Saarland-Radweg von Homburg nach Jägersburg

Wer auf dem Nordseeküstenradweg ums Meer radeln kann, der kann auch auf dem knapp 350 Kilometer langen Saarland-Radweg um das kleinste Bundesland Deutschlands (ausgeschlossen die noch kleineren Stadt-Bundesländer) radeln. Und alle zweieinhalb Kilometer ein Bild der bereisten Strecke machen. Schon auf dem Rückweg um die Nordsee hatte ich geliebäugelt mit passenden Folgeprojekten. Die Psychologie ist sich einig: Fernradler, die nach Hause kehren, fallen erst einmal in ein verdammt tiefes Loch. Verdruss. Sinnfrage. Orientierungsverlust. Nach einer so langen Zeit mit Ziel, immerhin vier Monate im Uhrzeigersinn um die Nordsee, glänzt der Alltag daheim logischer Weise nicht gerade mit Ziel.

Ein neues Ziel muss her, der Saarland-Radweg

Der Saarland-Radweg liegt zum Greifen nah vor Herrn Irgendlinks Künstleratelier. Neun Kilometer runter nach Homburg (Saar) und ich bin auf der mit „gelben Wutzen“ gekennzeichneten Trasse. Die Wutz, auf gut Deutsch das Schwein. Das Saarland aus dem Weltraum betrachtet hat die Form einer Wutz.

Homburg Talstraße, ein Sonntag Anfang September. Nach meinen ersten Versuchen, mich dem Fernradwerg zu nähern geht es gegen Nachmittag ans Eingemachte. Ich radele die selbe Strecke, wie am Tag zuvor, von Homburg durch den Wald bis nach Jägersburg und noch ein Stückchen weiter, hinauf auf den Höcherberg. Ganz schöner Trümmer. In Jägersburg sagen Hinweisschilder, wo der Hammer hängt: Weg steigt 240 Meter auf knapp fünf Kilometern. Ereignislose Waldstrecke. Wunderschön, gut beschildert. Da geht was. Ich wachse langsam hinein in das neue Projekt. Ziel ist, mich in zweieinhalb Kilometer Abständen rund um das Saarland zu fotografieren. Skelett meines Kunstprojekts sind, wie seit 1995 üblich, regelmäßige Fotos der bereisten Strecke. Alles weitere, das „Fleisch“, so hoffe ich, kommt während des Tuns. Vorbei am Golfkurs Websweiler schwitze ich hinauf zum Höcherberg, kehre bei Kilometer 17,5 um und kehre auf ein Weizenbier und einen Wurstsalat in der Hütte direkt neben dem Aussichtsturm auf dem Höcherberg ein. Freund Journalist F. hatte, als ich ihm die Idee schilderte, durchblicken lassen, dass man daraus ja eine Art Reiseführer machen könnte. So fühle ich mich arbeitsam, gebraucht, wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Datenharvester, der ich nunmal bin. Ich lasse mir Quittungen geben. Sind ja Reisekosten, Datenbeschaffungskosten, wenn man so will. Ich bin ein Mähdrescher, der die Ernte in Form von Pixeln und Satzfetzen einbringt.

