Writers in Prison Day

Heute ist „Writers in Prison Day“. Als bloggender Schreiber in einem relativ freien Land kann ich mich glücklich schätzen. Die Türkei, höre ich im Dradio Kultur, hält mit 86 inhaftierten Journalisten und Journalistinnen den Weltrekord.

Der Mann, das Hirn und Hände

Den lieben langen Tag denke ich darüber nach, wie ich mir abends den Webserver vorknöpfe und ein paar administrative Tätigkeiten erledige. Wohlgemerkt: ich bin Handwerker. Hunderte von Loungemöbeln habe ich unter der Fuchtel, schöne, weiße, kunstlederne Dinger, die Palettenweise weltweit verschifft werden. Völlig perplex lese ich neulich auf einem großen Paket, das jemand in der Tackerbude abgibt, die eigene Firmenadresse: „Werk Homburg“ steht groß darauf. Wieder wird mir klar, in welch mickrigen Dimensionen ich denke. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, ich arbeite in einer einfachen Werkstatt, aber auf dem Paket steht die nackte Wahrheit: Ich arbeite in einem Werk, und das klingt doch gleich nach Fließband und Effizienz, nach Personalbüro, Lohnabteilung, Weihnachtsgeld, Pensionskasse.

Träum weiter.

Aber das mit dem Werk, das war echt.

„Wer mit den Händen arbeitet, hat meist das Hirn frei und wer mit dem Hirn arbeitet, hat machnmal auch die Hände frei. Insbesondere der Hirnarbeiter könnte verlockt sein, mit seinen freien Patschehänden nach einer Waffe zu greifen und sich zu erschießen“, fabuliere ich irgendwann nachmittags. Ein Lächeln entwischt. Gegen 15:32 stelle ich fest, dass ich ein glücklicher Mensch bin, dem es an fast nichts fehlt, einzig ein bisschen Zeit, um das, was man tagsüber denkt und sich einbildet, abends noch tun zu können, wäre wünschenswert. Mein umtriebiges Hirn hat in den vielen Stunden, in denen die Hände Möbel bauen in dem großen weiten Werk, einen perfiden Plan geschmiedet, der mich nächstes Jahr vermutlich wieder in einen freieren Zustand versetzen wird. Angefangen hat alles so harmlos vor einigen Monaten. Durch Zufall bin ich auf eine Homepage gestoßen, die den 6000 km langen Radweg rund um die Nordsee beschreibt, den NSCR, die North Sea Cycle Route. Da ich gerne weite Radtouren mache, war ich sofort hellhörig. Die Sache geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon dieses Jahr habe ich geliebäugelt, einfach loszufahren. Normalen Menschen ist ein Abenteuer wie das leider nicht vergönnt. Für 6000 km Radeln braucht man etwa 90 Tage, wenn man sich nicht zu Tode quälen will. 90 Tage Urlaub stehen in keinem Arbeitsvertrag.

Im Mai streiche ich das Ding erst einmal aus meinem Hirn und verbringe etliche friedliche Arbeitnehmermonate am nahrhaften Busen der Lohnsteuerklasse 1.

(Was red ich hier für einen Schwachsinn?)

(Tse. Busen der Lohnsteuerklasse eins?)

„Aber so ist es doch!“, sagt eine besonnenere, weniger schamhafte Stimme,“Nenn die Dinge nur beim Namen. Du hängst am Tropf. Dein Wille zum Konsumgut bestimmt dein Leben.“

Wie auch immer. Wenn man das eigene Hirn zu lange alleine lässt, kommt es auf dumme Gedanken.

„Was soll’n das jetzt, wieder so ein pseudocooler Spruch, Herr Irgendlink? Du musst ja total aus der Übung sein, so rein schreiberisch, dass du solches Zeug schreibst.“

Samstag, der 5. November 2011 ist historisch. Drei vier Pakete von drei vier Bestellungen treffen gleichzeitig ein. Komponenten für das Fahrrad, mit dem ich die Nordsee umrunden werde. Ein kleines Kraftwerk muss her, denn die Reise soll ein neuer Meilenstein auf dem Livereisesektor werden.

Seit Samstag fühle ich mich als Nordseeumrunder. Samstag hat es begonnen. Schon die ersten vier Kilometer zum Kreuzberg und zurück über die herbstblasse Landstraße fühlten sich gut an. Ich wünschte mir Wind, Gegenwind. Und Regen, salzigen Seeregen wie er im Frühling nicht besser schmecken kann. Und am Abend das Gespür für den perfekten Lagerplatz oder einfach nur das bisschen Glück, das nötig ist, einen gütigen Menschen zu finden da draußen in der Welt, der bereit ist, einen aufzunehmen für eine Nacht und ein warmes Essen. Es muss nicht exquisit sein, nur sättigen und das Herz wärmen.

Ja, doch, Mann, die Schreibe wird besser. Du bist aus der Übung. Du bist untrainiert. Es ist noch da, einfach nicht tot zu kriegen. Knie dich rein, Mann, schreib weiter.

