Tja. Ein Musterbeispiel langsam gelebten Lebens mit Bedacht.

Tja, jetzt ist es soweit. Die selbst auferlegte Pflicht, täglich zu bloggen, bringt diesen Artikel hervor, der wahlweise von Bedingungslosigkeit, vom Künstlerinnenalltag, von komplexen Suchen merkwürdiger Dinge auf einem einsamen Gehöft irgendwo im Grenzland zwischen Saarland, Pfalz und Lothringen, oder von Besteckschubladen handeln könnte.

Gutso, dass  ich es nun, fast 24 Uhr spät noch angehe. Der Tag war arbeitsam. Ich hatte überlegt, Pesto zu machen irgendwann in einer Art Mittagspause, was allerdings einen Rattenschwanz an Tätigkeiten nach sich ziehen würde. Der Basilikum im Garten wächst wunderbar, Parmesan ist im Kühschrank, Salz, Pfeffer, Knoblauch gibts auch und kürzlich rettete ich die Säcke mit den Walnüssen, die ich letzten Herbst gesammelt hatte vom Dachboden ins immerkühle Atelier.

Die Walnüsse müssen geknackt werden. Natürlich. Ohne geknackte Nuss kein Pesto. Logisch. Ich bin alt und träge. Die Handgelenke sind nicht die besten, weshalb ich Walnüsse immer mit dem Schraubstock knacke. Ein langsamer Akt produktiver Zerstörung. Der Schraubstock ist blau, klein und der Hebel, mit dem man die Backen zusammen dreht ist seit Jahren kaputt. Irgendwie gelingt es trotzdem, das Ding zu bedienen, aber das kann ja kein Dauerzustand sein, weshalb die heutige Kunstbübchen-Pesto-Vorbereitungsaktion mit Schraubstock zum Musterbeispiel langsam gelebten Lebens mit Bedacht wurde. Ich hatte es schlicht satt, mit einem improvisierten Schraubstock, dessen Drehgriff sich permanent löst, zwölf Nüsse fürs Pesto zu knacken.

Tagesziel Schraubstock reparieren. Ich beginne damit nachmittags. Wie in jedem normalen Computerspiel muss man zum Pesto machen, respektive Nüsse knacken, respektive Schraubstock reparieren, um Nüsse fürs Pesto knacken zu können, zahlreiche Level durchlaufen und sich die Habseligkeiten zusammen suchen. Axt, Schlüssel, Schutzbrille, usw. Der Phantasie ist keine Grenze gesetzt. Das einsame Gehöft ist groß und man kann kilometerweit umher irren, um sich Level für Level all die Dinge zusammenzusuchen. Aber hey, im Grunde repariere ich doch nur einen Schraubstock.

Wie erkläre ich das nun kurz und knackig? Gewindestab absägen, biegen, selbstsichernde Mutter und zwei Kontermuttern, alles durch Löcher stecken, verschrauben und schließlich noch einen handschmeichelnden Korken als Griff, ein Abenteuer zweifellos, diebisch sich freuend am improvisierten Detail. Ich bewege mich den ganzen Tag jenseits der neoliberalen Ambition, sich selbst zu optimieren und beim Discounter ein Gläschen Pesto für 1,49 Euro zu kaufen.

Kurzum, gegen Dunkelheit konnte man den Künstler, moi même in der Außenküche unter dem Vordach vor dem Atelier sehen, wie er zwölf Walnüssse mit frisch renoviertem Schraubstock knackt, die Kerne heraus puhlt, sie in eine Tupperschüssel füllt und zufrieden mit dem Tagwerk den Abend ausklingen lässt.

Pesto ist dann der nächste geile Scheiß. Ich weiß noch nicht, wie ich morgen oder übermorgen den Parmesan reibe, aber da fällt mir bestimmt etwas ein, mit dem ich den Neoliberalismus und die Selbstoptimierung verhöhnen und Zeit verschwenden kann, ohne auch nur ansatzweise in Versuchung zu gelangen, beim Discounter für billig Geld, rasant an fairer Arbeitsteilung vorbeischliddernd, ein Gläschen Pesto zu kaufen.

