Die erste Kiste Holz

Gegen Mittag trage ich die erste Kiste Holz in die Künstlerbude; für den Herbst-Winter 2011-2012. Völlig außer Puste, Herzrasen, Kopfweh. Seit Mittwoch im Würgegriff der Grippe. Morgens melde ich mich beim Owner krank. Er reagiert ungehalten, was sicher dem Montag zuzuschreiben ist. Die Künstlerbude ist kein lebenswerter Ort momentan. Kühl und klamm sind die Wolldecken, das Sofa. Auf dem Boden liegen hunderte von Fliegen. Insbesondere unter den Dachfenstern, wo in den Ecken riesige Spinnennetze hängen, liegen Flügel, Insektenbeine, Körper und der hellbraune Laminat ist gesprenkelt von Spinnenexkrementen.

Im Briefkasten war eine Einladung der örtlichen Tageszeitung zum Mitarbeiteressen. Der Chefredakteur bedauert, dass ich so lange nichts geschrieben habe, lädt mich aber dennoch ein zu lecker Sauerbraten mit Knödeln und Feldsalat in einer alten Mühle hier in der Gegend, er hoffe, dass ich bald mal wieder etwas mache für das Tagblatt, ich Schläfer, ich. In der Tat liebäugele ich morgens damit, die Jakobsweg-Sache vom letzten Jahr wieder anzugehen, eine 30-teilige Kolumne daraus zu basteln und das Liveblog quasi um ein Jahr versetzt und sehr knapp – mit nur den nötigsten Fakten, ein bisschen Herz und einem Schuss Humor – für die Zeitung aufzubereiten. Hab ich ja dann noch Zeit bis Mitte November. Zuerst lass ich mir mal den Festschmaus schmecken (ersch mo guud gess, geschafft is dann schnell).

Als endlich das erste Feuer für die Herbst-Winter-Saison 11-12 im Künstlerofen lodert, schalte ich den Rechner ein und fliehe in die digitale Welt. Nichts Konkretes im Sinn. Das mit der Jakobsweg Kolumne für die Zeitung stelle ich erst mal hinten an. Ich bin nicht in Schreiblaune. Ich erinnere mich, dass ich mit der Digitalisierung des Fotoarchivs vor etwa einem Jahr aufgehört habe und schaue nun im Dateisystem, wo ungefähr ich stehen geblieben bin und was noch alles zu tun ist. Zwischendurch ist noch eine Kiste Familien-DIAs hinzu gekommen. Die Festplatte sagt, dass ich schon etwa 10.000 eigene Fotos gescannt habe. Beim Sichten wird mir plötzlich klar, dass ich als Blinder durchs Leben stolpere, dass ich in den jeweiligen Gegenwarten, die ich durchlebt habe, 1995 und 1996 und 1998 und 2000 usw., eigentlich immer eine falsche Sicht auf mein eigenes Schaffen gelegt habe. Die Bilder, die ich für gut hielt in den Gegenwarten damals, waren mittelmäßig, und die Bilder, die ich nicht beachtet habe, weil mir der Sinn dafür fehlte, waren Spitzenklasse. Ich schrecke hoch in dieser Gegenwart, 10. Oktober 2011, 23:48 Uhr und weiß, dass das Problem noch immer besteht. Die Bilder, die ich jetzt auslese und für bemerkenswert halte, sind es gar nicht. In einer Gegenwart ein paar Jahre weiter, werde ich das erkennen.

Ich erkenne, dass ich das, was mir am meisten Angst macht in der Fotografie, Menschen zu portraitieren, manchmal sehr gut kann.

