Pfüat eana auch. Von Rosenheim nach Gastag – #UmsLand/Bayern

Gegen halb zwölf steige ich aus dem Zug. Rosenheim. Verlassenster Bahnhof Bayerns, was nicht stimmt, aber was mich in meiner recht verkaterten Stimmung so trifft. Imaginäre rollende Büsche. Zwei Menschen mit aufgeklapptem Notebook warten am Gleis. Wie so moderne Zeugen Jehovas. Oder bilde ich mir die nur ein. Später als ich am Aufzug warte, kommen sie mir hinterher. Die sind echt, zwar keine Zeugen, sondern eher Bahnmitarbeiterinnen, aber echt sind sie. Wie auch das Bahnhofsrestaurant mit Namen Hans Mampf. Mein müder Körper ringt sich eine innere Jubelfeier ab ob dieses Namens. Nach den Frisueren die Gastronomienamenswitze. Willkommen in der Endzeit der Benennung.

Eigentlich gehts mir nicht schlecht. Ich habe nur zu wenig geschlafen und die fünf Stunden im Zug luden auch nicht ein, sich zu entspannen. Ich schrieb ein paar Notizen und dämmerte ansonsten vor vorbeiziehender Landschaft.

Rosenheim raus bedeutet erst einmal, sich aus dem Inntal hinauf zu schuften, wo es aber nicht flach weitergeht, wie das Kunstradelbübchenhirn im ersten Gang kurbelnd sinniert. Ich folge dem Salinenradweg bis zum Chiemsee. Einfaches Schild, auf dem groß SALZ geschrieben steht. Gutso für die müden alten Augen zu erkennen. In Bernau verläuft der Radweg deckungsgleich mit dem Radweg Bodensee-Königssee. Zudem ist die Gegend ab etwa Chiemsee bis etwa Traunstein recht flach. Dann folgen wieder zermürbende Aufs und Abs, die mich in meiner Demut aber nicht mehr erschüttern. Manchmal messe ich die Steigungen mit der Wasserwaagen-App des Handys, steige dazu vom Rad, lege das Handy auf die Straße, 6,7 Prozent hier, 11,3 dort selten mehr als 16 Prozent und alles lässt sich treten, es sei denn, die Strecke verläuft auf Schotterpiste.

Schließlich gelingt mir DIE Innovation des Steigungsmessens, indem ich die natürliche Steigung des Oberrohrs am Radrahmen ermittele, 20 Prozent. Seither muss ich nicht mehr vom Rad, um zu messen, sondern einfach nur 20 Prozent abziehen von meiner quasi Steigungsmessung by Proxy.

Die Aufs und Abs werden von Osmand, dem Trackingtool auch ausgegeben. Ich weiß aber nicht, wie genau das ist. Unvorstellbare über 1500 Höhenmeter habe ich am Ende des gestrigen Tages erkeucht. Es deckt sich auch mit den Angaben auf einer Webseite, die den Salinenradweg beschreibt. Bloß: Wie wurden diese Angaben ermittelt? Im Endeffekt ist es egal. Ich gerate trotz des Sägezahnprofils in einen wunderbaren Flow. Zwar total matsche wegen des Schlafdefizits und der Bahnfahrtstrapazen, aber sehr angenehm. Ruhepol des gestrigen Tages war zweifellos die Heilquelle von Adelsholzen. Zweifach wäre ich beinahe daran vorbei geradelt. Zum einen als es eine kürzere und weniger steil anmutende Route entlang der Bundesstraße nach Siegsdorf gab. Ich erinnere mich, wie ich an der Abzweigung haderte, weiter im Gemalme des Straßenverkehrs auf dem Seitenradweg zu fahren, oder über die Mineralwasserfabrik auf einer engen, kaum befahrenen, im Wald verschindenden, steil anmutenden Straße. Verkehrslärm knechtete mich zur Vernunft und so erreichte ich den Besucherparkplatz der Fabrik und traf einen Angestellten, der mir erklärte, da oben hinter der schönen weißen Villa, gibts eine öffentliche Quelle. Nauf oder nicht? Zweite Schicksalsentscheidung. Entschleunigung ist das Wichtigste Element, um eine aus den Fugen zu geraten drohende Fahrradtour wieder in eine feine Bahn zu lenken und was entschleunigt besser, als das fünfzig Kilo schwere Gefährt ein paarhundert Meter eine brutal steile Straße hinaufzuschieben?

