Nationalpark-Radweg | #UmsLand Bayern

Liege im Zelt auf dem Rücken. Schaue in die Apsis. Die Sonne hebt sich aus dem Morgen. Ganz wie ich es gestern berechnet hatte, scheint sie über den Mühlbach zwischen den beiden Birken hindurch direkt aufs Zelt. Nachttau verdunstet. Die ersten Käfer verirren sich die Zeltwand hinauf ins – für sie wohl fraktale – Gewinde des fremden Universums, das sich über ihren Höhlen wie aus dem Nichts aufgebaut hat. Ob die Insekten dieses Universum erkunden? So wie ich Bayern? Ob sie eine Vorstellung von dem haben, worin sie sich befinden, wo die Grenze ist, wo der Ausweg, wo das Zurück?

Der Mühlbach plätschert gegen das Zischen der Bundesstraße an, die um die Frühstückszeit deutlich an Wucht gewinnt.

Die gestrige Etappe von der Šumava oberhalb Finsteraus über Mauth, Spiegelau und vorbei an Frauenau führte sehr oft an dieser Straße entlang. Dieser oder einer anderen Straße, die wie scharfe Klingen am feinen Hals des Naturidylls und Nationalparks Bayerischer Wald liegen. Hier die Straße, das Gezeter, der Dieselruß und jenseits meines fast immer ungeteerten Radwegs dichter, naturbelassener Wald. Abgebrochene Bäume. Felsen, Tümpel. So als habe Gott als kleines Kind hier gespielt und nicht aufgeräumt.

Was heißt nicht aufgeräumt? Was aufgeräumt bedeutet, liegt ja im Auge des Betrachters.

Ist das, was der Mensch gesäubert und aufgeräumt hat, der erstrebenswerte Zustand? Parzellierung, Aufteilung, Grenzen ziehen, Verbote aussprechen, Gesundes in zwei Hälften teilen mit der scharfen Teerklinge namens Fernstraße absolut naiv annehmen, dass daraus zwei Gesunde entstehen?

Die Narbe sind wir selbst, die wir immerzu von A nach B wollen – und das schnell und ohne ausgebremst zu werden.

Von der ehemaligen Zonengrenze rausche ich über Finsterau hinab ins Tal, stets auf einem schmalen Teerweg im Wald, vorbei an einem Freilichtmuseum. Das Museum ist zwar um halb zehn schon geöffnet, aber das Café, nachdem ich mich sehne, macht erst um 12 Uhr auf. Weiter abwärts bis kurz vor Mauth. Der Nationalparkradweg ist sehr gut beschildert, würde mich an Mauth vorbei durch den Wald führen.

Eine junge Frau erzählt mir, dass in Mauth an diesem Sonntag Markttreiben ist. Ein Umzug zieht durchs Dorf. Oben bei der Kirche gebe es auch ein Gasthaus und eine Konditorei. Konditorei, Kuchen, lecker.

Einen halben Zweibrücker Kreuzberg schwitze ich hinauf ins noch morgenverschlafene Dörfchen, doch der kommende Umzug wirft schon seine Schatten voraus. Vor der Feuerwehr bei der Kirche haben sich schon einige Menschen versammelt. Dirndln und Lederhosen. Es gibt sie tatsächlich. Das ist nicht nur ein Bayernmythos. Ich erlebe die Menschen in ihrem Festtagsstaat.

Als ich bei der Konditorei ankomme, völlig außer Puste, kommt gerade der Chef heraus, hält inne, magst an Kaffee. Jaaa. lechze ich. Da schließt er noch einmal auf, versorgt mich mit Kuchen und Apfeltasche und einer riesigen Schale Milchkaffee. Er ist selbst Radler, sagt er, und da weiß er wie das ist, wenn man außer Puste vor verschlossener Tür steht. Offiziell öffnen sie erst um 12 wegen des Umzugs und des Markttreibens. So, jetzt aber schnell schnell, so geht er nach Hause, um seine Festkleidung anzuziehen, während ich bloggend die Außenterrasse hüte.

Nach Mauth findet man am Nationalparkradweg nichts Besonderes. Nur Waldwege, keine einzige Parkbank auf den zwanzig Kilometern bis Spiegelau. Ein sanftes Auf und Ab unter dem Knirschen der Reifen auf Waldwegekies. Vermutlich haben die Planenden des Nationalpark-Radwegs eine Koombination aus Forstwegen und Loipen meist entlang der Straße mit Radwegeschildern versehen.

