Die Geschichte vom Pilger, der nach Pirmasens kommt und in einer Sackgasse endet

Nun überschlagen sich die Ereignisse. Früh an diesem Sonntagmorgen spinne ich an einer Kurzgeschichte und twittere so vor mich hin, treibe meine Späße, kündige die Story an.

Die Walnüsse donnern aufs Dach. Es regnet. Ich will den Tag ruhend verbringen. Das Thermometer der Künstlerbude verzeichnet 15 Grad. Ich sollte den Ofen anschüren. Bin zu faul und so kalt ist es ja nicht. 15 Grad sind in dieser Jahreszeit seit Jahren normal in der Bude.

Ich mache ein paar Notizen. Eckpunkte der Story, lege gedanklich eine Strecke an mit Szenen der Geschichte. Zwei Zigarettenautomaten und zwei Schuhläden kommen vor in der Geschichte. Ein verlassener Eisenbahntunnel. Muss nichts Populäres werden, einfach nur mal wieder etwas Anderes schreiben als einen Blogartikel.

Dazu angestachelt hatte mich Kollege Q., der gestern im Metalabor eine wunderbare Kurzgeschichte vorlas, die er geschrieben hatte. Das Metalabor ist ein jährlich stattfindendes Zusammentreffen sich den Kopf zerbrechender Menschen im Taunus. Da ist Raum für alles. Jeder bringt etwas mit, ein Video, einen Vortrag zu einem Thema, das ihm oder ihr am Herzen liegt oder eben eine Kurzgeschichte. Das Metalabor ist eine Mischung aus Thinktank und Barcamp.

Also ja, Herr Irgendlink schreibe mal wieder eine richtige Geschichte, satt dich im eigenen Blog tot zu laufen. Das Problem: Ich will Geld für die Geschichte.

Vielleicht erst einmal die Walnüsse zusammen raffen? Schließlich lebt man nicht vom Geschichte verkaufen alleine. Mein zweites Standbein soll werden: Ich steige ins Ölgeschäft ein. Die Nüsse jage ich durch die alles zermatschende Ölpresse, die ich mir kürzlich zugelegt habe. Walnussöl bringt einen guten Preis habe ich gehört.

Es regnet nicht so sehr. Gerade genug, dass die Nüsse schwer werden und aus ihrem Kokon fallen und aufs Dach prasseln und auf den Boden. Ich strippe die Regenjacke über, die langarmigen Gummihandschuhe und die Gummistiefel. Wie ein Schlachter sehe ich aus. Ich nehme einen Korb und watschele im Ententanz unter den Nussbäumen auf dem einsamen Gehöft. Was für eine Schlammschlacht. Fast verliere ich die Lust. Aber nicht, bevor der Korb voll ist. Drei Äpfel gehen auch ins Körbchen. Derweil, also während des Akts des Nussraffens läuft in einem Hintergrundprozess meines Hirns die geplante Geschichte. Du kannst das, ermutige ich mich. Es ist nur noch Arbeit. Geh endlich ran, bin ich versucht, mich anzutreiben. Aber nuja, ist ja Sonntag. Ich will ruhen. Ich will Geld UND ruhen? Achwas, ich will nur endlich die Geschichte aus meinem Kopf kriegen. Vom Pilger, der nach Pirmasens wandert und an den Zigarettenautomaten vorbei kommt durch den Tunnel, vorbei am Bettler an einer Ecke zur Sackgasse, wo er beinahe in Hundescheiße tritt.

Ziemlich nass kehre ich an den Arbeitsplatz zurück. Immer noch 15 Grad. Erst einmal einen Kaffee. Da es draußen auch nicht viel weniger als 15 Grad hat, setze ich mich auf die zweitunterste Stufe der Treppe zur Künstlerbude und starre in den Garten. Viel Grün. Ein Gartenzwerg aus Beton. Ein zugeklappter Sonnenschirm. Ein Avokadobaum im Topf. Überall liegen Nüsse. Am wohnungsnächsten Baum, der sich über Schirm, Avokado und Betonzwerg spannt, habe ich noch keine Nüsse gesammelt. Es ist eine Pracht. Das hölzerne Gold.

