Miesepetrokratie

Ein wohl gehütetes Geheimnis aus dem Lohntackersektor – Gott hab ihn selig – ist, dass das Betriebsklima miserabel war. Als einziger Mitarbeiter der Abteilung „Möbelwerkstatt“ ist mir das nicht aufgefallen. Nur, wenn ich zufällig in den Randbereichen der Abteilung agierte, spürte ich, wie mies die Atmosphäre in der Firma war, wie blank die Nerven lagen, wie sehr sich die Mitarbeitenden in den Bereichen Verkauf, Loungeaufbau, Veranstaltungstechnik untereinander zankten, mobbten, einander das Leben schwer machten. Das war letzten Frühling. Die Loungemöbelfabrik ist pleite. Eine Erlösung für die Mitarbeiter.

Ein „zehn-Jahre-herer“ Job bei der Post führte zu den Laderampen der Gesellschaft. Hintertüren. Geschäftsabwicklungen. Dunkle Schleusen des Warenstroms. Ein riesiger amerikanischer Supermarkt. Betrunkener Lagerist, dessen Nerven so blank lagen, dass er in einer einzigen Arbeitsminute so viel Gift unter die Mitmenschen sprühte, dass eine Arbeitsstelle in dem Markt wie die Vorstufe zur Hölle anmutete.

Kürzlich gewährte man mir einen Blick hinter die Kulissen eines Gartencenters. Mobbing, Schikane, Nervenzusammenbrüche, garniert mit neurotischen Kaninchen, an denen das miese Betriebsklima in dem knapp vierzig Seelen-Betrieb nicht spurlos vorüber ging. Schlimm ist die Welt – und kalt – und leer. (Sing es zu düstren Rhythmen).

Der gestrige Besuch bei einem Elektromarkt erinnerte mich an die Zeit an den Laderampen. Nur, dass ich als Kunde an der Vordertür auftauchte. Umtausch einer Ware. „Was stimmt damit nicht!“, beschuldigt mich die Inquisitorin am Tresen. Typ Tussi. Lustlos. Eine Kollegin gesellt sich zu ihr und sie unterbricht die Anklage für ein Schwätzchen, werkelt am Computer, nimmt zwei Telefongespräche an, notiert miesepetrig meine Adresse, druckt einen Zettel, den ich unterschreibe. Sie wirft zwei Geldscheine auf den Tresen und verabschiedet sich kalt. Niewieder-Monstermedienmarkt.

„Da liegt ein Rucksack neben dem Tresen“, sage ich zum Abschied.
„Na und?“
„Es könnte eine Bombe drin sein.“

Ein schemenhaftes Bild von der Miesepetrokratie formt sich. Die Herrschaft der Miesepeter und -petras. Wie sich das Gift der schlechten Laune mit atommüllgleicher Langzeitwirkung von den Laderampen durch den Verkaufsraum bis zu den Kassen, quer durch alle Abteilungen, in die Verwaltung, letztlich überall in der Gesellschaft ausbreitet.

Vor der Tür schimpft ein Mann mit seinem Hund. Mit einer Hebebühne wird die Weihnachtsbeleuchtung in der Geschäftstraße gehängt. Ein kniender Bettler starrt mich an. Ich bin ein Jahrzehnt entfernt von der Arbeit an den Laderampen. Wie eine tropische Inselparadieswelle hat sich die schlechte Laune bis zur Kundenpforte ausgebreitet.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

6 Gedanken zu „Miesepetrokratie“

  1. ich glaube, das hängt einfach damit zusammen, dass wir nicht so leben, wie wir sollten. keine artgerechte haltung mehr. wir halten uns selbst nicht artgerecht.

    wie ich gestern im mahlstrom des abendstoßverkehrs zu freundin l. tuckerte, im schritttempo zwischen zwei orten, die zwischen ihr und mir liegen, dachte ich: wenn alle dann zur arbeit fahren könnten, wenn sie wollen, gäbe es diese doofen allabendlichen staus nicht. der verkehr wäre viel besser verteilt, die leute würden motivierter zur arbeit gehen. sie würden lieber aufstehen, weil sie die uhrzeit mitbestimmen könnten. sie würden lieber leben. sie wären glücklicher.

    die glücksmaries und -marios der neuen zeit, wo sind sie?

    danke für deinen text!