Nachtrag: Die Themen Bedingungslosigkeit, Arbeitsteilung, Geld, Lebenszeit, Fairness, Aus- und Selbstausbeutung wären theoretisch auch in diesem Artikel anzusprechen gewesen, aber mein innerer Selbstoptimierer schaute eben auf die Uhr, jessas, schon halb zwölf, nun aber mal raus mit dem Blogartikel.

Nachtrag: Die Besteckschublade, ach die. Ich hatte sie schlicht aufgeräumt, denn es ist einfach ein Weg der tausend Umwege, einen Schraubstock zu reparieren, mit dem man Nüsse knacken kann. Da muss man zwischendrin Geschirr spülen, im Bett liegen, einen Stromkasten anschließen und eine Geschirrschublade aufräumen.

Sie verstehen das hoffentlich.

Vom Tanz mit dem Balkenmäher, den Melvins und dem Mattenhängen

Ich bin so müde. So müde wie gestern. So müde wie vorgestern. Nur noch Wand anstarren gelingt. Oder Hängematte hängen.

Mein innerer Udo Bölts schreit mich permanent an, quäl Dich, Du Sau und jagt mich einen Mont Ventoux nach dem anderen hinauf. Beziehungsweise früh morgens startete ich heute den Balkenmäher, um dem übermäßig wachsenden Gras und den Brennnesseln im Garten Herr zu werden. Das ist wichtig, damit im Herbst, wenn die Äpfel fallen, leicht ernten ist. Der Balkenmäher macht ein ratterndes, sehr schnelltaktiges Geräusch, wenn die Scheren am Mähbalken bei Vollgas übereinander schlagen. Es klingt ein bisschen wie das Lied Hung Bunny von den Melvins, wenn ab Minute 7:49 das Schlagzeug einsetzt und nimmer nimmer aufhören mag. So laufe ich heute morgen dem zum Glück selbstfahrenden Gerät hinterher und es gerät ein bisschen wie Tanz zu einer absolut schrägen Musik, die bestimmt so gut wie kein Mensch leiden kann, also nicht nur das nervige Motorengeräusch und das Scherengeklackere, sondern auch das Original von den Melvins, das gewiss nicht alltagsgeschmackstauglich ist. Ich mag das Lied. Ich mag seltsamerweise viele Dinge, die sonst keiner mag. Auch dem den-Mont-Ventoux-hinaufradeln kann ich etwas abgewinnen, obschon ich das noch nie gemacht habe. Der Mont Ventoux ist ein bald 2000 Meter hoher Berg in der Provence, der ziemlich alleine steht links der Rhone und der bei der Tour de France – ich glaube seit Menschengedenken – stets eine Etappe wert ist.

Vor etlichen Jahren verbrachten die Frau SoSo und ich unsere Winterferien zu Füßen des ‚Giganten der Provence‘ im kleinen Dorf Mazan in einem Ferienhaus. Wir unternahmen ein paar Versuche, zu Fuß hinauf zu kraxeln, nicht die gesamte Distanz, sondern wir fuhren mit dem Auto bis zur Schranke, die die kleine Landstraße bei schwierigem Wetter versperrt, so dass nicht Hinz und Kunz mit dem Auto hinauf fährt und dabei in Gefahr gerät. Der Wind pfeift elend auf dem Standalone-Berg. Ich hatte das einmal erlebt. Im Winter ist die Passstraße glaube ich immer gesperrt. Aber mit dem Fahrrad und zu Fuß kommt man natürlich durch. Was hatte ich die Radlerinnen und Radler beneidet, die stehenden Pedals im kleinen Gang aufwärts schwitzten. Frau SoSo und ich, zu Fuß und gemütlich unterwegs, ersparten uns die Qual der Strecke bis zum Gipfel, die im südlichen Abschnitt durch eine absolut bizarre Geröllwüste führt.

Das Wochenende, jetzt und hier, verbrachten wir mit Hängematte hängen im Aargau. Eine einfache, friedvolle Tätigkeit. Frau SoSo berichtete darüber in ihrem Blog.