Nippe am Kaffee und dann überschlagen sich die Ereignisse, wie eingangs dieses Artikels erwähnt. Nicht etwa so, dass es Ereignisse gibt, deren Auswirkungen man sehen könnte, sie überschlagen sich in meinem Kopf. Die Geschichte soll perfekt werden, verlagsfähig. Lektoriert, korrigiert, kaufbar und von allen gewollt.

Ich setze mir ein Ziel für den Tag. Bis abends will ich die Kurzgeschichte im Kasten haben. Als grobe Skizze. Später, wenn alle Kommafehler raus sind und das Ding eine gute Form hat, kommt es, für sagen wir mal 99 Cent in den Irgendlink-Shop als Epub und PDF.

Rasant, rasant, Herr Irgendlink. Die Kaffeetasse ist leer. Ich habe Hunger. Es ist schon Mittag. Noch neun Stunden, um mein Ziel zu erreichen. Fast ist es wie pilgern im eigenen Kopf, denke ich.

Zurück in der Wohnung schreibe ich einen Tweet.

Erstrebenswert ist ein Leben mit weniger Geld und weniger Zeit. Nicht quantitativ, sondern die ökonomischen Machtinstrumente Zeit und Geld betreffend.

Das ist schon ein bisschen verquer. Die Machtposition, die Zeit und Geld auf mich ausüben, indem ich beides nutzen muss, entmutigt mich oft. Beides sind Konventionen, denen man sich unterwirft. Man begibt sich in Korsetts aus Zeit und Geld. Nutzt sie als Tauschmittel mit den Anderen auf dem Planeten … okay, ich könnte mich darauf einlassen, okay, ich lasse mich ja auch darauf ein.

Wenn der Tausch wenigstens fair wäre.

„Ich will auch was abhaben.“

Ich mag den Spruch. Exkursion zu einer Aarebrücke, nahe Olten, unter der ich 2016 durch radelte. Jemand hatte an den Beton gesprayt: „Ich will auch etwas abhaben.“ Das fand ich süß. Kindlich. Es machte etwas mit mir. Alle wollen etwas abhaben. Muss nicht viel sein. Es klang wie ein zartes, seid doch nett zu mir, ich brauche gar nicht viel. Ich stilisierte den Menschen, der das geschrieben hatte im Laufe der Jahre zum Helden, zur Heldin. Ein unterschwelliges Votum auf Bedingungslosigkeit, fand ich.

Exkurs zur Aarebrücke  bei Seite, Herr Irgendlink. Word! Du hast die Geschichte auf Twitter angekündigt. Jetzt musst du liefern.

Also ran an den PC, bring es zu Ende. Werden doch nur vier fünf A4 Seiten. Die verkaufste dann 100.000 Mal und zack, haste was ab und weil du ja mit Geld nichts anfangen kannst, haben alle deine Freundinnen und Freunde auch gleich was ab.

Da steht sie nun, diese Zahl. Die Maximalforderung. Macht mich unruhig. Ich streife eine zweite Jacke über, eine zweite Hose, dicke Socken.

Maximalforderungen allüberall. Im Hinterstübchen habe ich ein Vermarktungskonzept, ich ökonomisches Genie, ich Kunstbübchen. Die Sache muss viral gehen. Das bin ich, das sind wir alle der Geschichte schuldig. Ich verkaufe sie gratis, nötige alle, die ich kenne, die Geschichte zu rezensieren et voilà. Die naive Kunstbübchenmethode der Vermarktung. Ha!

Hunger im Bauch. Außer Kaffee gab es ja noch nichts heute. Drüben in der Küche steht ein Joghurt. Liegt eine frisch geknackte Walnuss. So ausgemergelt kann ich doch nicht damit beginnen, das Meisterwerk vom Pilger zu schreiben.

Erst einmal warmbloggen. Mache diesen Blogartikel auf, hacke rein was geht. Vieles, was sich an in meinem Innern sich überschlagenden Ereignissen angesammelt und was ich in diesem Blogartikel erwähnen wollte, habe ich vergessen. Egal. Das Wenige zählt.

Das wurde mir gestern im Metalabor klar. Der eigene Perfektionsanspruch steht mir oft im Weg, überhaupt anzufangen.

Verhindert dieser Blogeintrag nun die eigentlich angedachte Geschichte? Ich glaube nicht. Ich bin nur hungrig. Werde etwas kochen. Der Tag ist noch lang. Kochen, ruhen, Geschichte schreiben, so mache ich das jetzt.