Das Projekt nimmt mit jeder Pedalumdrehung mehr Schwung auf. Was, wenn daraus tatsächlich ein Buch wird? Yet another Saarlandrundweg Buch? Gähn. Es muss etwas Besonderes werden, hatte mich Journalist F. gebrieft. Somit lautet meine geheime Mission: während du Daten beischaufelst und kurbelst und das Leben genießt, kannst Du auch gleich über die Zukunft nachdenken. Ergebnislos. Halb taub kehre ich auf dem selben Weg zurück nach Homburg. This ist not a North Sea Cycle Route, bei der du monatelang ums Meer radelst und den Bloghelden spielst. Dennoch. Das Kleinod vor der Haustür darf nicht verschmäht werden. Und ein Kleinod isser, der Saarland-Radweg. Die Beschilderung ist beinahe narrensicher nach niederländischer Perfektion. Die Streckenführung, dank Höcherberg als hart einzustufen, aber ein Blick auf die Saarlandkarte verrät, der Rundweg hat auch zarte Seiten, Flachstrecken, Flussidylle. Ich bin eben in die „falsche“ Richtung unterwegs. In Jägersburg liefert man mir im dortigen Heimatmuseum auf dem Rückweg nach Homburg erste philosophische Kitzeleien. Gratis Eintritt in die alte Gustavsburg, die so eine Art Museum beherbergt. Kurz vor Ladenschluss informiert mich der Museumsaufseher in einer Art Crash-Kurs über die Geschichte des Dorfs. Es gab einmal ein Lustschloss, irgendwo da draußen in den Wäldern. Fast sieht es aus wie Versaille. Ein Modell steht im Hauptraum des Museums. Der Mann zieht die Vorhänge zu, bereitet alles vor für den Feierabend und erzählt mir die Geschichte: dass das Schloss nur 40 Jahre lang existiert habe, dann wurde es nach der Französischen Revolution „angestock“ – angesteckt, also niedergebrannt. Die Adligen geflohen, guillotiniert, die armen Leute der Gegend haben mit den Steinen ihre Häuser gebaut. Nichts ist mehr übrig von dem Glanz. Und mit einem Schlag wird mir die Zerbrechlichkeit unserer Existenz bewusst. Warum denken wir immer in Ewigkeiten? Welch grandiose Illusion. Genau wie Mister Kunstbübchen Irgendlink dem Glauben verfallen ist, alle Pixel und Einsen und Nullen, die er ins Internet hackt, bestehen für immer weiter, müssen auch die sypillitischen, von Kopfläusen zerfressenen Aristokraten von anno Siebzehnhundertnochwas geglaubt haben, dass ihre Lustburgen die Jahrhunderte überdauern. Vierzig lumpige Jahre für Glanz, Reichtum, Macht. Und nun radeln Typen wie ich durch jungen, lichten Buchenwald und grübeln über ihre eigene Existenz und hoffen auf den nächsten schönen Tag. Bytejäger, Ideenfänger, Konsumträumer. Die Lebensspirale hat sich dreihundert Jahre weiter gedreht und sie wird sich noch dreihundert Jahre weiter drehen. Inständig hoffe ich, dass ein alter, hinkender Museumswärter in einem Heimatmuseum der feinen Künste der Zukunft die Vorhänge zuzieht, kurz vor Feierabend, und einem interessierten späten Gast erzählt, dieser Herr Irgendlink hat nur vierzig Jahre lang seine Daten auf den Server gehackt, dann haben bei der ersten digitalen Revolution die Franzosen alles gelöscht. Oder so ähnlich.

Auf dem Rückweg zum einsamen Gehöft, durchweg auf Waldwegen, sehe ich antike Aristokraten wie sie auf ihren Rassepferden von Burg zu Burg reiten, von Liebster zu Liebster, passiere den dunklen Wald, in dem einst Schloss Karlsberg stand. Ein noch prächtigeres Schloss, als Versailles. Das habe nur zwanzig Jahre existiert, hatte mir der Museumsaufseher erzählt. In Fußballfeldern ist die Größe der Anlage kaum zu beschreiben. Aber sie war einst wahr. Nun ächze ich zwischen verächtlich in die Vergangenheit blickenden Buchen dahin. Fotografiere die Jägerträume des kleinen Mannes – hatte ich erwähnt, dass ich seit einiger Zeit Hochsitzbilder sammele. Es ist erstaunlich, zu welch kreativer Phantasie der gemeine Jäger des 21ten Jahrhunderts fähig ist.