Gute Entscheidung. Die Quelle ist beliebt. Fast erinnert sie mich an ‚meine‘ Quelle in Moutherhouse in Lothringen. Von Fern kommt man per Auto und Kofferräumen voller leerer Flaschen und Kanister, um das kostbare Gut abzufüllen. Großer Andrang. Man lässt mich vor mit meinen zwei armseligen Radlerflaschen.

Bei der Quelle gibt es auch einen Pavillon. Der Ort fühlt sich ohnehin verlockend an. Ich liebäugele, die Hängematte im Pavillon aufzuspannen und dazubleiben. Genug Pavillon-Erfahrung habe ich ja auf meiner Tour in den Aargau, mit dem Rad zur Liebsten, schon gesammelt. Dieser wäre der König aller Pavillons. Groß, sehr ruhig gelegen. Trotzdem fahre ich weiter. Es ist zu früh. Ich würde mitten in der Nacht wach werden und dann wäre das auch ungemütlich, im Dunkeln weiterzufahren, lüge ich mir in die Tasche. Die Wahrheit ist, dass das Vorandrängen, der Bluthund, einfach nicht zu bändigen ist. Wenn schon entschleunigen, dann in homöopathischer Dosis!

Rings um Traunstein einige Kilometer am Fluss namens Traun. Abwwärts. Lohn der Sägezahnmarter.

Viele Begegnung mit Menschen, die mich fragen, woher, wohin, wo übernachten. Bei einem Ort namens Hufschlag steht ein Rondell mit Glasfront, das wie ein Museum aussieht. Es entpuppt sich als Notausgang für den Straßentunnel der Nordumfahrung von Traunstein, erzählt mir eine Frau. Man kann da schön in der Sonne sitzen und das Kirchel beschauen und das Alpenpanorama. Sie habe eine Panoramakarte, in der alle Gipfel verzeichnet sind, erzählt sie mir. Wie sie die Berge liebt! Auf allen Gipfeln war sie früher mit ihrem Freund, der vor 14 Jahren starb. Nun bleibt ihr nur noch Erinnerung. Wie Stein geworden, so ein Menschenleben wenie Jahre vor dem Ende. Mit Rissen und Riefen und abendlichen Spaziergänen zum Kirchel, das wunderschön in einer Wiese liegt. Aus der Tiefe des Rondells brüllt der Straßenverkehr. Hinter der Scheibe ein Modell des Dorfes mit Kirchel. Vielleicht, so frage ich mich, verwandeln wir ja im Laufe unserer zu lebenden Leben alles was uns umgibt irgendwann in ein schön anzusehendes Modell seiner Selbst?

Die Sonne geht. die Frau sagt ‚Pfüat eana‘ und ich antworte ‚Pfüat eana auch‘, was sie mit einem irritierten Lächeln gustiert. Mein Bayerngreenhorn-Ich darf auch mal flappsig.

Zwei drei Steigungen und Gefälle später baue ich das Europenner-Zelt hinter einem Wäldchen auf. Frisch gemähte Wiese. Parkbank, Hochsitz, Bergkulisse, Stille, aber ein bisschen schräg. Dennoch schlief ich prima.

Finally #UmsLand/Bayern part three

Drei Jahre sind vergangen, seit ich in Zwiesel im Bayerischen Wald mein Projekt UmsLand/Bayern unterbrechen musste. Schlechtes Wetter, keine Aussicht, die Strecke bis zu Ende zu schaffen und ein bisschen Blauäugigkeit trugen Schuld daran, dass ich etwa 1200 Kilometer vor Vollendung der Runde abbrach. Kannst ja im Herbst weiter machen oder nächstes Jahr, dachte ich.

Mein Leben als Mensch in einer Gesellschaft war damals geprägt von einem seltsam verklärten Blick in Zukünfte, die noch irgendwie zu retten sind. Eine naive Alles-wird-gut-Mentalität.

