UmsLand Rheinland-Pfalz II

Heute gehe ich endlich die letzten 200 Kilometer meiner Rheinland-Palz-Umradelung aus dem Jahr 2017 an.
Damals musste ich die Reise in Ludwigshafen abbrechen, weil mein Vater im Sterben lag.
Die heutige Strecke führte zwischen Pfälzer Wald und Donnersberg vorbei an Kaiserslautern. Ich nutzte weitgehend Radwege, lange Strecken den 90 km langen Barbarossaradweg, der von Glan Münchweiler nach Eisenberg führt und den Salierradweg ab etwa Grünstadt südwärts.
Besonders schön war die Strecke Enkenbach-Alsenborn bis Eisenberg. Über Sandwege durch Wald, vorbei an einem Weiher namens Eiswoog. Etliche Kilometer neben einer ehemaligen Schmalspurbahn.

Vollbildanzeige

Bilder beschneiden im Backend von WordPress

Manchmal ist man ja total betriebsblind. Die Bildbeschneidungsfunktion von WordPress ist allerdings auch ein bisschen ‚üwwerzwerch‘.

Kurz und knapp: bevor das Feld ’speichern‘ unterm Bildbearbeitungsdialog aktiv wird, muss man, nachdem man den zu beschneidenden Bereich ausgewählt hat, noch einmal auf das Beschneiden-Symbol über dem Bild ganz links klicken. Das Bild wird dann beschnitten angezeigt. Dann erst wird der Speichern-Knopf aktiv.

Da ich selbst lange gesucht habe, wieso es scheinbar nicht funktioniert (und sogar die Bildbearbeitungsfunktion auf dem Server in Verdacht hatte, dass sie  schuld daran ist), hier ein Screenshot vom WordPress-Backend, in der die Bildbeschneidung gezeigt wird.

Im Fall: Ich hatte einfach das Konzept nicht verstanden, dachte, auswählen und speichern genügt.

Der Beschnitt kann auch nach dem Speichern noch einmal rückgängig gemacht werden.

Nachtrag auf Anmerkung von Pit und Ulli: Es ist grundsätzlich besser, die Bilder vor dem Hochladen auf dem heimischen PC zu bearbeiten. Die Bearbeitung mit der WordPress-Schnittstelle ist nur eine schnelle Lösung für nachträgliche Anpassung.

Screenshot des Dialogs Bild bearbeiten im WordPress-Backend
Mit der Maus den Bildausschnitt aufziehen, dann das Schneidesymbol oben links auswählen, anschließend auf speichern klicken. Rückkehr zum Originalbild ist auch nach dem Speichern noch möglich.

Aarewanderung – von Guttannen bis Meiringen | #flussnoten19 Tag vier

26. Juni 2019

Am Anfang der Reise tut sich eine große Leere auf. Sie besteht aus all den Dingen, die man zu Hause lassen musste. Aus menschlichem Komfortbedarf, aus einem unsichtbaren Skelett an Gewohnheiten, aus einem Tagesablauf, der einem Halt gibt. Wie kann etwas aus Dingen bestehen, die man nicht im Rucksack mit sich schleppt? Wie kann etwas Gestalt annehmen, das gar nicht ist, aber dennoch auf Dein Gemüt wirkt? Erst wenn Du die Leere mit dem füllst, was sie von Natur aus beinhalten sollte, wirst Du Deinen Frieden finden. Fülle die Leere mit Nichts!

So ähnlich formulierte ich kürzlich die Gefühle der ersten Tage, die uns den Berg hinab begleiteten. Sowohl Frau SoSo, als auch ich mussten uns erst einmal an den neuen Reisealltag gewöhnen und an das Nichtvorhandensein der vielen kleinen Gewohnheiten, die unsere Daheim-Alltage ausmachen. Neben Einbußen an Komfort, etwa Wasserhahn einfach aufdrehen oder Duschköpfe, Spülmaschinen und Elektroherd nutzen, oder mal eben noch einkaufen, etwas nicht vorhandenes besorgen, gehören dazu auch tägliche Routinen. Am PC arbeiten, Mails schreiben, sich Sorgen machen, kommunizieren, neue Projekte aufgleisen und … darfs abends vielleicht ein bisschen Heimkino sein? – lieb gewordene Serien schauen. All die fluffigen schönen Alltagsbegleiter.