Kurz vor Dunkelheit schneide ich Taubnessel, Melisse, Pfefferminz und noch ein paar Kräuter, lege sie auf Siebe und trockne sie auf dem Holzofen. Ein paar Äpfel ebenso. Die Grippe haut mich noch immer aus den Socken. Ich denke übers Krankschreiben nach. Dann über die Rente, den Bettelstab und den Tod. Vor einigen Tagen hatte ich die schreckliche Vision, einsam in einer Höhle zu sterben, nachdem alle, die ich je geliebt habe auch gestorben sind – genau wie die schöne Frau in „Der Englische Patient“. Höhle, dunkel, kalt und in deinem Innern erlischt das Feuer.

Um meine Tristesse zu vertreiben, tummele ich mich im Netz, recherchiere Paul Kalkbrenner, der teils gute Musik macht; und wo zur Hölle gibt es denn heutzutage noch Polaroid-Filme zu kaufen? QQlka, der zu den zu Verlierenden gehören wird in meiner Todesphantasie, hat mir nämlich eine Polaroid-Kamera geschenkt. Ne, zwei. Eins-A, kannste benutzen, hat er gesagt. Aber hallo. Damit könnte man glatt ein Kunstprojekt machen wie damals mit dem Col-Art Erfinder und Freund Marc Kuhn. Wir lassen uns zu dritt durch die Stadt treiben und stoppen an Orten, an denen es uns gefällt. Dort macht eineR ein Foto, der/die Nächste zeichnet, der/die Dritte schreibt etwas zu der fotografierten Szene. Und das meine Lieben, das ist Leben. Das regt mich an. So sieht die Zukunft aus. Kreativ spielerisch, stets den Bettelstab im Visier, Kimme und Korn des Kunstbübchens. Zielen, abdrücken, das Bild an die Brust drücken, warten bis etwas sichtbar ist.

So vergeht der Tag. Bis auf Ohrbrummen und Schnupfen und ein bisschen Temperatur hat sich die Grippe zurück gezogen. Ich schaffe es nicht, um Mitternacht schlafen zu gehen, weil mir ständig im Kopf gaukelt, ich könnte irgendwas schreiben, das beginnt mit „Gegen Mittag trage ich die erste Kiste Holz irgendwo hin.“

 

 

Kein Spaß

Wie gewohnt sonnig. Ich erhole mich langsam von dem Beinahe-Burn-Out. Es war tatsächlich knapp. Nicht gut, an die Lohnarbeit über einen Monat lang noch fünf Stunden Kunstschinderei zu hängen. Gelohnt hat es sich. Die Galerie sieht leer aus, seit ich die verkauften Bilder ausgeliefert habe.

Erst habe ich das mit dem Ausbrennen nicht bemerkt. Erst letzten Montag ist mir klar geworden, wie weit ich die Grenze überschritten habe. Alles geschah im Kopf. Und der Kopf war auch die Zentrale allen Dilemmas. Er war nicht mehr abzuschalten. Tag und Nacht das Geratter der Gedankenmühle, Termine, Ideen, Pflichten, gemischt in einer faden Suppe des sich Dahinschleppens. Ich jammere nicht. Ich habe nur einen Fehler gemacht. Ich habe zu viel gewollt.

Das Erschöpfungsproblem hat sich in zwei Dingen geäußert: Ich habe keine Freunde mehr angerufen. Und wenn sie mich angerufen haben, habe ich nicht zuhören können, so dass die Gespräche meist „Blablablabla“ und „mhm, ja, achso, dassss isss ja interessant“, verliefen. Für solche Art Kommunikation lohnt es sich eigentlich nicht, Mensch zu sein. Ich schäme mich dafür. Manchmal habe ich den telefonhörer gar nicht abgenommen, weil ich gesehen habe, dass jemand anruft, bei dem ein erhöhtes Maß an Konzentration nötig ist.

Das zweite Ding, an dem die Erschöpfungssache klar wurde ist: ich habe meine Gesundheit vernachlässigt. Den Zahnarzt nicht aufgesucht zum Beispiel. Die Idee, einen Termin zu machen, war Tag und Nacht da, aber ich habe sie nicht umgesetzt. Erst heute hab ich den finalen Anruf endlich getätigt. Die Assistentin setzt mir mit zwei möglichen Terminen gleich die Pistole auf die Brust: Mitte Oktober nachmittags oder jetzt. Ich entscheide mich für „Jetzt“, weil ich keine Angst vor dem Zahnarzt habe und weil ja die Erschöpfung endlich nachlässt.