Kein exponentielles Radeldemowachstum

Kariertes Handtuch auf dem Boden vorm Holzofen. Krümel, trockener Dreck, Holzstückchen. Rings um den Ofen Ofenbedarf. Eine Holzheizung bringt unweigerlich Chaos und Schmutz in die Bude. 23 Grad. Sitze im T-Shirt am PC. Morgens zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die chaotische Datenstruktur auf dem PC verbessern kann, insbesondere das Bildarchiv, das sich auf den Kern und zwei externe Platten verteilt. Ich finde nichts. Die Unzahl der Bilder macht mir Angst. Habe das Gefühl, alles läuft aus dem Ruder. Nicht nur datentechnisch.

Die ganze Welt läuft aus dem Ruder. Das aus dem Ruder Laufen verwirrt mich. Es ist ebenso befremdlich, wie normal, ein nichts tun könnender Beobachter sein zu müssen. Ich frage mich, wie es den Menschen geht, die noch schutzloser als ich dastehen, diejenigen mit Fernehen und Radio. Ich kann das Geprassel von Draußen weitgehend abwehren, indem ich mich dazu zwinge, keine Nachrichten an mich zu lassen. Aber diejenigen, die täglich Zeitung lesen und Nachrichten schauen? Ich bin das Mastschweinchen, das zeitlebens nur mit Rosmarin und anderen Kräutern gefüttert wird, schießt es mir in den Sinn. Ich schmecke anders. Ich sehe die Welt anders. Ach Quatsch! Es sind nicht die Kräutlein, die du frisst, die deinen Geschmack ausmachen.

Morgens überlege ich an einer Strategie, die Daten auf dem PC zu ordnen und vor allem, die beiden externen Platten loszuwerden. Sie fressen nur unnötig Strom. Sagt Freund B. Ich treffe ihn um 13 Uhr auf dem Herzogplatz, dem Treffpunkt für die Menschen der Stadt, um ins Nachbarstädtchen zu radeln, wo eine Kiddical Mass Demo stattfindet. B. äußert Bedenken, dass ich nicht so glücklich bin, so erlebe er mich. Verirrt wie ein Dateisystem. Vermutlich hat er recht. Wir sind die beiden einzigen, die zur Sternfahrt aufbrechen. Zwölf Kilometer und eine Stunde Zeit bis zur Demo. Düstrer Himmel. Es wird Regen geben. Unterwegs holt uns ein Nachzügler ein, L., so sind wir schon zu Dritt. Ich sage, wenn es so geht wie mit dem Reiskorn auf dem Schachbrett und wir verdoppeln unsere Zahl jeden Kilometer, dann wird es eine große Demo. L. sagt, wir haben uns nur veranderthalbfacht. B. erwähnt eine Quizfrage, wie oft man ein Papier falten könne. So radeln wir ins Herbstgrau der Blieswiesen. L. bleibt zurück, hat einen Kettenschaden, kehrt um. Also doch kein exponentielles Radeldemowachstum.

Die Demo, zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein Kind, immerhin. Zwischen zwei Blaulicht-Fahrzeugen radeln wir los durch die Stadt. Organisatorin U. mit Anhänger und Lautsprecherboxen, aus denen Radellieder tönen. Unheimlich laut. Ich stopfe Tempotaschentücher in die Ohren. Dann bricht der Regen los. Nicht etwa der übliche, noch fahrbare Landniesel wie man ihn hierzulande kennt, sondern echter, gemeiner Platzregen. Zack. Alle nass. Aber Riesenspaß hat es gemacht.

Die Weiterfahrt zu Journalist F., den ich anschließend im Pflegeheim besuchen wollte, etwa zwanzig Kilometer, spare ich mir. In den Schuhen steht das Wasser, freue mich, dass ich bergauf radeln kann. Das gibt warm. Daheim angekommen nackig ausziehen, abtrocknen, Ofen anzünden, Klamotten aufhängen. Ich bin müde. Das karierte Handtuch kommt wie ein Teppich vor dem Ofen zu liegen. Eine Ecke eingefaltet wie bei einem Papierflieger. Ich frage mich, wie oft man ein Handtuch falten kann.