Nichts von den genannten Dingen hat in den Rucksack gepasst. Die Sommertage sind sehr lang. Unsere Etappen, trotz recht schwerem Gepäck, sind mit zehn, fünfzehn Kilometern eher kurz. Mehr als fünf Stunden muss man dafür nicht wandern. Es bleiben also locker etwa zehn bis zwölf Stunden Tageszeit, die man verbringen muss und in die sich die Leere legt, die aus all dem Materiellen und den Gewohnheiten besteht, die man daheim lassen musste.

Man könnte sagen, uns ist langweilig. Jene Art unruhige Langeweile, ein unbestimmtes Gefühl, das sich aus der Spannung des Nichtvorhandenseins von etwas, woran man sich gewöhnt hat zu der Reisemasse ergibt. Mit dem Begriff Reisemasse bediene ich mich eines Begriffs aus der Fahrzeug-Elektrotechnik. Als Masse bezeichnet man einen der beiden Batteriepole, der an die metallische Karosserie des Fahrzeugs angeschlossen wird. Somit genügt es, bis zum Verbraucher, zum Beispiel dem Rücklicht, nur ein einziges Kabel zu legen, wenn der Verbraucher mit dem anderen Pol direkt an die Masse angeschlossen wird. Und das wird er.

Wie zwei Rücklichter in düstrer Nacht, die sich unheimlich langweilen sind wir?

Ich will das Bild nicht überstrapazieren.

Von unserem Freiluftlager im Bachbett nahe Boden erheben wir uns schon bei Sonnenaufgang. Noch weht der Gebirgsbachwind kühl von der Grimsel herab, so kühl, dass ein frühmorgendliches Flussbad im vielleicht 14 Grad kalten Wasser unattraktiv ist. Nach wenigen Metern aber schlägt die Temperatur auf der frisch gemähten Wiese um. Deutlich wärmer, deutlich weniger Gebirgsbachwind.

Innertkirchen wird die erste größere Siedlung, die wir heute durchqueren werden. Dort gibt es Bahnhof, Laden, Bushaltestellen, Restaurants, Metzgerei, Campingplatz, Hotel.

Im Weiler Boden, etwa sechs Kilometer oberhalb, finde ich an einer Mauer lehnend einen Haselnussstock, der mich fortan begleitet. Frau SoSo ist mit ihrem teleskopierbaren Wanderstab schon von Beginn an bestens gerüstet.

An einem sehr steilen Hang fließt ein schmales, weißes Rinnsal über braunen Waldboden. In der oberen Hälfte des quadratischen Bildes stehen junggrüne Bäume.
Am Säumerpfad vor Innertkirchen gibt es zahlreiche Schmelzwasserbäche zu überqueren.

Bemerkenswert an diesem Abschnitt ist der alte Saumpfad, der sich auf schmalsten Wegen über Schmelzwasserrinnen durch die Schlucht zieht bis zu einem magischen Ort namens Sprengfluh. Dort ist das Aaretal besonders eng. Die Grimselstraße ist unhörbar in einen langen Tunnel verbannt. Auf der alten Grimselstraße, gut sichtbar in den gegenüberliegenden Fels gehauen, verkehren nur ein paar Radler und ein paar Lieferfahrzeuge. Stille. Unten in der Schlucht rauscht die Aare. Die Sprengfluh ist ein markanter Wegpunkt, bei dem der alte Saumpfad in den Fels gehauen wurde. Die Grimsel hatte nie die Bedeutung, die andere Passstraßen für den internationalen Verkehr haben, weshalb auch erst sehr spät, Ende des 19. Jahrhunderts, überhaupt eine fahrbare Straße gebaut wurde. Vorher diente die Strecke eher als regionale Verbindung zwischen der Hasligegend und Italien.

