Sinnierend, konzentrisch kurbelnd auf dem Mühleneselspfad | #UmsLand Bayern

Ich darf Euch ein Geheimnis verraten. Meine Route rund um Bayern habe ich einem Webportal zu verdanken namens ‚Bayernnetz für Radler‘. Dort sind alle relevanten Radwege des Freistaats gelistet und man kann sich im Detail anschauen, von wo nach wo sie verlaufen und wie das Höhenprofil ist, was es am Rande der Route zu sehen gibt, wo man unterkommt. Ich habe die grenznächsten Radwege herausgepickt und die fehlenden Stücke händisch ergänzt, so dass ein Umriss zustande kam, der dem Umriss der bayerischen Landesgrenzen täuschend ähnlich sieht. Den Rest ließ ich offen. Kein Höhenprofil (das jagt einem nur Angst ein), keine Unterkünfte (wie sollte ich auch wissen, wann ich wo bin, wenn ich kein Höhenprofil kenne und nicht weiß, ob ich an dem Tag fünfzig oder hundert Kilometer schaffe), Sehenswürdigkeiten habe ich mir ein paar notiert, aber auch hier verlasse ich mich eher auf den Moment, der mir das, was gerade ansteht, vor Ort ins Netz meiner Geschichte rund um Bayern radelnd spült. Und mal im Ernst, Sehenswürdigkeiten sind ja höchst überbewertet, wenn es ums ’richtige’ Reisen geht. Entweder man klappert Sehenswürdikeiten ab im Leben und macht jeweils ein Häkchen in seinem Buch der tausendundeins Dinge, die man gesehen haben muss, oder man reist treibend wie ein frisch entwurzelter Baum auf dem überquellenden Inn und sieht dabei wie von Zauberhand tausendundeins andere Dinge, von denen in keinem Reiseführer geschrieben steht. Und vielleicht noch viel mehr.

Oft ist es ja eine Kombination verschiedener Unscheinbarkeiten, die sich geradezu homöpathisch im Reisealltag potenzieren zu einer wirksamen Mischung an Erlebtem.

Wenn ich Euch jetzt mit dem Glanzlicht meines gestrigen Reisetags komme, werdet Ihr sicher ein bisschen enttäuscht sein, denn es handelt sich nur um einen kleinen Land-Edeka Markt im winzigen Weiler Soyen, der sich verteilt auf verschiedene Hügel, in winzige Örtchen gliedert, von denen ein jedes sein eigenes kleines Kapellchen hat. Hie und da gibt es auch Landmaschinenhandel.

Gebeutelt von Wasserburgs Frühmorgenstristesse erreiche ich den Markt. Bänkchen vor der Tür. Kaffee zum Mitnehmen. Stille. Landluft. Kein Mensch, kein Geschrei. Fast wäre ich vorbei geradelt.

In Wasserburg gabs in der ’trockenen’ aber schönen Pension kein Frühstück, kein Kaffee, und die Stadt war mir mit ihrem Geschäftsauslagen-nach-vorne-Räumen zu morgendlich-hektisch, als dass ich mich hätte in einem Café niederlassen wollen. Zudem war ich mit Kettenölsuche beschäftigt. Besser gesagt, ich suchte nach einem Radladen, der mir eine Ölung schenkt, indem man mir das Werkstatt-Ölkännchen in die Hand drückt und sagt ’da, nimm reichlich’. Aber Fehlanzeige. In dem kleinen Laden, in dem ich zuerst frage steht ein Mann mit ölverschmiertem Kittel vor mir und gibt mir zu verstehen, dass ich das Öl kaufem nüsse. Es wäre ohnehin besser, denn der Inn, seien wir mal ehrlich, da musste täglich die Kette ölen usw. 4,90 sagt er und hält mir ein winziges Fläschchen hin. 1,90, frage ich? Nein, 4,90. Und das sind, bei geschätzt fünfzig Milliliter doch fast 100 Euro pro Liter. Das rechnet man sich normalerweise nicht aus, sondern man bezahlt und sagt sich selbst das, was einem die Händler auch sagen: ist Spezialöl. Pah. Ich sage nein. Lieber hole ich die weiche Banane aus dem Lebensmittelsack und schmiere damit die Kette.

Ein paar Häuser weiter der nächste Fahrradladen. Dort drückt man mir bereitwillig das Werkstattkettenspray in die Hand, ’nimm reichlich, fremder Wanderer’.

