Motivationsmotive und die verflixte Hydraischkeit allen Seins #Retrospektive

Atomkraftwerk Cruas Meysse als grünlich verfärbtes Bild. Im Vordergrund ein Grabstein, dahinter der Kühlturm eines Kernkraftwerks und die Oberleitung einer Bahnlinie. Dunstwolke steigt grün-gelblich in den Nachthimmel.

Off-Topic oder auch nicht, wer kann das in einem Blog schon so genau sagen. Das Problem liegt im Künstlerberuf, der sphärenübergreifend gestrickt ist, so vermute ich. Das Private ist professionell. Das Professionelle privat. Alles mischt sich. Du gehst nicht abends nach getaner Arbeit heim und widmest dich  deiner Hobbies. Profession und Alltag sind in einer untrennbaren Masse vermengt. Es gibt keinen Außenposten, von dem aus ich mich selbst definieren könnte. Kein Patron, kein Arbeitgebender, keine Institution, die mich feedbacken könnte. Geradezu im Blindflug. Das ist schwer auszuhalten.

Die Nacht war löchrig. Ich sinnierte verdrossen über meinen Rückstand beim Ausstellungsbauen. Immerhin sind noch fast drei Monate Zeit, die Retrospektive vorzubereiten … mal zählen, wieviele Fresszettel mittlerweile auf dem Tisch liegen … 26 Stück. Jeder ist ein Abschnitt der Retro-Ausstellung und jeder Fresszettel sollte auch ein Blogbeitrag werden. Über allem gaukeln noch weitere, ungeschriebene Fresszettel, bzw. Ausstellungselemente: Sollte ich den Gedanken umsetzen, dass mein Künstlerleben in Form eines Films in Sekundenschnelle an mir vorüberzieht? Ein Raspberrypi mit Beamer und eine Videokabine wären dann in der Ausstellung zu sehen und ich müsste entweder ein Skript schreiben, das sich alle Fotos von der Festplatte holt und sie zu einem Zufallsfilm zusammenfügt (hat jemand so etwas schon mal geschrieben?) … wieviele Fotos sind das … eine halbe Million … wie lange wäre solch ein Film, wie lange die Standzeit der Einzelbilder?

Und weiters: Sollte ich dieses Blog zum Schlagwort einlesen und in eine Audiodatei verwandeln? Hörbuch einer finalen Ausstellung. Verflixte Hydraischkeit allen Seins. Jede abgearbeitete Idee gebiert zwei neue.

Zurück zur letzten Nacht. Frustriert und müde zugleich, überlegte ich aufzustehen. Mein innerer Wecker vermutete, es sei vielleicht fünf oder sechs Uhr. Dafür sprach die Helligkeit, die diffus durch den Nebel sickerte. Dagegen sprach die Stille. Kein Verkehrslärm. Keine Frühmorgenmenschen unterwegs und es ist doch erst Freitag. Drei Uhr nachts. Die Frustration, die mich grübelnd wach hielt, rührte daraus, dass ich mein Ausstellungselement „Motivationsmotive“ nicht in Blogform gießen, es erklären kann. Es mangelt an Bildmaterial. Es mangelt an Idee, es zu formulieren. Also denkt es nur im Kopf und denkt und denkt und denkt. Und nichts, aber auch gar nichts, dringt nach draußen. Mit jedem Denk wälze ich hin und her, nutze das Bett ab, den Körper. Ich zerfließe und wenn ich es Flann O’Brienisch betrachte, bin ich halb Bett und halb Mensch. In ‚Der dritte Polizist‘ skizziert der irische Schriftsteller eine Molekültheorie, nach der Menschen, die Gegenstände über Gebühr nutzen und mit ihnen täglich in Berührung kommen, immer mehr zu dem Gegenstand werden und der Gegenstand wird immer mehr menschlich. Im Fall geht es um Menschen und Fahrräder. Aber ich finde, die Molekültheorie lässt sich auch auf Betten anwenden.

Leuchttischbild mit acht mal acht Dias in Schachbrettraster. Verschiedene Landschaftsszenen und künstlerisch bearbeitete Bilder.
Lichtinstallation mit 64 Kleinbilddias.