Die Dinge können recht schnell recht kompliziert werden.

Morgen früh werde ich mit dem Zug nach Rosenheim fahren. Der IC Dachstein ist ein weiteres Wurmloch nach Bayern. Ohne Umsteigen. Das ist mir wichtig. Ich mag kein Gerangel. 5:58 gehts los in Homburg/Saar.

Schon um die Mittagszeit dürfte ich in Rosenheim sein. Dort werde ich den Salinenradweg bis zum Radweg Bodensee-Königssee nehmen, südlich am Chiemsee vorbei ins Berchtesgadener Land, zack, Königssee und dann der Salzach folgen in Österreich bis Simbach am Inn. Ich bin pedantisch, will den Zipfel, den ich wegen übelsten Regens im Mai 2019 ausließ auch erfahren.

Von Simbach geht es per Zug zurück nach Zwiesel und dann folge ich dem alten Plan auf grenznahen Fernradwegen, den ich in dieser Google-Karte skizziert habe. Darin sind jede Menge Strecken gelistet und ein paar eigene Routen, die die grenznahen Radwege verbinden. Sowie ein paar Punkte von Interesse, die mir vor drei Jahren interessant schienen.

Der aktuelle Status des Kunst-, Blog- und Reiseprojekts wird in dieser Karte dargestellt. Sie enthält Bilder, tatsächlich bereiste Strecken und die jeweiligen Tagesetappen mit Blogbeiträgen.

Was in den nächsten zwei Wochen in diesem Blog passiert, hängt von der Tageslaune ab. Ich habe nicht die Absicht, mir einen Zwang anzutun. Da das Projekt eigentlich tot ist, habe ich es auch bei Funk und Fernsehen nicht an die große Glocke gehängt.

Ein schönes Blog-Buch wird es ohnehin.

Neben Twitter und Facebook als Noreply Social Media werde ich den aktuellen Abschnitt auch im #Fimidiverse (ein kleiner Teil des sogenannten Fediverse) mit kurzen Statements von unterwegs garnieren (dort spielt die Musik :-) ).

 

 

Der Herbstfrühling 2022 #mdrzl #UmsLand/Bayern

Vorgestern? Letzter Tourtag. Insgesamt war ich nur drei Tage auf der Straße. Mieswetter. Kälte, ich hatte es im Artikel zuvor schon erwähnt. Die Gefühle dazu jedoch nicht. Die Jahreszeit fühlte sich an wie Herbst, nicht etwa wie die Frühlinge, wie ich sie von Früher erinnere. Da waren keine Gerüche (außer Dieselrußgestank, wenn mich ein LKW überholte – Dieselrußgestank ist ein mächtiger Gegner!). Keine Gerüche, keine Hoffnung,  nur Desolation Peaks im eigenen Kopf. Dazu die Schmerzen des langen Radfahrens. Normalerweise liegen meine Tagesetappen ja bei etwa 70 bis 100 Kilometer, nicht bei 130 bis 150 . Aber der Herr wollte es ja wissen. Will da einer den Transcontinental-Fahrer spielen!?