Soweit so gut. Mit einem zwiespältigen Gefühl verlasse ich die Stadt, sinne über den Griesgram im kleinen Laden versus den scheinbar Großzügigen im großen Laden und dass der Griesgram über kurz oder lang wohl schließen wird, geschluckt vom übermächtigen Konzern, der sein Öl sicher groß und billig einkauft … hätte ich dem alten Mann doch bloß das Öl abgekauft. Und warum gönne ich ihm den Teuerverkauf nicht, lasse ich ihn nicht so leben? Warum diktiert der Preis alles, warum nicht das Herz?

Die Geschichte ist groß genug und das Problem auch, dass ich es an anderer Stelle in diesem Buch fortsetzen werde. Es betrifft einen ja auch selbst. Irgendwo steckt(e) doch in jedem von uns so ein Typ mit ölverschmiertem Kittel, der seinen Lebensunterhalt auf Basis der vorliegenden wirtschaftlichen Mechanismen bestreitet, aber dann kommt von außen eine größere Macht, eine Kette von Fahrradläden, Lebensmittelläden, Kunstmaufakturen Wasauchimmerläden und überflutet die Stadt und diktiert und verbilligt die Preise und uns bleibt nichts übrig, als dabei zuzusehen, wie wir selbst vertrocknen, wie die KundInnen uns weglaufen, wie wir nach und nach alle mit dem schönen, freien, selbständigen Miteinander aufhören und uns in die Obhut der Kette begeben als halbwegs gut bezahlte Angestellte. Wenn denn ein Plätzchen frei ist in der Kette. Denn alle, die einst stolz und selbständig ihren Mensch standen, werden in der neu strukturierten Gesellschaft nicht gebraucht.

Deshalb kaufe ich gerne in kleinen Dorfläden ein (wobei Nah und Gut ja auch schon wieder eine Art Franchising ist).

Kaffee.

Kaffee und Kettenöl.

Kaffee und Kettenöl und ein Fetzen Isolierband, der das Ladekabel des iPhones wieder stabilisiert.

All das erhalte ich in dem kleinen Laden. Das Öl kostet dort 1,99 Euro. Immer noch stattlich.

Der Kaufmann mit weißem Kittel erzählt ein bisschen von seinen Radtouren. Am Inn entlang. Einst begnete ihm ein Berliner Radler, der fragte, wo bitteschön gehts denn hier nach München. Er erklärte dem Mann den Weg, dalang, und der Mann verschwand, nicht um ihm kurze Zeit später erneut zu begegnen. Der Weg nach ‚Minge‘ sei viel zu steil und er habe ja sowieso kein Ziel.

In meiner Phantasie wuchs ein radreisender Kerl, der im Zickzack nach Gutdünken das Land durchquert und sich von Impuls zu Impuls hangelt und dadurch sein Radreiseleben auf höchst chaotische, schicksalhafte Weise gestaltete. Wer weiß, vielleicht geistert er noch immer hier durch die Gegend: zu steil, Gegenwind, hektische Landstraße, igitt, Dauerregen, mjammie, Schweinshaxe, da lang, nein dort usw.

Die Impulse können so profan wie filigran sein, sie bestimmen sein Leben.

Und ich Eselcchen der feinen Künste mit meiner doch recht starren, sturen Tourkonzeption rund um Bayern hänge fest in meiner eigenen Tretmühle, die mich dazu verdammt das Nächste nach dem Jetzigen zu tun, weil es der Tourplan so vorgibt.

Manchmal sehne ich mich danach, einfach auszubrechen aus Bayern, aus meiner Runde, etwa der Via Claudiavon vor ein paar Tagen zu folgen und bis nach Venedig durchzurauschen, oder beim Rennsteig, wenn man es schon einmal geschafft hat bis zur Höhe des Gebirgs, Abtrunn zu werden und ab gehts ans Nordkap. Hach. Oder – wie hieß es früher in Raumschiff Orion – den Rücksturz zur Erde einzuleiten und bis zum Mittelpunkt Bayerns vorzudringen. Der ist übrigens heute etwa 129 Kilometer von meinem Mühleneselspfad entfernt.

DrumsLand – invented by SoSo, executed by Irgendlink | #UmsLand Bayern

Wie so ein Esel komme ich mir vor, der angepflockt an ein Mühlrad immerzu im Kreis dreht, sage ich zur Frau SoSo. Gerade erkläre ich ihr den Mittelpunkt Bayerns. Dass er bei Ingolstadt liegt, etwas nördlich bei einem Dorf namens Kipfenberg. Wissenschaftler haben das berechnet.Und ich immer außen rum. Wie auch um Rheinland-Pfalz und wie ums Saarland und wie ums künstliche Tourismuskonstrukt Paminaland.

