Eine kurze Nacht from ten till three, wenn ich es richtig sehe, das ist die Grenzlinie zwischen der Daheim-Welt und der Unterwegs-Welt. Der Gedanke war mir letzte Nacht um 3:03 Uhr noch nicht bewusst, als ich das Handy einschaltete, welches die einzige verfügbare Uhr in meiner Wohnung beinhält. Ich flanierte im Dunkel, achtsam, Fuß vor Fuß. Unruhe bahnte sich an, jene Art Unruhe, die einen stundenlang am Weiterschlafen hindern kann, wenn es nicht gelingt, sie zu dimmen, sie zu ignorieren, sie wegzudenken oder zu fühlen. Diesmal klappte es, diesmal siegte der Schlaf. Vielleicht war ich von den knapp 300 Radelkilometern der letzten 36 Stunden noch erschöpft genug, dass ich dennoch wieder einschlafen konnte. Für einen kurzen Moment hatte ich etwas verwirrt überlegt, jetzt stehst du auf, setzt dich aufs Radel und fährst.
Wohin, wohin, wohin? Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle. Die Welt des Radlers ist eine andere. Nicht unbedingt die bessere oder glücklichere, aber so manche Alltagssorge gerät mir beim Unterwegssein mit dem Fahrrad auf eine tief liegende, zwar unterbewusste, aber wegseiende Ebene meines Daseins. Wohliges Verdrängen im ewigen Rund der Kurbel. Nur noch ich und die Welt und das Vorantreiben bei angenehmer Geschwindigkeit. Nicht zu schnell, nicht zu langsam und das Hirn denkt und erfreut sich des Gedachten. Ja. Ja. So sollte es immer sein, denke ich. Dennoch gaukelt am Ende – vielleicht am halb offenen Reißverschluss, der das Unbewusste Immerda, das man unterwegs nicht wahrnimmt und das man vom Bewussten Ist trennt – auch eine Sehnsucht, endlich anzukommen Wo ganz zu sein und wo bleiben zu können, wo es ruhig und sicher ist.
Kurz nach dem Erwachen in Thumenau, einem Rastplatz bei einer Schleuse am Rhien-Rhône-Kanal, fotografiere ich in der Morgendämmerung mein komisches Lager. Das nagelneue Radel neben einem Moskitonetz liegend unter einem jungen Nussbaum, der voller Früchte hängt. Unterm Netz befindet sich mein Wohn- und Schlafzimmer. Die Isomatte, der Schlafsack, Wasserflaschen, Geldbeutel, Helm, Schuhe, Handy, alles genutzt, um das Moskitonetz seitlich zu beschweren und einen kleinen, „sicheren“, eigentlich nur Insektensicheren Raum für die Nacht zu gestalten. Ich hatte gut geschlafen, ja ja, ich beziehe mich auf die Nacht zuvor, nicht auf diese, eingangs des Artikels erwähnte Grenznacht zwischen den Welten.
Eine noch mitten in der Reise-Nacht. Ich bin unbeschwert und denke etwa 12 Kilometer weit bis Straßburg oder sagen wir einmal, ich denke bis zur 12 Meter entfernten Picknickbank, an die ich mich gleich setzen werde, um eine Dose Bohnen, die ich tags zuvor gekauft hatte, zu öffnen, sie kalt zum Frühstück zu essen. Gute Idee, oder nicht. Ich mache drei vier Bilder des Zeltlagers mit dem billigen Handyblitz, die ich gedenke für meinen Film „Fahrradreise ans Ende der Nacht“ zu verwenden, den ich widerum zum diesjährigen Metalabor 11 im Taunus einbringen möchte. Mir schwebt ein schwarzer Film von etwa fünf bis zehn Minuten Länge vor, in dem subliminal ein paar Bilder aufblitzen. Ansonsten gibt es nur Audio und die Leinwand bleibt Dunkel (die Idee des „Dunkelbilds“ kam mir schon Ende Juni, als ich einen Film über den Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweg machte; ich meine, da hatte ich das Thema Nachtfahrten des Metalabors 11 noch nicht auf dem Schirm). Subliminal geht das Leben, subliminal und wie in einer invertierten Dreammchine, in der in bedrohlicher Frequenz Dunkelbilder statt Blitze präsentiert werden und man muss auch keine Drogen nehmen, um sich zu berauschen … ich lenke ab.