Dann Innertkirchen. Zwei Pfützen an Wand vor riesigem Stromumspannwerk, so könnte man uns wohl bezeichnen. In praller Mittagshitze keuchen wir die letzten Meter hinein in das kleine Städtchen, suchen jeden Brunnen auf, ducken uns in jeden Schatten. Ganz bemerkenswert jener alte, riesige Baum, mitten auf dem Friedhof, unter dem ein wie für uns geschaffenes Bänklein steht. Hier gehen wir nie wieder weg! Doch! Die Zivilisation lockt.

Sobald sich in Deinem Kopf ein kühler Schokodrink oder eine Limonade manifestiert und dazu ein Gipfeli und allmögliches, kaufbares Zeug, bist Du bereit, auch noch die letzten – lass mich nachsehen auf dem GPS – hundertachtzig Meter bis zum Dorfladen zu laufen.

Nichts wie hin. Vor dem Laden zwischen Bahnhof und Museum steht ein riesiges Festzelt, darin drei Bankgarnituren. An dem Knotenpunkt zweier Passstraßen gehen täglich viele Leute ein und aus, Motorradkorsos, Busse und Bahn, die Wanderer und Wanderinnen ausspucken. Alle wollen einkaufen. Alle wollen sitzen, alle wollen keine Sonnen bei der Hitze dieser Tage. Im rundum offenen Zelt ist es trotzdem extrem warm. Wir kaufen nicht viel. Entsorgen unseren Müll, den wir seit drei Tagen mitschleppen, keuchen schließlich weiter durchs Dorf, überqueren die Aare, die hier schon ein richtig kleiner Fluss geworden ist, liebäugeln, uns auf dem Campingplatz einzuquartieren, der direkt an der Hochwassermauer liegt. Kein einziger Schattenplatz zu sehen. Dennoch, wirkt sehr sympathisch. So wandern wir weiter auf dem Flussdamm schnurgerade auf die legendäre Aareschlucht zu. Auf einer Bune lagern wir einen Moment, kühlen uns im immer noch eiskalten Wasser. Bremsen zerstechen uns. Rein in die Klamotten, weiter. Der Eingang zur Aareschlucht ist in Sichtweite. Kurz bevor der kanalisierte Fluss zwischen den Felswänden verschwindet, führt neben einem Grillplatz eine Fußgängerbrücke hinüber zur vielleicht bizarrsten Bahnstation, die ich je erlebt habe. ‚Aareschlucht Ost‘ heißt der Bedarfshaltepunkt. Durch einen in den Fels gehauenen Pfad geht man auf eine Aufzugstür zu. Daneben Knöpfe für beide Richtungen. Wenn man einsteigen will, muss man den jeweiligen Knopf drücken und unten warten. Erst wenn der Zug kommt, kommt auch der Aufzug, der einen hinauf ans Gleis bringt. Die Züge fahren oft. Vielleicht halbstündlich?

Wir bleiben auf der linken Flussseite, wandern einen Serpentinenpfad und einige Treppen hinauf zum Besucherzentrum der Aareschlucht. Die Passage kostet Eintritt. Etwa anderthalb Kilometer führt der Wanderweg über Stege, die an den senkrechten bis überstehenden zig Meter hohen Felswänden verankert sind. Über Treppen und durch enge, feuchte Tunnels. Denke ich anfangs noch, hey, das wäre cool, hier mit dem Kajak einmal durchzufahren, wird mir später zehn Meter über sehr rauem Wasser balancierend auf den Stegen klar, das wäre Selbstmord. An der engsten Stelle hat sich der Fluß tief in den Fels gefräst und gurgelt in einem  nur einen Meter breiten Spalt. Es ist kühl da unten und der Bachwind kühlt noch mehr. Die Schlucht ist eine der faszinierendsten Attraktionen des Berner Oberlands. Viele Touristen aus aller Herrenländer wandern auf den Brücken und Stegen. Nie habe ich mehr Frauen in Vollverschleierung gesehen wie in der Aareschlucht. Bizarr und surreal wirkt das manchmal, wenn plötzlich drei vier verschleierte Frauen hintereinander an Dir vorbeilaufen. Noch verrückter, dass dann Männer und Kinder folgen, die aber nicht wie zu erwarten etwa Kaftane tragen, sondern stinknormale Hemden, Jeans, Turnschuhe.