Nuja, sagt Frau SoSo, jetzt ja nicht mehr. Jetzt gehts doch eher DrumsLand.

Ich stehe auf einer Innbrücke in Wasserburg, wo das Mobilfunknetz schnell genug ist für akustische Sprachübermittlung. Der Fluss ist mächtig. Fast schon schwappen die Wellen übers höchste Grün, zartkeimende Weiden und Stäucher vor den hunderte Meter langen Mauern der mittelaterlichen Stadt. Das Brückentor ist eine winzige Öffnung darin, durch das sich von hie nach da und von da nach hie Autos quetschen. Unheimlich laute Atmosphäre. Ich komme mir komisch vor, habe ich doch noch meinen ruhigen, radelnden, wankenden Tritt im Blut und nun schiebe ich mich durch den Lärm und der Lärm sich durch mich und ein bisschen Hektik des Feierabends bleibt kleben. In sich ruhende Kugel, durchdrungen vom Feierabenddodekaeder. Derweil der Inn allerlei Geäst, ganze Bäume, Alpenschmutz mitführt und die Poller vor den Brückenpfeilern jede Menge zu tun bekommen, um den Unrat von der Brücke fernzuhalten.

Ich hab Bayern verstümmelt! Kastriert hab ich das Land. Ihm den Schniedel abgeschnitten. Nein, nicht Bayern, meine UmsLand-Tour habe ich verstümmelt. Morgens auf dem Campingplatz in Bad Feilnbach stand es noch fifty-fifty, dass ich noch einen weiteren Tag bleibe. Immer noch Regen. Dazu Starkwind, vielleicht sogar Sturm. Aber dann ließ der Regen kurz nach und ich streckte den Finger in die Luft, könnte klappen, der Wind weht in meine Richtung, also Radel satteln, Regenklamotten an, Handschuhe, Mütze, volles Programm und tatsächlich, die schnellsten zehn Kilometer dieser Tour absolviere ich mit dem leichten Rückensturm von Bad Feilnbach bis rüber zum Inn. Die Gegend unterm Wendelstein ist ohnehin fast schon Flachland und schwupp stehe ich vor dem Abzweig zum Innradweg. Besser gesagt vor den beiden Abzweigen, denn es gibt auf jedem der Hochwasserdämme einen Radweg. Einen Ost- und einen West-Innradweg. Die Entscheidung fällt schnell, denn just am Knotenpunkt der Wege führt der Bodensee-Königssee-Radweg auf einer stärker befahrenen Straße und natürlich aufwärts. Adieu, hassgeliebter Freund, mit solchen Sperenzien nervtest du ja schon öfter.

Flachetappe bis Rosenheim immer dicht am Innufer. Ein paar Staustufen, viel Flussland, Weidenwälder mit olivgrünen Blättern und dunkelbraunen, vom Regen getönten Stämmen.

Rosenheim, was auffällt: Viele Asia-Imbissläden. Ein seltsames Autohaus fast mitten in der Stadt. Der Mangfall, ein Flüsschen, an dem auch ein wunderbarer Radweg verläuft (ich hatte ihn 2013 auf meiner Reise ins Memory of Mankind befahren). Und plötzlich kein Regen mehr. Oder täusche ich mich? Die Bewölkung ist jedenfalls noch da.

Weiter gehts nach Wasserburg. Bei Attel die erste und einzige Steigung am Innradweg. Fast schon eine Quotensteigung. Kurz vor Wasserburg führt der Radweg durch ein Klinikgelände mit stacheldrahtumwehrtem Trakt. Polizeiauto, Eingangsschleusen. Unheimlich. In Wasserburg habe ich mich schließlich in ein Zimmer einquartiert. Die Vernunft siegte, nicht weiter raus aufs Land zu fahren und dort womöglich mit leeren Händen dazustehen. Nieselregen der fiesen Sorte und Frösteln.

Heute gehts weiter auf dem Innradweg. Noch 160 Flusskilometer bis Passau. Und noch 110 Kilometer Luftlinie bis zum Mittelpunkt Bayerns.