Gerade schießt ein verschwitzter Radler aus der Morgendämmerung und steuert direkt auf meine 12 Meter entfernte Picknickbank zu. Ein Deutscher. Ich frage, bist du die Nacht durchgeradelt. Er sagt nein, Camping, bin schon eine halbe Studne unterwegs. Nur kurz Pause. Dann weiter. Wohin frag ich. Iffezheim, sagt er. Sollte machbar sein. Über Plattfuß, den er gestern hatte und Kilometerschwanzvergleiche und Durchschnittsgeschwindigkeitsgewichse mäandiert unser Gespräch, wobei ich eher den passiven Part übernehme. Zuhöre, aufsauge. Auch so eine Art Frühstück, denke ich: Die Geschichten der Anderen. Woher sie kommen, diese Anderen, wohin sie wollen, was sie für Steine im Weg liegen hatten, die sie wegräumen mussten. Ein Plattfuß. Die Hitze. Der wehe Hintern und weiter weiter weiter. Dass er nur morgens radelte, sagt der Mann aus Iffezheim. Dass ich ihm Flickzeug geben kann für den kaputten Fahrradschlauch, sage ich. Dass das nichts nützt, sagt er, er habe ihn weggeworfen und dass er einen Freund anrufen würde, falls er noch mal einen Platten haben sollte. Ist ja nicht weit bis daheim. Ich hab hier unterm Baum geschlafen, sag ich und zeige zum Moskitonetzlager. Mutig mutig, sagt er, was unmittelbar eine Welle aus Zweifel in mir auslöst: Was meint der mit mutig mutig? Dass mich Schurken rippen könnten nachts im Schlaf, ja, bestimmt meint der das. Oder die Bullen greifen mich auf? Später, beim Weiterrollen gen Straßburg – er laufe mit 22 km/h, vielleicht hole ich ihn ja noch ein, sagte er, als er wieder losradelte – denke ich, was verunsichert mich so sehr? In mir stecken 30 Jahre Wildzelten an den unmöglichsten Orten des Kontinents und dann kommt einer daher und sagt mutig mutig mutig mit so einem zweifelnd besorgt wirkenden Unterton und schon denke ich, ich bin falsch und nicht er ist falsch.
Schwamm drüber schon nach zwei drei Kilometern in der Morgenkühle. Ich hatte wieder einen Cleanup gemacht „meines“ Rastplatzes in Thumenau und entsorgte die Tüte voller Müll in „meinem“ Mülleimer, der etwa drei Kilometer vom Rastplatz neben einer Farm am Kanalradweg steht. Jetzt bin ich drin im neuen Tag – so anders als daheim, wo mich die Alltagssorgen und die Morgenangst stundenlang plagen und mich lähmen. Tritt um Tritt kurbelnd, mich durch Straßburg denken und halt, stopp, stehe ich beim Abzweig zur Piste des Forts, die einmal rund um die Agglomeration Straßburg-Kehl führt und die an wuchtigen Befestigungsanlagen – oft noch aus Vauband-Zeiten – vorbei führt. Ich glaube, die Piste ist über 100 Kilometer lang. Die Westroute über ein paar Dörfer bis zum Rhein-Marne-Kanal ist nur ein paar, höchsten zehn oder 15 Kilometer länger als meine geplante Route mitten durch die Stadt. Einem Impuls gehorchend folge ich der Piste. Ich hab Bock auf Unbekanntes und einen Hügel gilt es auch noch zu überqueren und tausche die mir gut bekannte Strecke gegen etwas eher nicht so bekanntes (bin die Piste schon ein zweimal in entgegen gesetzter Richtung geradelt).
Was soll ich sagen. Es passiert das, was man Schicksal nennt oder Zufall. Einen Kilometer nach Kursänderung treffe ich einen Radler wieder, den ich abends zuvor getroffen hatte und mit dem ich mich ein paar Kurbel-Umdrehungen unterhalten hatte. Ein ganz junger Mann, 18 Jahre alt, sagte er, auf Tour vom Bodensee bis heim nach Wuppertal und die Unterhaltung mit ihm, vielleicht fünf oder zehn Minuten lang, bis ich am Picknickplatz Thumenau stoppte und er weiter fuhr, mit der Absicht, die Großstadt noch zu durchqueren, diese kurze Unterhaltung war sowas von anders als das übliche Kilometer- und Abenteuerschwanzvergleichsgewichse, das sich oft bei Zufallsbegegnungen ergibt. Was bewunderte ich den Jungen mit dem selbst zusammengeschusterten, zum Bikepackingbike umgebauten Mountainbike und vor allem für seinen Mut, die 700 Kilometer Tour alleine durchzuziehen. Ein Mensch, bei dem einfach alles stimmt, dachte ich. Zuneigung und Verbundenheit ab dem ersten Moment. Nachts lag ich kurz wach und dachte, warum haste nicht nach seinem Namen gefragt, wie sonst oft. Ich finde es wichtig, die Menschen, denen man begegnet, wenn auch nur kurz, wenigstens nach dem Namen zu fragen. Nun hatte ich die Gelegenheit, das nachzuholen. Rudi heiße er, sagt er und er habe schließlich, kurz nachdem wir uns am Rande der Nacht verabschiedet hatten, doch noch wo wild gezeltet, sei nicht mehr durch die Stadt.
