Ca. 3 Stunden Arbeit mit bestehenden Bildern aus dem Fotoarchiv meines iPhones. Vorwiegend abstrakte iPhoneografien.
Seitenvorbereitung mit Paintbook. Buchsatz und Datenübermittlung mit Photo-Druck App.
12 Seiten vierfarbig Digitaldruck. Heftbindung.
Kein Spaß
Wie gewohnt sonnig. Ich erhole mich langsam von dem Beinahe-Burn-Out. Es war tatsächlich knapp. Nicht gut, an die Lohnarbeit über einen Monat lang noch fünf Stunden Kunstschinderei zu hängen. Gelohnt hat es sich. Die Galerie sieht leer aus, seit ich die verkauften Bilder ausgeliefert habe.
Erst habe ich das mit dem Ausbrennen nicht bemerkt. Erst letzten Montag ist mir klar geworden, wie weit ich die Grenze überschritten habe. Alles geschah im Kopf. Und der Kopf war auch die Zentrale allen Dilemmas. Er war nicht mehr abzuschalten. Tag und Nacht das Geratter der Gedankenmühle, Termine, Ideen, Pflichten, gemischt in einer faden Suppe des sich Dahinschleppens. Ich jammere nicht. Ich habe nur einen Fehler gemacht. Ich habe zu viel gewollt.
Das Erschöpfungsproblem hat sich in zwei Dingen geäußert: Ich habe keine Freunde mehr angerufen. Und wenn sie mich angerufen haben, habe ich nicht zuhören können, so dass die Gespräche meist „Blablablabla“ und „mhm, ja, achso, dassss isss ja interessant“, verliefen. Für solche Art Kommunikation lohnt es sich eigentlich nicht, Mensch zu sein. Ich schäme mich dafür. Manchmal habe ich den telefonhörer gar nicht abgenommen, weil ich gesehen habe, dass jemand anruft, bei dem ein erhöhtes Maß an Konzentration nötig ist.
Das zweite Ding, an dem die Erschöpfungssache klar wurde ist: ich habe meine Gesundheit vernachlässigt. Den Zahnarzt nicht aufgesucht zum Beispiel. Die Idee, einen Termin zu machen, war Tag und Nacht da, aber ich habe sie nicht umgesetzt. Erst heute hab ich den finalen Anruf endlich getätigt. Die Assistentin setzt mir mit zwei möglichen Terminen gleich die Pistole auf die Brust: Mitte Oktober nachmittags oder jetzt. Ich entscheide mich für „Jetzt“, weil ich keine Angst vor dem Zahnarzt habe und weil ja die Erschöpfung endlich nachlässt.
Runter in die Stadt mit dem Fahrrad, was eine wahre Lust ist, bei dem schönen Wetter. Ich bin der Junge mit dem wehenden Haar, die Augenmaschine, die schnappschießend die Gegend durchstöbert. Amerikastraße 26, tolle Haustür, nigelnagel neues Einfamilienhäuschen, gelbe Klebebänder an Dunkelblau. Ich hab das Bild schon gestern gesehen, konnte es nicht knipsen, weil der Makler vor dem Neubau stand. Man will ja nicht auffallen. Heute kralle ich mir das, sage ich, nur noch 10 Minuten bis Zahnarzt. Düdelüdelüt, Film Vorspulen. Beim Zahnarzt, vor dem ich keine Angst habe, läuft alles wie am Schnürchen. Zu recht habe ich keine Angst, weil er zu der seltenen Gattung Zahnärzte gehört, denen man 100 Prozent vertrauen kann. Rein, raus, geröntgt und beraten. So keuche ich die Kreuzbergstraße hinauf mit dem Fahrrad, das sich nach Langstrecken sehnt, überhole einen telefonierenden Inder, begegne bei Haus Nummer 98 einem Glatzkopf mit Vollbart, der mir lachend entgegen ruft, „Kein Spaß“, ich ihn liebe, deswegen, wegen der Worte, wegen seines Grinsens, wegen seinem federnden Schritt und weil die Sonne so schön scheint. „Kein Spaß“, sag ich, hechel, hechel. „Umgekehrt isss bessa“. Kaum 100 Meter weiter wohnt Freund N. wuselnd in der Garage, so dass ich anhalte und ihm einen Gruß erbiete. Das wäre nicht möglich, wenn ich ausgebrannt wäre. Wir reden und ich kann mir merken, worum es geht. „Kein Spaß, den Kreuzberg hochzuradeln“, sagt er und ich erzähle ihm die Geschichte vom Glatzkopf von vor 100 Metern. Irgendwie macht es dennoch Spaß, bei der Sonne und ohne Verpflichtungen mit einem geheilten Zahn den Berg hochzuradeln.
