Alltag, der 10. Januar 2026 – ran an die Arbeit

Zwei Wochen „außer Dienst“, obschon ich zwischenzeitlich immer wieder versucht war, etwas zu tun. Als freischaffender Mensch hat man die Freiheit ebenso wie die Last, dass man seine Zeit frei einteilen kann, dass man seine Zeit frei einteilen muss. Und da viele Arbeitsschritte im Kopf stattfinden, was Grübelei und Sorgen bedeutet, ist es oft nicht möglich, „einfach abzuschalten“. So hatte ich den PC mitgenommen in den Ferien in Frankreich, ihn zum Glück nur einmal angeschaltet, um für eine Stunde etwas aufzuschreiben, das Hirn zu sortieren; die Stille und das weite Wegsein von der Heimat brachte ihr Übriges. Man konzentriert sich andernorts, dem Alltagsgewirre entronnen doch viel leichter auf das Wesentliche, als mittendrin. Wohnen. Einfach nur wohnen. Bis mittags in der Ferienbude, dann Ausflüge in die herrliche Juragegend. Die GTJ, die Grande Traverse du Jura, ein knapp 400 Kilometer langer Fernradweg führte durch unsere Feriengegend. Immer wenn ich die Hinweisschilder entdeckte, begann ich zu träumen, ey, das machste wahr dieses Jahr. Die Route startet in Montbeliard, welches ungefähr auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone liegt, dort wo sich Vogesen und Juragebirge beinahe berühren. Über Landstraßen gehts südwestwärts immer entlang des Juras und des Flüsschens Doubs und über zahlreiche Höhenmeter bis in die Gegend um Lyon, glaube ich. Das machste wahr. Und im Kopf noch so viele andere Dinge wie Norwegen natürlich, und für die eigene Künstlerarbeit mal wieder live bloggend rund um viele Länder. Dennoch: Ich schwanke mal wieder, aufzugeben. Den Künstlerberuf an den Nagel zu hängen. Nichts mehr zu tun. In den letzten drei vier Jahren ist die Gefahr ziemlich groß, dass ich das tatsächlich mache. Vielleicht hält mich nur davon ab, dass ich mittlerweile in einem Alter bin, in dem ich sowieso keine andere Chance mehr habe als weiter zu machen. Gefällt mir gar nicht. Der Körper geht langsam kaputt. Das Hirn ebenso. Ich lerne, das Ende zu verstehen und wie zur Verhöhnung drischt das große Weltengeschehen unermüdlich auf mich ein, drehen scheinbar alle Menschen um mich durch, frisst sich der Krieg von den vielen „echten“ Fronten dieser Welt, gepowert durch die hysterisierende und polarisierende Kraft giftiger sozialer Medien bis in den eigenen Freundeskreis, bis in die eigene Familie. Zum Glück nicht mit Waffen wird er ausgetragen, aber ich frage mich, ob es im Nachhinein einen Unterschied machen wird, ob ein Krieg mit Waffen oder mit Gedanken und „Meinungen“ geführt wurde.

Okay, ich gebe zu, das ist so ein spezielles Irgendlink-Ding. Die Verlagerung der vermeintlich so echten Welt – haptisch-physischen Gesetzen gehorchend wie sie ist – in die eigene Gedankenwelt. Immer öfter erlebe ich für mich, dass ich denke, das und das sollteste tun, diese Ausstellung dort und dort realisieren, dieses Liveblog da und dahin durchführen, die Leute dabei mitnehmen und dann denke ich mich ein in die Sache und es fühlt sich fast an, als würde ich es tatsächlich erleben und ich arbeite es aus bis ins feinste Detail und am Ende sage ich mir, gutso, das haste auch erledigt, brauchst gar nicht da raus in die echte Welt. Willkommen Sofa, willkommen warmer Ofen. Ich hänge unten eine Liste der Gedankengebäude an. Allesamt Liveblolog Projekte, die ich noch zu realisieren, äh, oder auf dem Sofa auszusitzen gedenke.