Einzig das Nationalpark-Zentrum am Lusen, etwa zur Mitte zwischen Mauth und Spiegelau ist eine kleine Ablenkung. Baumwipfelpfad. Restaurants, viele Leute. Würstchen kaufen, essen, rumlungern, beobachten, danach ist mir. Aber die Schlange beim Imbiss ist ewig lang, so dass ich weiterrolle, vergeblich auf der Suche nach einer Parkbank zum einfach nur Rumliegen und in die Wipfel starren.

Erst gegen Spiegelau gibt es wieder von Menschen für Menschen gemachte Areale. Ein Lauschplatz mit riesigem Trichter, durch den man in den Wald hinein lauschen kann. Eine Weile ruhe ich an einer Fichte hockend – auch hier keine Parkbank – und übertrage die Daten vom Smartphone auf den USB-Stick. Muss auch mal sein, Datensicherung. Von Spiegelau tosen Lautsprecherstimmen durch den Wald. Die Waldakustik ist wirklich berauschend. Ganz besonders. Ich kann es nicht beschreiben. Als würde man in einem riesigen Fass stehen und der Ton bricht sich zigfach. Ich verstehe nicht, was die Lautsprecherstimmen sagen. Aber als ich gegen 15 Uhr den Ortsrand von Spiegelau streife, kommen mir hunderte Menschen entgegen. Die Feuerwehr regelt den Verkehr. Was ist das? Volkslauf? Nahahaein, sagt ein Feuerwehrmann, ein Footballspiel. Football wie Football frage ich, ja, Football. Dann habt ihr hier eine Footballmannschaft? Jahahaha.

Trotzdem radele ich weiter, obschon so eine Show mit typisch Football, so wie ichs mir vorstelle, bestimmt ganz interessant wäre. So etwas habe ich noch nie gesehen und im Bayerischen Wald auch nicht erwartet.

Jenseits von Spiegelau ruhe ich auf einer Parkbank ein wenig, schließe die Augen. Ein Bus donnert vorbei und noch einer und noch einer in regelmäßigem Takt. Der Nationalpark wird nicht nur behütet wie ein Augapfel, er wird auch reguliert für den Tourismus erschlossen. Es muss sich wohl um die Ringbuslinie handeln, die ab Spiegelau zum Baumwipfelpfad und zu den Bergen Rachel und Lusen führt. Immer wenn ein Bus vorbeifährt auf der zwanzig Meter entfernten Teertrasse, vibriert der Boden wie Turnhallenboden, so weich, wie Torte aus Teer.

Weiter gehts nach Frauenau, also eigentlich an Frauenau vorbei, das unterhalb meines Forstwegs namens Nationalpark-Radweg liegt. Erst in Oberfrauenau finde ich ein Restaurant direkt am Weg, gönne mir ein Essen, weil Sonntag ist, lade die Powerbank, die sich dummerweise in der Satteltasche eingeschaltet hatte und sich in den letzten zehn Tagen selbst entleerte.

Der Forumslader kommt die letzten Langsamtage auch nicht nach mit Laden. Ich kriege ein Stromproblem.

Eine Pension oder ein Campingplatz wäre gut. Nein, wir vermieten keine Zimmer, sagt der Gastwirt, aber da unten, Zwiesel, da hats Campingplätze.

So radele ich als schweren Herzens abwärts (’niemals an Höhe verlieren!’) und quartiere mich auf dem Campingplatz Green Village, direkt am Kleinen Regen ein.

Wenn dies mein Universum ist, so wie die doppelte Zeltwand das Zufallsuniversum zahlreicher Käfer geworden ist, und wir alle nach einem Ausweg suchen, so wo ist dann mein Ausweg? Zwischen den sonnenbeschienen Zeltplanen immer Richtung Licht, gibt es da auch noch andere Wege, frage ich mich, nicht zuletzt im Hinblick, dass ich während dieses Abschnitts nie und nimmer die Runde um Bayern zu Ende bringen kann. Ich muss irgendwann abbrechen, aussteigen, zur Erde zurückstürzen, in den Alltag zurückkehren, um neu zu beginnen. So – wo gehts hier raus?

Die Antwort fließt wohl direkt neben meinem Zelt, oder sie tutet warnend vom Schienenstrang.

Ich beschließe, einen Tag Pause einzulegen und einen Abstecher per Bus und Bahn ins Nationalparkzentrum zu machen.