Später beschließe ich, ins Leben zurück zu kehren zu all den Menschen, die mich sicher genau so lieben, wie ich den Glatzkopf mit dem feinen Lächeln von der Kreuzbergstraße 98. Ich will Freunde anrufen, die ich seit Monaten, Jahren, Menschengedenken nicht mehr gesehen habe und sie fragen, wie es ihnen geht.
Abends finaliere ich in der Dämmerung, indem ich acht dicke Kartoffeln schäle und neun lange Mohrrüben, zwei Zwiebeln und zwei SOLLLCHE Knoblauchzehen. Klein gehackt, an meinen koreanischen Camino-Freund Chaeuk denkend, brutzele ich das in der Pfanne und die SoSo und ich schlemmen wie HeldInnen in den Sonnenuntergang.
September Pervers
Montags diagnostiziere ich selbstherrlich BurnOut. Oder war es dienstags? Ich kriege das mit den Zeiten nicht mehr so hin. Vergesslichkeit, Wehleid, Kopfweh und Müdigkeit mischen sich zu einer grauen Suppe. Ausgelaugt, müde, leer, wieviele Wochen ohne Pause? Egal. Vorbei.
Herr Irgendlink! Ziehe eine Lehre!
Welche?
Gegen Abend erkenne ich die Schönheit der Welt zwischen zerquetschten Birnen auf der Landstraße, einem grünen Traktor mit SOLLLCHEN Reifen und einem roten nervigen Motorrad, das mit 120 Sachen an mir vorbei rast. Puls 120, die Stadt verlassend per Rad. Links geht die Sonne unter, vor mir das Graue Band, das niemals endet und rechts ist die Nachtseite dieser Welt. Sehnsüchtig starre ich nach rechts und die Solarzellen eines neu gebauten Maschineneschuppens brüskieren mich. Alles so blendend. Ihr seid schlimm, Menschen.
Heute ist viel geschehen. Ich habe das erste iDogma-Buch der Welt gestaltet. Innerhalb von drei Stunden, in denen ich eine Kunstausstellung für den örtlichen Kunstclub bewacht habe. Ehrenamtsidiot, ich. Aber immerhin: in den drei Stunden, in denen nur 6 BesucherInnen die Ausstellung sich angeschaut haben, habe ich ein kleines Büchlein von 12 Seiten gebastelt auf dem iPhone mit iPhone-Apps und es direkt ins Netz geschickt, ohne auch nur je eine Ansicht des Werkes auf einem größeren Monitor gesehen zu haben. „iDogma One“ heißt das Kunstwerk, welches 12 abstrakte Bilder zeigt, die ich in den letzten Tagen mit dem Telefon aufgenommen habe. Zweifellos ein Kunstwerk. Zweifellos legendär. Avantgarde ohnehin. Ich konnte dummerweise der neuen Gratis-App eines meiner Lieblings-Foto-Zeugs-Anbieter im WWW nicht widerstehen und habe schon seit zwei Wochen darauf gebrannt, endlich einmal ein paar ruhgige Stunden zu finden, um das erste iDogma Künstlerbüchlein mit 12 Seiten im Miniformat zu gestalten.