Fürs Hängematte hängen braucht man Wanderschuhe, Hängematte, etwas zu essen fürs sogenannte Zvieri (den Nachmittagshaps zwischendurch). Badehose ist auch sinnvoll, denn in den Aargauer Flüssen rings ums sogenannte Wasserschloss (da fließen Reuss und Limmat in die Aare), findet man immer schöne Badestellen. Man wandert oder radelt also los mit einem kleinen Rucksack voller Hängematten- und Zvieri-Bedarf, findet eine schöne Stelle am Fluss, an der sich genügend Bäume in idealem Abstand befinden und bindet die Matten fest. Dann kann man hängematten, bzw. mattenhängen oder hängemattenhängen. Es sind die einfachen Freuden. Wir badeten auch, obwohl die Flüsse durch die Schneeschmelze ziemliches Hochwasser hatten.

Wohl ist es dem Mattenhängen geschuldet, dass mir gar nicht so bewusst wurde, wie müde ich dieser Tage bin. Ausgelaugt. Urlaubsreif. Wandanstarrend zum Stillstand gekommen. Wären da im Hinterkopf nicht die vielen Zutuns, die einen anstacheln, sich zuzurufen, quäl Dich, Du Sau, könnte ich mir vorstellen, den Sommer hängemattenbaumelnd zu verbringen.

Ich bin so müde dieser Tage.

Momentanes Tagesziel ist, man hat es wohl schon vermutet, jeden Tag ein bisschen zu schreiben. Ich muss in der Übung bleiben, gerade was das Schreiben betrifft. Deshalb habe ich diese möglichst täglichen Blogberichte lanciert. Mal schauen was daraus wird.

Dusmo natürlich. Immer scheen dusmo (das ist pfälzisch für französisch doucement, was soviel heißt wie langsam, gemütlich, na, Ihr wisse jo was ich menn).

Die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges

Dass ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln. Dass ich mir das letztes Jahr versprochen hatte, wenn mein maroder Körper die Pandemie halbwegs gut übersteht, als Belohnung ans Nordkap zu radeln. Dass es ein Traum ist. Dass es jederzeit möglich ist. Dass mir bei dem Gedanken daran, sechs Wochen alleine mit dem Fahrrad unterwegs zu sein Angst und Bange wird … herrje, wie sehr hab ich mich verändert. Schon der Gedanke daran, einfach nur das Haus auf einen Tagestrip zu Fuß oder per Rad zu verlassen, macht mich unruhig. Ich muss mich regelrecht dazu zwingen, hinauszugehen. Und wenn ich dann unterwegs bin, dann geht es auch, dann fühle ich mich wohl, dann bin ich voll drin in der Sache. Auf dem Weg. Bin zu Hause in einer kleinen, sich bewegenden Blase des langsamen Vorankommens.

Eine Art Variskisches Gebirge gelebten Lebens ist mir in Form von Erinnerungen geblieben, die manchmal sanft aufleben. Wie über die Zeit erodierte Hügel. Spuren einstigen Unterwegsseins. Hier mal eine Erinnerung an eine Kaltwasserquelle in Lappland, die wir 1995 bei unserer Radtour #AnsKap entdeckten, Freund QQlka und ich, direkt an der unendlich leeren, fein geteerten Straße. War es in der Gegend mit den Orten, die allesamt auf die Silbe ’sele‘ endeten? Asele, Ramsele, Edsele, Lycksele? Ich weiß es nicht mehr. Das Vattenschild am Straßenrand im Nirgendwo existierte jedenfalls auch zwanzig Jahre später noch, im Jahr 2015. Als ob es nie verändert wurde. Ein handgeschriebenes Schild, das auf eine Quelle abseits des Teers verweist, an der man sich die Wasservorräte auffüllen kann. Und ich gehe jede Wette ein, dass sich um die Quelle Geschichten ranken, die das Wasser lobpreisen als besonders weich, besonders gut, besonders gesund und dass die Menschen der Gegend auch von weit her anreisen, um sich Kanister damit zu füllen.