Grenzen und ein Besuch im iBIERc – #UmsLand/Bayern

Jo do schau her, der oide Zausl, sog amoi, seid wiefuin Jahrn rennd der jetz scho da nauf zum Prechtl, trinkt sein Kaffee und starrt ausm Fenster?21. Mai 2029. Heute vor zehn Jahren fing es an mit der Wendelstein-Singualarität. Ein außergewöhnliches Wetterphänomen. Die Einheimischen nennen es den ‚Ewigen Regen‘. Die Jüngeren unter den Einwohnern kennen gar nichts anders als Regen. Sie haben die Sonne nie gesehen. Was zunächst wie ein außergewöhnliches Wetterphänomen wirkte, das vorübergeht, etablierte sich nach Wochen, Monaten und Jahren und nun glaubt eigentlich niemand mehr, dass der Regen je wieder aufhört.

Ein Tief namens Axel hatte sich über den Alpen festgesetzt. Der penetrante Axl, damischer Hund.

Die Situation war kritisch. Der Fremdenverkehr, der für die Region so wichtig war, kam völlig zum Erliegen. Die Touristen blieben aus. Bis, naja, bis der frisch gewählte Bürgermeister, der Jodler-Sepp von den Grünen, auf eine grandiose Idee kam. Du schau amal, mir ham da doch den Dauergast aufm Zeltplatz, den Blogger, den Dingsda, weißt, der mitm Radl rund um Bayern radelt und seit Monaten net mehr vom Fleck kommt wegen dem Wetter. Der is doch bekannt wie a bunti Kuh im Internet. Was meints, wenn ma dem a Zaunerl um sei Zelt bauen würd und dann Eintritt verlangen, dann kimmat die Touristn doch weltweit, oda?

So kam es, dass die kleine Gemeinde Bad Feilnbach unterm Wendelsteinmassiv einer der wenigen Touristenorte in Bayern geblieben ist, während der Rest des Landes im ewigen Regen unterging.

Unermüdlich bloggt der Künstler über seine Radtour um Bayern, die in dem kleinen Dorf wegen der widrigen Umstände ins Stocken kam. Jeden Tag schleppt sich der mittlerweile in die Jahre gekommene Mann die zwei Kilometer zum Ortszentrum lässt sich an seinem Stammplatz am Fenster des Cafés nieder im nach ihm umbenannten ehemaligen Prechtl-Kaufmannsladen, dem International Bavarian Irgendlink Eternity Rain Center (iBIERc). Dort nimmt er eine Schale Kaffee und ein großes Stück Himbeerkuchen zu sich, ganz wie am ersten Tag, an dem er in das Dorf kam.

Mittlerweile folgt ein Millionenpublikum dem als ältester Blogger der Welt im Buch der Rekorde verzeichneten Mann. Eine Webcam ist auf sein Zelt gerichtet. Die Besucherinnen und Besucher werfen manchmal Zettelchen mit Kommentaren über den Zaun.

All das begann auf den Tag genau vor zehn Jahren. Es ist an der Zeit zurückzublicken zu den Anfängen und hier lassen wir den Langzeitblogger doch persönlich zu Wort kommen mit einem seiner ersten Blogbeiträge, die er auf dem Campingplatz in Bad Feilnbach schrieb.
21. Mai 2019

Grenzen! Um sie geht es in diesem Buch. Rein geografische Grenzen, Verwaltungsgrenzen, zeitliche Grenzen (Grenzen des guten Geschmacks – man verzeihe mir diesen gedanklichen Ausrutscher), die Welt ist voller Barrieren und Schranken, Gesetze und Regeln. Nicht alle sind sinnvoll.

Gleich hinterm Zelt hinter dem Hochwasserdamm schießt der Jenbach vorbei. Ziemlich begradigtes Etwas. Als ich vorgestern Abend über den Radweg auf den Campingplatz zuradelte, empfand ich das Gewässer als natürliche Grenze. Musste erst Bach aufwärts radeln für einen knappen Kilometer, einen Steg überqueren und auf der anderen Seite, sinnigerweise heißt sie so, die Bachstraße zurück bis zur Rezeption des Campings.

Nun sitze ich hier im Schneidersitzbüro im Zelt. Kaffee vom Trangia. Seit zwei Tagen regnet es ununterbrochen. Solch eine Wettersituation habe ich glaube ich noch nie erlebt. Vielleicht während der fünf Monate um die Nordsee radelnd? In Nordengland und Schottland? Ich erinnere mich nicht. Die Erinnnerung schönt auch die Ereignisse.

