Der Wille zur Angst

Konzeptkünstler R., mein alter Freund und Kunstkollege hat einmal gesagt: „Wenn die Menschen keine Angst mehr hätten, würden sie auch nicht mehr krank werden und sie würden auch nicht sterben.“ das erinnert ein bisschen an den amerikanischen Journalisten und Autor Prentice Mulford, der eine ähnliche Theorie hatte.
Und auch ich beschäftige mich mit dem Gedanken, während ich heute, meist alleine, von Los Arcos in die ca. 150.000 Seelen-Stadt Logoroño laufe. Anfangs lenkt mich noch Shijatsu-Mann Thomas von meinen kleinen Alltagssorgen ab. Wir reden auf dem topfebenen Stück bis Sansol über Energieflüsse und er erzählt mir etwas über den menschlichen Körper, Meridiane und natürlich über den Camino und all die seltsamen Typen hier. Pilgertratsch meets Philosophie. Nebenbei muss ich immer wieder an mein stechendes linkes Knie denken und mache mir Sorgen, dass es schlimmer wird. In dem Dörfchen Sansol trennen wir uns. Ich packe die D 300 aus und screene die Straßen, den mobilen Fischhändler fotografiere ich, der gerade bimmelnd durch die Straßen fährt. Ich habe Lust auf Räucheraal, aber es gibt nur Rohes. Hoch zur Kirche, die wie fast alle Kirchen in den Dörfern am Weg den höchsten Punkt bildet. Am Dorfende zeigt ein Schild noch 20,3 km bis Logoroño. Ich will das iPhone auspacken und ein HDR Bild machen, kann es aber nicht finden. Adrenalinschub. Alle Jackentaschen sind offen. Es muss mir bei meinen Streifzügen durchs Dorf rausgefallen sein. Panisch den selben Weg zurück, Nase am Boden wie ein Spürhund. Ich schaue unter alle Autos, sogar die drei Meter hohe Wand bei der Kirche schaue ich hinab in eine dornige Wildnis, frage Müllmänner, alte Herren und Frauen. Niemand hat den Kleinstcomputer gesehen. Zurück bis zum Ortsschild, wo ich das letzte Bild gemacht habe. Das Telefon bleibt verschwunden. Auf einer Bank auf dem Dorfplatz setze ich den Rucksack ab, durchwühle ihn, leere alle meine Hosen- und Jackentaschen. Nichts. Finde Dich mit dem Verlust ab, denke ich. Niedergeschlagen. Ziehe die Jacke aus, um die Taschen erneut zu durchsuchen. Nichts. Als ich völlig entmutigt die Jacke wieder anziehe, um orientierungslos weiter zu laufen, spüre ich das Telefon im rechten Ärmel. Da, wo ich es manchmal reinstecke, wenn ich es schnell griffbereit haben will. Über all den Trouble hat sich mein Knieschmerz gelegt. Und mir kommt der Gedanke mit der Angst. Dass sie das, wovor man Angst hat erst ins Leben ruft: Angst vor Rückenschmerzen, lässt einen sich unbewusst Rückenschmerzen vorstellen und der Körper folgt unbewusst dem Geist und verkrampft sich. Knieschmerz dito. Und mit dem Tod ist es in gewisser Weise so ähnlich. Wenn man dran denkt, bestimmt er das Leben. Denkt man nicht daran, kommt er irgendwann und man ist tot, ehe man etwas merkt.
Vielleicht haben Mulford und Konzeptkünstler gar nicht so unrecht.
Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn das iPhone verloren gewesen wäre. Es gibt dieser Reise für mich nichtgläubigen, sportlich und kulturell uninteressierten Menschen einen Sinn. Ich muss diese Frage irgendwann beantworten: würde ich diese Reise auch dann machen, wenn ich nicht livebloggen würde, ja nicht einmal Kunst schaffen und fotografieren?