„Wenn de des trinkscht, wersche hunnert Johr alt“, erzählte mir ein Lothringer jüngst an einer Quelle südlich des Städtchens Bitche. Vom Rhein her kämen die Leute dahin und füllten hektoliterweise das Wasser ab in ihren Kofferräumen voller Kanister. Oft gar die Besitzerinnen und Besitzer von Restaurants. Sagt man. Und das Wasser der Quelle nahe Mouterhouse ist tatsächlich ein Gaumenschmeichler, sage ich Euch. Es lohnt sich, sich die Flaschen damit zu füllen, den Mythos, ob man damit hundert Jahre alt wird, gibt es obendrauf, als kleines Schmankerl für den inneren Phantasten.

Der Phantast, der mir innewohnt und der sich auf die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges gelebten Lebens – in Form von mehr oder weniger präzisen Erinnerungen – stützt, sich an ihnen nährt, ist es auch, der mich sowohl vorantreibt, Neues zu erleben, Neues erleben zu wollen, als auch mich daran hindert, das Haus überhaupt noch einmal verlassen zu wollen.

Eine komplizierte Lebenssituation zwischen Unruhe, ich will nicht sagen Angst oder Phobie, auch wenn es vielleicht darauf hinauslaufen könnte – und der ungebremsten Lust, Neues zu erleben oder schon Erlebtes wieder zu erfahren.

Und um beim geologischen Bild zu bleiben vom alten, einst über zehn Kilometer hohen Gebirge, das im Laufe der Zeit abgewaschen wurde und von dem bestenfalls noch Reste in Mittelgebirgsklasse übrig sind, so gibt es doch hoffentlich auch die eruptiven Neubildungen, mal wieder raus mit dem Fahrrad auf eine große lange Reise in weite Ferne, ich muss nur die Türschwelle überwinden, der Rest gibt sich von alleine. Das Radel und das Zelt, der Sommer und die Weite und der Zufall sind mir dann Kokon genug, mich unterwegs daheim zu fühlen. Was ist man als langsam dahin tuckernder Europenner anderes als eine Schnecke, die ihr Sofa mit sich schleppt, die heimischen Wände im Sinn und die Geborgenheit und den Frieden, den einem das Daheimsein immer gibt.

Der Versuch, den Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu erradeln letztes Wochenende, war schon recht vielversprechend. Fünfzehn Stunden war ich unterwegs für eine Stecke von 200 Kilometern. Die Strecke fast ausschließlich auf Bahntrassenradwegen oder Flussradwegen, in der Hauptsache Glan-Blies- und Naheradweg wäre bis nach Bärweiler nahe dem Flughafen Hunsrück Hahn, wo sich der Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz befindet etwa 130 Kilometer gewesen, hin und zurück also 260 Kilometer. Eine Distanz, die ich noch nie an einem Tag, bzw. in einem Stück geradelt bin. In Kirn an der Nahe, unterhalb meines finalen Ziels, beschloss ich, umzukehren, da ich mir nicht vorstellen konnte nun auch noch hinauf in die Berge zu strampeln. Ich hatte sehr wenig Ausrüstung dabei. Nur eine Regenjacke und eine Hängematte und den ganzen Tag drohten Gewitter und Unwetter und ich hatte vor allem keine Lust auf Berganstiegsqualen, gefolgt von einbrechender Nacht und Kühle und eben, womöglich Starkregen, den man in einer Hütte, frierend, abwarten müsste.

Der kleine Ausbruch in die weite Welt, das Verschieben meines schmalen Wohlfühlkokons in unvorstellbare Gefielde, gerieten zum körperlich anspruchsvollen, dennoch recht leichten Spaziergang und ich hatte mich zu jeder Minute der Minireise wohl gefühlt. Auch auf dem Rückweg, nachts, alleine mit Fuchs und Hase auf dem meist ungeteerten Glan-Blies-Radweg, fühlte ich mich wohl, obschon ein reges Wetterleuchten den Ausbruch eines Gewitters ahnen ließ, was zum Glück ausblieb.