Wer weiß, wie ich in zehn Jahren über diese Wettersituation, das gemeine Tief Axel, denken werde? Jo, da hab ich auf dem Campingplatz den Regen abgewartet und es mir gut gehen lassen im Zelt und im Aufenthaltsraum des Campingplatzes, der wie ein gemütlich eingerichteter Bunker wirkt, weil die Wände des Kellergeschosses aus unbehandeltem Beton sind und die Fenster wie Schlitze nach außen starren.

Gestern bin ich im strömenden Regen in die Stadt spaziert, um etwas zu tun. Denn nur im Zelt hocken oder im Bunker (hey, das passt auch zu Burroughs, die Sache mit dem Bunker, jeder große Schriftsteller sollte einen Bunker haben), also zu Fuß die knapp zwei Kilometer ins Ortszentrum entlang des Jenbachs.

Dort gibt es nicht viel. Rathaus, Einkaufzentrum, Café. Ein paar Erlebnispfade, die im Prospekt ‚Streifzüge durch Bad Feilnach‘ verzeichnet sind: Auf den Spuren von Jeni, der Wassernixe – für Kinder ab drei, Die Wasserdetektive sind unterwegs – für Kinder ab sechs, Auf Gottes Spuren, Wasserreich und Wasserarm – schon sehe ich mich als alten, graubärtigen Zausel wie ein Geist durchs Dorf irren im ewigen Regen, hängengeblieben, in seine Grenzen verwiesen, Dorfblogger for ever … halt halt halt.

Abends bereite ich mir im Aufenthaltsraum, indem es auch Kühlschrank und Herdplatten gibt ein köstliches Mal. Salat und Leberknödel. Leider vergessen, Pfeffersoße zu kaufen. Und Sauerkraut. Und Kartoffelbrei. Also Leberknödel pur bis zum Abwinken.

In der benachbarten Waschküche müht sich ein junges Paar, die Waschanleitung mit dem Google-Übersetzer zu übersetzen. Ich helfe ihnen, diese Sprachgrenze zu überwinden, übersetze ins Englische.

Die beiden kommen aus Israel, sind in Slowenien gestartet mit einem geliehenen Wohnmobil, über Österreich hierher und wollen weiter nach Köln und in die Niederlande mit einem finalen Abstecher nach Venedig, nachdem sie das Wohnmobil in Slowenien zurückgegeben haben.

In einem Europa mit Grenzen wäre das bestimmt eine Tortur, aus solch einem fremden Land kommend. Zig verschiedene Einreisebestimmungen.

Die beiden erzählen mir von Israel und ich könne doch mal rund um Isreal radeln. 36 Grad hätten sie da heuer. Sie wohnen in der Stadt Cäsaria, eine uralte Stadt, zudem eine der kriegsfernsten Städte Israels. Weder die Raketen aus Syrien, noch aus dem Gazastreifen reichen da hin, wenn ich es recht verstehe. Noch so eine Grenze. Grenzen allüberall. Die Grenze der tödlichen Gefahr.

Die beiden erzählen mir, dass sie es schwer haben, aus Israel in die Nachbarländer zu reisen. Ich als Europäer dürfe wohl einfach so die Grenzen überqueren, aber sie als Israelis können allenfalls nach Jordanien und auf den Sinai.

Wie widernatürlich doch das ist, was der Mensch Grenze nennt, wie willkürlich, kleingeistig, rückschrittlich und dem, was die Menschheit sein könnte, eine große, gute Weltgemeinschaft, zuwider laufend, denke ich auf dem Weg zum Zelt.

22 Uhr. Nachruhe. Grenze rein zeitlich. Über mir der nicht enden wollende Regen. Wenigstens der kennt keine Grenzen. Das Geprassel lullt mich in den Schlaf.

Was, wenn der Regen für immer anhält?