5 km Abschied.
Kurz vor Viane sitzen Jan und Jost, die beiden Slovenier in einem Olivenhain. Ganz verdrossen erklären sie mir, dass sie nach Hause wollen. Sie sind miserabel ausgerüstet und haben nicht genug Geld. Ich biete ihnen 150 € an, mit der Auflage, dass sie es in 20 Jahren bedürftigen Jungs zurück zahlen, die, so wie sie unterwegs sind. Aber sie lehnen ab. Mir wird klar, dass es nicht nur das Geld ist, sondern, wie ich so auf ihre abgewetzten löchrigen Schuhe schaue: vor allem die Ausrüstung ist ein Problem. Sie bräuchten jeder mindestens 500 € für eine bessere Ausrüstung. Und mit nur 150 € kommen sie höchstens eine Woche weit. Wir tauschen Mailadressen und sie wünschen mir Buen Camino. Die fünf km bis Viane, von wo sie den Bus zum Flughafen Santiago nehmen, treffen wir uns noch ein paar Mal. Einmal schenken sie mir Schuhimprägnierung. Ein Andermal erzähle ich ihnen von meiner kürzesten Langstreckenradtour, die ich je hatte. Nach Gibraltar im November 1990, nur einen Tag. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich sehe die beiden noch jetzt vor mir, wie sie ein Reben bewachsenes Tal hinunter laufen nach Viane und aus Jans iPod kommt der Beatles-Song „‚Let It Be‘.
Nun für satte 10€ in der neuen Pilgerherberge in Logroño am Plaza Antigua de Torros. Laura wieder getroffen. Shijatsu-Spezialist Thomas durfte wegen des Hundes nicht hier übernachten. Theoretisch wäre noch ein Schweizer Pilger hier, aber er liegt mit Bauchschmerzen im Krankenhaus. Nur sein Rucksack lehnt am Bett.
Dafür hat sich der stinkende Verrückte am anderen Endes des 60 qm Raums einquartiert. Ich entdecke das Stinkmanns-Dilemma, das hoffentlich irgendwann in die Liste berühmter Dilemmata aufgenommen wird: auf dem Pilgerweg wird der stinkende Mann immer deine Geschwindigkeit bestimmen. Versuchst du vor ihm zu laufen, läufst du automatisch schneller, als du willst. Hältst du dich hinter ihm, musst du langsamer laufen, als du willst. Es gibt kein Entrinnen.

Frühstück

Schreibs groß: FRÜHSTÜCK. Und Brot, schreibs groß ofenfrisches, dunkles BROT mit echten Körnern. Und Butter, schreibs groß: MARGARINE.
Gerade verlässt der stinkende Mann im Kampfanzug das Haus und sein trauriger, verlorener Blick trifft mich. Ich kann ihm genausowenig dauerhaft böse sein wie dem Arschlochpilger von Zariquiegui vor ein paar Tagen. Die Reue spaziert immer mit.
Ort: noch Casa de Austria in Los Arcos, mein Favorit aller bisherigen Herbergen.

Nachts spinnen, um zu überleben

2:11 Uhr. Zarte Gemüter sollten diesen Artikel überspringen. Gerade war ich auf der Toilette. Mein Knie scheint sich tatsächlich zu bessern. Ich muss vielleicht morgen zwei Etappen laufen bis nach Logroño. Viane überspringen, um dem brabbelnden Kerl mit dem Kampfanzug zu entrinnen. Den ganzen Abemd steht er im Flur oder läuft auf und ab in den engen, labyrinthischen Kammern der Herberge und stinkt. Zur Schlafenszeit fängt er laut zeternd ein Gespräch an mit einem schon dösenden 30-jährigen Spanier. Erst als ich „Pschschscht“ zische gibt er Ruhe und trollt sich ins Bett, Inständig bete ich, dass er die Schuhe zum Schlafen an behält. Tut er nicht sofort füllt sich der 3×8 m große 10-Bett-Raum mit einem stinkenden Stoff, den es auf dieser Welt gar nicht geben kann. Nicht flüssig noch gasförmig. So muss es sein, wenn man in mit Erbrochenem verdünnter Hundescheiße getaucht wird Als junger Mensch war ich Bauzeichner und musste in Abwasserkanäle klettern, machte Vermessungen in Kläranlagen und in einer Gelatinefabrik. Dem Geruch in der Gelatinefabrik, wo man mit Gabelstaplern glänzende weiße Schweineschmerbäuche über das Gelände karrte, kommt dieses Zimmer am nächsten. Ich darf nicht böse reden über diesen Menschen. Letztendlich wäscht er sich ja doch. Aus einer 100 ml Dose Deodorant sprüht er in geschwungener Handbewegung einen Sekundenbruchteil in den Raum Homöopathisches Waschen. Die Handbewegung ist übrigens exakt die selbe, die man machen muss, um das GPS eines iPhones zu kalibrieren. Ist der Mann etwa ein Liveblogger – oder ist das alles nur ein Experiment der NASA. Wir werden zu Astronauten ausdebildet. Die ersten Astronauten, die in der giftigen Atmosphäre des Mars leben können ohne Raumanzug. Das erklärt auch unser internationales Team. Umd das Rumpeln unter der Stadt: raketensilos wo sie die Triebwerke testen.
Noch immer warten wir auf den Psychiarter.