Ich überlege, die Leuchttisch-Diainstallation mit in die Ausstellung zu nehmen. Sie ist mit uralten Dias aus den 1990er Jahren beklebt und gibt ein tolles Retrobild. Leider fehlen darauf einige wichtige Motivationsmotive (z.B. das Titelbild dieses Beitrags). Tagsüber versuchte ich ein brauchbares Foto der Leuchtinstallation zu machen, kramte die uralte Nikon hervor. Ein RAW-Foto, das ich später entwickeln würde, scheiterte an der Kamera, die ohnehin schon abgelebt ist. Und nur 12 Megapixel hat. Das Bild war unscharf, ich mich auf die Schnelle in den Prozess des Raw-Entwickelns einzuarbeiten versuchte, dabei scheiterte … natüüürlich!

Dass ich aber auch immer die Perfektion herausfordern muss. Warum nicht das nehmen, was ist, es erklären und Ruhe. Mit dem iPhone, das mir die Liebste kürzlich schenkte, gab es ein besseres Bild als das Nikon. So vermutete ich.

Nun mal Tacheles und sags schnell, sags in einem Satz: Motivationsmotive sind die frühen Fotos, die ich analog mit Kleinbildfilm fotografierte und die selten absichtlich, oft aus Versehen zu Bildern gerieten, die mir sagten, mach weiter und somit ranke ich seit jeher an den Motivationsmotiven.

Der Leuchttisch enthält Bilder von etwa 1995 bis 2001. Viele Bilder aus der ersten Zweibrücken-Andorra-Reise im Jahr 2000 und aus der dritten Kunststraße, Mainz-Weikersheim-Fürth 1996. Es sind auch erste Dia-Sandwich-Experimente auf der Bildtafel. Besonders motivierend war C8, ein Dia-Schnappschuss am Main 1996, der im Gegenlicht das Zelt eines Zirkus abbildet.

Den gestrigen Tag verbrachte ich damit wahlweise die alte Nikon zu beherrschen, vom Neukauf einer aktuellen DSLR zu träumen, mich in Darktable zur Raw-Bildbearbeitung einzufuchsen und mit der Suche nach diesem verdammten zweiten Leuchttisch, denn es sind nicht alle wichtigen Motivationsmotive auf der Bildtafel.

Nun da ich dies schreibe kommen mir folgende Gedanken: Es sollten mindestens drei Leuchttisch-Collagen in die Ausstellung kommen, sprich, ich muss noch zwei weitere bauen. Und: Ist es nicht merkwürdig, dass die Tafeln aus genau 8×8 Bildern bestehen, genau wie beim Schach? Wenn ich ein imaginäres Künstler- Krimi- oder Mystery-Buch schreiben würde, käme darin ein Künstler vor, der in einer Schachbrett-Bildcollage einen Code hinterlässt, den man entschlüsseln kann, wenn man auf dem „Spielfeld“ eine bestimmte, berühmte Schachpartie nachspielt. Springer auf E6, Schach usw.

Wirres Zeug? Willkommen in meinem Hirn.

(Überlege noch, ob der Artikel öffentlich soll? Obschon er ja das Kriterium der Skizze für das Ausstellungselement „Motivationsmotive“ erfüllt. Finde ich.)

Das Beitragsbild ist für mich das motivierendste aller Motivationsmotive. Ein Bild, das sagt, mach weiter. Frisch mit einem Fotoapparat ausgestattet machte ich etwa 1991/1992 eine nächtliche Langzeitaufnahme auf Dia-Film und staunte nicht schlecht, als ich das farblich unerwartete Ergebnis im Diakasten hatte.

Tausend Fragen zum Thema Kaugummie #Retrospektive

29 Nordseeradweg Reifenstücke - Reliquien eines Europenners 2012-2014

Wie wir nach getaner Arbeit am Fenster im Obergeschoss stehen, uns hinauslehnen in den Lärm und den Dieselrußgestank der Straße, die Lammstraße heißt. Wo zwei Hupende sich bekriegen am Nadelöhr vor der Ampel und alles beim Alten ist in der kleinen feinen Stadt; diese Szene Ende 2013 ist unbezahlbar. Einen halben Tag lang hatten wir in unserer geräumigen Innenstadtgalerie Bilder gehängt und Skulpturen gerückt, damit alles schön fein ist zur Vernissage tags darauf.

