Das Telefon steht nicht mehr still. Wie Thaimassage trampeln die im Sommer gekündigten Anbieter – von was auch immer. Herr Irgendlink hatte im August in einer „Think like an animal – be like an animal“-Phase etliche Verträge gekündigt. Telefon, Internet, Versicherungen. Unnötiges Gelump. Nun besinnt sich der eine oder andere wohl seiner Kundendatei und drangsaliert. Es ist widerlich. Ein unausschlagbar günstiges Angebot jagt das nächste. Der Tiefpunkt konsumatorischer Abtrünnigkeit.
Freitags erlege ich ein Reh, Frontalzusammenstoß. Sofort tot. Nervige Behörden- und Versicherungstelefoniererei, Lauferei, Werkstattfahrerei. Blinker kaputt, Haare an der Stoßstange und dieses Bild im Kopf von dem noch warmen Tier im Straßengraben mit umgedrehtem Kopf. Mittwoch könnte „Untenst“ sein. Der absolute Tiefpunkt. Puls Hundertzwanzig, Blutdruck wie Drumochter-Summit bei vollem Gepäck hochradeln. Bei einfacher Bürotätigkeit und am Telefon immer wieder Nein kreischend. Schlechtwetter für mehrere Wochen in Aussicht. Das meine ich im übertragenen Sinn. Es gibt nur eins: wenn dein Körper bei stinknormaler Büroarbeit so tut, als sei er auf sportlichen Hochtouren, lass alles stehn und liegen, rufe ein letztes Nein in den Telefonhörer, beantworte sämtliche E-Mails mit Nein und setz dich aufs Radel. Ziemlich kühl. Runter in die Stadt. Das sind etwa 100 Höhenmeter, fünf Kilometer vom einsamen Gehöft entfernt wuseln dreißigtausend Seelen. Die Winterluft tut gut. Es riecht nach Schnee. Im Westen zeigt der Horizont einen rötlich-blassen Streifen. Beim Amt werfe ich einen Umschlag in den Nachtbriefkasten, radele zum größten Adventskranz der Welt, der ausgerechnet in unserer Stadt stehen soll. Nichts ist bewiesen und hinter vorgehaltener Hand berichten die Leute von anderen größten Adventskränzen, so dass es anmutet wie die Klassifizierung für verschiedene Altersgruppen beim Volkslauf: UNSER größter Adventskranz geht in der Klasse „Echte Tannenzweige mit Gaslampen“ ins Rennen und hält mit sagen wir mal 8,50 Metern den Rekord, während es woanders einen mit 7,50 Metern Durchmesser gibt, dafür mit Wachskerzen. In Wolfsburg, sagt jemand, habe man auf vier Hochhäusern Lichter aufgestellt, die einen Adventskranz aus Beton vorgaukeln, zig Meter hoch und mehrere hundert Meter voneinander entfernt.
Die Stadt und ihr pulsierendes Weihnachtswesen dringt nur schemenhaft durch den Panzer aus Sorgen. Das Radeln tut gut. Rüber zum Discounter, Brot, Käse, Butter, das Nötigste. Vor der Tür torkelt ein Besoffener, dem die verpisste Hose in die Knie hängt, Rosé vom Billigsten in der Hand. Der Mann tut mir so leid, dass ich ihm ein paar Euro in die Hand drücken möchte für noch mehr Wein. Der torkelnde Beweis für den finalen Tag des Maya-Kalenders.
Im Markt fließen die zukünftigen Habseligkeiten einer nicht sehr gepflegten Frau durch die Scannerkasse. Plötzlich sagt sie „Stopp! Wieviel?“ „Zwoundvierzig Siebenunddreißig“ liest die Kassiererin. „Lassen sie den Adventskalender mal weg“. Eine Frauenzeitschrift und weitere Kleinigkeiten. „Und jetzt?“ „Einundvierzig Achtundneunzig“. Erst allmählich rafft sie, dass der Storno des Kalenders den Preis wieder reduziert hat. Mit Kalender kommt sie auf Vierundvierzig-Nochwas. Kassiert massig Treuepunkte, packt ein, geht zur Tür. Der Typ hintendran ist schnell fertig. Ob er Treuepunkte will? Nö. „Die hätten sie doch der Frau schenken können“, mische ich mich ein. Aber die Kassenklappe ist schon wieder zu. Zue Kasse, keine Punkte. Dann ich. Ein Treuepunkt und die vom Vormann nehme ich auch noch mit. Drücke der Vierundvierzig Nochwas die Punkte im fahlen Licht der Parkplatzlaterne in die Hand. Wie ein Kofferraumgeschäft, eine Szene wie in French Connection. Die Verfolgungsjagd ist unhollywoodesk. Der torkelnde Rosétrinker ist verschwunden.