Nachts um drei war ich erschöpft, aber trocken und warm zurück in der Künstlerbude. Im Prinzip ist das die Blaupause für eine Radelreise beliebiger Länge. Für die Reise des Lebens gar selbst. Du kannst Erinnerungen hinterher radeln, auch wenn sie nur noch sehr blass wirken, aber die Reise wird dennoch etwas Neues werden. Seien die Pfade noch so ausgetreten. Dein Weg ist immer Dein Weg und er wird immer neu sein, auch im alten, postulierte ich. Aber es gibt diese Überwindungsbarriere, die Grenze, über die man den inneren Schweinehund treiben muss, damit die Angst weggeht. Weiß nicht, ob das ein allgemeines Phänomen ist und ob das über die Jahre schlimmer wird. Durch das Pandemie-Jahr jedenfalls scheint es mir so, als habe es sich, als habe es mich verändert.

Warum ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln? Vielleicht, um das Vatten-Schild irgendwo in Lappland wieder zu sehen, meine Trinkwasservorräte aufzufüllen an öder Landstraße, beäugt von Elch und Rentier. Oder dort eine Weile zu warten, einen Tag oder auch zwei, auf Menschen, die mit dem Auto voller leerer Kanister dahin fahren, um die Vorräte aufzufüllen und ihnen das Geheimnis der Quelle zu entlocken. Oder ist es die 9 Prozent steile Sause runter in den Nordkaptunnel, die bis ein paarhundert Meter unters Meer führt und ebenso neun Prozent wieder hinauf, was mich reizt? Oder einfach nur das alltägliche Plündern eines Süßigkeitenregals in einem schwedischen Supermarkt? Erinnerungen, blass und verklärt. Das war kein Zuckerschlecken, im Nordkaptunnel ganz unten anzukommen und zu wissen, man muss mit dem elend schweren Reiseradel wieder hianuf. Und auch beim Vatten-Schild, erinnere ich mich, herrschte während der Tour 1995 kalter Wind mit Regenneigung aus arktischen Gefielden und es wäre geradezu tollkühn gewesen, unbestimmte Zeit am Straßenrand zu lagern, den Holzlastern beim Vorbeidonnern zuzuschauen und auf einen wunderlichen Menschen zu warten, der vorbeikommt und einem das Geheimnis der Quelle erzählt.

Alles ist nur im Kopf. Die Erinnerungen, die einen anfixen, etwas noch einmal zu erleben, das man als schön empfunden hat, die Phantasie und die Neugier, die einen Neues erforschen machen mag, und nunja, wer garantiert einem, dass man sich richtig erinnert. Insbesondere beim Reisen, das muss ich mir eingestehen, färbt man im Nachhinein so manches schön.

Es war nicht schön, wochenlang verloren durch Lappland zu radeln. Es war nicht schön, letzte Woche in die Nacht und ins Ungewisse des Wetterleuchtens zu radeln.

Es war aber auch nicht Nichtschön.

 

 

Ein ultimativer Ultramarathon am Rand unserer stark angelebten Leben

Ich müsste mittendrin beginnen.

Ein Platzregen geht nieder. Blitz, Donner, Getöse. Alles andere an Wetterstimmung als rundumes Wohlgefühl. Beklommen sitzen wir unter dem kleinen Baldachin vor der Pforte des unheimlichen alten Seniorenstifts. Der Journalist F. und ich. Der Regen ist so stark, dass gerade mal sein Rollstuhl Platz findet und ich mit dem Po auf der Stuhlkante in einem Terrassenstuhl hin und her rutsche. Der einzige von etwa fünf Terrassenstühlen, auf dem noch ein Sitzkissen liegt. Der einzige, der im Trocknen unter dem Zeltdach ist. Von allen anderen hat das Pflegepersonal die Sitzkissen entfernt. Sherlockesk rattert mein Hirn und stellt zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Entweder ist die Person, die, kurz bevor das Unwetter losging, die Sitzkissen wegräumte, mit der Regenwasserspritzsituation unter dem Zelt so vertraut, dass sie weiß, dass auf genau diesen einen Platz kein Spritzwasser kommt, oder es saß noch jemand auf dem Stuhl, als die Sitzkissen abgeräumt wurden und in einer wasserdichten Terrassensitzkissenkiste hinter den Stühlen verstaut wurden.