Runter in die Stadt mit dem Fahrrad, was eine wahre Lust ist, bei dem schönen Wetter. Ich bin der Junge mit dem wehenden Haar, die Augenmaschine, die schnappschießend die Gegend durchstöbert. Amerikastraße 26, tolle Haustür, nigelnagel neues Einfamilienhäuschen, gelbe Klebebänder an Dunkelblau. Ich hab das Bild schon gestern gesehen, konnte es nicht knipsen, weil der Makler vor dem Neubau stand. Man will ja nicht auffallen. Heute kralle ich mir das, sage ich, nur noch 10 Minuten bis Zahnarzt. Düdelüdelüt, Film Vorspulen. Beim Zahnarzt, vor dem ich keine Angst habe, läuft alles wie am Schnürchen. Zu recht habe ich keine Angst, weil er zu der seltenen Gattung Zahnärzte gehört, denen man 100 Prozent vertrauen kann. Rein, raus, geröntgt und beraten. So keuche ich die Kreuzbergstraße hinauf mit dem Fahrrad, das sich nach Langstrecken sehnt, überhole einen telefonierenden Inder, begegne bei Haus Nummer 98 einem Glatzkopf mit Vollbart, der mir lachend entgegen ruft, „Kein Spaß“, ich ihn liebe, deswegen, wegen der Worte, wegen seines Grinsens, wegen seinem federnden Schritt und weil die Sonne so schön scheint. „Kein Spaß“, sag ich, hechel, hechel. „Umgekehrt isss bessa“. Kaum 100 Meter weiter wohnt Freund N. wuselnd in der Garage, so dass ich anhalte und ihm einen Gruß erbiete. Das wäre nicht möglich, wenn ich ausgebrannt wäre. Wir reden und ich kann mir merken, worum es geht. „Kein Spaß, den Kreuzberg hochzuradeln“, sagt er und ich erzähle ihm die Geschichte vom Glatzkopf von vor 100 Metern. Irgendwie macht es dennoch Spaß, bei der Sonne und ohne Verpflichtungen mit einem geheilten Zahn den Berg hochzuradeln.

Später beschließe ich, ins Leben zurück zu kehren zu all den Menschen, die mich sicher genau so lieben, wie ich den Glatzkopf mit dem feinen Lächeln von der Kreuzbergstraße 98. Ich will Freunde anrufen, die ich seit Monaten, Jahren, Menschengedenken nicht mehr gesehen habe und sie fragen, wie es ihnen geht.

Abends finaliere ich in der Dämmerung, indem ich acht dicke Kartoffeln schäle und neun lange Mohrrüben, zwei Zwiebeln und zwei SOLLLCHE Knoblauchzehen. Klein gehackt, an meinen koreanischen Camino-Freund Chaeuk denkend, brutzele ich das in der Pfanne und die SoSo und ich schlemmen wie HeldInnen in den Sonnenuntergang.

September Pervers

Montags diagnostiziere ich selbstherrlich BurnOut. Oder war es dienstags? Ich kriege das mit den Zeiten nicht mehr so hin. Vergesslichkeit, Wehleid, Kopfweh und Müdigkeit mischen sich zu einer grauen Suppe. Ausgelaugt, müde, leer, wieviele Wochen ohne Pause? Egal. Vorbei.

Herr Irgendlink! Ziehe eine Lehre!

Welche?