Ja, mehr konnte mir die Entscheidung, eine andere Strecke zu nehmen nicht geben. Und sie musste auch nicht mehr geben, als eine einzige kleine versäumte Frage zu stellen. Wir wünschen einander Glück und verabschieden uns. Ich folge der Piste, was sich als komplizierter erweist als gedacht. Verirre mich in der Agglomeration, aber hey, so ist mein Weg, so soll er sein und denk dran, wenn dir das nächste Mal etwas passiert, was scheinbar nur Nachteile mit sich bringt. Der okkulte, nicht offensichtliche Vorteil liegt im Verborgenen auf einer andern Ebende dieser deiner Welt.
Ich komme zur Ruhe auf dem Umweg, stelle ich fest, als ich auf einer Parkbank über einem wuchtigen Fort morgenpausiere und picknicke. Hin und wieder öffnet jemand das schwere große eiserne Tor vor dem Fort, dessen Betonwände neben uralten Buntsandsteinwänden im Zickzack-Vauban-Graben hervorragen, fährt mit dem Roller, dem Auto hindurch. Einer kommt zu Fuß, allesamt ältere Männer und ich vermute, sie arbeiten in dem Fort mit Rasenfräsen und Schubkarren und Maschinen ehrenamtlich, so stelle ichs mir vor und überlege, ob ich fragen soll, ob ich mal in die Festung reinschauen darf. Vermutlich würden sie mich einladen. Aber hier draußen, acht Meter über dem Graben, hintunter schauend auf den Betonschlund genügt eigentlich.
Ich schätze, der „Umweg“ über die Piste des Forts hat mich zwei Stunden „gekostet“. Nach Umherirren erreiche ich bei Souffleweiherheim die altbekannte Radroute und folge ihr nun stur über Brumath, Haguenau, Lembach bis in die Pfalz. Keine besonderen Vorkommnisse. Hie und da döse ich, bummele ich, bin ruhiger geworden, jaja und ich sollte das viel mehr feiern, das pure Unterwegssein auf der dünnen Haut, die sich fragil zwischen dem einen Alltag daheim und dem anderen Alltag unterwegs gebildet hat. Nichts von einander ahnend liegen die Welten dicht an dicht und nur in der einen bin ich ein unruhiges, getriebenes Nervenbündel voller Angst und Sorge, wohingegen die andere, die gemeiniglich verstörend ist, sich viel mehr anfühlt wie die wahre Welt.
Letztlich, das weiß ich, lässt sich aber beides nicht voneinander trennen. Ich sollte mir die zwarte Haut dazwischen mal genauer anschauen. Wenn ich mich traue.
Diese (zwarte) Haut ist die Dämmerung unseres Seins, denke ich beim Lesen. Diese Übergänge sind es. In ihnen steckt so viel, wovor wir uns ängstigen, wofür wir viel Mut brauchen.
Die Zwischentöne …
Danke für deine Zeilen.
Die Dämmerung unseres Seins. Sehr schönes Wort. Hab Dank dafür.
@kibmib habe gerade durch Zufall deinen Text entdeckt. Danke für die Gedanken.
Remote-Antwort
Ursprüngliche Kommentar-URL
Dein Profil
Warum muss ich mein Profil eingeben?
Diese Website ist Teil des ⁂ Open Social Web, einem Netzwerk miteinander verbundener sozialer Plattformen (wie beispielsweise Mastodon, Pixelfed, Friendica und andere). Im Gegensatz zu zentralisierten sozialen Medien befindet sich dein Profil auf einer Plattform deiner Wahl, und du kannst mit Menschen auf verschiedenen Plattformen interagieren.
Wenn du dein Profil eingibst, können wir an dein Profil senden, wo du diese Aktion abschließen kannst.