Bordelle, Tand und schöne Lande | #UmsLand Bayern

Hin und wieder bezeichne ich die Kreuzbergstraße in meiner Heimatstadt Zweibrücken als steilste Straße der Stadt. Sie führt fast schnurgerade vom Herzogplatz und dem alten Brauereigelände hinauf auf den Kreuzberg, auf dem sich die Fachhochschule der Stadt befindet. Ich weiß nicht genau, wieviel Prozent Steigung die Straße hat. Mit einem größeren als dem ersten Gang, kann ich sie jedenfalls nicht hinaufkurbeln. Das kurze Stück Straße überwindet eine Höhe von etwa 80 Metern und im weiteren Velauf kommen noch einmal etwa 40 Höhenmeter hinzu, bis ich mich von der Innenstadt hinaufgeschuftet habe nach Hause. Unterwegs in der Fremde radelnd nehme ich gerne den Zweibrücker Kreuzberg als Maß für die zu überwindende Steigung.

Am gestrigen Morgen, erinnere ich mich schmerzlich, habe ich mit Gewissheit mindestens drei Zweibrücker Kreuzberge in den Schenkeln, als ich nach 13 Kilometern von meinem Wildzeltplatz auf der Wiese des Landwirts, der mit einer Remscheiderin verheiratet ist, das Ende des Donau-Wald-Radwegs in Jandelsbrunn erreiche. Inständig bete ich unterwegs, dass der Folgeradweg, der Adalbert-Stifter-Radweg ein Bahntrassenradweg ist. Und zwar ein richtiger Bahntrassenradweg, nicht Zahnrad. Mit höchstens drei, vier Prozent Steigung, Tunneln und Brücken …

Haidmühle, etwa anderthalb Stunden später. Jackpot. Der Adalbert-Stifter-Radweg führt tatsächlich auf einer alten Bahntrasse geschwungen stets gleichmäßig steigend aufwärts. Dritter Gang ist mein zweiter Vorname. Einfach ist es nicht, aber erträglich. Und die Landschaft durch Fichtenwälder, hoch auf dem Bahndamm über die vorbeilaufenden Dörfchen blickend, ist ein Genuss.

Adalbert Stifter, dem der Radweg gewidmet ist, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts hier im Böhmerwald geboren. Auf einem Themen-Wanderweg erfährt man auf etlichen Schautafeln, die mit Zitaten Stifters garniert sind, allerlei über den Künstler, Literaten und Pädagogen. Dass er Kunst und Literatur schuf, begeistert mich insofern, als es auch genau mein Genre ist. Schon dichte ich ihm kurbelnd über den Kies des Radwegs eine Art Urvaterschaft des Appspressionismus an, ein Mensch, der die Mittel seiner Zeit nutzte und kreativ kombinierte und dabei ein künstlerisch-literarisches Gesamtwerk schuf.

Was wohl, wenn Stifter unsere heutigen Mittel zur Verfügung gehabt hätte, Smartphone, Kommunikation, multiple Apps, mit denen er sich nach Belieben eine Schreib- und Malpalette zusammenstellen könnte und im Hintergrund ein robustes Blog als Mittel des künstlerischen Ausdrucks?

„Waldtraktor steht hinter Waldtraktor, bis einer der letzte ist und den Himmel, nein den Baum, abschneidet, denn der letzte ist ein fieser Harvester …“ verhonepipele ich ein Adalbert-Stifter-Zitat. Vielleicht hätte er es gemocht?

In Haidmühle führt ein Teerweg bis zur Grenze, kurz vor der Grenze ein Parkplatz. Mit dem Auto darf man da nicht durch. Es geht nur zu Fuß oder per Rad nach drüben.

Der Parkplatz ist rege belegt und ich sehe schon warum. Menschen mit Plastiktüten und Zigarettenstangen kommen mir entgegen. Drüben befindet sich neben einem Bahnwagen, in dem ein Café-Imbiss ist auch ein Shop und etwas weiter eine Pension mit Restaurant. Die Leute schwappen herüber, um billig zollfrei einzukaufen.

Es hat etwas Schmuddeliges. Wie Männer, die sich aus Sexshops herausschleichen mit anonymen Tüten voller Wasweißichs.

Ein tschechischer Radler klärt mich ein bisschen auf, ich solle ein Bier trinken hier. Er prostet mir mit einem bauchigen, fast kugelrunden Glas zu. Die kalte Moldau sei dies hier. Ein Hochland, umringt von Fichtenwäldern, weit geschwungen, darin die alte Bahnlinie und ein winziger Bachlauf.

Von der Bahnlinie gibt es nur noch einen Kopfbahnhof, der beim Kiosk liegt und einen Fetzen alter Bahnlinie direkt an der Grenze. Die kürzeste internationale Bahnstrecke der Welt (siehe Bild im Blogartikel zuvor). Transportsfahrzeug ist eine winzige Dampflok. Die Schienen sehen marode aus.