Im Stadtgewusel und der nachlassenden Anspannung der Ausstellungskuratiererei geht mein Blick wie beiläufig nach unten auf den Gehweg. Ich nehme plötzlich etwas wahr, das ich schon immer vor Augen hatte und das mir auch schon öfter Kopfzerbrechen bereitet hatte. Etwas, das es bisher aber nie geschafft hatte, die Beiläufigkeitsgrenze betrachtenswerter Phänomene zu durchbrechen.

Kaugummies auf Gehwegen, plattgetreten, getrocknet, punktuelle Zierade im Straßenbild – wie kommen sie in derart signifikanter Menge dahin?


Der heutige Morgen ist nicht erquicklich. Ich hatte die Nachrichten geöffnet, verdrießliche Schlagzeilen gelesen von der großen bürgerlichen Demo in Gießen, die als linksextrem geframed wurde und wohl von massiver Polizeigewalt gemetzelt wurde. Ich dachte, was wenn es die letzte große Demo vor den Repressalien des aufkommenden Autoritarismus gewesen ist? Und ging weiter zur Schlagzeile wie schlecht es um die Beziehungen zum Nachbarland Polen steht, und dachte, was wenn wir in der Entzweiung – mit wem auch immer – auf eine schreckliche Zukunft zusteuern? Entzweiung als zersetzendes Element. Nachrichten zu.

In drei Monaten eröffnet meine große Retrospektive in der Galerie B. und ich werde langsam unruhig, dass ich nur Mist abliefere. In den letzten Tagen hatte ich mein Bild von der Ausstellung, das bisher nur im eigenen Kopf existierte auf Fresszettel skizziert. Für jedes Element in meiner gut dreißigjährigen Freischaffender-Künstlerzeit schrieb ich ein paar Schlagworte auf die Zettel. Die Kunststraßen müssen rein, die Streetnames, die Numbers und ach und je, das wird mir alles zu viel und generell muss ich wohl Abbitte leisten gegen meine Pedanterie, die mich dazu verleitet hatte, wahllos die Welt in Serien zu kategorisieren und Sammlungen selbst unansehnlich zu scheinender Motive anzulegen. Was sich nun möglicherweise als Vorteil herausstellt.

Bloß wie umgehen mit der Überfülle an Material? Scherzhaft sagte ich mir: Am Ende einer Künstlerkarriere spult sich dein ganzes Künstlerdasein in einer gigantischen Bilderflut in Form einer Retrospektive vor deinen Augen ab. Dann meldest du dich beim Finanzamt ab und begibt dich in den Ruhestand.


Du kommst aus dem Blog und du gehst auch wieder zurück ins Blog. Jaja, viele meiner Kunstwerke sind Blogs. Unsichtbares. Geschriebenes. Ephemeres und die Kunstwerke, die es manchmal bis in eine Ausstellung schaffen und physisch in „echt“ an den Wänden hängen, sind doch nur die wenigen Spitzen, die aus einem unergründlichen Urmeer der feinen Künste als kleine Inseln herausragen. Der Vulkanismus der feinen Künste. Die Plattentektonik der Literatur. Phlegäische Felder des Kreativismus. Was eignet sich besser als ein Blog, um den Moment festzuhalten und ihn in Form von Möglichkeit, einfach weiterzulesen oder wegzuklicken zu ephemisieren. Alles ist. Alles war. Alles wird gewesen sein und alles wird bis zum vollständigen Serverstillstand für die kurze Zeit eines Immers bis in alle Ewigkeit sein.


Ich komme aus dem Blog, also wird die Retrospektive auch ein Blog werden. Ein aus dem Moment geschriebenes konzeptuelles Etwas, das nicht den Anspruch hat, verstanden zu werden, denn es geht ja nicht um die da draußen, sondern um mich, den Künstler, den Schreiber hier drinnen. Die Sache muss raus und erst dann geht es auch um die da draußen.  Wenn die Bilder im Innern äußerlich nicht realisierbar sind weil mir die Mittel fehlen oder ich zu faul bin, es anzugehen, dann muss ich sie so gut wie möglich skizzieren. Also Blog. Also bin.