Ich kam mir vor wie mit zwei Motoren ausgestattet. Eine Art Hybrid, der unter Wasserstoff und Benzin laufen kann, bloß, dass die beiden Motoren nicht synchron liefen, sondern gegeneinander funkten. Der gemächliche Kunstmotor, also das Triebwerk, das den Künstler in Bewegung antreibt und das eine Art fein abgestimmtes Geflecht aus Vorankommen, Denken, Aufschreiben und per Apps Kunst produzieren ist, dieses Triebwerk lag im steten Clinch mit dem brutalen Transcontinentaler, der auf Teufel komm raus radelt, radelt, radelt, egal wie hungrig, wie Schmerz, wie unangenehm, wie müde – ich erinnere mich, dass ich auf dem Hinweg mit dem Rad zur Liebsten am Rhein-Marne-Kanal beinahe auf dem Fahrrad eingeschlafen wäre. So fühlt sich das also an, wenn man Europa vom Schwarzen Meer bis in die Bretagne durchradelt. Mit Radeln ist dabei wörtlich zu nehmen. Trancontinentaler radel fast nur, gönnen sich ab und zu ein paar Stunden Ruhe und schaffen die 5000 Kilometer in etwa zehn bis vierzehn Tagen. Ständig im Sattel und alles andere ausblenden, Hauptsache, die Beine kurbeln und du kommst irgendwie voran, wach bleichen, Monsieur Irgendlink. Ich bin der Transcontinentaler des kleinen Mannes. Doch zurück zum ersten Reisetag, vorletzten Mittwoch, als ich erst gegen 15 Uhr los radelte und unweigerlich in die Nacht radelte und die war ziemlich kalt und ich ziemlich müde. Ich hatte immer, nein, nicht Angst, Respekt gepaart mit Unruhe, in die Nacht zu radeln. Nun tat ich es bewusst, um mich dem zu stellen. Kanalradweg. Keine Autos. Und auch sonst kaum jemand unterwegs. Die Chance, es zu üben. Auf der anderen Seite des Kanalradwegs meinte ich Lichter zu sehen. Angler vielleicht. Im klammen Licht meines Scheinwerfers musste ich höllisch aufpassen. Und eben die Müdigkeit. Schon nach zwölf Uhr nachts, Sichelmond wie mit dem Stechbeitel geschnitzt. Wenn ich einschliefe, würde ich entweder zur einen Seite eine steile Böschung runter rasen ins begleitende Schilf oder in den Kanal oder einen Angler überfahren. Der Radweg mag auf der Krone des Kanaldeichs nur etwa drei Meter breit sein. Viel Luft, um glimpflich auszurollen ist da nicht.

Der Herbstfrühling 2022. So will ich es nennen. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine natürliche Veränderung, die jeder Mensch im Laufe des Lebens durchmacht? Vor einigen Jahren schon hatte ich eine solche Veränderung festgestellt (obschon ich es nicht so recht glauben kann, denn in mir werkelt noch immer der Junge, der ich einst war). Der Verlust dessen, was ich das GEFÜHL nenne. Man kann es sich als eine Art alles egal-Einstellung vorstellen, oder als ein Vertrauen ins ‚Alles wird gut‘. Ich kann es schwer erklären. Bildlich ist es verknüpft mit einer Situation abends unter dem heimischen Nussbaum, Harndrang, einfach in die Wiese pinkeln, Richtung Süden schauen durchs Blattwerk in den dampfend schimmernden Lichtsmoghimmel der Kleinstadt und plötzlich, im Lassen des Wassers ist alles so herrlich egal. Alle Alltagssorgen fallen ab. Niemand kann Dir was. Weiß allerdings nicht, was das mit dem Pinkeln zu tun hat, aber das ist die letzte Erinnerung an das GEFÜHL, die ich habe.

Das beschützte kleine Kind in dir kann sich frei jeden Panzers nach draußen wagen ins  kalte Universum, das schon hinter der Haut beginnt.

Gefühlsverstümmelung? Ist es das, was ich durchmache. Mein Körper? In den letzten Jahren sind andere Merkwürdigkeiten hinzugekommen, bzw. schaue ich näher hin. Zum Beispiel, dass ich eine Verbindung vom Kopf in den Körper, den Rücken abwärts spüre und dass angenehme oder unangenehme Situationen eine andere Bahn den Rücken hinab nehmen, dass es im Kopf an verschiedenen Stellen ‚kitzelt‘, je nachdem, ob ich in Sorge bin, in Angst, in Freude oder in Lust. Die kürzliche Beschäftigung mit dem Vagusnerv, der eine Verbindung vom Hirn bis ins Gedärm ist und der sich in zahlreichen Verzweigungen durchs Rückenmark in verschiedenste Organe und in die Gliedmaßen zieht, gibt mir ein Bild vom Körper. Eine Art Landkarte. Keine Ahnung, ob sie stimmt. Bilder sind ja immer nur Teile der Wahrheit, Alternativen zueinander und ich bin gar nicht mal so sicher, ob man in diesem Bereich des sich die Welt Vorstellens überhaupt eine absolute, einzigartige Wahrheit finden kann oder ob nur verschiedene Vorstellungen dessen, was ist, miteinander konkurrieren. Durch Raum und Zeit ziehen sich dieser Versionen, hängen von den Bedingungen ab wie etwa, wie weit bist Du Deinen Lebensweg schon gegangen, was hast Du erlebt, was hat Dich geprägt, mal so, mal so und dann bist du, der Frühlingsjunge vor vierzig Jahren, den Mund rot umschmiert von Kirschen, die du im Baum erklettertest, plötzlich der Boomer und der ‚alte Sack‘ der Jetztzeit in einem seltsam vergehend sich anfühlenden Herbstfrühling. Nichts riechen, nichts fühlen, nichts empfinden. Drei weise Affen in der Zielgeraden Richtung Tod?

