Mein Leben als Loisach Katarakt Mensch

Ich mag es nicht, keine Zeit zu haben. Das widerspricht so ganz und gar dem Pilger in mir, der mit stoischer Ruhe seinen Zielen entgegen strebt. Diesertage läuft zwar alle wie am Schnürchen, aber leider viel zu schnell, so dass ich nachts unruhig hin und her wälze und davon träume, einen turbulenten Kanal mit überhängenden Weiden, Felsen und Katarakten auf der Loisach per Kanu hinunter zu paddeln. Unmöglich, anzuhalten.

Abends, nach der Tackerei, fahre ich beim Galeristen B. vorbei, um die Edition abzuholen, die sie herausgeben mit Werken von mir. Excellenter Stoff, edelste Verarbeitung, der Galerist ist knapp, gehetzt, drückt mir Papiere und Kartons und Aufkleber und all das Zeug in die Hand, schiebt mich zur Tür. Ich raus. Tschüss und schon auf der Autobahn. Der Galerist ist auch so ein Loisach-Katarakt-Mensch. Immer unter Strom, immer schnell, immer zwischen Tür und Angel.Genau wie mein derzeitiges Eiskanal Bizarr-Leben. Eine Rutsche ohne Bremse, voller Stromschnellen.

Ein dumpfer Stich im Kiefer erinnert mich manchmal, dass ich mal zum Zahnarzt sollte. Mit Grauen denke ich an den Künstlerkollegen Steph, der 2005 beinahe gestorben wäre wegen einer simplen übergangenen Zahngeschichte. Ich aber kein Schmerz, kein Fieber. Das beruhigt. Das rettet Leben.

Dass ich aber auch immer noch an zwei Fronten kämpfe. Einerseits der Etepetete Kunsttanz mit allem PiPaPo und aaach, jetzt hat er auch ein Bild in der Staatskanzlei hängen, andererseits der behäbige Brotjob, der mir in den nächsten zwei Wochen, wenn es beschissen laufen sollte bis zu 13-Stunden-Tage bescheren wird.

Du solltest nicht wollen, fabuliere ich in ruhigen Minuten. Wollen bringt nur Ärger. Für sinnloses Wollen verkaufst du deine Seele, ruinierst die Gesundheit. Termine einhalten solltest du auch nicht. Das ist vollkommener Quatsch. Das ist das Lotteriespiel des abgeklärten geschäftstüchtigen Kunst- und Kulturfuzzies. Die meisten Termine, die das Leben bereit stellt, kehren sowieso jährlich wieder. Wozu also Halligalli und versuchen, dieses Jahr den Termin für irgendeine Kunstmessenbewerbung wahrzunehmen zu versuchen. Das ist wie in Paris auf die U-Bahn warten. Fünf Minuten, nachdem du deine Bahn verpasst hast, kommt schon die nächste.

Gegen 16 Uhr hatte ich mich heute derart in Trance getackert, dass ich zwei Wochen ohne Unterbrechung so weiter arbeitenhätte können. Eine Art angenehmes Gefühl stellt sich ein. Ich bin eins mit dem, woran ich arbeite. Die Zeit steht still. Erst als die Kollegen P. und A. mit ihren dicken, glänzenden Ohrschützern an mir vorbei laufen, dämmert mir, dass bald Feierabend ist. „Na?“ necke ich sie, „Seid ihr auf dem Weg zu eurem 400 Euro-Job auf dem Flugzeugträger?“ Kollege P. steigt auf den Scherz ein und beginnt, mit beiden Armen in der Luft zu rudern, so, als winke er einen Kampfjet auf die Landepiste.

Irgendwann mache ich doch noch Feierabend. Trance ist nicht alles. Nichtstun hat auch eine gewisse Claxonne. Im Auto durch die Gegend fahrend, bookmarke ich einige Begebenheiten: das schwitzende Mädchen, das auf dem Teerweg an der Autobahn entlang hinkt etwa. Ich habe mir geschworen, über sie zu schreiben und noch viel mehr habe ich mir geschworen, nämlich wieder mehr über diese frie3dlich dahin plätschernden Alltage zu tippen, Menschen, die an Zapfsäulen den 60-Liter-Tank ihres zehn Jahre alten Autos voll laufen lassen. Wie die Tankuhr rattert, darüber möchte ich berichten und über Frauchen, die mit Hundchen in der Dämmerung auf einem Gehweg, kaum einen Meter von der Bordsteinkante entfernt flanieren und hoffen, dass er endlich scheißt, der Hund, damit sie nach Hause gehen können und den Kuchen aus dem Backofen nehmen können.