Hier wäre ein guter Platz, die Geschichte der Künstlergruppe Prisma zu erzählen. Zum Glück existiert die Webseite (Stand 12/2025) noch. https://prismakunst.de


Sternkarte der Kau by Jürgen Rinck
Sternkarte der Kau by Jürgen Rinck

Die Sternkarte der Kau war mein Beitrag zur Ausstellung Code 5 der Künstlergruppe Prisma, der ich von ihrer Gründung 2012 bis Ende 2014 angehört hatte. Ein Zusammenkunst von etwa fünf bis zehn Südwestpfälzer Künstlerinnen und Künstlern.

Die Rheinpfalz schreibt über den irgendlinkschen Part der Gemeinschaftsausstellung Code 5:

Normalerweise finden sich in den Prisma-Räumen Fotografien von den Kunstreisen des Zweibrücker Künstlers. Doch dieses Mal ist es anders. Denn mit ironischem Augenzwinkern macht er nicht nur seine feinsinnigen Beobachtungen der Welt zu Kunstwerken. Etwa, wenn er den Reifen seines Fahrrades zerschneidet, der den Weg rund um die Nordsee hinter sich gebracht hat. Es entstanden quadratische Gummistücke, die jeweils mit einer Schraube auf dem Untergrund befestigt werden. „Reliquien eines Europenners“ nennt er das aus 29 Einzelbildern bestehende Werk. Nicht minder verstörend die „Sternkarte der Kau“ vor dem Eingang der Galerie. Rinck fotografierte das mit Kaugummiresten bedeckte Pflaster aus dem Obergeschoss und entwickelte daraus eine imaginäre Sternenkarte. Mit verblüffendem Ergebnis.

Link zum Artikel über Code 5 in der Rheinpfalz vom 12. April 2014


Erst heute, gut ein Jahrzehnt später, wird mir die Tragweite meines Blicks durchs Fenter runter auf den gepflasterten Gehwegboden der Zweibrücker Lammstraße vollends bewusst. Seine Bedeutung für die Nimmerendlichkeit menschlichen Erkennens und Suchens. Ein Rattenschwanz an Fragen tut sich plötzlich vor mir auf. Neben der ursprünglichen Frage wie kommen die Kaugummies, oft schon seit Jahren festgetreten, in derart signifikanter Menge dahin? gaukelt plötzlich ein Universum weiterer Fragen:

Es kann unmöglich ein einzelner Mensch sein, der Kaugummis kaut, sie irgendwo ausspuckt und weitergeht, oder?
Wie fühlen sich diejenigen, die versehentlich in ein frisch ausgespucktes Kaugummie treten?
Gibt es Barfußläufer?
Wer kauft Kaugummies?
Wieviele verschiedenen Kaugummieausspucker gibt es in der Stadt? Im Land? Auf der ganzen Welt?
Wer produziert das Zeug? Warum? Was kost‘? Wer kauft, wer kauft, wer kauft verdammt?
Wieviele der ausgespuckten Kaugummies sind geklaut, wieviele wurden verschenkt?
Schlucken manche Kaugummies und wenn ja, bleiben sie im Darm kleben?
Kann man Gentests machen und herausfinden, wer die Spucker, die Spuckerinnen sind?
Gibt es Orte in der Stadt, an denen keine Kaugummies ausgespuckt wurden?
Werden die Kaugummies manchmal entfernt?
Wieviel wiegen alle in den letzten zehn Jahren ausgespuckten Kaugummies der, ja, sagen wir einmal nur der Lammstraße?
Könnte man einen Zeitrafferfilm der Spuckakte machen und den Akt des Kaugummie auf Straße Spuckens plakativ visualisieren?

Oder ist es doch nur das, was es schon vor Anbeginn der Zeit war: Eine geheime Sternkarte einer gestrandeten Spezies der Kau, die auf dem Pflaster der Stadt ihren Heimweg mittels unauffälliger Kaugummiespuckereien kartografiert hatte? -> Sternkarte der Kau

Hast Du weitere Fragen zum Thema Kaugummie für mich? Gerade kommt mir die Idee, eine Liste zu schreiben und in die Ausstellung zu integrieren. Dann bist Du mit dabei :-)


In Situ und aus dem Nähkästchen geplaudert: Die Sternkarte der Kau wird in der Retrospektive gezeigt werden. Die Reifenstücke von „UmsMeer“ (Titelbild) und „AnsKap“ (die erst 2015 entstanden) dienen als grafisches Element, das sich vom „Kleinen Raritätenladen“ zu verschiedenen anderen Stellen der Ausstellung verbindet. Der kleine Raritätenshop wird ein Teil der Ausstellung, in der sich Skurriles und Objekte zu einem Gesamtkunstwerk vereinen. Doch davon in einem anderen Blogartikel.