Hochsitze am Saarland-Radweg
Hochsitze am Saarland-Radweg

Wir sperren sie zu den Anderen

Samstag, Künstlergruppe Prisma. Herr Irgendlink betreut die Galerie in der Zweibrücker Innenstadt gemeinsam mit Kunstkollegin D. Zur Erinnerung: die Künstlergruppe hatte Herrn Irgendlink während seiner Abwesendheit – ungefähr, als er Schottland mit dem Radel durchquerte, adoptiert. Gruppeninitiator P. hatte sich mittels Ersatzschlüssel Zugang zum irgendlink’schen Atelier verschafft, eine Kiste Bilder eingepackt und sie bei der Gründungsvernissage der Gruppe aufgehängt. Herr Irgendlink sendete auf alle Fragen, die er auf elektronischem Wege aufs das Mobiltelefon erhielt die Standard-Message „Die Antwort ist Ja“. Auch auf die Frage, „willst du Prismamitglied werden?“
Ach Kunstbübchen, mein Kunstbübchen, und nu hockste da, samstags um pervers zehn Uhr früh gegenüber einer völlig verkaterten Kunstkollegin D., kriegst selber kaum die Augen auf, keine Lust auf Kommunikation. Mürrisch. Gegenüber der Galerie ist eine der alteingesessensten Bäckereien der Stadt. Aus dem Galerieschaufenster hat man einen prima Blick in den Verkaufsraum. Wer was hält auf sich in der Stadt, der kauft dort seine Brötchen. Autos fahren an, Menschen raus, rein in den Bäckerladen, mit Tüten bepackt wieder raus. Die Regale mit den Auslagen leeren sich zusehends. Eines jener Wochenende, die den Menschen auf schmerzliche Weise suggerieren, dass es nie nie nie wieder etwas zu kaufen geben wird, wenn jetzt die Läden schließen. Immer wenn Gäste die Galerie betreten, raune ich Kollegin D. zu: „Wir sperren sie zu den Anderen.“ Der Spruch wird zum Running Gag. In unserer Phantasie entsteht ein riesiges Verließ unter den ehrwürdigen Galerieräumen, in dem sich nach und nach alle Kunstinteressierten der Stadt wieder finden. Und ich erzähle von dem englischen Spielfilm mit dem deutschen Titel „Hot Fuzz“ aus dem Jahr 200X, 2007 wahrscheinlich, in dem die Bürgerwehr eines kleinen englischen Städtchens alle, die auch nur irgend den Frieden des Idylls am Meer stören könnten, radikal umbringen. So gibt es auch ein Verließ, in dem die reisenden Bettler, die sich als lebende Statuen auf den Straßen präsentieren, gefangen gehalten werden. Napoleon neben Macbeth, Hamlet, allesamt weiß getünchte, hoffnungslose Kerle, wie man sie eben so sieht in den Fußgängerzonen dieser Tage.
Mittlerweile ist Kunstgruppenmitglied B. eingetroffen und natürlich habe ich sie begrüßt mit den Worten, „Wir sperren sie zu den Anderen.“ Ein älteres Paar betritt den Raum, tönt stolz, die Galerie sei ihnen empfohlen worden, und sie suchen ein Bild fürs Wohnzimmer. Etwas mit Toskana. Scheiße! Wir haben nur abstrakt. Das ist eine Kunstgalerie, bin ich versucht, sie wieder hinaus zu werfen. Toskana. Igitt. Kollegin B. wittert, dass ich mit den lieben Leutchen nicht zurecht komme, und dass wir auf eine kommunikative Katastrophe zusteuern. Spätestens, als die beiden Enttäuschten einlenken und sagen „… oder was mit Blümchen.“ B. wirft sich heldenhaft dazwischen, führt die „KunstliebhaberInnen“ durch die abstrakten Räume, während ich apathisch auf einen Zettel kritzele: „WIR SPERREN SIE ZU DEN ANDEREN.“ Verkaterte Künstlerin D. kriegt einen Lachanfall, den sie nur mit Mühe unterdrücken kann. Derweil parkt vor der Bäckerei gegenüber ein silbernes Auto mit SOLCH einer Schnauze. Laufender Motor. Unrasierter Kerl am Steuer, telefoniert. Wir handeln ab: Das Auto ist teuer. Der Kerl hat einen Minderwertikeitskomplex. Diagnose Männlein. Jetzt erhält er eine SMS, liest, ich scherze: „Sie beobachten Dich“. Er schaut sich um. Motor aus, raus aus dem Auto, rein in einen der leerstehenden Läden neben der Bäckerei. Kurze Zeit später, als würde man den Film rückwärtslaufen lassen raus aus dem Laden, rein ins Auto, Motor an, Telefonieren.
Diese Welt ist merkwürdig.
Was lerne ich an diesem Tag? Dass es nie genug Perspektiven geben kann. Ich habe bis zu dem Zeitpunkt die Welt klassifiziert in „vor der Bühne, hinter der Bühne, auf der Bühne“, eine einfache Künstlermorgenblütentraumwelt, in der es nur drei Kategorien von Menschen gibt: Publikum, SchauspielerInnen und KulturorganisatorInnen. An diesem Samstag erhalte ich einen Gratiseinblick in die Welt der KonsumentInnen und VerkäuferInnen. Das Bild von der Straße, auf der verzweifelt wie portugiesische Hunde die Meute der KonsumentInnen um die Einkaufsläden streunt. Und der hoffnungsvolle Blick aus den Schaufenstern nach draußen, dass sie den Laden stürmen, kaufen, kaufen, kaufen …
Die Straße ist tot. Die echte Welt ebenso. Es wird bald keine Läden mehr geben, in der Stadt. Es wird bald nur noch Menschen geben zu Hause vor ihren Computern, die Waren bestellen und die Kaste der Zulieferer wird es geben und seltsame Nerds, die sich Produkte ausdenken und noch seltsamere Leute, die irgendwo auf der Welt ein Volk versklaven, um den Schund zu produzieren … apathisch faselnder Herr Irgendlink am Rande des Wahnsinns.
Ich rette Erkenntnis: Die Anzahl der möglichen Betrachtungsweisen in der Welt ist schier unbegrenzt. Auf dem Heimweg durchquere ich ein Wohngebiet, in dem sie Sperrmül vor die Häuser räumen. Vor einem Haus Nummer 34 steht ein schönes Gemälde mit Pinien, Hügeln, ockerfarben verspielt mit Olivgrün und Himmelblau. Fast unversehrt, Acryl. Man kann das warme ionische Meer riechen. Seetang. gewitter liegt in der Luft. Es ist schwül. Kitsch! Ich könnte mir in den Hintern beißen. Das ist genau das, was meine KundInnen vorhin gesucht haben. Zweihundert Euro aufm Müll. Eine weitere Perspektive schleicht sich ein: wie wohl die Welt aus der Sicht eines Sperrmüllabfuhrmitarbeiters aussieht?