Ein Nachdenken so lang und holprig wie das Geschirrspülrumpeln einer Campinggästin in der Campingplatz-Spülküche – #UmsLand Bayern

Oft sind es ja die stillen Menschen, die wahre Perlen sind. Die man leicht übersieht, die im Streugetöse der lauten untergehen. Zack, ist man an ihnen vorbei gerauscht, ohne ihre Geschichte zu erfahren. Nicht so Jeremy, der in einem winzigen Einmannzelt auch auf der Zeltwiese des Walchensee-Campings übernachtet hatte. Zunächst hatte man geglaubt, das Zelt sei verwaist, die Person, die es aufgebaut hatte, ist in den Bergen unterwegs, übernachtet womöglich in einer Hütte. Aber nein, morgens steht Jeremy plötzlich neben mir. Wir kommen ins Gespräch. Übers Radfahren, das Unterwegssein. Er kommt aus Hamburg und ist für ein Familienfest in der Gegend. Als frisch gebackener Segelmacher präsentiert er mir sein Gesellenstück auf dem Handy: Ein Fahrradzelt, das das Fahrrad als festen Bestandteil der Zeltkonstruktion einbaut. Klasse Idee. Insbesondere Menschen, die mit teuren Fahrrädern unterwegs sind könnten daran Gefallen haben. Nie mehr Angst, dass jemand beim Nachtlager das Radel einfach mitnimmt, denn man müsste dann das gesamte Zeltlager inklusiv seines Besitzers klauen.

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Die Schranke öffnet sich nur, wenn die Nummer erkannt wird. Aber sie haben ja kein Autokennzeichen am Fahrrad, sie müssten das Radel an der Schranke vorbei schieben. Ohne unser Nummernerkennungssystem geht die Schranke nicht auf.

In der Tat befinden sich diesseits und jenseits der beiden Ein- und Ausfahrten des Campingplatzes Kaiser in Bad Feilnbach zwei Überwachungskameras als optisches Frontend eines Überwachungssystems, das die Guten von den Bösen unterscheidet.

Mir kommt jener schwedische Campingplatz in den Sinn, dessen Ausfahrtsschranke sich nur hob, wenn man per Hauch einen Alkoholtest absolviert hatte und keinerlei Alkohol festgestellt wurde. Faszinierend, was sich Menschen alles ausdenken, um Grenzen und Barrieren zu errichten. Erstaunlich, welche Mechanismen es alles gibt, um vollautomatisch zu entscheiden, du da, du bist legal und du da, du kommst hier nicht rein. Oder raus.

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Das Campingplatztrauma vom Walchensee sitzt noch in den Knochen, so dass ich gestern argwöhnisch den Campingplatz in Bad Feilnbach umrunde, um erst einmal ein Gefühl zu kriegen, ob er eher zur Kategorie ’unzeltbar, für Wohnmobile gestrickt’ gehört, oder ob man ein kleines, taugliches Reservat eingerichtet hat, in dem die – man verzeihe den Vergleich – ’Indigenen’ unter den Campern, die Urcamper, die noch mit Zelt unterwegs sind, auch einen Frieden finden.

Sprich, ausreichend große Zeltwiese, möglichst unparzelliert, nicht umringt von Wagenburgen wie etwa das winzige Areal am Heiterwangersee.

Andererseits habe ich keine rechte Wahl. Über den Bergen hängen mächtige Gewitterwolken. Irgendwo rumpelt es schon. Es geht gegen Spätnachmittag. Gerade habe ich die extremere Gegend der Berge um Tegernsee, Schliersee, Bayrisch Zell verlassen und befinde mich auf einer herrlichen ’Rutsche’ abwärts mit weitem Blick ins Voralpenland. Auch aus dem Flachland nähern sich fette Wolken. Das ist typisch bayerisch, dieses Phänomen, sich in einer Blase warmen Gutwetters zu wähnen und gleichzeitig sind die Unwetter nur ein Haarbreit entfernt, denke ich. Kindheitserinnerungen werden wach. Wie plötzlich das Wetter in der Voralpengegend umschlagen kann. Wie lange sich das Schlechtwetter festsetzen kann. Wochenlang. Erinnerungen an Ferienwohnungsferien, in denen man fast nie vor die Tür ging und in der Bude herumgammelte und Lustige Taschenbücher im Akkord las.

Manchmal, ja, manchmal möcht ich die Zeit dahin zurückdrehen.

Wie anders würde das Leben verlaufen? Ein winziger Impuls kann alles ändern. Winzige Impulse stellen immer die Weichen. Auch heute. Auch jetzt. Soll ich Camping, soll ich weiter bis zum Inn? Noch kurz vor der Rezeption sind beide Möglichkeiten gleich wahr. Bleibe ich eine oder zwei Nächte – jemand hatte unterwegs wetterprognostiziert, dienstags sei der regnerischere Tag und man rechne mit 30 Litern Regen … erst einmal abwarten. Zack, Impuls, weiter zum Inn gecancelt. Die Vernunft siegt manchmal über den dreisten Hasardeur in mir, der zu viel riskiert. Bei Dauerregen ist es trotz bester Regenkleidung einfach besser, irgendwo untergebracht zu sein, wo es eine Infrastruktur gibt. Der Camping hat wirklich alles, was man als radelnder Camper braucht. Sogar einen Aufenthaltsraum. Küche. Spielhölle. Schwimmbad.