Ihr seht, der Herr Irgendlink, Müßiggänger der Herzen, hatte Stress. Wirklichen, echten, lebensbedrohenden Stress, der ihn montags in hypochondrischer Manie sogar verleitet hat, zu glauben, er sei ausgebrannt. Total.
Nun melde ich mich zurück in diesem Blog. Angeschlagen. Müde. Ausgelaugt. Tatendrängend dennoch.
Das Büchlein „iDogma One“ erkläre ich zum Unikat. Es hat Macken. Aber im Grunde fühlt es sich perfekt an. Wer es haben mag für, sagen wir mal 250 €? Eigentlich ein Spottpreis. 12 Seiten, ca. 10x15cm.
Doch. Ich denke, das mit dem unverschämten Preis ist richtig. Ich bin jung. Ich war tot. Ich brauche das Geld nicht.
Und Ihr seid genau so frei wie ich.
Ich war nie allein
Wach um 7-Uhr-perversfrüh. Ich liebe den Rhythmus von dieser Art der Zeitangabe. Man kann es zu einer stillen Melodie im Kopf summen: Soundsoviel-Uhr-perversfrüh shallalaa.
Ich fühle mich tot.
An Schlaf ist aber auch nicht mehr zu denken. Obwohl es möglich wäre, erst gegen halb elf in der Möbelwerkstatt aufzuschlagen, schäle ich mich aus dem Bett.
Im Kopf habe ich längst mit dem Bilder-rahmen begonnen. Mit der nächsten Ausstellung.
Apropos Kopf: ein bisschen Sorge bereitet mir das Hirn. Etliche Deja-Vues in Kombination mit unglaublicher Vergesslichkeit. Sind die Erinnerungslücken mit der derzeitigen, arbeitsmäßigen Überlastung noch vorstellbar, so empfinde ich die Deja-Vues als beängstigend.
Letzte Woche hatte ich die Idee für eine Geschichte: der Protagonist ist an Alzheimer erkrankt und lässt alle seine alten Freunde kommen, um in mosaikhafter Weise sein Leben zu dokumentieren. Eine Art Patchwork-Autobiografie. Arbeitstitel „Ich war nie allein“.
Ob es im imaginären Buch der Symptome die Kombination Deja-Vue und Vergesslichkeit gibt?
Ich muss unbedingt eine Liste meiner Weggefährten und -gefährtinnen anlegen. Für den Fall, dass es schlimmer wird mit der Vergesslichkeit.
Artikel per iDogma auf dem iPhone getippt. Morgens, 7-Uhr-pervers. Ihr wisst schon. Fipptehler lasse ich drin.
Irgendlink, der Bilder mag
Ich finde es gut, wie die Sonnenblume sich im Morgenlicht vom Schatten unter den Bäumen abzeichnet. Kaum 50 Meter nördlich. Ein schlankes Ding ohne Kopff. Aber schon bald wird eine Blüte sich bilden. Ich hoffe, sie übersteht den ersten Herbststurm. Mein Blick entlang der Hauswand des einsamen Gehöfts, wo auf der Treppe des Haupthauses mein Vater sich Socken anzieht, die Sandalen gegen Gummistiefel tauscht. Es geht besser heute, sagt er. Und was will man mehr. Die Butter auf dem großen Stück Knäckebrot vor meiner Nase glänzt in der Sonne so sehr, dass ich die Augen zukneife.
SoSo schiebt sich ins Bild und verdeckt Vater und Sonnenblume. Stellt ihren Joghurt auf den spiegelnden Alutisch. Heute ist Licht. In der Spiegelung sehe ich Ananas der Marke „truhgimlA“ von „nnamrhE“.
Bis drei Uhr nachts im Atelier geschuftet. Mir liegt das Bilder-rahmen. Ich sollte mir eine Stanze kaufen, Leisten, Kleber, viel Passepartoutpappe. Ich mag Bilder, egal, ob sie geschrieben sind, fotografiert oder gemalt.