Massenverzweiflungstat SEO

Wie wird man eigentlich zum Urheber eines Wortes, zum Beispiel des Begriffs Massenverzweiflungstat? Und was nutzt es einem? Die Verrücktheiten der Suchmaschinenoptimierung persiflieren brilliant in diesem Artikel.

Der Tag war lang. In den Tiefen der Pixelwelt umher geirrt wie ein entlaufener Lobotomierter, ein faselnder Jack-Nicholson-Typ im Nachthemd. Ich bastele am Blog. Ich baue Poster, ich lade Filme auf Youtube. Es ist diese verflixte Zwischenreisephase, in der es zu viele Ziele gibt, zu viele Wege, zu wenig Geradlinigkeit. So findet man den Künstler morgens am PC im wahnvollen Suchen nach Verbesserungen für das Blog. Suchmaschinenoptimierung, Verbesserung eines ohnehin zufriedenstellenden Pageranks, Mehrung von Backlinks – ach wäre ich doch schon bei 12 Milliarden Backlinks und einem Pagerank von 10, ich könnte mich bequem zurück lehnen. Zwischendurch Überprüfung sämtlicher Webpräsenzen auf finanziellen Wert bei zweifelhaften „Isch-mach-dir-korrekt-Bewertung-Seiten“: alle x Präsenzen zusammen knapp 80.000 €. Ich bin reich! Juhuuu! Das ist natürlich hanebüchener Quatsch. Alleine irgendlink.de liegt bei über 10.000 €. Will’s jemand? Ne. Na also.

Der Webkacke kannst du nicht sooo weit trauen (und ich mache eine Handbewegung mit knapp zusammen gehaltenem Finger und Daumen, die, wenn man sie einem ausgewachsenen Kerl zeigt, eine rechte Beleidigung ist).

Es ist an der Zeit, das Haupt-Keywort für diesen Artikel, Massenverzweiflungstat, in einem Überschrift Klasse zwei Tag zu notieren.