Ich muss an Winnie Heller denken, die Fernsehkommissarin, die kürzlich in der letzten Folge der Krimiserie, nachdem sie den Fall gelöst hatte, vor die Tür eines alten feinen Gebäudes im Grünen trat und vom Blitz erschlagen wurde. Nicht übel, dieses Finale. Gefiel mir irgendwie. Es war ja nur ein Film. Hier das ist Realität. Dieser fette, mittelgraue Dunst, die Schwerlastwolken, die sich die letzten Tage übers Land schieben. Ich weiß gar nicht, wie ich die Nacht vor ein paar Tagen, es war Freitag auf Samstag, schutzlos radelnd zwischen Hunsrück und Pfälzer Wald so angstlos überstanden hatte. Wetterleuchten ringsum und ich mit kaum Gepäck, nur eine Regenjacke hatte ich dabei, und ein bisschen Essen auf fünfzehnstündiger Fahrradtour. Nachts zwischen Hunsrück und Pfälzer Wald ist man mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Wenn ein Platzregen niederginge, ein Unwetter, Hagel und so weiter, wäre jeder Kilometer zu viel, den ich radeln müsste, bis ich eine Schutzhütte finde, ein Vordach oder eine Scheune irgendwo. Da wäre es auf Minuten angekommen und dann, dann hätte ich womöglich Stunden warten müssen ohne wärmende Kleider – während der Nachtradeltour kam mir der Bericht eines Ultramarathons in den Sinn, bei dem kürzlich in China etliche Athletinnen und Athleten ums Leben kamen. Überrascht von einem Unwetter mit Temperatursturz, das sie in die Orientierungslosigkeit getrieben hatte, sie umher irrten zwischen Kilometer Null und Einhundert und schlichtweg erfroren oder vor Erschöpfung liegen blieben.

Der Journalist F. und ich rauchten eine Zigarette und da der Regen nicht nachließ und im Seniorenstift das Abendessen serviert wurde, schob ich ihn zur Tür, nur drei vier Meter, unser ultimativer Ultramarathon am Rand unserer stark angelebten Leben, ein kurzes Tschüss, machs gut, bis bald und bis ich die hundert Meter beim Auto war ganz ohne Schirm war ich klatschnass, die Scheiben beschlugen sofort.

Die letzten Wochen waren für den Journalisten F. ein massiver und traumatisierender Umbruch. Von der Klinik brachte man ihn direkt in die Kurzzeitpflege des Seniorenstifts, auf der Bettkante teilentmündigt, denn das Klinikpersonal schätzte ihn, nicht ganz zu unrecht, so ein, dass er sich alleine zu Hause nicht mehr helfen könnte. Wenn es nur darum ginge, die Treppe in der ersten Stock seiner Wohnung zu bewältigen. So regelt nun eine Sozialarbeiterin seine Belange. Meine Person kam ins Spiel, als es darum ging, die Wohnung zu räumen, denn neben den körperlichen Problemen hatte sich auch einiges an materiellen Querelen aufgetürmt.

So war ich also ein zwei Wochen damit beschäftigt, die Journalistenwohnung nach persönlichen Dingen und einigen wenigen Möbelstücken zu durchsuchen und diese bei mir im Atelier zwischenzulagern, bis der Freund hoffentlich irgendwann nach der Kurzzeitpflege ein größeres Einzelzimmer kriegt. Die Wohnungsräumung war selbst für mich als relativ Unbeteiligter ein wehmütiger Akt. Ich kann mich so schlecht abgrenzen und denke bei Menschen, denen ich helfe, immer auch, ich könnte dieser Mensch sein und wie mag es sich wohl anfühlen. Gefährlich, wenn man dabei zu tief in die Situation geht.

Nach etlichen Fahrten hatte ich die wichtigsten Dinge ins Zwischenlager gebracht und auch schon den PC ins winzige Zimmer des Seniorenstifts. Vielleicht der erste und einzige PC in Patientenhand, den das Stift jemals sah. Auch dürfte Journalist F. der jüngste Bewohner sein. Das Stift ist ein altes barockes Gebäude mit zwei Flügeln, das einmal ein Kloster war. In der Werbung auf der Homepage ist man besonders stolz auf den angegliederten Park voller uralter Bäume, ja, der ist wirklich schön. Da oben im Türmchen wird Dein neues Zimmer sein, scherze ich mit dem Journalisten. Der Turm sieht jedoch mehr nach Taubenschlag aus, aber dennoch, mit ein bisschen Phantasie … hätte was. F. kokettiert gerne damit, dass er nun alles hat, was er sich immer gewünscht hat: ein Stadtschloss und Personal.