Hundert Jahre Irgendlink, Weltmeister des Wachliegens

Auf dem kleinen Wohnzimmertischchen liegt meine Retrospektive neben einer Orange, Nusschalen, Nussknacker, vielen Krümeln, ich glaube, es ist auch noch ein bisschen Mehl vom Brotbacken dabei. Hausstaub, ein ganzer Kosmos an Materie liegt da auf meinem Wohnzimmertischchen neben der Orange und der Retrospektive.

Hundert Jahre Irgendlink nenne ich meine Ausstellung, die sich nächstes Jahr mit 30 Jahren Kunst schaffen, Schreiben, Bloggen, kreativ sein beschäftigt.

Ich habe die Ausstellung auf Fresszettel gekritzelt, die ich aus einem alten DIN A4 Heft geschnitten hatte. Ein sicher dreißig Jahre altes unbeschriebenes Heft mit Löschblatt und Cover, einfach mit der Schere in Notizzettel. Cooles handgekritzeltes Retro. Ursprünglich sollte die Ausstellung Akte Irgendlink heißen und ganz ursprünglich sollte die Ausstellung nie stattfinden, aber der Galerist B. hatte mich beschwatzt und gesagt, du wirst alt, Irgendlink und anlässlich deines runden Geburtstags sollten wir was machen und ich dachte, achne, noch so ein Ding im physischen Raum, das nur Mühe macht und nur der eigenen Bauchpinselei dient und nichts bringt; bei der letzten Ausstellung hatte ich immerhin 40 Euro Umsatz für die Galerie generiert und ich frage mich, wieso der Galerist das macht? Ich meine, hey, er bezeichnet sich selbst gerne als The Capitalist und dann gibt er sich mit unbekannten Konzeptkunsttypen wie mir ab. Er muss im Kern seines harten Kapitalistenpanzers ja doch ein gutes, weiches Herz haben.

Oder führt was im Schilde. Oder ist gar kein Kapitalist. Oder hofft, dass ich etwas wert werde, wenn ich tot bin, was weiß denn ich.

Kürzlich hatte ich einen halben Tag lang eine Edition beim Galeristen signiert, gefühlt tausend Blätter voller Kunst, die in limitierte Mappen kommen und als ich meinen Anteil, fünf Mappen auf den Gepäckträger des Radels schnallte und wund geschriebenen Fingers nach Hause radelte, wurde mir erst auf der engen Landstraße unweit des einsamen Gehöfts bewusst, wie lukrativ ein nicht verschuldeter Fahrradunfall sein könnte, wenn dabei die Ware zerstört wird. Ich hatte Kunst im Verkaufswert von 15.000 Euro auf dem Gepäckträger, doch es fühlte sich an wie ein Stapel Papier und nun liegen meinen fünf Exemplare der Edition bei mir in der Schreibtischschublade und warten darauf … äh ja, auf nichts eigentlich. Und ich warte auch nicht auf irgendwas, sondern lebe mein Leben in den Tag.

Letzte Nacht wachte ich um halb zwei auf und wälzte mich bis fast fünf Uhr hin und her, wälzte Unannehmlichkeiten, die mich zudem eigentlich nichts angehen oder wenig; ein Telefonat mit dem Finanzamt für jemanden, was mir Puls verursacht und mich verunsichert, mich klein und hilflos fühlen macht, so wälzte ich und wälzte und es kristallisierte sich heraus, dass es mein ureigenes, in mir verankertes Problem mit Autorität ist, was mich wach hält: Ämter und schwarze Moloche von Organisationen und herzlose Chatbots und alles, was wischiwaschi menschlos ist, bringt meinen Blutdruck zum steigen, hält mich wach, macht mich wütend, macht mich mich ausgeliefert fühlen.

Ich wünschte, ich hätte mich nie auf die Menschen eingelassen. Eine Szene von ganz weit früher kommt mir in den Sinn: Ich auf dem Rücksitz eines Autos mit nur zwei Türen und mein Vater versucht, mich dazu zu bringen, auszusteigen und in den Kindergarten zu gehen, der erste Tag. Abwechselnd verkrieche mich auf der einen oder anderen Seite des Autos und mein Vater hechtet außenrum, um mich, ohne Hand anzulegen aus dem Auto zu holen, mal an der Fahrseitentür, mal an der anderen und in meiner Erinnerung gelingt es mir, mich zu widersetzen an diesem Tag.