Gegen Abend erkenne ich die Schönheit der Welt zwischen zerquetschten Birnen auf der Landstraße, einem grünen Traktor mit SOLLLCHEN Reifen und einem roten nervigen Motorrad, das mit 120 Sachen an mir vorbei rast. Puls 120, die Stadt verlassend per Rad. Links geht die Sonne unter, vor mir das Graue Band, das niemals endet und rechts ist die Nachtseite dieser Welt. Sehnsüchtig starre ich nach rechts und die Solarzellen eines neu gebauten Maschineneschuppens brüskieren mich. Alles so blendend. Ihr seid schlimm, Menschen.

Heute ist viel geschehen. Ich habe das erste iDogma-Buch der Welt gestaltet. Innerhalb von drei Stunden, in denen ich eine Kunstausstellung für den örtlichen Kunstclub bewacht habe. Ehrenamtsidiot, ich. Aber immerhin: in den drei Stunden, in denen nur 6 BesucherInnen die Ausstellung sich angeschaut haben, habe ich ein kleines Büchlein von 12 Seiten gebastelt auf dem iPhone mit iPhone-Apps und es direkt ins Netz geschickt, ohne auch nur je eine Ansicht des Werkes auf einem größeren Monitor gesehen zu haben. „iDogma One“ heißt das Kunstwerk, welches 12 abstrakte Bilder zeigt, die ich in den letzten Tagen mit dem Telefon aufgenommen habe. Zweifellos ein Kunstwerk. Zweifellos legendär. Avantgarde ohnehin. Ich konnte dummerweise der neuen Gratis-App eines meiner Lieblings-Foto-Zeugs-Anbieter im WWW nicht widerstehen und habe schon seit zwei Wochen darauf gebrannt, endlich einmal ein paar ruhgige Stunden zu finden, um das erste iDogma Künstlerbüchlein mit 12 Seiten im Miniformat zu gestalten.

Ihr seht, der Herr Irgendlink, Müßiggänger der Herzen, hatte Stress. Wirklichen, echten, lebensbedrohenden Stress, der ihn montags in hypochondrischer Manie sogar verleitet hat, zu glauben, er sei ausgebrannt. Total.

Nun melde ich mich zurück in diesem Blog. Angeschlagen. Müde. Ausgelaugt. Tatendrängend dennoch.

Das Büchlein „iDogma One“ erkläre ich zum Unikat. Es hat Macken. Aber im Grunde fühlt es sich perfekt an. Wer es haben mag für, sagen wir mal 250 €? Eigentlich ein Spottpreis. 12 Seiten, ca. 10x15cm.

Doch. Ich denke, das mit dem unverschämten Preis ist richtig. Ich bin jung. Ich war tot. Ich brauche das Geld nicht.

Und Ihr seid genau so frei wie ich.

Irgendlink, der Bilder mag

Ich finde es gut, wie die Sonnenblume sich im Morgenlicht vom Schatten unter den Bäumen abzeichnet. Kaum 50 Meter nördlich. Ein schlankes Ding ohne Kopff. Aber schon bald wird eine Blüte sich bilden. Ich hoffe, sie übersteht den ersten Herbststurm. Mein Blick entlang der Hauswand des einsamen Gehöfts, wo auf der Treppe des Haupthauses mein Vater sich Socken anzieht, die Sandalen gegen Gummistiefel tauscht. Es geht besser heute, sagt er. Und was will man mehr. Die Butter auf dem großen Stück Knäckebrot vor meiner Nase glänzt in der Sonne so sehr, dass ich die Augen zukneife.

SoSo schiebt sich ins Bild und verdeckt Vater und Sonnenblume. Stellt ihren Joghurt auf den spiegelnden Alutisch. Heute ist Licht. In der Spiegelung sehe ich Ananas der Marke „truhgimlA“ von „nnamrhE“.

Bis drei Uhr nachts im Atelier geschuftet. Mir liegt das Bilder-rahmen. Ich sollte mir eine Stanze kaufen, Leisten, Kleber, viel Passepartoutpappe. Ich mag Bilder, egal, ob sie geschrieben sind, fotografiert oder gemalt.