An meinem Holzplatz, am Waldrand unterhalb von Marienstein, wo ich gestern gezeltet hatte, hätte ich nur das Zelt. Schlammschlacht. Vielleicht ein Lagerfeuer, kein anderweitiges Dach überm Kopf. Vermutlich würde man dort ruckzuck einen Zeltkoller kriegen, aufbrechen in die Nässe und dann am Abend ein klatschnasses Zelt wieder aufbauen, sich warmbibbern.

Nicht dass ich das nicht auch schon erlebt hätte. In England und Schottland etwa und auch in Lappland.

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Nun ist die Entscheidung für den Ruhetag gefallen. Es hat tatsächlich heute noch nicht nicht geregnet. Der Rezeptionist sagte, gegen sechs Uhr habe es beinahe danach ausgesehen, als risse der Himmel auf, aber eben auch nur beinahe. Nun hat es sich endgültig eingeregnet. Ich lümmelte lange im Zelt, erledigte ein paar technische Probleme mit dem Mobilfunkanbieter, checkte Mails, beantwortete Kommentare, twitterte ein bisschen. Wie der Regen, so plätscherte auch die Zeit und schon war Nachmittag. Nun habe ich mich im Aufenthaltsraum des Campings zum Schreiben niedergelassen. Unbeheiztes Ding. Vierzehn Grad vielleicht. Die Rezeption gab zu verstehen, dass der Raum nicht geheizt wird, weil die Gäste oft Tür und Fenster offen ließen und es sei ja Mai. Punktabzug.

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Die Etappe Marienstein via Tegernsee und Schliersee hat es übrigens in sich. Bisher die anstrengendste Tour. Morgens mäandrierte ich die steile Straße zum Golfplatz Margarethenhof hinauf, kaum schneller als eine ältere Frau, die sich auf ihre Wanderstöcke stützte. Hinab zum Tegernsee und ab dort kam es richtig hart auf dem Radweg Tegernsee-Schliersee durch den Wald. Etwa ab der Rodelbahn Oedberg führt das Radwegidyll happig über schmale Pfade und Waldwege, manchmal so steil, dass man nicht fahren kann.

Das Stück entlang des Schliersees war sonntagsbedingt auch eine Herausforderung. Bei noch bestem Sonnenschein waren hunderte Radler, Spaziergänger, Hundegassies unterwegs und ich musste regelrecht Slalom fahren.

Spießrutenlauf unterm Wendelstein. Das ist DER Berg der Gegend. Ein gut 1800 Meter hoher Koloss als Vorhut fürs Hochgebirge.

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Entscheidungen. Nicht leicht, aber immerhin alles ist möglich. Es sieht nicht nach Wetterbesserung aus und ich bin ziemlich nahe an Daheim. Was ich sagen will: Wenn ich irgendwo in Lappland wäre oder in Schottland oder sonstwo nicht gerade einen Hüpfer vom heimischen Sofa entfernt, könnte das Wetter so lange schlecht sein wie es will. Ich würde garantiert nicht abbrechen. Aber hier und jetzt ist die Versuchung doch groß. In Bad Aibling ist der nächste Bahnhof. Halbe Stunde entfernt und mit drei- bis fünfmal Umsteigen wäre ich daheim in der Pfalz.

Ich muss nachdenken. Ein langes, langsames Nachdenken. Ein Nachdenken so lang und holprig wie das Geschirrspülrumpeln einer Campinggästin in der Campingplatz-Spülküche. Und vielleicht noch länger nachdenken, ein paar Kilometer zu Fuß durch den Regen bis ins Dorf, wo ich ein Stück Käse kaufen werde, eine Semmel und noch ein paar Köstlichkeiten, vielleicht.

Das Titelbild zeigt einen Blick auf die spiegelnde Oberfläche des Walchensees vorgestern. Ich wollte Euch das surreale, grünliche Wolkenidyll am grauen Ufer schon lange gezeigt haben.