Doch nicht nur im Innern fühlt es sich an wie Herbst, auch die äußeren Symptome für Herbst erkenne ich heuer: Knappe Zeit. Ein Termin hetzt den anderen. Erntedank und Unabdingbarkeiten. In der Erntezeit, die nun einmal im Herbst ist, haben nicht nur die Bauern alle Hände voll zu tun. Wir Künstler auch. Ausstellungen, Offenes Atelier, Weihnachtsgeschäft. Kaum freie Zeit. So fühlt sich der Künstlerherbst an und nun schleicht sich die Termindichte in meinen Frühling. Ich ringe mit dem Garten, pflanze, hege, werkele. Gestern zwei Fuhren Holz aus dem Wald gezerrt, jeder der kommenden Tage ist schon verplant, nächsten Sonntag geht die Radelgalerie auf den heimischen Herzogplatz und ich muss unbedingt noch Kunst produzieren, die ich zeigen kann. Zack fünf Stunden Arbeit am Bein. Am 21. Mai Ausstellung in Saarbrücken, am 3. Juni Ausstellung in Fitou und eigentlich müsste ich ja zu den Vernissagen, aber es tat sich ein Loch im Terminkalender auf, in dem ich endlich mein Projekt UmsLand/Bayern vollenden könnte. 17. Mai bis 8. Juni … mal schauen. Dann gibt es wieder Liveblogberichte an dieser Stelle.

Zur Karte des 2018 begonnenen Kunst- und Reiseprojekts geht es hier lang ->

 

In einer Jammerstunde rings um Bitche bloß nicht die einfühlerige Schnecke zertreten #mdrzl

Landstraßengedonner. Nieselregen. Grau hebt sich der Tag. Mein Übernachtungsplatz unter einem Betonpavillon etwas außerhalb von Niederbronn-les-Bains ist zweifellos einer der seltsameren. Die Landstraße ist gerade einmal  dreißig Meter entfernt. Dank Ohrstöpseln und weil nachts kaum ein Auto oder LKW fährt, habe ich gut geschlafen, aber um sieben Uhr perversfrüh rollt der Verkehr wie eh und je. Auf vier Betonsäulen ruht ein rundes Dach aus Beton. Beim Einschlafen im fahlen Streulicht der Stadt stellte ich mir vor, ich liege unter einem UFO. Grotesker weise kongruiert das Rund des UFO-Dachs mit dem bewaldeten Berg jenseits der Landstraße. Zwischen den beiden Rundungen ein Streifen bleiern bewölkten Himmels.

Habe ich gut geschlafen? Ich glaube ja. Ich fühle mich ausgeruht. Die Oberschenkel fühlen sich nur mäßig maträtiert an durch die 125 Tageskilometer. Es ist kalt. Saukalt. Niesel kitzelt mich an der Nase. Ich habe unter der Hängematte geschlafen, die zwischen den Betonsäulen hängt. Es war mir zu mühsam, in die insgesamt drei Schlafsäcke zu kriechen und dann auch noch in die schaukelnde Matte. Der eigentliche Schlafsack wird ergänzt durch ein Inlay, das verspricht, drei Grad kälter zu ermöglichen, sowie einen Biwacksack, der den Nieselregen abhält. Ja, ich schlief gut.