Auch auf der Westseite der Aareschlucht gibt es ein Besucherzentrum mit Souvenirsladen und Restaurant. Mit unseren schweren Rucksäcken sind wir definitiv die exotischsten Wesen, die die Schlucht durchqueren. Man fragt uns oft, ob wir Pilger sind. In der Tat befinden wir uns auf einer alten Pilgerroute, die von Sankt Gallen westwärts führt am Brienzer- und Thunersee vorbei, um dann kurz vor Bern  ins Waadtland und nach Frankreich abzuzweigen.

Jenseits der Schlucht lassen wir uns auf einer Parkbank neben einem Kinderspielplatz nieder, legen die Solarzelle in die Sonne, laden die Handys.

Ich glaube, das ist der Moment, an dem unsere Leere sich nach und nach mit Nichts füllt und wir zur Ruhe kommen. Keine Spur von Langeweile. Ich könnte mir gut vorstellen, eine ganze Woche hier am Tor zur Aareschlucht zu sitzen und die Menschen zu beobachten, sie zu interviewen, über sie zu schreiben. Aareschluchtblogger. Hey, das wäre doch mal ein Job, liebes Berner Oberland!

Neben einer Wandergruppe aus vielleicht zwanzig Menschen mit leichten Rucksäcken lagern viele Familien im Schatten, Touristen von überall. Zwei Kinder werfen eine Plastikflasche durch die Luft, versuchen sie mit der riesigen, runden Korbschaukel aufzufangen. Herrliches, selbst erfundenes Spiel. Einmal noch im Leben möchte ich die Muse und die Kraft haben, mich so intensiv auf ein im Grunde ganz einfaches Spiel einzulassen wie es diese Kinder tun.

Die Schlucht schließt um 17 Uhr. Der Parkplatz leert sich. Die Frage nach einem Lagerplatz für die Nacht klärt sich auch. Zwar wären wir in zwanzig Minuten in Meiringen, aber der Park mit Grillplätzen zwischen Parkplatz und Aare bietet allen Komfort, den wir uns wünschen und dürfte zudem etwas ruhiger sein, als etwa ein Campingplatz (so es denn überhaupt einen gibt).

Dusche gibt es an diesem Abend auch, gespeist vom nicht mehr ganz so kalten Wasser der Aare, das wir mit unserem zehn Liter Sack an einem Baum aufhängen.

Frau SoSo schreibt -> hier über Tag vier.

Flussnoten19 – Tag 1

23. Juni 2019

Der letzte Flussnoteneintrag liegt etwa drei Jahre zurück. Geschrieben an der Mündung des Rheins in die Nordsee bei Hoek van Holland. Wir hatten den Fluss von der Quelle bis zum Bodensee erwandert, ich ihn sodann alleine in zwei Abschnitten (Bodensee-Pfalz und Pfalz-Hoek) erradelt. Darüber geschrieben. Die Welt bankrott erklärt. Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Landnahme,  zu viel Zerstörung durch unsere Spezies mit dem implizierten, unterschwelligen Willen zur Sebstzerstörung.