Später am PC gerate ich beim Aufräumen an meine Zweibrücken-Andorra-Texte aus dem Jahr 2020. Die Tour, die niemals stattfand, suche unveröffentlichte Texte. Ich erinnere mich, dass ich das Buch nie zu Ende geschrieben habe, grabe in den über hundert Entwürfen und Privatbeiträgen dieses Blogs, korrigiere einen, veröffentliche ihn, korrigiere noch einen, veröffentliche ihn, stelle andere korrigiert privat usw. Arbeit, mein Junge, Arbeit. Es ist nur noch Arbeit, die du tun musst. Fleiß und Dranbleiben und nicht Verzweifeln. Wird schon, Junge, versuche ich mich zu beschwichtigen, aber da ist mir längst klar, dass ich schon so viele Baustellen unvollendet zurückgelassen habe, dass die Lebenszeit gar nicht mehr reicht, um alles bis aufs Feinste auszuarbeiten.

Trotzdem. Es ist wie Radfahren. Jede Krubelumdrehung zählt. Dranbleiben.

Heute korrigierte bisher unveröffentlichte Artikel:

Von Verirrungen, Ideen und ’nicht meinen‘ Gegenständen

https://irgendlink.de/2022/09/25/erinnerungen-an-ein-silvester-in-den-1970ern/ (privat)

https://irgendlink.de/2022/09/25/ideenkonglomerat/ (privat)

 

Geradezu kerouacesk.
Erst leben, dann aufschreiben.
Wir müssen uns wohl damit zufrieden geben, dass immer nur ein Bruchteil dessen für die Nachwelt gerettet werden kann, was mit viel Disziplin hätte erreicht werden können.
Aber so halte ich das auch. Und das ist gut so.

Ein Kommentar unter https://aussteiger-blog.de/2007/04/07/kurz-nur-kurz/#comment-3377

Artikel vom 3. März 2021

Zwei ganz normale Tage – oder auch mehr

Wir verlassen das Haus, die Frau SoSo und ich. Wir sind Glückliche, die das Haus verlassen können, ohne sich Sorgen zu machen, an der nächsten Ecke überfallen zu werden oder erst Kilometer weit über eine Müllhalde zu laufen, um den dreckigen Fluss zu durchwaten und irgendwo in den Randgebieten einer Großstadt ein bisschen Grün und Frieden zu finden. Wir sind Glückliche, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, friedfertige Nachbarn und keine Angst haben müssen, dass eine Rakete im Wohngebiet einschlägt. Ein ganz normaler Sonntag in einem Dorf in der Schweiz. Wir nehmen die Fahrräder. Wie glücklich wir sind, Fahrräder zu besitzen.

Wenn ich einen Bericht schreiben müsste, der jenseits dieser Welt bestehen soll in einer fernen Zukunft, eine Spur hinterlassend für jenstige Archäologinnen und Archäologen, ich müsste scheitern. Ich könnte keinen Gesamtabdruck der Welt, in der wir leben, liefern, weil ich gar nicht weiß wie woanders auf dem Planeten eigentlich gelebt wird. Obschon ich viele Arten zu leben kennen gelernt habe.

Ich berichte nur aus meiner kleinen Blase der Welt, aus meiner direkten Umgebung. Mehr wäre Spekulation, verunschärfte das Bild. Berichte im Rahmen dessen, was für mich normal ist und schön und gut, aber hinter allem, was mir bekannt ist und wovon ich etwas weiß, lauert so viel Unbekanntes und Ungewohntes, manches kennt man ja vom Hörensagen, aber was mich erschreckt: Es gibt ein nahezu unerschöpflichen Raum für noch nicht Entdecktes.

Ich hatte kürzlich während der Umradelung Bayerns einmal sinniert, wieso Menschen, die an Wiedergeburt glauben und von sich selbst sagen, sie haben schon einmal gelebt auf diesem Planeten – als Mensch, als Tier, womöglich als Pflanze – stets als solche Wesen gelebt haben, die uns allgemein geläufig sind. Als Schlange, Affe, Pferd, Römerin, Thrakischer Prinz oder Mammutbaum. Wiedergeborene waren stets ein Wesen, das schon entdeckt und beschrieben wurde. Nie hört man, dass jemand schon einmal gelebt hat als das bisher nicht entdeckte Wesen in der Tiefsee ohne Augen und Ohren, das in ewiger Dunkelheit unter dem hohen Druck, der im Marianengraben herrscht, existiert. Ein Wesen ohne Namen. Was der Buddhist nicht kennt, das reinkarniert er auch nicht. Vielleicht irre ich.

