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In der nachfolgenden Galerie einige weitere Kunstfotos vom Nordseeradweg. Als Basic-Print (9x9cm) in erstklassiger Qualität zum günstigen Preis (15€, Lieferung innerhalb zwei Tagen) erhältlich, oder als Fotoabzug in ebenso erstklassiger Qualität in Größen bis 30×30 cm (150€) erhältlich (Lieferzeit zwei Wochen). Zuzüglich Verpackung und Versand.
Anfragen an irgendlink(at)t-online.de
Alle Bilder sind signiert, mit Koordinaten und Ortsbeschreibung versehen – nach den noch rohen Regeln des Appspressionismus wird der Künstler signieren, was gewünscht ist.
Die Reise auf dem Nordseeradweg und die damit einher gehenden Liveberichte in diesem Blog sind als appspressionistisches Kunstwerk der ersten Stunde anzusehen. Die angefügten Fotos sind das Gerippe, das von der Kunstaktion übrig geblieben sind.
Alle Fotos sind appspressionistische Hipstamatic-Aufnahmen.
Einer Statistik zu Folge ist die häufigste Todesursache bei Männern Genickbruch durch Ausrutschen auf einer schleimigen Masse zwischen Tisch und Spülbecken in der heimischen Küche. Meist geschieht es nach dem Mittagessen, wenn die Frau in Kur ist oder im Krankenhaus.
Kiwis Onkels hätten da ein Grundstück, auf dem wir zelten können übers Wochenende. Also satteln wir die Böcke, wie wir unsere Motorräder cool nennen, und tuckern die ein- zweihundert Kilometer in das kleine Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Die Onkels wohnen zu zweit in einem schlecht isolierten Häuschen mit Holzofen. Als wir ankommen, stehen alle Fenster und Türen auf. Qualm strömt raus. Brennt das Haus? Es riecht nach verbranntem Fleisch. Die beiden wollten uns zum Essen einladen. Es hätte Hühnchen gegeben. Wir sind fürs Lagerfeuer auf der Wiese zum Glück bestens ausgestattet. Spätestens, als ich das Badezimmer betrete, um auf die Toilette zu gehen, wird mir klar, dass das Haus nicht wegen des verbrannten Huhns stinkt. Der Fußboden klebt. Jeder Schritt klingt wie Klettverschlussöffnen. Das Klo lädt alles andere, als zum Sitzen ein. Eigentlich müsste man ein Schild drüber hängen: Bitte im Stehen scheißen. Beim Pinkeln den Klodeckel hochklappen könnte lebensgefählich sein, ohne Handschuhe. Das Waschbecken ist so dreckig, dass man sich beim Zähneputzen unweigerlich übergeben muss. Schlimmer noch. Wenn man sich übergeben hat, merkt man nicht, dass das Becken noch schmutziger geworden ist. Das dreckigste Klo Schottlands, das ich Jahre später in dem Film Trainspotting kennenlernen soll, ist ein Superreinraum gegen dieses Haus. Das Huhn liegt auf dem Küchentisch, damit sie die zentimeterdicke, verkohlte Kruste abschneiden, um das durchgarte Fleisch im Kern herauszupulen. Das Angebot, dass wir im Haus übernachten können, falls es auf der Wiese zu kalt sein sollte, lehnen wir vehement ab.
Es gibt Überlebende von dieser Expedition.
Männer haben keine Chance. Kaum erwachsen, unter den Fittichen der Mutter hervor gekrochen, begeben sie sich in die Obhut starker Frauen, die ihnen den Haushalt führen. Der Umgang mit Spüllappen und Putzeimer ist ihnen nicht vertraut. Wenn die Frau für mehr als zwei Tage außer Haus ist, droht ein unglaubliches Chaos.
Ich brauch deine Hilfe, sagt Bruno. Du musst mitkommen, mir ein Seil um den Bauch binden, vor der Tür warten und zuhören, wie ich zähle. Wenn du meine Stimme nicht mehr hörst, betritt auf keinen Fall den Raum, verstehst du mich, was auch passiert, nicht reinkommen. Zieh einfach am Seil und halte dich bereit für Herzmassage und künstliche Beatmung.
Während der Einführungswochen für den Zivildienst hatten wir in einem Crashkurs die nötigsten Notfalltechniken gelernt. Bruno arbeitete seither in der Krankenhausküche und ich an der Pforte. Blacky war in regelmäßigen Abständen Gast in der Inneren Medizin, weil man seine Blutwerte in den Griff bekommen musste. Diabetes, Alkohol, Zigaretten und harte Drogen hatten seinen kaum vierzig-jährigen Körper aus dem Takt gebracht. Die Ärzte schlossen Wetten ab, wie lange er durchhalten würde. Ihn zu einem gesünderen Leben zu animieren hatten sie längst aufgegeben. Bruno war einer seiner wenigen Freunde. Deshalb bat Blacky ihn ab und zu, ein paar Dinge aus seiner Wohnung zu holen. Wohnung ist zu viel gesagt. Blacky lebte in einem Kuhstall mit winzigen Stallfenstern, feucht, beheizt durch einen winzigen Ofen, dessen Rohr durch ein Fenster nach draußen ragte. Die Stalltür war immer unverschlossen. Zum einen gab es nichts zu holen, zum anderen war das Betreten der Bude lebensgefährlich, wenn man Brunos verschmitztem Lächeln glauben konnte. Ein düsteres Loch. Schimmelgeruch, eine alte Werkbank war der Wohnzimmertisch. Pornohefte auf dem Boden und schmutzige Wäsche. Kein Aschenbecher, stattdessen Kippen und Asche überall, Jointreste. Heiligste Trophähe war eine Korkpinnwand voller Spritzen neben einem verblassenden Kunstdruck Landschaft im Herbst. Dartspiel eines Schwerkranken.