Im äußeren Umlauf des Bayernlabyrinths | #UmsLand Bayern

„Die Willkür des Reviermarkierens der Stärkeren auf Kosten der Schwächeren und Ahnungslosen.“ Und so weiter. Das war ein recht brisanter Artikel, den ich da heute morgen begonnen habe. Und wie es mit brisanten Artikeln so ist, wird es irgendwann so kompliziert, dass man aufhören muss. Und immerhin, die Straße ruft ja und der Wetterbericht sagt Regen voraus ab Mittag und da wäre es doch doof, wertvolle Trockenstunden mit Schreiben zu ‚verschwenden‘.

Irgendwie habe ich ohnehin das Gefühl, mich vom eigentlichen Thema meiner Reise, dem Buch, das von Bayern handelt, mehr und mehr zu entfernen.

Wenn dies ein Labyrinth wäre, so hätte ich vielleicht einmal fast die Mitte erreicht, nur, um mich in vielen Windungen, ganz ‚chartreesk‘ wieder von der Mitte zu entfernen. Momentan befinde ich mich im äußeren Umlauf meines Bayernlabyrinths.

Die gestrige Strecke, immerhin knapp sechzig Kilometer, war, der durchzechten Nacht geschuldet, nicht so leicht, wie sie hätte sein können. Mittags schlief ich auf einer Parkbank ein, kurz nachdem ich die Isar erreicht hatte.

Ein Ziel, auf das ich mich sehr gefreut hatte, waren die Isar-Pyramiden, Steinschichtungen am Isarstrand in der Nähe von Lengries und Bad Tölz. Als ich den Punkt erreichte, den ich in der Karte verzeichnet hatte, bot sich mir aber ein enttäuschendes Bild. Statt wie erwartet zig kleine und größere Steintürmchen zu finden, gab es gerade einmal zwei halb zerfallene Etwasse, garniert mit Silvrettabergen im Hintergrund und einem reißenden Fluss. Entweder, ich hatte den Punkt falsch markiert – eine Passantin sagte mir, die Pyramiden befänden sich jenseits von Lengries, flussaufwärts – oder das Kleinod ist über die Jahre zerfallen. Fast wie die echten Pyramiden. Die Hochkulturen kommen. Die Hochkulturen gehen. Auch wir sind eine – globale – Hochkultur. Wir müssen bald gehen, vermute ich.

Nerviges Tal. Straßenlärm. Gasgriffvergleiche der Motorradfahrer, die sich akustisch einbrennen.

Bei einer Feuerwehr, deren Trupp gerade von einem Einsatz zurück kommt, frage ich, haben Sie Wasser? Das macht deren Tag. – Wir? Wasser? Haha, der war gut. Ich kann unterm Schlauchturm an einem Wasserhahn die Flaschen füllen.

Weiter nach Bad Tölz. Spätsamstägliches Einkaufen. Futter für den Sonntag. Brot vergessen, dafür aber Nüsse, Bananen und Milch.

So verlasse ich gegen 18 Uhr das quirlige Städtchen mit der breiten, steil ansteigenden Fußgängerzone. Die Wirte der Straßencafés kurbeln die riesigen Schirme über der Bestuhlung mit Akkuschraubern zusammen.

Raus aufs Land durch ein Wiesenidyll auf unbefestigten Feldwegen, vorbei an Scheuern und Hochsitzen und alten Bäumen, unter denen Parkbänke stehen.

Unterhalb von Marienstein baue ich das Zelt auf einem Holzlagerplatz am Waldrand auf. Praktisch sind die Holzstapel für die Ablage von Dingen. Nebenan murmelt ein Bach. Ein guter Ort – im Vergleich zu Campingplätzen, auf denen man eigentlich als normaler Zeltender heutzutage nicht mehr zelten kann. Alles ist so eng geworden. Parzelliert. Grenzen gezogen bis zum Gehtnichtmehr und wo die Grenzen sind stehen diejenigen, die den gesunden Menschenverstand abgeschaltet haben schon in den Startlöchern, um diese künstlichen Trennlinien zu wahren.

Genau davon handelt der Artikel, den ich begonnen habe.

Wahrscheinlich kommt er als Supplement in mein Bayernbuch. Denn eins sei gesagt, auch wenn ich mich labyrinthisch vom Kern entferne und Auflüge in die eigene Phantasie mache und Euch dabei mitnehme, gemeinsam werden wir auch immer wieder zum Kern der Geschichte zurückkehren, ihn touchieren, und wieder weg, und wieder näher und irgendwann erreichen wir dann unser Ziel.