Wir, das Haus verlassend, sonntags vielleicht.

Vorbei am Dorfbrunnen, auf dessen Kopf eine Bärenskulptur thront, den man kürzlich neu angemalt und renoviert hat, durch die zackigen kleinen Straßen, vorbei an den uralten aneinander gebackenen Bauernhäuschen, die einst vereinzelt in der Wiese standen, bis diese verkauft, bebaut und erschlossen wurde. Gespickt mit Einfamilienhäuschen. Durch die Randgebiete eines typischen Schweizer Dörfchens. Die Bebauung der Dörfer endet mittlerweile an der Bebauung des nächsten Dorfs. Industrie und Handel dazwischen ab und an. Die Schweiz ist eine Ansammlung von Randgebieten, durchdrungen von Ortskernen.

Durch eine Kastanienallee ins Nachbardorf.

Die Welti-Furrer-Chilbi (eine Chilbi ist ein Jahrmarkt). Acht bis zehn fahrbare Baukrane. Hochgebockte Maschinen, deren Räder in der Luft hängen mit ausgefahrenen Teleskopen zwischen den Dörfern Hausen und Windisch. Das fulminante Finale der Kastanienallee. Auf einem normaler Weise leeren, ungeteerten Platz herrscht an diesem Tag reges Treiben. Ich frag, Frau SoSo, bleiben wir ein Weilchen stehen, ich möcht schauen. So stehen wir ein Weilchen, die Fahrräder zwischen den Schenkeln und schauen das Treiben auf dem Gelände an. Viele Menschen, allesamt mit Helm und Warnweste ausgestattet. Die Krane bewegen sich, ziehen die Ketten, kragen die Arme, schieben die Masten aus den Teleskopen und an den Ketten hängen an massiven Eisenhaken kleine rote Tonnen, die etwas kleiner sind als größere rote Tonnen, die im Abstand von einigen Metern am Boden unter den Kranen stehen. In den Führerhäusern der Krane sitzen kleine Kinder, über die sich Bauarbeiter beugen und ihnen gestikulierend die verschiedenen Hebel der Maschinen erklären. Die Kinder müssen die kleinen Tonnen aus den größeren Tonnen ziehen, den Kran um einige Meter nach links oder rechts schwenken und sie in die andere große Tonnen versenken. Wie wir so starren, also vielmehr ich, wird mir bewusst, dass genau so etwas mein kleiner, privater Alltagszirkus ist: scheinbare Banalitäten am Wegesrand, die man normalerweise nicht zur Kenntnis nimmt. Oh, juhei, Kinder heben Tonnen aus Tonnen und versenken sie in anderen Tonnen. Ob ich da hin möchte und selbst eine Tonne aus der Tonne heben möchte und in eine andere Tonne tun, fragt Frau SoSo. Nein, möchte ich nicht. Zuschauen ist viel bequemer. Man hat es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Maschinen, in denen Menschen sitzen und agieren. Das ist es. Ja, doch Krane voller Kinder, die Tonnen aus Tonnen in Tonnen heben, das ist genau mein spektakuläres Unterhaltungsding. Besser noch als Mährobotern beim Grasmähen zuzusehen.

Und wir fahren weiter durchs nächste Dorf, Ziel eine große Weide, auf der einige Dutzend Wutzen frei laufen. Entdeckt haben wir sie vor einigen Jahren schon (also ihre längst geschlachteten Ahnen). Glückliches Schlachtvieh. Fleisch in spe, aber eben, die Weide ist etwa einen Hektar groß und es befinden sich kleine, Schweinegroß hohe Häuschen darauf, sowie ein Wasserfass und ein Schlammloch, in dem die Viecher sich suhlen. Das ist eine weitere Art beliebter Unterhaltung am Wegrand. Außer Wutzen, Mährobotern, Welti-Furrer-Chilbi-Kinderkranen oder Nichts, brauche ich eigentlich keine Unterhaltung auf Sonntagsausflügen. Ich bin ein schlichtes Gemüt, das jenseits des Kommerzunterhaltungsmainstreams die kleinen unbezahlten Dinge sucht und sich damit zufrieden gibt.