Ich verlasse eine Küche, in der seit einigen Tagen ein gewisses Chaos herrscht. Aus Ermangelung einer sauberen Suppenkelle hatte man beim Füllen der Teller einfach aus dem Topf geschüttet, was nicht kleckerfrei möglich ist. Deshalb klebt der Küchentisch vor Suppe und das Zeug ist auch auf dem Boden gelandet. Es wäre eine Schande, das direkt aufzuwischen, weshalb es sich mit jedem Schritt in der Bude verteilt. Beim Wegräumen des Geschirrs in die Spülmaschine muss ich an die Begegnung mit Kiwis Onkels vor dreißig Jahren denken. Unbewusst streife ich die Schuhsohlen auf dem Fußabstreifer ab, als ich das Haus verlasse.
Ich beschließe, diese Geschichte zu schreiben … und mache eine Reise durchs Mann-allein-daheim-Land.
Bruno könnte noch in dieser Geschichte vorkommen und etliche Männer, deren Namen ich um keinen Preis nennen darf; ihnen sei gesagt: nie war es schlimmer, als bei Kiwis Onkels. Welch schwacher Trost.
Ein wohl gehütetes Geheimnis aus dem Lohntackersektor – Gott hab ihn selig – ist, dass das Betriebsklima miserabel war. Als einziger Mitarbeiter der Abteilung „Möbelwerkstatt“ ist mir das nicht aufgefallen. Nur, wenn ich zufällig in den Randbereichen der Abteilung agierte, spürte ich, wie mies die Atmosphäre in der Firma war, wie blank die Nerven lagen, wie sehr sich die Mitarbeitenden in den Bereichen Verkauf, Loungeaufbau, Veranstaltungstechnik untereinander zankten, mobbten, einander das Leben schwer machten. Das war letzten Frühling. Die Loungemöbelfabrik ist pleite. Eine Erlösung für die Mitarbeiter.
Ein „zehn-Jahre-herer“ Job bei der Post führte zu den Laderampen der Gesellschaft. Hintertüren. Geschäftsabwicklungen. Dunkle Schleusen des Warenstroms. Ein riesiger amerikanischer Supermarkt. Betrunkener Lagerist, dessen Nerven so blank lagen, dass er in einer einzigen Arbeitsminute so viel Gift unter die Mitmenschen sprühte, dass eine Arbeitsstelle in dem Markt wie die Vorstufe zur Hölle anmutete.
Kürzlich gewährte man mir einen Blick hinter die Kulissen eines Gartencenters. Mobbing, Schikane, Nervenzusammenbrüche, garniert mit neurotischen Kaninchen, an denen das miese Betriebsklima in dem knapp vierzig Seelen-Betrieb nicht spurlos vorüber ging. Schlimm ist die Welt – und kalt – und leer. (Sing es zu düstren Rhythmen).
Der gestrige Besuch bei einem Elektromarkt erinnerte mich an die Zeit an den Laderampen. Nur, dass ich als Kunde an der Vordertür auftauchte. Umtausch einer Ware. „Was stimmt damit nicht!“, beschuldigt mich die Inquisitorin am Tresen. Typ Tussi. Lustlos. Eine Kollegin gesellt sich zu ihr und sie unterbricht die Anklage für ein Schwätzchen, werkelt am Computer, nimmt zwei Telefongespräche an, notiert miesepetrig meine Adresse, druckt einen Zettel, den ich unterschreibe. Sie wirft zwei Geldscheine auf den Tresen und verabschiedet sich kalt. Niewieder-Monstermedienmarkt.
„Da liegt ein Rucksack neben dem Tresen“, sage ich zum Abschied.
„Na und?“
„Es könnte eine Bombe drin sein.“
Ein schemenhaftes Bild von der Miesepetrokratie formt sich. Die Herrschaft der Miesepeter und -petras. Wie sich das Gift der schlechten Laune mit atommüllgleicher Langzeitwirkung von den Laderampen durch den Verkaufsraum bis zu den Kassen, quer durch alle Abteilungen, in die Verwaltung, letztlich überall in der Gesellschaft ausbreitet.
Vor der Tür schimpft ein Mann mit seinem Hund. Mit einer Hebebühne wird die Weihnachtsbeleuchtung in der Geschäftstraße gehängt. Ein kniender Bettler starrt mich an. Ich bin ein Jahrzehnt entfernt von der Arbeit an den Laderampen. Wie eine tropische Inselparadieswelle hat sich die schlechte Laune bis zur Kundenpforte ausgebreitet.