Schaue die Welt durchs Fenster an. Hier gleich rechts neben meinem Arbeitsplatz. Garstig kahle Hecken neben glänzenden Hainbuchenstämmen, mit Neuschnee belagert. Wind aus Südwest. Gestern war sämtlicher Schnee weggetaut. Ein Sturm namens Elli zauste am Land, selbst hier in der Pfalz recht wütend. Ich hatte einen Termin beim Kardiologen. Mal das Herz anschauen nach Blutdruckeskapaden, Rhythmuskapriolen, Bruststechen, -bohren und -ziehen. Der Herzdoktor erklärte, ich sei vermutlich gesund. Ich solle die Tabakexzesse, die ich ein- bis dreimal im Jahr mit den wenigen Freundinnen und Freunden, die noch rauchen, exerziere, ganz sein lassen; kein Problem sagte ich. Tabak ist weit weg, wenn er weit weg ist. Die Arztpraxis hatte ich zuvor als Absteige bezeichnet, weil es ein kleiner Ärztekonzern ist, den der Kardiologe aufgebaut hat, der mir vor zwei Jahrzehnten prophezeihte, dass mein Herz irgendwann stehen bleiben würde. Die angestellten Doktorinnen und Doktoren haben eine hohe Fluktuation, doch vermutlich hatte ich Glück und einen hoch motvierten Menschen am anderen Ende des Echogeräts. Hasse mich ein bisschen dafür, dass ich die Praxis als Absteige sah. So despektierlich, denn ich wurde nett behandelt, musste gar nicht warten und überhaupt gab es den Termin sprichwörtlich von heut auf morgen, also von vorgestern auf gestern. Gutso für einen Herzwehzimperer wie mich. Da hat das zur Hypochondrie neigende Gehirn nicht genug Zeit, ein Krankheitsluftschloss zu errichten.

Ich sehe gerade, ich gerate ins Plaudern. Egal, mach mal wieder Alltag, Mann. Ist Fingerübung. Taste Dich an die Arbeit heran. Schließlich sollte man sich vor dem Leistungssport auch erst aufwärmen.

Wie erwähnt, nette Menschen. Die Sprechstundenhilfe nahm mich sofort nach dem Checkin mit ins Behandlungszimmer, legte mir ein EKG an, eiskalte Gummimanschetten, erklärte mir, was wie muss und wie ich auf der Behandlungsliege mich positionieren solle. Wir plauderten über den Sturm, und dass er oben auf dem Berg bei mir daheim gar arg zauste. Er solle noch schlimmer werden, samstags. Und dass der Schnee über Nacht weggetaut ist, sagte ich, so bedauerlich, so etwas erleben wir ja nur noch selten. Ich kam mir vor wie ganz normaler Mensch unter ganz normalen Menschen. Fast fühlte sich diese mikroskopisch kleine Zeiteinheit im Umgang miteinander an wie früher in der heilen Welt, bevor alle an die Meinungsfronten gerückt sind und ihre Schützengräben ausgehoben hatten.

Nun Samstag. Eigentlich kein guter Tag, um wieder mit der Künstlerarbeit zu beginnen. Als abhängig Beschäftigter würde ich erst Montag neun Uhr wieder im Job sein müssen. Das Hirn aber tut was es will und es beißt sich an der kommenden Retrospektive fest. Noch anderthalb Monate bis zur Ausstellungseröffnung. Ich habe das Konzept halbwegs im Kopf und wenn ich so darüber nachdenke, das genügt mir eigentlich. Es wäre okay, die Ausstellung dabei zu belassen, ein Kopfgebäude zu sein. Ich weiß, welche Bilder wo hängen werden und ich habe viele schöne Dinge eingebaut in die Ausstellung …

Hier die versprochene Liste meiner Luftschlösser:

  • UmsLand Sachsen
  • UmsLand Baden-Württemberg (ach seit wievielen jahren liebäugele ich damit)
  • UmsLand Brandenburg (darauf hab ich richtig Lust)
  • UmsLand Hessen (steht auch schon lang auf der Liste)
  • Andorra (da gabs letztes Jahr einen Bericht über einen Wanderweg rings um)
  • Thüringer Wald (hätte ich voll Bock drauf. Die Runde ist etwas größer als nur der reine T-Wald, dafür aber auf ausgeschilderten Radrouten)

5 Antworten auf „Alltag, der 10. Januar 2026 – ran an die Arbeit“

  1. Erinnerst Du Dich an die Vernissage Deiner NSCR-Tour in der Nähe der Wilhelma?

    Damals? Vor vielen Jahren?

    Viele glaubten, ich wäre dortgewesen …

    Also wieso nicht zb. eine (rein virtuelle) Tour #UmsVogtland oder #UmDenHuy?

    1. Das gefällt mir und das ist auch bestimmt irgendwann die Zukunft. In der Wilhelma war die Vernissage von Haushundhirsch und wir waren nur Gäste. Du auf faszinierende Weise ja auch :-)

  2. @kibmib@irgendlink.de Wobei … nachdenkend

    UmsLand #Brandenburg geht ja zusätzlich auch noch (in gewissem Abstand) UmsLand Berlin – zwei Fliegen mit einer Klappe, oder?

    1. Das Loch im Land bereitet mir schon lange Kopfzerbrechen. Apropos, da gibts eine tolle Serie auf Arte: Grazy Borders, die sich mit Enklaven- und Exklaven-Phänomenen beschäftigt. Es gab sogar mal eine Enklave in einer Enklave in einer Enklave. In Bangladesh.

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