Weiter gehts durch Tschechien auf der Šumava-Tour, so zumindest ist sie im Internet ausgewiesen. Tatsächlich folge ich etwa dreißig Kilometer den Schildern des Eurovelo 13. Einzige größere Siedlung am Weg ist Strážný, ein ehemaliger oder gar immernocher Skiort, der aber nun ein Billigtandkundentrampelpfad geworden ist. Wunderbare, seltsame Waren von Körben über Gartenzwerge, Blechzeugs, Kunststoffmissratenheiten bilden ein Spalier des unwiderstehlich Günstigen. Dazwischen Zigaretten, Alkohl, Parfüm und auch ein, zwei Bordelle.

Gut dreißig Kilometer führt die Šumava-Tour entlang der Grenze durch Niemandsland und Bäume. Auch hier gehen mir der eine oder andere Zweibrücker Kreuzberg in die Knochen.

Am Abend lande ich wildzeltend auf 1100 Metern Höhe auf einer offen gelassenen Kuhweide zwischen riesigen Felsbrocken, Moos und viel Stille.

Ich schätze, dass ich etwa 1000 bis 1200 Höhenmeter geradelt bin. Zum Mittelpunkt Bayerns sind es 160,4 Kilometer.

Auf dem Donau-Wald-Radweg ins Dreiländereck | #UmsLand Bayern

Murmelnder kleiner Bach hinterm Zelt. Man habe Flusskrebse darin angesiedelt, sagt mein Host für diese Nacht. Der Bach speise seine Fischteiche, die direkt unterm Wald an der österreichischen Grenze liegen. Ein bisschen weiter, dort unten, die Kapelle, die ist schon in Österreich. Brauchst noch irgendwas?, fragt der Mann. Mit dem Firmentranstporter parkt er auf der Wiese, dort wo mein Fahrrad steht, dort wo ich das Zelt aufbauen darf. Er war neugierig und kam noch einmal zurück, um meine Geschichte zu hören. Zuvor hatte ich ihn angesprochen, als er noch mit dem Traktor die weitläufige, mehrere Hektar große, frisch gemähte Wiese beackerte. Obs denn ein Platz fürs Zelt gäbe. Ja freili! Um Zeltmöglichkeiten muss man sich hier im Dreiländereck nordöstlich von Passau wahrlich keine Sorgen machen. Wiesen so weit das Auge reicht zwischen Wäldern, meist Nadelgehölz, so weit das Auge reicht. Dazwischen wie mit impressionistischem Pinsel dahin getupft einzelne Gehöfte. Kaum befahrene Sträßchen.

Viele Stunden zuvor erreiche ich Passau auf dem Innradweg, der ab Neuburg über einen holprigen, verwurzelten Waldweg führt, vorbei an riesigen, glazialen Felsgebilden. Hie und da sind Kletterstrecken eingerichtet. Spuren von Haken sichern die Routen, die teils an der glatten Wand hinauf führen. Unten fließt ruhig der Inn, stürzt sich kurz vor Passau über ein finales, vielleicht sechs bis zehn Meter hohes Wehr mit Getöse auf Donauniveau.

Passaus Altstadt liegt auf der Spitze zwischen dem Zusammenfluss. Auf der anderen Donauseite mündet noch die Ilz. Welch faszinierender Dreiklang von Flüssen, denen allen noch deutlich das Hochwasser der letzten Tage anzusehen ist.

Einen Stadtspaziergang lasse ich mir nicht entgehen, durch teils nur meterbreite Gässchen. Von der hoch frequentierten Straße gehts schiebend Richtung Dom. Da, ein goldenes Dacherl. Ist das echt, frage ich die Bedientochter des Restaurants, das sich im Gebäude der ehemaligen ‚Goldenen Waage‘ eingerichtet hat. Ja freili. Blattgold. Wie in Innsbruck. Das kleine, runde Vordächlein hängt hoch genug, dass niemand es mitnehmen kann.

Eine Stadtführung. Knappes Dutzend Menschen in Motorradkluft, die aufmerksam der Touristenführerin zuhören, die die Geschichte der Wiegestation erzählt.

Auf dem Marktplatz hinterm Dom wird das ganze Ausmaß des Touismusführungsrudellaufs offenbar. Noch mindestens drei weitere geführte Gruppen tummeln sich. Wenn ich nur geschickt zwischen den einzelnen Führungen hin und her lausche, und den meist weiblichen Führerinnen – teils auf Deutsch, teils auf Englisch – gut zuhöre, kann ich mir die Geschichte Passaus in Windeseile draufschaffen, mein Tourismusführer-Diplom machen und für immer hier bleiben.