Leider sieht die Realität ganz anders aus. Ein Blick in die Pflegehölle. Eingelagertes Fleisch, das, zwar professionell – manchmal auch herzlich – umsorgt aufs Ableben wartet. Typen wie Journlist F. sind in dem System nicht abgebildet und entsprechend schwer hat er es dort. Es sind Kleinigkeiten, denkt man, die Art wie man ihn anspricht, bemutternd bevormundend tadelnd, wenn sein kleines Zimmerchen etwas unordentlich ist etwa. F. könnte theoretisch von seinem PC-Arbeitsplatz auch arbeiten, aber es gibt kein Wlan im Haus. Nicht für die Patientinnen jedenfalls.

Manchmal denke ich darüber nach, dass ich das alles aufschreiben sollte. wieder bloggen sollte. Mitschreiben als eine Art privater Chronist des eigenen Lebens, scheißegal, wen es interessiert, ein Mann ein Blog, so wie früher, mach was draus,  du Chronist des eigenen Lebens und des Lebens derer, die dein eigenes Leben kreuzen und all der anderen weltbewegenden Dinge, die da draußen vorgehen.

Ich müsste mittendrin beginnen. Und vor allem sollte ich mir das Schreiben wieder zur Angewohnheit machen. Ich muss, fürchte ich, mich zu diesem Funken Disziplin zwingen.

Zwei Halbimpfprinzen im diffusen Geschiebe der Security

Einen schönen kleinen Ginster habe ich mir da ausgesucht zum Pinkeln. Der einzige Ginsterstrauch auf dem riesigen, gut zweihundert Meter langen Parkplatz am Nordende des Großklinikums. Mannshohes, gelb blühendes Gewächs. Leichter Nieselregen. Fast fühlt es sich an wie Irland. Windumwehte Nase, schöne frische Luft, im Hintergrund unberührter Wald. Ein Fetzen Stille, kurz bevor der Rettungshubschrauber einfliegt.

Es ist ja heutzutage so schwer, gute Toiletten zu finden. Frühmorgens, ein paar Stunden zuvor, nutzte ich die Wartepause beim örtlichen Schnelltestzentrum, um nebenan auf dem Friedhof in der Nachbarstadt eine Toilette zu suchen. Nur mal kurz pinkeln. Tu‘ immer das, was deine Blase dir sagt. Im Testzentrum wies man mich schulterzuckend ab, keine Ahnung, wo es hier eine öffentliche Toilette gibt. Also schlenderte ich rüber zum Friedhof, flanierte zwischen Gräbern zur Kapelle. Dort müsste eigentlich ein Örtchen sein. Es ist nicht besonders dringend, zum Glück. Friedhofsarbeiter bedauert, dass das WC dieser Tage geschlossen ist, Sie wissen ja, die Pandemie! Man müsste ständig desinfizieren. Schamlos frage ich, ob es womöglich einen Komposthaufen gibt, einen abgelegenen Ort der Verrottung. Der Arbeiter grinst verschmitzt und zeigt mir den Weg. Hinter einem Container werde ich fündig, etwas schäbig, vertretenes Gelände, ab und zu Tempotaschentüchlein, aber keine Tretminen.