Mein siebenmilliardster Blogeintrag – Sie fragte. Aber was?

Das Hirnproblem wird beängstigender. Gestern früh einige Fäden, die ich schreiberisch bearbeiten wollte. Natürlich dieser nächtliche Blogartikel-Flow, bei dem es darum ging, die Inversionswetterlage in meinem Kamin mit einem Echte Kerle Survival Trip in Südwestrumänien in Einklang zu bringen, daraus eine Alltagsglosse zu basteln.

Manchmal habe ich druckreife Sätze im Kopf, ganze Passagen, vor allem nachts oder frühmorgens. Wenn ich sie nicht sofort aufschreibe, vergesse ich sie. Mit „Sie fragte“ sollte im Laufe des gestrigen Tages eine kleine Passage zum Thema Jakobsweg beginnen. Es war ziemlich wichtig. Aber ich habe vergessen, was sie fragte und somit ist der Text futsch.

Nun der unangenehme Zustand des Hirnzermarterns. Das macht überhaupt keinen Sinn. Ich hatte gestern nichts Besseres zu tun, als mich aufs Rad zu setzen, runter in die Stadt, Lichtfänger – bei dem Licht kann man gar nichts falsch machen, erzählte ich den Nachbarn der Nachbarn, die ich zufällig traf. Wir redeten über Halloween, das Wetter und dass es gerne noch eine Weile so bleiben könnte. Beide Kameras im Gepäck. Anfänglich fotografierte ich noch brav mit der D300. Diszipliniert über Lichtwerte nachdenkend, Tiefenschärfe und den ganzen Quatsch. Aber schon bald kam nur noch das iPhone zum Einsatz. Ich stoppte bei einer Ansammlung polnischer 40-Tonner auf dem größten Parkplatz der Stadt, fotografierte allmögliche Objekte an den Lastern, darunter und daneben. Die Vorhänge der Fahrerkabinen waren zugezogen und ich argwöhnte, dasss drinnen seit-ewigkeiten-unterwegse Fahrer ihre Pflichtpause machten. In dunklen Ecken nahm ich Schnappschüsse von Graffities mit. An der Tür eines Trafohhäuschens stand geschrieben „Du musst zuerst das richtige Lied singen“. Herrlicher Alltagsdadaismus – was ist ein Blogartikel anderes, als aus dem Zusammenhang gerissene Wortfetzen, die irgendein Hirn irgendwo auf dieser Welt ausspuckt und die den Zustand der Alltäglichkeit eines der vielen denkenden Wesen dieser Erde wiederspiegelt?

Just in diesem Moment wurde der siebenmilliardste Mensch geboren. Im Radio, erinnerte ich mich, berichtete man vor einigen Jahren über den Sechsmilliardsten, der offiziell irgendwo in Exjugoslawien geboren wurde, ein Bub. Heute lebt der arme Kerl in bitterer Armut. Eine Milliarde später trägt man Sorge, mehrere siebenmilliardste Menschen zu küren, einen in Indien, einen in Mexiko,  den USA, Norwegen usw. Soll nicht noch einmal passieren, dass ausgerechnet dieser besondere Mensch ein so schreckliches Schicksal erlebt und in Armut vegetiert. Einer von denen kann es schaffen! Derweil stelle ich mir vor, wie im zehntel Sekunden-Takt immer Menschen geboren werden, sterben, geboren werden, geboren, geboren und geboren und sterben und sterben und sterben und dass über eine gewisse Zeitspanne Diesertage die Menschenanzahl um die Siebenmilliardengrenze pendelt, mal drunter, mal drüber, und dass vielleicht tatsächlich einige Siebenmilliardenmenschen geboren werden, nicht nur einer. Während einer in einem schneeweißen Krankenhaus in Trondheim geboren wird, kommen in Somalia bei einem Gemetzel 359 Menschen um. Alles in der gleichen zehntel Sekunde. Siebenmilliarden minus 359 plus Zwillinge in Atlanta minus Hungersnot Massensterben auf einer abgelegenen Insel irgendwo plus ….

Die Statistik weiß etwas vom Kurvenglätten. Nur in der Statistik gibt es den Einen.

Ungeweckt und ohne Pflicht

Vor Sonnenaufgang mich im Bett hin und her gewälzt, den Brückentag durchdacht, einen coolen Artikel über Männerkosmetik, inversionswetterlage und Feuer machen im Kopf. „Den solltste jetzt aufschreiben“, denk ich. Es ist bestimmt halb sieben. Wenn ein Arbeitstag wäre, würde ich seufzen, den Wecker abstellen, aufstehen, Kaffee kochen, mich anziehen, Brote schmieren, raus in die Welt für einen Hungerlohn und aus falsch verstandenem Pflichtgefühl.
Fürs Schreiben, wird mir klar, würde ich all das nicht tun. Es erzielt keinen direkten Gewinn. Mit dem Gedanken, dass ich völlig verseucht bin von den Ideen und Werten einer auf dem absteigenden Ast befindlichen Menschengesellschaft, schlafe ich endlich wieder ein.
Bild KW 42/2011

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