Schon schlägt mein clowneskes Hirn Kapriolen und denkt sich, ich könnte auch die Führung mit dem Passau-Wissen in Zweibrücken machen. Die Idee einer Fake-Touristentour mit völlig frei erfundenen Geschichten – natürlich öffentlich bekannt, ohne Verarsche – schwebt mir schon länger vor. Tourismusführung im Postillon-Stil.

Die englische Gruppe nähert sich. Die Führerin spricht mich an, Sie mit ihrem schweren Radl, was machen Sie? Where are you heading today, what’s your mission usw. Sehr gut. Baue spontan Dinge und Menschen in dein Programm ein, die normalerweise nicht in der Stadt vorkommen, die nicht zum Programm gehören. Das würzt die ganze Chose perfekt ab.

Zum Glück trage ich mein UmsLand/Bayern-T-Shirt mit Tourplan und Umriss meines Vorhabens. So skizziere ich kurzerhand mein Vorhaben, zeige aufs T-Shirt, look, here we are now. Last year I did this, fom Rossenbüarg ob the Tauber, you know, to Lake Constance. One week ago I started here, passed the alps – ihre Augen folgen meinem Finger auf dem T-Shirt – and now, Pässau. Am writing a book about Bavaria, füge ich noch nonchalant hinzu.

Woher sie denn kommen? America. California, präzisiert eine Frau.

Und schwupp weiter im Gemahle zwischen Touristenführungen und Caféterrassenalltag zu Füßen des gerade in Renovierung befindlichen Doms. Man baut den Dom barrierefrei, erzählt mir später ein Radler, der sein Sportdreirad mit Handkurbeln bedient. Kilometerweit folgt er meinem Windschatten am nicht sehr schönen Donauradweg bis fast nach Obernzell, barrierefrei macht man den Passauer Dom. Für Hörgeschädigte, Rollstuhlfahrer und Blinde.

Die engen Gassen unter dem Dom sind ein akustischer Genuss, zumindest dort, wo keine Autos fahren dürfen. Es herrscht vermutlich eine Akustik ähnlich wie die Gerüche auf einem orientalischen Markt (bzw. so, wie ich mir die Gerüche auf einem orientalischen Markt vorstelle: üppig, unendlich reich und vielfältig).

Ab Obernzell biege ich auf den Donau-Wald-Radweg ein, der das steile Donautal nordwärts verlässt. Am Grießenbach führt eine konstant steile unbefestigte Trasse bergauf. Erster Gang. Verflixt. Das ist keine normale Bahnstrecke, diagnostiziere ich, das sind mindestens sechs Prozent Steigung. Nicht enden wollend. Über zahlreiche Treppen im Abstand von wenigen Metern stürzt der Bach und rauscht und stürzt.

Ein altes Muttchen spaziert vor mir her. Ich kann sie nicht einholen. Zu oft muss ich das Radel stoppen, verschnaufen, und was solls, ist ja schön hier. Schäfchenweiden, Jungvieh. So niedlich. Hie und da schwätze ich mit Passantinnen und Passanten. Liebkose mich dementsprechend den Berg hinauf und stehe in Untergrießbach doch tatsächlich vor einem großen Edeka-Markt. Mit Café. Mit Kaffee. Mit Erdbeerkuchen. Mit Sitzgelegenheit.

Ich hatte im Dreiländereck eigentlich nichts erwartet außer ein Gasthaus hie und da, vielleicht einmal ein Dorfladen, der von vier bis sechs auf hat, aber keine großen Lebensmittelversorger.

Auch in Wegscheid, Kilometer später, sehr hoch gelegen auf über 700 Metern, gibt es alles, was die Radlerbübcheninfrastrukturphantasien sich erträumen. Einkaufen bis acht, Kuchen essen usw.

Aber hart erschwitzt. Der Donau-Wald-Radweg führt auf und ab und die Steigungen sind fast grundsätzlich kaum fahrbare Erster-Gang-Steigungen. Nach der ehemaligen Bahnlinie folgen kleine Sträßchen. Nur ein, zwei winzige Stücke von ein paarhundert Metern auf stärker befahrenen Straßen.

Die österreichische Grenze ist nah. Manchmal gibt es Beschilderungskonflikte mit der ähnlich verlaufenden Zwei-Länder-Radroute. Gut, dass ich den GPS-Track auf dem Smartphone habe.