  2. Tse,tse, tse – was ist das denn für eine miesepetrige Sicht der Dinge? Es ist doch alles eine Frage des Blickwinkels. Wenn ich durch die Stadt gehe, zeige ich dir mit einem Lächeln ganz andere Dinge, weil mein Focus vermutlich ein ganz anderer wäre. :-)
    Je mehr Raum ich dem gebe was mir nicht gefällt, umso mehr Raum nimmt es sich und erdrückt mich irgendwann. Also konzentriere ich mich auf das Positive in der Welt. Schlechte Laune verbreitet sich nur, wenn man sich anstecken lässt.

    Wer bei jedem Rucksack auf dem Tresen sofort an eine Bombe denkt, wird irgendwann einer begegnen. Stimmts, oder habe ich Recht. *mbg*

    Liebe Grüße, Szintilla

    1. Szintilla, Du hast sooo recht. Ich bin heilfroh, dass heute nix von Bombenunglück in der örtlichen Presse stand. Ich lasse mich nicht von den Miesepetern beeinflussen. Ich stelle nur fest. Seit zig Jahren schon. Der Bericht aus dem Innern des Gartencenters hat mich bestürzt. Er stammt von meiner Schwester. Das Klima dort muss miserabel sein. So dass auch Kaninchen durchdrehen.
      Kûrzlich habe ich im Haushundhirschblog einen liebes Tagebuch Clown Kanibalismus Kommentar geschrieben. Nur zur Info, für die Clownaffine in Dir.

  3. Ganz allgemein betrachtet ist das Klima fühlbar schlechter geworden, das Leben aber auch hektischer und für viele unglaublich viel schwerer geworden. Natürlich schlägt sich das auch auf den Umgang miteinander nieder. Im Arbeitsleben hat jeder Angst um seinen Job, es wid gemobbt und was weiß ich … Mein Postjob ist ebenfalls viele Jahre her, ich schaute auch hinter viele Fassaden und die Hintertüren kenne ich also auch. :-)
    Aber gerade deshalb gilt es das Positive herauszustellen, ihm mehr Gewicht zu geben, um die Balance aufrecht zu halten, eben damit ängstliche Kaninchen nicht durchdrehen.

    Liebe Grüße in das nahende Wochenende, Szintilla

  4. Also, als ich neulich gegen Abend am Sonntag durch die Stadt ging, war mir auch die Mischung aus Langeweile und schlechter Laune aufgefallen. Vielleicht könnten sich Leute mal überlegen, was man machen könnte, das Spaß macht und schlechte Laune vertreibt.

  5. Gründe für all das, was du beschreibst, gibt es viele, Soso nennt welche, aber ich denke auch an die Selbstbestimmung bei dem was man arbeitet überhaupt. Das Hamsterrad hat sich über eine Gesellschaft gelegt, die noch in den siebziger Jahren auf dem Weg des Mitspracherechts und vielem mehr war. Arbeitslosigkeit wurde als Damoklesschwert über den Arbeitshimmel gelegt, die einen kuschen, weil sie Angst vor ihrem Stellenverlust haben, die anderen spielen mit, aber mit schlechter Laune und … und wieder andere brechen aus, leben bescheiden und wollen nichts mit dieser krankmachenden Alletagewelt zu tun haben, so wie ich zum Beispiel. Das Lebn hält noch genügend andere Herausforderungen bereit, nur leider nicht sooo viele Nischen, dass jede und jeder diesem Weg folgen könnte, wenn er, sie denn den Mut dafür überhaupt hätte.
    Ansonsten mag ich mich Szintilla anschließen, der Blickwinkel machts auch!

    liebe Grüße zu dir hin auf den Berg
    Ulli

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