Der Test ist gewohnt negativ, zum Glück. Ich mache Einkäufe und wage sogar, zum örtlichen Baumarkt zu fahren, denn die Windschutzscheibe bildet einen schlimmen Riss aus, den man vielleicht mit einem Reparaturkit stoppen könnte, bis man endlich mal die Reparatur angeht. Vor anderthalb Monaten schleuderte mir ein Transportfahrzeug auf der Autobahn einen Stein auf die Scheibe. Mächtiger Knall, aber nichts zu sehen. Erst ein paarhundert Kilometer und viele Tage später bildete sich ein Riss. Die Einschlagstelle war unterhalb des Scheibenwischers im schwarzen Randbereich der Scheibe, so dass ich das Loch nicht bemerken konnte. Der Riss wanderte im Laufe der Zeit aufwärts, wurde sichtbar, machte schließlich eine Biegung etwa eine Hand breit über dem Wischer und kehrte zurück zum Ursprung. Der Geheime ‚Riss-in-der-Windschutzscheibe-Friedhof‘. Am Ende ihres Lebens begeben sich alle Risse dorthin zurück. Wie die Elefanten. Nur eben als Riss. Soweit so gut. Ein runder Riss kann nicht weiter Schaden anrichten. Vor einigen Tagen tauchte ein weiterer Riss auf, der dem anderen parallel folgte. Stoppte, machte eine Kurve, setzte seine Spaltung fort, stoppte wieder. Wenn das Auto nicht in der Sonne steht, schreitet der Riss nicht voran. Nur wenn es warm ist, wandert er, schlägt Haken. Noch ist nicht abzusehen, ob er weiter nach oben führt, oder ob er wie sein Ahne zum Friedhof der Scheibenrisse zurückkehrt und sein Dasein beendet.

Im Baumarkt wies man mich ab, weil ich kein Handwerker bin. Da dürfen nur Arbeitende rein. Ich könne aber gerne im angegliederten Gartenmarkt Zwiebeln kaufen oder Topfpflanzen oder Samen oder das Gewünschte im Internet bestellen und später abholen.

Unverrichteter Dinge kehrte ich heim, vergaß zu tanken, bzw. man tankt nicht gerne, wenn man mit einem angezählten Auto umher kutschiert.

Wieder zu Hause kam eine Botschaft von Journalist F., der momentan in der Klinik im Nachbarstädtchen logiert. Zigaretten, Handtücher, Zahnbürste, Rasierzeug und so weiter würde er benötigen, just als der Himmel die Pforten öffnete. Was es etwas komplizierte, die Strecke mit dem Radel zu fahren. Also doch Auto. Tankstelle. Laden Nummer eins war proppenvoll, nichts für Typen wie mich, selbst in Nicht-Pandemie-Zeiten würde mich das Betreten eines solch vollen Geschäfts Überwindung kosten. Weiter zum nächsten Laden in einem Dorf, wo es gemächlicher zuging. Und pünktlich beim Treffpunkt mit F. vor dem Eingang der kosmodämonischen Klinik, wo wir die Ware übergaben wie Dealer im Park, eine schnelle Zigarette rauchten, argwöhnisch beäugt von der Security. Ein unangenehmes Gefühl ist das, so zwischen Tür und Angel in einer Halbwelt der Legalität ein paar tröstende Worte zu wechseln, einen aufmunternden Blick, ein Schulterklopfen. Journalist F. und ich sind immerhin beide halbgeimpft, was es ein bisschen moderater gestaltet, sich zu treffen. Obendrein bin ich eingetragener Pfleger für ihn, versichere ich der Securityfrau. Zwei Halbimpfprinzen im Elend dieser Zeit, das sind wir.

Der arme F. erzählt mir, dass er wohl noch bis nächste Woche bleiben muss. Ganz starker Tobak für die Psyche sei das. Mit drei weiteren alternden Patienten auf einem Zimmer. Dreihundert Jahre Elend vereint auf vielleicht dreißig Quadtratmetern. Einer habe keinen Magen mehr, der andere habe wohl Krebs, wolle es aber nicht wahr haben und der dritte würde von Tag zu Tag weniger, falle vom Fleisch. Ein ständiges multiples Getelefoniere, Geschnarche, Geräuspere und Gestöhne.

So sieht wohl die Hölle auf Erden aus, denke ich, als ich in den Regen stapfe. Manchmal möchte man auf die Knie fallen und die Hände zum Himmel recken und flehend schreien oder umgekehrt.

Schon sehe ich das Auto, müde die steile Straße zum Parkplatz gehend. Schranken öffnen sich, lassen Bediensteten-LKW passieren, schließen sich wieder. Ich und meine Blase wie wir gut miteinander sind und dieser Ginsterstrauch ganz hinten im Eck, der einem das Gefühl gibt, wie es einmal gewesen sein mag vor vielen zig Jahren im frühlingsverregneten Irland. Ich lasse es laufen.