Nun sitze ich im Zelt am Waldrand neben dem Bächlein, in das man Krebse ausgesetzt hatte und das den Fischteich meines Hosts speist, schreibe diese Zeilen, koche Kaffee und lausche dem Surren der Heuwender, die sich des weitläufigen Wiesengeländes annehmen.

Jandelsbrunn, mein gestriges Tagesziel ist noch etwa 12 Kilometer entfernt. zum Mittelpunkt Bayerns – ich kann es nur immer wieder gebetsmühlenhaft erwähnen, irgendwo zwischen Ingolstadt und Nürnberg – beträgt die Distanz 179,4 Kilometer Luftlinie.

Wie Tennis aus Sicht des Balls | #UmsLand Bayern

Augen zumachen und sich voll und ganz auf das Konzert der Natur konzentrieren. Dabei schön die gerade Linie halten, ruhig pedalieren und das Knacken der Reifen auf dem Kiesweg als Hintergrundmusik hinnehmen. Das wärs. Nicht!

Der Weg ist schmal und rechts und links geht es steil die Dammkrone hinab. Rechts würde man mitsamt Radel und Gepäck direkt im Inn landen, links käme man mit etwas Glück unversehrt nach etwa zwanzig Metern auf einem anderen Kiesweg zum Stehen. Über viele Kilometer stört kein unnatürliches Geräusch auf dem Inndamm. So etwas findet man selten. Der Radweg führt durch Auenwälder, meist Weiden, Schilf und Tümpel. Vogelstimmen, Froschgequake. Leise murmelt der Fluss, der noch immer Hochwasser hat. Manchmal stört ein Flugzeug das Konzert.

Die gestrige Etappe führte bis auf wenige Orte – Simbach ist einer davon – abseits der Zivilisation. Normalerweise können mich solche ebenmäßig geplanten Dammradwege ziemlich anöden, aber dieser hier ist anders. Ist es sein Friede, den er ausstrahlt oder liegt es daran, dass die letzten Tage in den Bergen so heftig waren, dass ich dieses friedvoll dahin treibende Stück Radweg einfach nur genieße? Wie nach langer abenteuerlicher Tour wieder mal einen Tag auf dem heimischen Sofa sitzen?

Wie auch immer.

Die österreichische Grenze ist nah. Gegenüber Simbach liegt Braunau. Der markante Kirchturm ragt hoch hinter den Weiden am Fluss. Baustelle. Bagger. Zwischenlärm.

Wem es zu langweilig wird auf dem Damm, der kann auf andere Radwege ausweichen, die auf kaum befahrenen Sträßchen durch die Dörfchen führen. Es lohnt sich. Kirchen, Cafés, winzige Dorfläden. 

So lasse ich mich gestern fast achtzig Kilometer Richtung Passau treiben und die Entscheidung, ob ich den ‚Rücksturz zur Erde‘ mache und mich ab Passau auf dem Donauradweg zurück Richtung Schweiz oder der heimischen Pfalz mache, oder ob ich weiter radele wie geplant, scheint nachmittags sonnenklar: natürlich weiterradeln!

Heute Morgen, nachdem ich im Garten privat bei Gerhard, dem Theatermacher, untergekommen war, ist die Frage wieder ganz offen. Ein Teil von mir sagt, radele unbedingt weiter, du weißt, wie schwer es ist, nach einer Pause in eine schon begonnene Reise wieder einzusteigen.

Ein anderer Teil aber sagt, machs wie der Berliner (siehe in den Blogartikeln zuvor), lass dich treiben. Wirds zu steil oder irgendwas sonst passt nicht, passe deinen Kurs an.

In Neuburg sitze ich in der Bushaltestelle im Schatten, schreibe diese Zeilen. Jemand mäht Gras. Autos brummen vorbei. Gummi auf Kopfsteinen. Ein Bus. Der Fahrer beäugt mich, ob ich ein Gast bin, der mitfahren will, bemerkt das Radel, rollt langsam vorbei. Die Blicke der wenigen Gäste kleben an mir. Fast wie beim Tennis bewegen sich die Hälse. Nur, dass es nicht der hin und her flitzende Ball ist, dem die Blicke folgen, sondern der da sitzende – ja was macht der Typ denn da? – Radler und das Publikum ist es, das sich bewegt und weshalb die Hälse … für mich ist das wie Tennis aus der Perspektive des Balls.

