicht würdest du dich auf den Balkon setzen, um zu erfrieren? Erfrieren soll kein schlimmer Tod sein, habe ich einmal gelesen. Wenn man eine gewisse Schwelle überschritten hat, fühlt sich der Körper warm an. Man schläft ein.

Weiterlesen?

Am 20. Juli erschien das Buch DU FEHLST, für welches ich obige Geschichte geschrieben habe. Eine von fünfzig Geschichten, die aus 730 Beiträgen für das Buch DU FEHLST ausgewählt wurde.

60% des Erlöses gehen an Hospize und helfen so Menschen dabei, Leben, Abschied und Sterben so würdig wie möglich zu gestalten.

Buchcover in zartem Blau und weiß mit dem Buchtitel 'Du fehlst'. Das Titelbild zeigt eine Blüte, dieim oberen Bereich schwarz-weiß ist und im unteren Bereich farbig in den Tönen blau, gelb und elfenbein.
Anthologie mit 50 Geschichten von Leben und Tod. Darunter die Kurzgeschichte „Wir müssen Pflanzen kaufen“ von Jürgen Rinck

Einen Blick ins Buch gibt es auf der Verlagsseite > q5-verlag.de
Kaufen kann man die Anthologie in allen Buchhandlungen (oder per Mail bei mir bestellen (siehe Mail-Link unten)).

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Das Buch eignet sich gut als Geschenk für Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben.

Dass neben meinem eigenen Text auch einer von Sofasophia mit im Buch ist, freut mich ganz besonders und obwohl ich die anderen Autorinnen und Autoren nicht kenne, stehe ich voll und ganz hinter diesem Buch.

Ich hoffe, dass es viele Menschen lesen, teilen, verschenken und sich bewusster und intensiver mit unser aller Vergänglichkeit auseinandersetzen.

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In eigener Sache:
Wer das Buch gerne über mich beziehen möchte, damit ich (und/oder Sofasophia) eine Widmung hineinschreiben kann, darf mir gerne eine Mail schreiben.

(Die Preise sind die gleichen wie im Buchhandel: € 19.99/ca. 24 Fr. zuzüglich Versandkosten.)

Bayern auf Radwegen | #UmsLand

Nachdem ich 2017 und 2018 zwei UmsLand-Projekte durchgeführt habe, habe ich in den letzten Wochen das (wahrscheinlich) nächste Projekt – auf Radwegen rund um Bayern – geplant. Die Blog-Serie UmsLand, die auch unter dem Hashtag #UmsLand in Textfragmenten auf Twitter gezeigt wird, hat das Ziel, ein Land oder eine Region möglichst grenznah und möglichst auf Radwegen zu erkunden und darüber zu berichten.

Wie ticken die Menschen in dem Land, wie ist das Land aufgebaut, welche Regionen gibt es, wie schön ist es dort, fühlt es sich gut an, macht es Spaß, schmeckt es, gibt es Probleme  – das sind nur einige Fragen, denen ich unterwegs denkend und radelnd und schreibend nachgehe. Am Ende einer Runde, so meine Hoffnung, habe ich mir die jeweilige Gegend mit viel Schweiß und Abenteuer erradelt und schließe sie in mein Herz. Und weiß mehr über Land und Leute.

Bayern wird das dritte Land, das ich auf diese Weise portraitiere. Begonnen habe ich im Frühling 2017 mit Rheinland-Pfalz, das mit der großartigen Rheinland-Pfalz-Radroute einen fertigen fast durchweg gut beschilderten Rundkurs auf 1040 Kilometern geschaffen hat.

Das war bei Bayern leider nicht der Fall, weshalb ich meine eigene Strecke auf Basis des ziemlich gut im Netz aufgestellten Bayern-Radwegenetzes zusammengestellt habe. Vom Bayrischen Innenministerium gibt es auch eine Gratiskarte aus Papier, die ich bestellt habe. Mann, war das ein Schock, als eine Woche später ein Brief des Innenministeriums im Kasten war und ich mich nicht mehr erinnerte. Sofort fragte ich mich, was ich wohl ausgefressen habe. Aber es war zum Glück nur die Radlerkarte, die alle Radwege, die man auch als GPX Dateien auf der Seite findet, enthält.