Außerdem verlangt die ungeschriebene Fibel für SuchmaschinenoptimiererInnen, dass das Schlüsselwort, in diesem Fall „Massenverzweiflungstat“, ein paarmal in dem Artikel vorkommt. Zwei drei Prozent der Worte sollten also Massen-öhm heißen. Verflixt, musst Du Dir auch so komplizierte Schlüsselworte aussuchen? Suchmaschinen sind ja auch nur kleine pelzige Tier, wie meine heimische Katze, die mit der Schnauze im Dreck nach Wohlschmeckendem suchen. Massenverzweiflungstat muss ich ihnen auf einem porzelanenen Tellerchen servieren und hoffen, dass sie ausgehungert genug sind, das Ding zu fressen.

Jetzt wäre noch ein Bild zum Thema gut, in dessen Alternativ-Attribut man das Wörtchen notieren könnte. Verzweiflung. Schwitz … da ich ja soeben das Wort erfunden habe, das ich nicht mehr nennen möchte, weil zu oft in einem Artikel, Massenverzweiflungstat zu sagen (Tourette ein – Jehova, Jehova, Monty Python – Tourette aus) kommt einer singulär katastrophalen Verzweiflungstat gleich und wird so ganz und gar nicht von der Suchmaschine belohnt. Also, ein Bild muss her und das Schlüsselwort soll in das Alt-Attribut des Bild-Tags notiert werden (<img src=“bild.jpg“ alt=“massenverzweiflungstat“ /> oder so ähnlich, die WordPress Hochladesoftware erledigt das schon). Komme zu dem Schluss, dass es der Suchmaschine scheißegal ist, ob das Bild etwas mit dem Schlüsselwort zu tun hat und lade einfach irgendein Bild hoch, das mit dem Wörtchen, ihr wisst schon – Verzweiflung, schwitz – markiert wird. Hier das belanglose Bild:

Massenverzweiflungstat
Massenverzweiflungstat

Finale: Fipptehler finden in dem Artikel. Unbedingt ausmerzen! Gute Rechtschreibung (Duden), gutes HTML und CSS (wird vom WordPress-System erledigt) sind die Basis für gute Artikel.

Nachtrag: die Suchmaschinensoftware meckert und verlangt einen ausgehenden Link. Klicke hier, um den Film Ums Meer zu sehen – mit Ton.

Außerdem sollte der Titel des Blogeintrags über 40 Zeichen liegen und die Metaangaben bei Hundertnochwas – bla, blabla, bla bla …

Ein Tag im Twitter-Style – eine Menage a Cinques

Da hat sich das Blogbübchen wieder mal etwas ausgedacht: wie wäre es, wenn man beim Liveschreiben an jedem nur erdenklichen Ort stoppen würde und den Ideen freien Lauf ließe? Kurze Fetzen direkt gelebten Lebens, Fotos, Informationen, Notizen, Unreifes. Eine Menange a Cinques wie sie unverschämter nicht sein könnte.

Dass ich in meinem künstlerisch schreiberischen Wirken auf direktem Kurs in die gelebte Gegenwart bin, ist seit der literarischen Umrundung der Nordsee klar. Der Gegenwart dicht auf den Fersen. So lautet das Abenteuer. In „Ums Meer“ wurden die Liveblogartikel zeitversetzt, morgens nach dem jeweiligen Erlebnistag geschrieben. Trotzdem vermittelt das Buch den Lesenden einen gutes Livefeeling.

Gestern machte ich ein Experiment, mit dem ich mich noch ein paar Schritte an die Gegenwart herantasten möchte. Der Twitteraccount, den ich schon seit langer Zeit tot liegen habe, musste dafür herhalten. Ziel war, herauszufinden, wie sich das anfühlt, an jeder beliebigen Stelle einer Reise zu stoppen und das aufzuschreiben, was einem durch den Kopf geht. Wenn nix drin ist im Kopf, so beruhigte ich mich selbst, machste eben ein Foto. Ziel der Reise: der Saarlandrundradweg. Einstieg in Homburg, alle 2,5 Kilometer ein Foto der bereisten Strecke. Der Saarlandrundweg ist ein knapp vierhundert Kilometer langer Radweg rund ums Saarland. Ich hab ihn schon lange auf der Liste der zu erradelnden Strecken.