Später kam ich doch noch in einen Kindergarten. Die Geschichte hat womöglich auch anders stattgefunden. Es ist nur ein Erinnerungsfetzen, auf dem ich mein heutiges Postulat baue, dass ich schon von ganz früh an mich nicht mit anderen Menschen einlassen oder mich in deren Institutionen zwängen lassen wollte.

Ich schlief gegen fünf Uhr ein. Zwischendrin habe ich sicher auch geschlafen, denn man denkt immer nur, oder nein, ich tue das, denken, dass ich immer wach bin und am Ende der Nacht gibt es dann doch Lücken im Grübeln, in denen sich die Ungewissheit von Träumen sammeln konnte.

Morgens postulierte ich, dass ich der Weltmeister im Wachliegen bin und diagnostizierte, dass ich zu viele Dinge, die eigentlich im Hintergrund unter der normalen Tagdenke laufen sollten ganz weit nach vorne hole, die mich sodann blockieren.

Ein paar Ideen zur Retrospektivausstellung gingen mir in dieser Nacht ins Netz. Ich kritzelte sie auf Fresszettel. Der Fresszettelstapel ist meine Maximalforderung. Er skizziert, wie ich die Ausstellung gerne aussehen lassen würde. Nun geht es daran, abzuspecken, zu den Akten zu legen und nur ein paar besonders wichtige Aspekte aus tausend Jahren irgendlinkscher Konzeptkunst zu zeigen … und eigentlich bin ich ja Blogger und Schreiber und die Kunstwerke entstehen nebenbei. Ich hoffe, der Galerist versteht das auch.

 

Die Zurückhaltung meines inneren Ofenrohrabschneidexperten

Ich kann es für dich abschneiden, sag ich. Zumindest glaube ich, dass ich es sage. Im Nachhinein zweifle ich manchmal, ob ich die Dinge nur denke, oder tatsächlich sage. Der Schwager schlägt mit dem Hammer gegen ein Stück Holz, das er als Schutz vor den nigelnagelneuen Holzofen gelegt hat. Das Rauchrohr sitzt schräg. Wenn er den Ofen ein bisschen schräg stellen könnte, würde es vielleicht besser passen. Das Rauchrohr ist definitiv zu lang. Man hätte entweder das Futter in der Wand höher setzen müssen, oder das Rohr kürzen. Das Futter ist auch nigelnagelneu, obschon es nicht nötig gewesen wäre. An der Stelle saß zuvor das alte, baugleiche Futter. Meine Überlegung, probiere doch mal, ob es mit dem alten geht, lehnte der Schwager ab. Eine Mischung aus Sorge, dass das alte Ofenrohrfutter nicht richtig verbaut ist, nicht richtig passt, verkratzt ist, weniger glänzt und vermutlich der Einstellung: wir haben das neue Ding doch bezahlt, dann muss es auch eingebaut werden. So genau will ich mich nicht festlegen.

Nun steht der Ofen auf nur zwei Punkten und stützt sich mit dem Ofenrohr am neuen festzementierten Futter an der Wand ab. Das kann so nicht bleiben, weshalb der Schwager die Ofenbaufirma kontaktierte, damit sie jemanden schicken, der das richtet. Der Ofenbauer sagte, er würde das Rohr abschneiden. Genau wie ich es angeregt hatte. Mein Angebot, dass ich das erledigen könnte war leider etwas zurückhaltend. Ich erwähnte nämlich, dass es vielleicht nicht den Ansprüchen genügt wenn ich das mache. Dass ich es nicht so sauber abflexen könnte, wie es benötigt wird, fügte jedoch hinzu, dass es tauglich wäre und passen würde, dessen sei ich mir sicher. Diese vermeintliche Unsicherheit, mit der ich mich als Ofenrohrabschneidexperte nicht so recht etablieren konnte, kostet nun Geld und Mühe.