Meine Route startet in Lindau. Sie ist über 2000 Kilometer lang. Ich rechne mit 30 Tourtagen. Hier habe ich die Karte skizziert. Neben dem offiziellen Mittelpunkt sind in meiner Karte die Etappen in Reiseschriftsteller tauglichen 70 Kilometer Abständen als orangene Punkte markiert. Die Extrempunkte der Strecke, Ost, West, Süd und Nord sind blau. Grün markiere ich Sonderziele, die ich eventuell besuche (um Freunde zu treffen). Das Titelbild zeigt übrigens nicht den Umriss Bayerns, sondern die Radwegestrecke. Täuschend ähnlich, nicht wahr?

Bei der Planung habe ich schon einiges über Bayern gelernt. Dass es sieben Verwaltungsbezirke gibt und dass die Pfalz, die einmal teil des Königreichs Bayern war, ähnlich strukturiert ist. Ich weiß nun endlich, wo Oberbayern liegt und wo Niederbayern, weiß von Franken, dass es in Mittel-, Nieder- und Oberfranken gegliedert ist und dann gibt es noch Schwaben und die Oberpfalz (nicht zu verwechseln mit der ‚echten‘ Pfalz in Rheinland-Pfalz). Den Mittelpunkt des Landes habe ich auch gefunden (lila Punkt auf meiner Karte).

Wann die Tour stattfindet? Vielleicht schon bald, vielleicht erst nächstes Jahr. Auf dem heimischen Hof gibt es erntebedingt viel zu tun und ab Oktober wird es auf den Höhen des ersten Abschnitts auf dem Bodensee-Königssee-Radweg sicher schon recht ungemütlich.

Aber vielleicht sitze ich ja schon übernächste Woche im Sattel, wenn ich einen Erntebuddy finde, der die vielen Äpfel im Obstgarten aufliest und sie zu Saft pressen lässt.

Wie auch immer. Neben der Arbeit an vergangenen Projekten und der Hofarbeit schufte ich dieser Tage auch an zukünftigen Projekten wie diesem.

Vergangene Ums Land Projekte

  • Rheinland-Pfalz-Radroute, zwei Wochen im Frühling 2017, 1040 Kilometer. Hier nachzulesen.
  • Paminablog, neun Tage in der künstlichen Tourismusregion PAMINA, die Pfalz, Nordvogesen und Baden umfasst, im Frühling 2018.

Geplant in der Umsland-Serie

  • Bayern 2200 km
  • Saarland 350 km
  • Schleswig-Holstein
  • Münsterland
  • Schweiz 1200 km