Vor meinen Augen kriecht eine Schnecke die Treppe hinab in die Mitte des Pavillons. Vermutlich war das mal ein Brunnen. Anders kann ich mir die vielen Löcher und Öffnungen und Befestigungen und die Scheinwerfer, die in den Boden eingelassen sind, um etwas was einst Bedeutung hatte, nun aber nicht mehr existiert, ins rechte Licht zu rücken – anders kann ich mir die vielen Überbleibsel nicht erklären.

Die Schnecke hat nur einen Fühler und ein zartgraues Haus. Schlankes Vieh. Eine Weile beobachte ich, wie sie die Stufen hinab kriecht zum Mosaikfußboden, einen Bogen auf mich zu macht, sich aber dann wieder Richtung Zentrum des Areals wendet. Derweil frühstücke ich, schreibe klammen Fingers einen Blogartikel und als ich auf ‚Veröffentlichen‘ geklickt habe, packe ich alles zusammen, stets bedacht, die Schnecke nicht zu zertreten. Das wäre schlimm, hatte ich mir zuvor eingeschärft, pass auf die Schnecke auf. Doch die ist längst verschwunden. Verflixt schnell die Viecher, oder eben beharrlich. Ausdauernd. Wie wir Langstreckenradler.

Ich könnte die Landstraße nehmen und in drei Kilometern zur parallel verlaufenden kleinen Ortsstraße wechseln, das würde mir drei Kilometer Strecke sparen, die ich zurück radeln müsste, um Landstraße, Bach und ehemalige Bahnlinie zu über oder unterqueren. Verlockend. Aber aufs Dichtgeüberhole auf dem Schreiasphalt bin ich gar nicht scharf und überhaupt, L’Escargot, c’est moi. Beharrlichkeit und ein gut Stück Leidensfähigkeit. Kein eitel Lullifulliradeln wird das heute. Disziplin ist angesagt und Durchhalten. Erstaunlich, wie so ein Hirn mit Willen so etwas schmerzempfindliches, von seiner Natur her Träges wie einen Körper antreiben kann. Auf ins nächste Dorf namens Phillipsbourg, wo ich in einer Boulangerie einen Kaffee nehme. Bemaskt rein, drinnen alle ohne Maske, egal, Kaffee bestellt. Jemand hustet. Apnoe-Kaffeetrinken, derweil weitere Leute reinkommen und ich ziehe mir die Brühe elend schnell rein, weil ich mit so vielen Atmenden und plaudernden Leuten nicht so lange in einem Raum sein will. Noch einer kommt rein. Mit Maske, schaut sich unsicher um in der Runde und nimmt dann die Maske ab. Welch bizarre Logik, als ob der Freiherr von Knigge empfohlen hätte, aus Höflichkeit die Maske abzulegen wider die eigene Vernunft.

In Phillipsbourg endet der kleine Bypass an ruhigen Sträßchen und Waldwegen, die parallel zur Straße führen und man muss entweder im Vielverkehr auf der Landstraße die etwa zwanzig Kilometer nach Bitche radeln, oder links oder rechts Nebenstraßen durch Täler und über Hügel. Ich entscheide mich für rechts (westlich), denn die Strecke kenne ich noch nicht. Via Sturzelbronn und später vorbei am Camp Militaire de Bitche, einer riesigen, unheimlichen Truppenübungsanlage mitten im Wald. Die Strecke ist wunderschön bis das Camp beginnt. In Sturzelbronn eine Kompanie Soldaten, die Rucksäcke neben ein Wegkreuz gestellt, wartend, ich sage Bon Jour. Arme Teufel. Die müssen schwitzen und den Körper knechten. Ich darf schwitzen und den Körper knechten.