Der Tag war ziemlich beschissen wegen der Behördengänge und der Telefonbelästigungen und dem Reh, aber hey, ich hab ’nen Rucksack voller Essen und ein grundrenoviertes Fahrrad, einen hundert Meter hohen Berg vor mir. Wie Watte dämpfen die abgeräumten Felder der Saarpfalz die Trostlosigkeit der Vorweihnacht.
Wichtig – mündlicher Vertrag
Schottland
Bilder vom Nordseeradweg
In der nachfolgenden Galerie einige weitere Kunstfotos vom Nordseeradweg. Als Basic-Print (9x9cm) in erstklassiger Qualität zum günstigen Preis (15€, Lieferung innerhalb zwei Tagen) erhältlich, oder als Fotoabzug in ebenso erstklassiger Qualität in Größen bis 30×30 cm (150€) erhältlich (Lieferzeit zwei Wochen). Zuzüglich Verpackung und Versand.
Anfragen an irgendlink(at)t-online.de
Alle Bilder sind signiert, mit Koordinaten und Ortsbeschreibung versehen – nach den noch rohen Regeln des Appspressionismus wird der Künstler signieren, was gewünscht ist.
Die Reise auf dem Nordseeradweg und die damit einher gehenden Liveberichte in diesem Blog sind als appspressionistisches Kunstwerk der ersten Stunde anzusehen. Die angefügten Fotos sind das Gerippe, das von der Kunstaktion übrig geblieben sind.
Alle Fotos sind appspressionistische Hipstamatic-Aufnahmen.
Männer allein zu Haus
Einer Statistik zu Folge ist die häufigste Todesursache bei Männern Genickbruch durch Ausrutschen auf einer schleimigen Masse zwischen Tisch und Spülbecken in der heimischen Küche. Meist geschieht es nach dem Mittagessen, wenn die Frau in Kur ist oder im Krankenhaus.
Anfang Mai 1982, irgendwo in der Eifel
Kiwis Onkels hätten da ein Grundstück, auf dem wir zelten können übers Wochenende. Also satteln wir die Böcke, wie wir unsere Motorräder cool nennen, und tuckern die ein- zweihundert Kilometer in das kleine Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Die Onkels wohnen zu zweit in einem schlecht isolierten Häuschen mit Holzofen. Als wir ankommen, stehen alle Fenster und Türen auf. Qualm strömt raus. Brennt das Haus? Es riecht nach verbranntem Fleisch. Die beiden wollten uns zum Essen einladen. Es hätte Hühnchen gegeben. Wir sind fürs Lagerfeuer auf der Wiese zum Glück bestens ausgestattet. Spätestens, als ich das Badezimmer betrete, um auf die Toilette zu gehen, wird mir klar, dass das Haus nicht wegen des verbrannten Huhns stinkt. Der Fußboden klebt. Jeder Schritt klingt wie Klettverschlussöffnen. Das Klo lädt alles andere, als zum Sitzen ein. Eigentlich müsste man ein Schild drüber hängen: Bitte im Stehen scheißen. Beim Pinkeln den Klodeckel hochklappen könnte lebensgefählich sein, ohne Handschuhe. Das Waschbecken ist so dreckig, dass man sich beim Zähneputzen unweigerlich übergeben muss. Schlimmer noch. Wenn man sich übergeben hat, merkt man nicht, dass das Becken noch schmutziger geworden ist. Das dreckigste Klo Schottlands, das ich Jahre später in dem Film Trainspotting kennenlernen soll, ist ein Superreinraum gegen dieses Haus. Das Huhn liegt auf dem Küchentisch, damit sie die zentimeterdicke, verkohlte Kruste abschneiden, um das durchgarte Fleisch im Kern herauszupulen. Das Angebot, dass wir im Haus übernachten können, falls es auf der Wiese zu kalt sein sollte, lehnen wir vehement ab.