Nun folgt die Twitter Live Schreibe – an dieser Stelle möchte ich mich bei meinen drei Followern herzlich entschuldigen. Es muss schrecklich sein, alle halbe Stunde von einem Tweet belästigt zu werden. Jedoch, liebe Nachwelt, da musst Du genauso durch, wie durch die ersten rohen Liveschreibexperimente auf dem Jakobsweg. Ohne Anfang kein Ende.

Livereisetweet Nr. 1 Technik- und Methodentest: das Rad vorm Start. pic.twitter.com/J3RxvyRX

Das eingebundene Foto zeigt das Fahrrad mit dualer Stromversorgungslösung: Dynamo und Solarzelle laden die beiden Zusatzakkus, die das iPhone mit Strom versorgen. Die Aufregung ist groß. Obwohl ich im toten Twitteraccount nur drei Follower habe, bin ich mir bewusst, dass ich live am offenen Herzen der Literatur herum doktore. Ich stelle mir die Brüder Wright vor, wie sie mit ihrer selbst gebastelten Flugmaschine auf einen Hügel hinauf geackert sind und ihre ersten Flugversuche gemacht haben. Ohne sie könnte heute niemand nach Malle fliegen. Next Tweet.

Pixelmeißelei. Das ist es, was wir tun. Bauen Monumente aus Einsen und Nullen. Tasten uns langsam Richtung Endprodukt.

Geht mir schon lange im Kopf herum, dieser Spruch. Wenn die Gegenwart leer ist, lehrt der Liveschreibende, dann krame in den Tiefen der Vergangenheit nach halbwegs Verwertbarem und fülle sie. Ist wie Wege reparieren. Zu Teer gewordene Fossilien gemischt mit Split, festgewalzt.

Kirrberg durchradelt. Highnoonstiller Dorfmontag. Knallroter Scooter vor nem Haus Nr. 21. Hund kläfft nördlich. Via Rabenhorst n. Homburg.

Bei diesem Tweet bemerke ich, dass die Zeichenzahl limitiert ist, also abkrzn. was das Zeug hält. Bist hier nicht im Blog. Fasse Dich kurz, Mann.

Radelnd durch das Waldgebiet nördlich von Homburg hangele ich mich weiter durch Zeit und Raum. Über die Tweets

Eigentlicher Startpunkt des heutigen Urban Artteets: Saarlandrundweg Homburg. pic.twitter.com/An9PMSqP

und

Unbedingt Brille zum Twittern. Urban Arttweet. Country Arttweet? Kann eine Radeltour getwittert werden? Werde gegen den Uhrzeigersinn radeln

und

Alle 2.5 km ein Foto des Saarlandradwegs. Kunststraße oder Artline nennt sich das Konzept.

und

Bruchhof. Spätsommerradkappenwäsche und nichtartgerechte Haltung von Bauarbeitern. Der Artist in Motion fährt den Denkreaktor hoch.

und

Akribisch putzt Frau Blumenkasten. Installateur flucht im Duett. 7.5 km seit Homburg. Gutbeschildert im Wald pic.twitter.com/Xehk87nD

und

Jägersburg. Mann streicht Zaun. China Sack Reis. Müllabfuhr Gustavsburg.

und

Umkehrpunkt 12.5 km seit Homburg. Waldweg Richtung Höchen. Erstes Twitter-Liveschreibexperiment heute. Artist in Motion radelt nun retour

twittere und fotografiere ich Zwölfeinhalb Kilometer auf dem Saarlandradweg. Einer der letzten warmen Tage des Jahres. Ist das ein Anfang? Ist der Weg ins Tweeten, ergänzend zum Livebloggen der richtige? Ich stecke zu tief in der Materie, als dass ich mir ein Bild machen könnte. Ich bin zu sehr am Startpunkt, als dass ich den Endpunkt sehen könnte.

Abends surfe ich auf Youtube durch Jakobsweg-Filme. Überlege, im Winter wieder nach Santiago zu laufen. Ein Vergleich der alten Texte mit den Ums Meer Livetexten macht selbst mir, Teil des Systems, bewusst, wie sehr die Entwicklung voran geschritten ist. Wieso sollte nicht alles noch besser werden? Bzw. die Dinge können nur dann besser werden, wenn man sie auch angeht.