Kein gutes Wetter an diesem Tag. Ich friere. Hände und Füße schlafen ein. Ich verfluche das Radfahren. Ich gebe das Radfahren auf, schwöre ich mir, stoisch kurbelnd in den fraktalartigen mit zahlreichen Aufs und Abs gespickten Windungen rings um das Militärcamp. Wie soll ich derart jämmerlich je noch einmal ans Nordkap radeln, heule ich vor mich hin. Selbst das Projekt /Bayern fortzusetzen, scheint mir in dieser Jammerstunde rings um Bitche fast unmöglich. Sofa, das ist es was ich will. Sofa und Ofen und an die Decke starren und mir vorstellen, ich schlafe unter einem Ufo und wenn ich von meinem imaginären Sofa aufstehe, muss ich darauf achten, die einfühlerige Schnecke nicht zu zertreten. Vorbei am Etang de Haspelschied, der zur Hälfte im militärischen Sperrgebiet liegt. Alles tut weh. Ich habe Hunger. Sobald ich anhalte, friere ich. Hab den dummen Anfängerfehler gemacht, morgens nicht das feuchte Fahr-T-Shirt anzuziehen, sondern das einzige verbliebene trockene. Somit kann ich mich zum Pausieren nicht trocken umziehen.

Herrje. Ein Paradetag ist dieser gestrige letzte Reisetag, eine Blaupause für spätere Gutrederei nach dem Sprech, siehste, haste ja doch gut überstanden. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das zum Beispiel in einem norwegischen Fjord so ähnlich glimpflich ist. Bin ich so lange nicht gereist, dass ich es erst wieder lernen muss?

Letzter Anstieg nach Hause eine zwanzig Prozent Steigung. Ich erlaube mir, zu schieben, oft stehen zu bleiben, durchzuatmen und als die Steigung wieder flacher ist sitze ich wieder im Sattel und feixe, ich könnte ja einfach am heimischen Sofa vorbei fahren. Nordkap nur noch 3600 Kilometer entfernt …

(Dritter und letzter Tag der Rückreise ‚Mit dem Rad zur Liebsten‘ Aargau-Pfalz).

Tourhistory: Seit 2016 lege ich die etwa 350 Kilometer einmal im Jahr mit dem Rad zurück, statt per Zug oder per Auto. 2021 fiel die Tour aus. Die vergangene Tour 2022 radelte ich auf dem Hinweg nur das Stück Zweibrücken-Offenburg und Basel-Frick (190 Kilometer) und bewältigte etwa 150 Kilometer per Zug. Für die Akten: Zugticket Offenburg Basel kostete 13,90. Fahrradticket wird nach neun Uhr früh nicht benötigt. Die Regionalbahn fährt sich prima per Rad, da man am Beginn der Linie einsteigt und am Endhaltepunkt aussteigt (spart Gerangel beim Fahrradstellplatz). In der Schweiz durchquerte ich den Bözbergtunnel von Frick nach Brugg per Zug. 14 Franken – Fahrradticket wäre wohl nötig gewesen, wurde aber nicht kontrolliert.

Statistik: Rückweg etwa 21 Stunden im Sattel. Mein innerer Selbstüberschätzer unkt, das könnte man auch mal in einem Rutsch fahren, wie so ein Transcontinentalracer.

Trödelei und Vermeidung, die zweifelhaften Tugenden des Langstreckenradelns #mdrzl

Gestern ein hölzerner Pavillon, heute einer aus Beton. Es ist nicht schön, in der kalten, nackten, von Nieselregen umwobenen Betonfläche aufzuwachen. Alles fröstelt. Die Finger sind klamm. Ich habe schon gefrühstückt, auf der Radlerhose sitzend, um sie vor dem Anziehen ein bisschen aufzuwärmen, es gab Baguette, Käse, Schinken, Wasser – ha, Wasser und Brot zum Frühstück. Der Pavillon war mal ein Prachtbau, vermute ich. Mosaikboden, ein Loch in der Mitte, aus der etwas herausgerissen wurde, ene Skulptur?. Außerdem sind ringsum Scheinwerfer in den Boden eingelassen, die das Ding wohl einst beleuchteten. Vier Stufen führen hinab zum Mosaik, auf dem ich die letzte Nacht schlief. Die Landstraße ist nah. Da kann auch der kleine, etwas weniger gepflegte Park nicht darüber hinweg tünchen, der den Pavillon umgibt.

Abends hatte ich überlegt, in der Hängematte zu übernachten, die genau zwischen die Betonsäulen passte, aber da hätten die Scheinwerfer der vorbeifahrenden LKW mich stänig beflutet. Die Mulde darunter jedoch war stets im Schatten. Vermutlich war das mal ein schöner Brunnen. Vielleicht stand in dem derben Loch zur Mitte einmal eine Wasserspeiende Putte?