Die Sache ist für alle Seiten okay. Ich lerne daraus für mich, dass ich mein Licht nicht nur beim Ofenrohrabschneiden unter den Scheffel stelle, sondern dass es eine grundlegende Wesensart ist, die im Tanz der Kompetenzen mit meinen Mitmenschen zu Tage tritt. Dinge, die ich für mich selbst mit aller Sicherheit und Souveränität erledige, sei es etwas handwerkliches, etwas technisches, künstlerisches, literarisches oder sonstwasisches, empfehle ich anderen stets mit Vorbehalt – man könnte es Unsicherheit nennen – darüber dachte ich gestern den ganzen Tag nach, dass die Sache an meiner Unsicherheit scheiterte, aber nun weiß ich, es scheiterte daran, dass ich mich zu sehr auf die Führung meines „Tanzpartners“ konzentriert hatte, zu sehr auf seine womöglichen Ansprüche an die Sache eingegangen bin und mich selbst dabei unnötiger Weise zu sehr zurück genommen hatte.

Und ja: Ich hatte es tatsächlich gesagt. Ich kann es und es wird gut.

Die Erkenntnis, nicht alles zu erreichen auf dem Weg zum Loch im Dach, das seit Jahren stört

Die sonnigen Tage dieser Tage verhindern das Schlimmste, denke ich manchmal: Dauermüdigkeit, Lustlosigkeit und Abdriften in Tristesse; dennoch, Haut an Haut steht das Glück mit seinem Gegenteil. Vermutlich. Hoffentlich hält die Haut! Ich stürze mich in Aktion, im Kopf bin ich viel viel weiter als ich das in der Realität je schaffe und dessen bin ich mir auch meistens bewusst.

Nur kürzlich an einem jener dauerhaft sonnigen Tage, als ich aufs uralte Künstlerbudendach hinauf kletterte, um ein paar Löcher zu flicken, kam mir die Übermacht der Realität in die Quere. Ich hatte erwartet, dass ich dieses und jenes Loch im Dach  und das andere Loch ganz weit drüben, das zwar nicht so bedrohlich ist, mich aber bei jedem stärkeren Regen ziemlich nervt, einfach mal so flicken könnte. Hatte alles gerichtet: Leitern, Flickband, Flickpaste, Teer, Spachtel, Besen, Schippe, Sicherungsseile und Gurt. Oben angelangt war dann erst einmal Schaufeln, Kehren und Rechen angesagt. Ich glaube, ich habe das fast flache Dach am Anbau seit fünf Jahren nicht geräumt. Unter einer Schicht von Buchenlaub lag schöne schwarze Erde, Kompost. Den ich erst einmal beseitigen musste und auf der Schräge direkt über der Künstlerbude wuchs unterm Laub dick das Moos. Bis ich die zwei schlimmen Stellen frei geräumt und gesäubert hatte verging ein halber Tag und ich hatte schon das Seil eingehängt, um mich bis ganz nach oben, acht Meter Weit zur großen ungenutzten Halle zu hangeln, wo ich über den First zehn Meter gen Westen „reiten“ würde, um mich von dort wieder acht Meter die Dachschräge hinab zu seilen zum Loch, das mich seit Jahren nervt.

Meine Kraft reichte leider nur für die Haupt-Baustelle, immerhin gelang es, die Künstlerbudendachfäche zur reparieren. Im Gegensatz zum Künstlerbudendach an einem Anbau, bewegt man sich auf dem riesigen Scheunendach in beängstigend luftiger Höhe.

Ich erkannte: Dach und Körper gehen Hand in Hand dem Untergang entgegen, was nicht schlimm ist, sondern eine Tatsache. Und: musst mit deiner Kraft haushalten, junger Padavan, so wichtig. Ein wunderbarer Sieg der Vernunft, die sich mit dem inneren Schweinehund verbündet hatte … früher wäre ich wahrscheinlich verbissen bis zum finalen Leck im Dach vorgedrungen. Nun aber bin ich einfach zufrieden, das Nötigste geschafft zu haben. Last but not least nehme ich diese Erfahrung mit in meinen Künstlerberuf. Die Erkenntnis, nicht alles erreichen zu können und auf dem Weg dahin auf Widerstände zu stoßen, ist kostbar. Vorzeitige Umkehr und Abbruch ist möglich und manchmal sogar vernünftig. Der Wille zur Unperfektion zu Gunsten des Wohlbefindens, einfach unbezahlbar.