Vom Wert der Zwiebel

Randgedanken. Nichts als Randgedanken zwischen zwei Reisen. So kommt es mir manchmal vor im Künstlermorgenblütenreiseleben. Wann hat es eigentlich angefangen, dieses Blog zu vernachlässigen und all die feinen Gedanken, die all-täglich immerdar in einem garen, zu vergessen? War es Twitter Ende 2014 – immerhin fließt seither vieles an Ideen in den 280-Zeichen-Nachrichtendienst.
Das Irgendlink-Blog ist zu einem reinen Reise-Kunstblog geschrumpft, so dass man als Außenstehender, als Außenstehende vielleicht den Eindruck hat, da ist nichts mehr, da ist nur noch das ‚Geschäft‘. Ich glaube es sogar selbst. Fast komme ich mir vor, als existiere ich zwischen den Reisen gar nicht und die Vermutung macht sich breit, dass mein Hirn durch meine Beine angetrieben wird, steampunkig, mechanisch, mit viel Pomp und Dampf und Pleuelstangen und Chrom und Messingglanz, wie in den glorreichen Mechanisierungszeiten des Neunzehnten Jahrhunderts.
So sehe ich mich, der kurbelnde Junge im Wind, die Welt auf dem Fahrrad erkundend und über Menschen schreibend.
Aber es gibt ja noch so viel Alltag dazwischen. Unterwegs bin ich doch höchstens drei vier Wochen im Jahr, vielleicht auch mal länger, aber der Rest des Jahres ist knallharter ganz normaler Alltag, der auf einem einsamen Gehöft stattfindet, selbst versorgend, Garten schuftend, Dinge reparierend, Probleme lösend. Manchmal auch was Digitales. Kürzlich habe ich mein Dasein einmal als eine Art Hausmeistertätigkeit bezeichnet. Sowohl physisch, als auch digital. Die Leute kommen mit kaputten Dingen und Problemen zu mir und ich repariere und löse sie.
Kürzlich habe ich auch einmal gesagt, wenn ich ein Ding repariere, gehen zwei kaputt. Das ist so auf einsamen Gehöften, die in die Jahre gekommen sind und auf denen viele alte Dinge lagern, die schon seit Jahren die Obsoleszenzgrenze überschritten haben. Es lagern hier vor Ort auch noch viele Dinge, die so alt sind, dass man noch keine Vergänglichkeit eingebaut hatte. Dinge, die man noch reparieren kann.
Und so komme ich auch zum Kern und zum Anlass dieses Aufsatzes: die Gangschaltung an einem 30 Jahre alten Fahrrad versus die Gangschaltung an einem neun Jahre alten Fahrrad. Wie ich so auf dem uralten Fahrrad aus dem Jahr 1985 sitze und für mich hin kurbele, letztes Wochenende, muss ich nämlich feststellen, dass die Schaltung auf dem Sechsfach-Ritzel schnurrt wie ein feingeölter Nähmaschinenmotor, wohingegen mir die Neunfach-Schaltung an meinem ’neuen‘ Fahrrad aus dem Jahr 2009 derzeit etwas Probleme bereitet, trotz dass ich sie runderneuert habe. Sie ist so präzise und verzeiht so wenig Fehler, dass sie sich nicht mehr einstellen lässt, wenn das Schaltauge oder die Mechanik auch nur einen Millimeter aus dem Lot sind.
Vernünftige Menschen werden sagen, das Fahrrad ist neun Jahre alt, schmeiß weg. Kauf Dir ein neues. In der Tat liebäugelte ich im Fahrradladen vor der Neuauslage tatsächlich mit einem neuen Radel. Etwas für drei- bis sechshundert Euro. Mit Licht und Schutzblechen und Scheibenbremse und Nabendynamo. Was wohl billiger ist: alle zwei Jahre ein drecksbilliges neues Fahrrad kaufen, oder das bestehende Rad zu reparieren? Die Reparatur kostet mit Reifen, Bremsen, Kette und Ritzeln und Arbeitszeit wohl an die 250 Euro. Vielleicht sogar mehr.
Ich will nicht sagen, dass technischer Fortschritt nicht gut ist und keine Verbesserung bringt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass man sich mit jeder Neuerung, jeder mutmaßlichen Verbesserung, an welchem Produkt auch immer, auch etwas unsichtbares, unheimliches, ungutes ins Haus holt. Jede vermeintliche Verbesserung schleicht ein Gift in die Produkteigenschaften, zementiert eine neue Fuge in der Mauer der Abhängigkeit, mit der der Produkthersteller Dich nach und nach in einem Verlies einkerkert. Mit jeder neuen raffinierten Verbesserung besteht auch die Gefahr, dass man seine Selbständigkeit verliert, die Möglichkeit, die Maschine zu durchblicken und sie mit herkömmlichen Werkzeugen selbst zu reparieren. Für die Schaltungen der neuen Fahrräder gibt es zum Beispiel Lehren, mit denen man genau prüfen kann, ob sie verbogen sind. Man sieht es nicht mit bloßem Auge und die hochgezüchtete Technik gewährt null Toleranz. Immer mehr habe ich das Gefühl, die Welt funktioniert nach dem Apple-Prinzip und im Hintergrund der Entwicklungsabteilungen sitzen sadistische Entwicklungsingenieure, die sich für die Produkte fiese Fallen ausdenken, mit denen man sie so schwer reparierbar wie möglich macht und die Produktlebenszeit so präzise wie möglich steuert.
Längst geht es nicht mehr darum, ein gutes Produkt zu erzeugen, sondern es geht darum, den Konzern so genau wie möglich zu berechnen, um die Gewinne zu maximieren. Die Produkte der Konzerne sind eigentlich nur kollateral. Ein Konzern könnte prima ohne Produkte auskommen, wenn es je gelänge so etwas zu erfinden. Ein perfektes, feinjustiertes betriebswirtschaftliches Konstrukt, das aus sich selbst existiert – ha – was für eine Vorstellung.
Vom Wert der Zwiebel wollte ich übrigens auch einmal schreiben, hier so, zwischen den Reisen. Davon, dass es sich nicht lohnt, selbst Zwiebeln anzubauen, weil sie so unendlich billig sind. Jede Sekunde, die man investieren würde, selbst Zwiebeln zu pflanzen, ist vergeudete Lebenszeit. Rein betriebswirtschaftlich gesehen. Gehe lieber arbeiten und verdiene dein Geld mit etwas anderem, aber baue keine Zwiebeln an.
Und irgendwann stehst Du dann da und weißt nicht mehr, wie man Zwiebeln pflanzt, mehr noch, Du wirst vergessen haben, dass man sie überhaupt pflanzen kann, dass sie wachsen können und dann bist Du der perfekte Abhängige.
Die Zwiebel ist natürlich nur ein Platzhalter.