Das Ende der Flussnoten schwingt mit in diesen neuerlichen Flussnoten. Die Welt hat drei Jahre weiter gedreht. Umwelt ist endlich ein Großthema geworden. Es brodelt und kriselt an allen Ecken und Enden. Etliche Despoten mehr sind zu Herrschern bedeutender Nationen geworden, zu korrupt-dümmlich-populistischen Wagenlenkern. Die große Mehrheit ist immer noch ignorant und lebt ihr sorgloses Leben, blamiert andere als die Schuldigen eines Dilemmas, an dem alle in der Verzahnung ihrer großen Weltenmaschine prozessual beteiligt sind.
Wir sind nicht besser. Transporttechnisch sind wir hochgradig verzahnt, ein Rad im Gesellschaftsgetriebe. Mit dem Auto sind wir von der Homebase im Aargau angereist bis nach Thun zu Freunden, wo wir die Karre für zwei Wochen stehen lassen können in einer Tiefgarage, privat, kostenfrei. Das ist viel billiger als die 250 Franken, die es kosten würde, per Zug anzureisen. Nur etwa 150 Kilometer per Auto. Mehr noch, die Freunde fahren sogar mit auf den Grimselpass, wo unsere Reise Aare abwärts beginnen soll und bringen das Auto zurück nach Thun. Weitere 100 Franken gespart im Tausch gegen ein paar Liter Benzin, wie wir in die Umwelt pusten. Ein paar Liter mehr Benzin und Diesel dünsten in die Umwelt beim Sonntagsverkehr den Grimsel hinauf. Wir merken es erst, als wir kurz anhalten in einer Parkbucht bei einem Holzlagerplatz. Der Lärm, das unablässliche Vorbeizischen von Motorrädern, Autos und Wohnmobilen, die sich alle mit einander einen balgenden Tanz liefern, um die vielen Radler, die den Pass hinauf keuchen zu überholen. Und einander gegenseitig überholen. Wie Nahrungskette ohne Fressen. Wie Pogo mit tonnenschweren Stahlkarossen. Oben am Pass wird die Dimension des Wahnsinns deutlich. Die Terrasse des Restaurants Alpenrösli ist voller Menschen, Parkplätze gut belegt. Gipfelfoto hier, Gipfelfoto da. Ein Harleyfahrer mit wummerndem Topf stoppt, lässt den Motor laufen, steigt ab, schaut, liebäugelt nach Bewunderern. Klar, der  Motor muss wummern. Wupp-wupp-wupp-wupp. Ich gebe zu, der Sound ist wirklich extravagant.
M., der das Auto zurücksteuern wird, geht zielstrebig auf einen Schmelzwassertümpel zu, bückt sich, fotografiert, beobachtet etwas. Aus der Ferne kann ich ihn sehen, frage mich, was er da vor der Linse hat. Als ich die dreißig Meter rings um ein kleines Tiergehege laufe, um mir M.s Fotomotiv anzuschauen, bin ich entzückt. Der Tümpel, in dem noch Schnee liegt, der dahin schmilzt, sitzt voller Frösche. Lurche aller Farben. An den Rändern des Tümpels wurde mannigfaltig gelaicht. Die Zukunft. Blick schwenkt über den Parkplatz, das Alpenrösli, all die Individuen, die in seltenen Fällen tatsächlich darüber nachdenken, was geschieht, was sie anrichten im gemeinsamen Dahintreiben durch die Zeit, und es blitzt ein kurzes Bild, in dem all das vergangen sein wird, endlich wieder Stille herrschen wird auf dem Planeten und die Frösche die Herrschaft übernommen haben werden.
Welch groteske Vision ich da habe. Die Sonne brennt ungehindert in klarer Luft. Wenn man sich im Kreis dreht, flimmern die Berge, Schneeplacken neben Granit-Zacken unter stählernem Blau und die Geräusche der Natur, gemacht aus Wind und Wasser schimmern manchmal durch im von Menschen gemachten Motorgeräusche-Soundteppich.