So viel Zeit ist.

Vor dem Fest

Ich schwöre mir jedes Jahr im September, dass ich es nie wieder tun werde: eine öffentliche Veranstaltung auf dem einsamen Gehöft. Diesertage kommen reihenweise Mails von wildfremden Menschen, die im Garten zelten wollen. Wegen des KunstZwergFestivals.
Gestern ruft Landartkünstler Hundefänger an, ich könne ihn an seinem silbergrauen Bart erkennen und an dem karierten Hemd, wenn ich ihn Donnerstag um Punkt 13-Uhr-Nochwas am Bahnhof abhole. Es kommen zwei Kerle aus New York, eine taiwanesische Performancerin, sieben schräge Musiker aus dem Saarland, eine Hamburgerin aus der Schweiz. Öhm.
Vorhin steht ein Laster im Hof mit einer Palette Nielsen Rahmen für das offene Atelier in zwei Wochen. Verflixter Spätsommer.

Papa ante Erntas

Gestern bis spät die Bilder für unsere erste iPhoneart-Ausstellung in die Online-Galerie geladen. Unverschämt teure Bestellung aufgegeben. Die SoSo war so klug, ein Protokoll zu schreiben, so dass wir schon eine komplette Werkliste haben. Eines der Bilder zeigt meinen Vater hinter dem Maschen-Kunststoff des Gewächshauses in diesem Frühling. Wie er gebückt über Tomatenschößlingen steht. Der Titel war schwierig, so dass ich SoSo sagte, „nennen wir es einfach Papa“. Die Nacht ist ein guter Gesell für’s Hirn aufräumen. Am Morgen rufe ich plötzlich wie Wickie und die starken Männer: „Ich hab’s“ Düdelüüü – düdelüüü – düdelüüü di lüü di lüüüü (Wickie-Melodie), ich hab’s, wir nennen das Bild einfach Papa ante Erntas, Papa vor der Ernte. Schließlich zeigt das Bild ja den Papa beim Pflanzen, also lange vor der Ernte.“

„Das erinnert mich an ein Buch, Mama ante Portas“, sagt die SoSo. Und auch mich erinnert der komische Titel an etwas, ich dachte, es heißt Papa ante Portas. Im Hinterstübchen habe ich etwas mit Comedy verknüpft, Loriot? Aber kann mich ja auch irren. „Jedenfalls war das damals mit die Römer un‘ Hanibal, weißte,“ sag ich zur SoSo, „der wo mit den Elefanten über die Alpen ist und plötzlich mit Hunderttausend blutrünstigen Söldnern vor den Toren Roms stand und alle haben gerufen, Hanibal ante Portas, Hiiilfeeee.“

Nun, just nach den Abendnachrichten bin ich beunruhigt, zu hören, dass Loriot gestorben ist und man ihm zu Ehren den Film Papa ante Portas zeigt. So, als hätte sich in der Minute, in der er gestorben ist, mir unbewusst der komische Titel aufgedrängt.

Papa ante Erntas

Abends an Portugal denkend, eine Telefonnummer vergessen habend

Ein Stein außerhalb des einsamen Gehöfts. Unweit des ewigen Birnbaums. Die Künstlerarbeit wächst mir über den Kopf. Seit einer Woche nur Kunstschuften. In der Mittagshitze erleide ich eine Art Hitzschlag. Hochroter Kopf, weiße Augen, Blutdruck im Keller. Verkatert und matt tauchen die Vorsitzenden des Kunstvereins aus der Landeshauptstadt auf. Zwecks Vorbesprechung für das Festival hier vor Ort. Wie ausgelaugt, lethargisch wir in der unerwarteten Augusthitze sind. Nur die SoSo ist agil, rettet die Situation. Nun sind die Vorsitzenden in der Künstlerbude, ich außerhalb, outgesourced, glücklich unterm Sternenhimmel, wie 1994 in Portugal. Beruhigend, dass ich mich daran so lebhaft erinnere. Nachmittags hatte mich neben der Hitzschlag-Lethargie noch die Hirnsorge im Würgegriff. Konnte mich partout nicht an eine Telefonnummer erinnern, die ich sonst fast täglich wähle. Muss mich auf Alzheimer testen lassen. Macht das überhaupt Sinn?