Der Glanz der nahen Bäderstadt Niederbronn-les-Bains verblasst wohl von den Rändern her. Obschon es gestern spät – es war wohl so gegen halb elf, als ich hier ankam und zuvor die Stadt durchquerte – recht aufgeräumt wirkte. Casino, Hotels, Duft von Essen aus den Ablüften der Retaurants, fein gekleidete Menschen, ein Park, in dem ich mich verirrte und sogar die Baukrane der Baustellen sind reichlich geschmückt mit LEDs und Lichteffekten. Kann ja nicht sein, dass in unserem Badstädtchen nackte, derbe, verrostete Baukrane stehen, oder? Da buchen wir doch bei der Baustelleneinrichtung schön noch das Paket ‚Fein aufgeäumte Kurstadt‘ mit.

Dass ich hier gelandet bin, verdanke ich alles nur einer Vemeidung. Vermeidung und Trödelei waren die beiden Joker des gestrigen Tages. Zunächst schlief ich in der Hängematte ein, die ich mittags nahe Krafft direkt am Kanalradweg aufgezäumt hatte. So ein Glück. Nicht nur wegen des Schlafs. Nördlich, da wo mein Ziel lag, rumpelte es über die Maßen. Ein heftiges Gewitter entweder in Straßburg oder eher noch etwas nördlicher, resümierte ich im baumelnden Halbschlaf. Und in der Tat, nachdem ich die Europametropole durchqquert hatte, kamen mir am Rhein-Marne-Kanal alle Radlerinnen und Radler in Regenklamotten oder klatsch durchnässt entgegen und nahe Vendenheim, ziemlich genau in der Gegend um den Bücherschrank, in dem ich auf dem Hinweg übernachtet hatte, lag zentimeterhoch Hagel und auf einmal war es eiskalt. Als habe sich eine Kälteglocke über die Gegend gelegt. Ich streifte die Handschuhe über. Selbst im Bücherschrank waren der Boden und die kleine, einsvierzig lange Sitzbank, auf der ich geschlafen hatte, nass.

Trödelei, welch Tugend, du hast mich vor dem Unwetter bewahrt, bzw. mich davor bewahrt, arglos hineinzufahren in den wohl nicht sehr großen Kältespot.

Der zweiten ‚Tugend‘ des gestrigen Tages, verdanke ich die Streckenführung über Brumath und Haguenau. Vom Kanalradweg ist diese Route ausgeschildert und ich dachte mir, vielleicht kann ich die Fünfhüpfberge vermeiden, die mich ab Schwindratzheim erwarten. Vermeidung! Fünf recht zackige aufs und abs, bis es im Tal der Zinsel ab Zinswiller wieder gemütlich radelbar ist.
Nunja. Die Radroute nach Haaguenau ist nur bis Brumath eine Radroute, danach folgt der Radweg der D 263 und die ist dummerweise mit Schreiasphalt belegt. So dass jedes Auto, jeder LKW und Omnibus einen mit etwa 90 dB Lautstärke überholt. Ein Stück von nur etwa fünf Kilometen zwar, über Kriegsheim bis Niederschaeffolsheim, aber das genügt. Es ist der spichwörtliche Tropfen Öl, der die unendlich große Menge Wassers verseuchen kann.

Tausche also Fünfhüpfberge gegen Kriegsheimer Schreistraße.

Fazit vielleicht: den lupenreinen, schmerzlosen, lullifullie-wohlfühl-Radweg quer durch Europa wirst du wohl nie finden, Monsieur Irgendlink.

Nun da ich dies schreibe, klammen Fingers im Betonpavillon, muss ich wieder entscheiden: drei Kilometer im Gemetzel der Landstraße, um auf den kleinen Bypass auf der anderen Seite des Tälchens auf die Ortsstraße zu gelangen, oder anderthalb Kilometer zurück nach Niederbronn, um dort unter der Landtraße hindurch auf die Ortsstraße zu kommen. Einen direkten Weg ohne Schmerz gibt es wohl nicht.