Wenn ich von ‚Nichts‘ als Unterhaltungsform rede, meine ich schlichtes Verharren und nach oben in den Weltraum starren. Wie es uns, nachdem wir uns an den Kranen voller Kinder und den Wutzen satt gesehen hatten, einige Kilometer später unten an der Aare passierte. Wir hatten die Hängematten in einer kleinen Aue aufgehängt und baumelten vor uns hin. Hängematten sind unheimlich bequeme Sitz-, Liege- und Abhängmöglichkeiten. Faszinierend wie die Sonne durchs Laub schimmerte und das Grün in verschiedene Töne aufspaltete, durchdrungen von ab und zuen Blautönen und ein bisschen Braun oder Grau der Äste, sonst nichts … ach, doch, das Schimmern allen Grüns wurde noch getoppt von den Lichtreflexen auf dem spielenden Fluss. Sonne von oben und von unten aufs Blattwerk und alles in zitternder Bewegung. Das Laub zitterte wegen leisen Winds, der Fluss wegen Strudeln und Wellen, herrlich, wie er die sturen, geraden, unbarmherzig voran dringenden Sonnenstrahlen in Unruhe versetzt, sie mal hier, mal da aufs Laub wirft oder durch einige der wenigen Lücken zurück in den Weltraum. Wie wohl ein Impressionist, eine Impressionistin dieses Blattwerk malen würde, fragt Frau SoSo. Die sind alle tot, will ich sagen, verkneife es mir, Punkt für Punkt sage ich.

Wenn ich das Gesicht Richtung Himmel habe, gelingt es mir mittlerweile ganz gut, mich als auf einem Ball per Schwerkraft fest pappendes Lebewesen vorzustellen, das im Begriff ist, in die Tiefen des Alls zu stürzen, wenn die Schwerkraft plötzlich nicht mehr ist, beziehungsweise, wenn sie sich umkehrt.

Das Grüne-Dach-Bild ist grandios. So könnten Ewigkeiten vergehen, ohne auch nur eine Spur Langeweile zu empfinden, denke ich. Im Spiel von Sonnenstrahlen und dem, auf das sie treffen ist immer Bewegung, Chaos, Unruhe, Unberechenbarkeit und es öffnen sich der Phantasie Pforten, die einem im sturen Dahintreiben – sagen wir einmal geradeaus schauend beim Gehen, Autofahren oder Radfahren – entgehen. Weil man parallel in einer dünnen, belebten Schicht auf diesem Planeten eben auch nur diese schmale Schicht wahrnimmt, aber nicht die Sphäre, die diese umschließt.

Sturz ins Weltall an einem ganz normalen Sonntag also. Neben unserem Wäldchen befindet sich ein Kurgebiet, in dem man eine Freilichtbühne aufgebaut hat. Plötzlich Musik. Klavier, Saxophon, Schlagzeug, Soundcheck für etwas, was später geschehen soll vermutlich. Es ist Nachmittag. Erstaunlich wenige Menschen auf den Rad- und Wanderwegen unterwegs. Wir trudeln weiter durchs nächste Dorf. Auf der Hauptstraße eine Kolonne Oldtimer. Röhrende, stinkende Amischlitten. Allmögliche Modelle. Cabriolets mit offenem Verdeck und gigantischen, durchgehenden Sitzbänken im Fahrerbereich, auf denen man getrost zu dritt oder zu viert nebeneinander sitzen könnte. Die Straße wird abgeriegelt, damit die Kolonne in einem Rutsch durchs Dorf kommt und sich kein Fremdfahrzeug dazwischen mogelt. In kaum einer der Karossen sitzen mehr Personen als nur der Fahrer. Ja. Fahrer. Keine einzige Frau. Eine Schlange antiker, schön glänzender Spritfresser voller sogenannter alter weiser Männer. Verflixt, ich kann es ja verstehen, dass man einen Narren fressen kann an einem schönen Kleinod. Dennoch ist dieses Bild des Amischlittenkorsos voller einsamer, meist grauhaariger Männer verstörend im Antlitz der Hitze des Tages. Mein Hirn kalkuliert, wie viele Liter pro Stunde durch die Vergaser jagen und wie viel der kleine Ausflug einsamer, im Verbrenner-Interesse geeinter Männer gesetzten Alters kostet. Der Himmel ist gelb.

(Zur Verlinkung in Lind Kernig – Zukunftsroman der Feinen Künste)