Der Lärm nervt. Wenn man einmal den Nichtlärm gehört hat. Noch etwa zehn Kilometer bis Passau (wo es übrigens entgegen aller Antworten aller Passantinnen und Passanten, die ich fragte, doch einen Campingplatz gibt. Es ist ein Kanuklub-Camping an der Ilz, den kaum jemand kennt, verriet mir Gerhard. Irgendwie erinnert mich das an die Paddler von Ulm bei denen ich im ersten Tourabschnitt, letzten Sommer zeltete).

In einer halben Stunde weiß ich, welche Wendung meine Tour nimmt.

Bis zum Mittelpunkt Bayerns bei Kipfenberg sind es heute 157,8 Kilometer.

Sinnierend, konzentrisch kurbelnd auf dem Mühleneselspfad | #UmsLand Bayern

Ich darf Euch ein Geheimnis verraten. Meine Route rund um Bayern habe ich einem Webportal zu verdanken namens ‚Bayernnetz für Radler‘. Dort sind alle relevanten Radwege des Freistaats gelistet und man kann sich im Detail anschauen, von wo nach wo sie verlaufen und wie das Höhenprofil ist, was es am Rande der Route zu sehen gibt, wo man unterkommt. Ich habe die grenznächsten Radwege herausgepickt und die fehlenden Stücke händisch ergänzt, so dass ein Umriss zustande kam, der dem Umriss der bayerischen Landesgrenzen täuschend ähnlich sieht. Den Rest ließ ich offen. Kein Höhenprofil (das jagt einem nur Angst ein), keine Unterkünfte (wie sollte ich auch wissen, wann ich wo bin, wenn ich kein Höhenprofil kenne und nicht weiß, ob ich an dem Tag fünfzig oder hundert Kilometer schaffe), Sehenswürdigkeiten habe ich mir ein paar notiert, aber auch hier verlasse ich mich eher auf den Moment, der mir das, was gerade ansteht, vor Ort ins Netz meiner Geschichte rund um Bayern radelnd spült. Und mal im Ernst, Sehenswürdigkeiten sind ja höchst überbewertet, wenn es ums ’richtige’ Reisen geht. Entweder man klappert Sehenswürdikeiten ab im Leben und macht jeweils ein Häkchen in seinem Buch der tausendundeins Dinge, die man gesehen haben muss, oder man reist treibend wie ein frisch entwurzelter Baum auf dem überquellenden Inn und sieht dabei wie von Zauberhand tausendundeins andere Dinge, von denen in keinem Reiseführer geschrieben steht. Und vielleicht noch viel mehr.

Oft ist es ja eine Kombination verschiedener Unscheinbarkeiten, die sich geradezu homöpathisch im Reisealltag potenzieren zu einer wirksamen Mischung an Erlebtem.

Wenn ich Euch jetzt mit dem Glanzlicht meines gestrigen Reisetags komme, werdet Ihr sicher ein bisschen enttäuscht sein, denn es handelt sich nur um einen kleinen Land-Edeka Markt im winzigen Weiler Soyen, der sich verteilt auf verschiedene Hügel, in winzige Örtchen gliedert, von denen ein jedes sein eigenes kleines Kapellchen hat. Hie und da gibt es auch Landmaschinenhandel.

Gebeutelt von Wasserburgs Frühmorgenstristesse erreiche ich den Markt. Bänkchen vor der Tür. Kaffee zum Mitnehmen. Stille. Landluft. Kein Mensch, kein Geschrei. Fast wäre ich vorbei geradelt.

In Wasserburg gabs in der ’trockenen’ aber schönen Pension kein Frühstück, kein Kaffee, und die Stadt war mir mit ihrem Geschäftsauslagen-nach-vorne-Räumen zu morgendlich-hektisch, als dass ich mich hätte in einem Café niederlassen wollen. Zudem war ich mit Kettenölsuche beschäftigt. Besser gesagt, ich suchte nach einem Radladen, der mir eine Ölung schenkt, indem man mir das Werkstatt-Ölkännchen in die Hand drückt und sagt ’da, nimm reichlich’. Aber Fehlanzeige. In dem kleinen Laden, in dem ich zuerst frage steht ein Mann mit ölverschmiertem Kittel vor mir und gibt mir zu verstehen, dass ich das Öl kaufem nüsse. Es wäre ohnehin besser, denn der Inn, seien wir mal ehrlich, da musste täglich die Kette ölen usw. 4,90 sagt er und hält mir ein winziges Fläschchen hin. 1,90, frage ich? Nein, 4,90. Und das sind, bei geschätzt fünfzig Milliliter doch fast 100 Euro pro Liter. Das rechnet man sich normalerweise nicht aus, sondern man bezahlt und sagt sich selbst das, was einem die Händler auch sagen: ist Spezialöl. Pah. Ich sage nein. Lieber hole ich die weiche Banane aus dem Lebensmittelsack und schmiere damit die Kette.