Wir wandern los, Frau SoSo und ich. Rucksäcke zu je etwa 15 Kilo inklusive Wasser und Lebensmittel für drei Tage. Eigentlich sind wir ausgerüstet für eine Trekkingtour, könnten gut und gerne auch auf dem Kungsleden in Nordschweden wandern oder irgendwo in Schottland.
Die Aare entspringt in den Gletschern oberhalb des Oberaarsees. Erst ab dem Grimselsee, einem von mehreren Stauseen, heißt der Fluss Aare. Wenn ich meiner Karte auf der Open Cycle Map glauben darf. Vorher steht in der Karte geschrieben ‚Oberaarbach‘.
Da noch sehr viel Schnee liegt und die Wanderwege von Schneefeldern durchzogen sind, die wir mit unseren Schuhen nicht durchqueren wollen und auch nicht können, starten wir unterhalb der Staumauer des Grimselsees. Schon nach wenigen Metern die erste Barriere: Ein Warnschild zeigt, dass der Wanderweg wegen Schneefeldern zerstört ist und man eine Umleitung über die Passstraße wandern muss. Sonntags. Bei dem Verkehr. Wir versuchen es trotzdem, denn es ist genug Zeit und der schmale Wanderpfad in Flussrichtung linksseitig ist schön ruhig. Vielleicht hat ja schon jemand einen Pfad durch die Schneefelder getreten, dann schaffen wir das auch. Und wenn nicht, kehren wir um und wandern demütig die Passstraße. Schauen uns die Blockade wenigstens einmal an. Es sind nur anderthalb Kilometer hin und zurück. Ein Pokerspiel. Und wir haben Zeit. So stapfen wir los und stellen fest: tatsächlich. Auf etwa 100 Metern Länge liegt ein steiles Schneefeld über der Wanderstrecke, das, wenn man es durchqueren würde und stolpern würde, zu einer wunderbaren Rutsche bis hinab in den See gereichen würde. Der zweite Stausee unterhalb des Grimselpasses, der Räterichsbodensee. Hier gewinnt man Energie.
Also wieder zurück. Wie auch ein Trio, Mutter, Vater, Tochter nebst Hund, die ebenso geliebäugelt hatten, ob man durch die Engstelle kommt. Sie geraten uns zu Engeln. Hatten wir uns schon Plan B zurecht gelegt, Irgendwo zu zelten und montags früh die Passstraße zu erwandern, in einer Zeit, zu der sie noch nicht so stark befahren ist, luden sie uns kurzerhand in ihr Auto und kutschierten uns bis zum Ende der Umleitung über die Passstraße.
Nur noch etwa 1700 Meter hoch, liegen unterhalb der Staumauer des Räterichsbodensees weniger Schneefelder. Doch schon kurze Zeit später das nächste Dilemma: eine weggerissene Brücke. Unmöglich, den reißenden Gebirgsbach zu überqueren, weshalb wir bei einer Seilbahnstation querfeldein laufen und holpern – es dauert ewig, wir müssen klettern, um das Hindernis zu umwandern.
So kommen wir nicht sehr weit an diesem ersten Wandertag, bauen unser Zelt auf einem flachen Wieschen unterhalb der zweiten Staumauer auf. Ein sehr feuchtes Wieschen. Die einzige halbwegs trockene Stelle in der mit Wasser vollgesogenen Matte reicht gerade für Zelt und eine kleine Lagerterrasse davor.
Die Wiese lebt, wie alles um uns Menschen, von dem wir aber nichts mitkriegen wollen. Morgens bemerken wir, dass der Wasserstand in der Matte gestiegen ist. Wo abends noch trockenen Fußes angesagt war, fließt nun ein Bach. Das Zelt ist zum Glück nicht betroffen.

Wofür hat man Schuhe, wenn nicht zum Tastatur drauf legen? So sitze ich vorm Zelt im Schneidersitzbüro und tippe diese Zeilen.

Unveröffentlichter Artikel vom 24. Juni 2019, nachbearbeitet am 9. Juli 2019

Frau SoSo berichtet von Tag 0 und 1 -> hier klicken.

Tag zwei und drei hatte ich schon während der Reise veröffentlicht -> hier klicken.