Es gibt Überlebende von dieser Expedition.
Männer haben keine Chance. Kaum erwachsen, unter den Fittichen der Mutter hervor gekrochen, begeben sie sich in die Obhut starker Frauen, die ihnen den Haushalt führen. Der Umgang mit Spüllappen und Putzeimer ist ihnen nicht vertraut. Wenn die Frau für mehr als zwei Tage außer Haus ist, droht ein unglaubliches Chaos.
Blacky
Ich brauch deine Hilfe, sagt Bruno. Du musst mitkommen, mir ein Seil um den Bauch binden, vor der Tür warten und zuhören, wie ich zähle. Wenn du meine Stimme nicht mehr hörst, betritt auf keinen Fall den Raum, verstehst du mich, was auch passiert, nicht reinkommen. Zieh einfach am Seil und halte dich bereit für Herzmassage und künstliche Beatmung.
Während der Einführungswochen für den Zivildienst hatten wir in einem Crashkurs die nötigsten Notfalltechniken gelernt. Bruno arbeitete seither in der Krankenhausküche und ich an der Pforte. Blacky war in regelmäßigen Abständen Gast in der Inneren Medizin, weil man seine Blutwerte in den Griff bekommen musste. Diabetes, Alkohol, Zigaretten und harte Drogen hatten seinen kaum vierzig-jährigen Körper aus dem Takt gebracht. Die Ärzte schlossen Wetten ab, wie lange er durchhalten würde. Ihn zu einem gesünderen Leben zu animieren hatten sie längst aufgegeben. Bruno war einer seiner wenigen Freunde. Deshalb bat Blacky ihn ab und zu, ein paar Dinge aus seiner Wohnung zu holen. Wohnung ist zu viel gesagt. Blacky lebte in einem Kuhstall mit winzigen Stallfenstern, feucht, beheizt durch einen winzigen Ofen, dessen Rohr durch ein Fenster nach draußen ragte. Die Stalltür war immer unverschlossen. Zum einen gab es nichts zu holen, zum anderen war das Betreten der Bude lebensgefährlich, wenn man Brunos verschmitztem Lächeln glauben konnte. Ein düsteres Loch. Schimmelgeruch, eine alte Werkbank war der Wohnzimmertisch. Pornohefte auf dem Boden und schmutzige Wäsche. Kein Aschenbecher, stattdessen Kippen und Asche überall, Jointreste. Heiligste Trophähe war eine Korkpinnwand voller Spritzen neben einem verblassenden Kunstdruck Landschaft im Herbst. Dartspiel eines Schwerkranken.
Jetzt
Ich verlasse eine Küche, in der seit einigen Tagen ein gewisses Chaos herrscht. Aus Ermangelung einer sauberen Suppenkelle hatte man beim Füllen der Teller einfach aus dem Topf geschüttet, was nicht kleckerfrei möglich ist. Deshalb klebt der Küchentisch vor Suppe und das Zeug ist auch auf dem Boden gelandet. Es wäre eine Schande, das direkt aufzuwischen, weshalb es sich mit jedem Schritt in der Bude verteilt. Beim Wegräumen des Geschirrs in die Spülmaschine muss ich an die Begegnung mit Kiwis Onkels vor dreißig Jahren denken. Unbewusst streife ich die Schuhsohlen auf dem Fußabstreifer ab, als ich das Haus verlasse.
Ich beschließe, diese Geschichte zu schreiben … und mache eine Reise durchs Mann-allein-daheim-Land.
Bruno könnte noch in dieser Geschichte vorkommen und etliche Männer, deren Namen ich um keinen Preis nennen darf; ihnen sei gesagt: nie war es schlimmer, als bei Kiwis Onkels. Welch schwacher Trost.

