Showdown in Los Arcos

Seid bloß froh, meine Lieben, dass es kein Geruchsinternet gibt. Wenn man das 12 Bett Zimmer in der Casa Austria in Los Arcos betritt schlägt einem ein abscheulicher, säuerlicher Geruch entgegen. Wenn man den Raum nicht verlässt, gewöhnt man sich daran. Ein seltsamer spanischer Kerl steht in der Mitte des Massenlagers und nestelt an seinem Kampfanzug, führt Selbstgespräche, zieht seinen Schuh aus, beschimpft ihn und sticht mit dem Messer auf ihn ein. Thomas, der Kufsteiner Café-Besitzer und Shijatsu-Spezialist erzählt mir, dass der Herbergswirt jemanden angerufen hat, einen Psychiarter oder die Ambulanz, die sich des armen Besessenen annehmen sollen. Thomas erklärt mir auch einen Druckpunkt an der Innenseite meines rechten Ellenbogens, den ich massieren soll, um das Stechen im linken Knie zu mildern. Es scheint zu funktionieren. Jan und Jost, die armen Slovenischen Teufeli sind auch hier im Zimmer. Thomas hat zehn Euro zum Übernachtungspreis (je 7 €) zugeschossen und ich habe das Frühstück für sie spendiert (je 3€). Die japanische Herbergsmutter drückt mir drei abgegriffene Spielkarten in die Hand als Bon fürs Frühstück. Jan und Jost gebe ich die beiden Joker und behalte für mich den Kreuzbuben. Sie sind voller Dankbarkeit und werden nachher für uns in der Herbergsküche kochen. Gerade füttert mich Jost mit Mandeln, die sie unterwegs gefunden haben :-)
Kurz vor der Stadt treffe ich einen Japaner, der kaum Gepäck mit sich hat. Ihr glaubt kaum, was das für ein Hallo war, als er seine Landsfrau und deren Freundin in seiner Muttersprache begrüßt. Die Herberge hier ist das Kultigste, was ich bisher erlebt habe. Im Hof sind alle Wände bemalt und mit Sprüchen bekritzelt. International. Das Aufenthaltszimmer ist ein gemütlicher holzbeheizter Wohnraum mit Internet und Telefon. Bunte Wände wo man hinsieht. Ein verwinkelter zweistöckiger Bau, in dessen Innenhof auch Thomas‘ Hund ein Plätzchen findet. Da mag ich mal verzeihen, dass, wie man mir erzählt, der Raum kurz vor meiner Ankunft mit Wanzengift geflutet wurde.
Los Arcos selbst sieht ein bisschen so aus, wie ich mir Mexico vorstelle. Durch weitläufiges, kahles Land, auf dem sich Olivenhaine und Wintergerstefelder befinden kommt man in die totenstille Stadt. Der Geschmack von Showdown liegt in der Luft. Was fehlt sind Kakteen, rollende Büsche und eine Mundharmonika. Staub fehlt auch. Und der Typ, der mit seinem schneeweißen BMW über den Acker fährt, um die Saat zu prüfen, passt auch nicht ins Bild. Just, als wir durch die Hauptstraße laufen, fängt es an zu regnen. Ich erzähle meinem japanischen Begleiter von Mexico und dass ich es nur als Klischee kenne.
Diese Stadt ist höchst unheimlich. In unregelmäßigen Abständen geht ein Rumoren durch den Raum, als befände sich unter uns ein Bergwerk. Hinter den Häusern der Hauptstraße ragen zerklüftete Felsen und eben höre ich etwas quietschen, als drehe sich ein Windrad im Wüstenwind.
Zieh Django!