Ein paar Häuser weiter der nächste Fahrradladen. Dort drückt man mir bereitwillig das Werkstattkettenspray in die Hand, ’nimm reichlich, fremder Wanderer’.

Soweit so gut. Mit einem zwiespältigen Gefühl verlasse ich die Stadt, sinne über den Griesgram im kleinen Laden versus den scheinbar Großzügigen im großen Laden und dass der Griesgram über kurz oder lang wohl schließen wird, geschluckt vom übermächtigen Konzern, der sein Öl sicher groß und billig einkauft … hätte ich dem alten Mann doch bloß das Öl abgekauft. Und warum gönne ich ihm den Teuerverkauf nicht, lasse ich ihn nicht so leben? Warum diktiert der Preis alles, warum nicht das Herz?

Die Geschichte ist groß genug und das Problem auch, dass ich es an anderer Stelle in diesem Buch fortsetzen werde. Es betrifft einen ja auch selbst. Irgendwo steckt(e) doch in jedem von uns so ein Typ mit ölverschmiertem Kittel, der seinen Lebensunterhalt auf Basis der vorliegenden wirtschaftlichen Mechanismen bestreitet, aber dann kommt von außen eine größere Macht, eine Kette von Fahrradläden, Lebensmittelläden, Kunstmaufakturen Wasauchimmerläden und überflutet die Stadt und diktiert und verbilligt die Preise und uns bleibt nichts übrig, als dabei zuzusehen, wie wir selbst vertrocknen, wie die KundInnen uns weglaufen, wie wir nach und nach alle mit dem schönen, freien, selbständigen Miteinander aufhören und uns in die Obhut der Kette begeben als halbwegs gut bezahlte Angestellte. Wenn denn ein Plätzchen frei ist in der Kette. Denn alle, die einst stolz und selbständig ihren Mensch standen, werden in der neu strukturierten Gesellschaft nicht gebraucht.

Deshalb kaufe ich gerne in kleinen Dorfläden ein (wobei Nah und Gut ja auch schon wieder eine Art Franchising ist).

Kaffee.

Kaffee und Kettenöl.

Kaffee und Kettenöl und ein Fetzen Isolierband, der das Ladekabel des iPhones wieder stabilisiert.

All das erhalte ich in dem kleinen Laden. Das Öl kostet dort 1,99 Euro. Immer noch stattlich.

Der Kaufmann mit weißem Kittel erzählt ein bisschen von seinen Radtouren. Am Inn entlang. Einst begnete ihm ein Berliner Radler, der fragte, wo bitteschön gehts denn hier nach München. Er erklärte dem Mann den Weg, dalang, und der Mann verschwand, nicht um ihm kurze Zeit später erneut zu begegnen. Der Weg nach ‚Minge‘ sei viel zu steil und er habe ja sowieso kein Ziel.

In meiner Phantasie wuchs ein radreisender Kerl, der im Zickzack nach Gutdünken das Land durchquert und sich von Impuls zu Impuls hangelt und dadurch sein Radreiseleben auf höchst chaotische, schicksalhafte Weise gestaltete. Wer weiß, vielleicht geistert er noch immer hier durch die Gegend: zu steil, Gegenwind, hektische Landstraße, igitt, Dauerregen, mjammie, Schweinshaxe, da lang, nein dort usw.

Die Impulse können so profan wie filigran sein, sie bestimmen sein Leben.

Und ich Eselcchen der feinen Künste mit meiner doch recht starren, sturen Tourkonzeption rund um Bayern hänge fest in meiner eigenen Tretmühle, die mich dazu verdammt das Nächste nach dem Jetzigen zu tun, weil es der Tourplan so vorgibt.

Manchmal sehne ich mich danach, einfach auszubrechen aus Bayern, aus meiner Runde, etwa der Via Claudiavon vor ein paar Tagen zu folgen und bis nach Venedig durchzurauschen, oder beim Rennsteig, wenn man es schon einmal geschafft hat bis zur Höhe des Gebirgs, Abtrunn zu werden und ab gehts ans Nordkap. Hach. Oder – wie hieß es früher in Raumschiff Orion – den Rücksturz zur Erde einzuleiten und bis zum Mittelpunkt Bayerns vorzudringen. Der ist übrigens heute etwa 129 Kilometer von meinem Mühleneselspfad entfernt.