Irgendlink als heiliger Agur

Gibt es Pläne?

Nein.

Wenn du erst einmal ein gewisses Alter erreicht hast, verhält es sich wie mit einem großen Fluss am Ende seines Laufs. Mäandernd und verzettelt wälzen sich deine Ideen, Pläne und Gedankenblitze in einem chaotischen, sich selbst immer wieder neu gestaltenden Delta ins Meer.

Aufräumen und Dinge zu Ende bringen stehen 2022 an. Die Projekte Passfälscher und Bauesoterik stehen ganz oben auf der Liste. Den Online-Shop konnte ich wie durch ein Wunder retten, nachdem ich ihn rein gedanklich schon aufgegeben hatte. Drei Jahre lang jeden Tag ein Bild? Wozu die Sache weiterführen? Eine Mischung aus Sinnfrage und Rentabilitätskalkulation. Um die Weihnachtszeit hatte ich ein bisschen Disziplin aufgebracht und die 365 Daily-Serie doch weiter geführt. Gelungene Kunstwerke sind dabei herausgekommen. Da in den letzten Jahren kaum neue Motive ins Netz des Appspressionisten gingen, habe ich das Archiv gefleddert, vielversprechende Bilder aufs Smartphone kopiert und den Rest den beiden Apps MirrorLab und Snapseed überlassen. Append saß ich abends auf dem Sofa. Somit sind um die Jahre 2020/2021 gleich zwei Brüche im Appspressionismus zu verzeichnen. Zum Einen wegen des Wechsels von IOS auf Android, zum Anderen wegen des Wiederappens der mit konventioneller Technik (Spiegelreflexkamera) fotografierten Motive. Man könnte es Hybrid-Appspressionismus nennen.

Mein Alterego Heiko Moorlander verdankt sein Leben womöglich einem gnädigen Besteller, der den 2022er Kalender im Online-Shop orderte. Just an dem Tag, an dem die Bestellung einging, hatte ich überlegt, dass ich den Helden so vieler MudArt-Geschichten Ende nächsten Jahres sterben lasse. Mal schauen, ob ich den rettenden Besteller als Protagonist in die Kalendergeschichten im Erdversteck sogar einbauen kann. Denn irgendwie haben es solche unverhofften Lichtblicke von Mitmenschen verdient, dass man sie würdigt. Die Spur führt zum Niederrhein. Den Besteller kenne ich (vermutlich) nicht.

In den letzten Monaten hatte ich die Erkenntnis, dass ich viele Eisen im Feuer habe, viel zu viele womöglich und dass ich kaum ein Ding jemals zu Ende gebracht habe. Selbst die abgeschlossenen Projekte ‚Europenner‘, und ‚Zweibrücken-Andorra I bis III‘ haben noch Lücken, ganz zu schweigen vom Projekt Radelgalerie, das in den Kinderschuhen Anfang 2020 abgewürgt wurde. Daran trägt meine Müßigkeit keine Schuld, aber manchmal frage ich mich, was aus dem Projekt geworden wäre, wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Wäre ich tatsächlich mit Fahrrad und einem Anhänger voller Kunstwerke durch Deutschland getingelt und hätte auf den Dorfplätzen unterwegs sogenannte Guerilla- bzw. Popup-Ausstellungen gemacht?

Wir wissen es nicht.

Vor Weihnachten kaufte ich ein Stück Käse, Saint Agur, schön leckerer Schimmelkäse in Kunststoffpackung mit sechseckigem Sichtfeld. Das sechseckige Fensterchen dient wohl dazu, den Käse und die Verschimmelung von außen zu begutachten. Immer wenn ich ein bisschen von dem Käse aß, dachte ich, wenn die Packung leer ist, klebe ich ein Passbild hinein und deklariere das Objekt als Kunstwerk. Arbeitstitel Myself As Saint Agur. Shop-Preis 120 Euro.

Mensch blickt durch das sechseckige Sichtfenster einer Käsepackung Saint Agur. Augen und Nase im Fensterchen, groß im Vordergrund die Finger desjenigen, der die Verpackung in die Kamera hält.
Irgendlink als heiliger Agur

Aber hey, das würdste doch sowieso nie machen, denn du bist dein eigenes schlampiges, chaotisches Flussdelta, das sich mit allerletzter Kraft gen Ozean wälzt. Ideen gehen verloren, sedimentieren im Schlamm, werden nie nie nie von jemandem gesehen, auch solcher Quatsch wie das Selfie als heiliger Agur … es sei denn, naja, Frau SoSo hat mich vorhin, als die Packung endlich leer war, als Saint Agur portraitiert. Für ein Selfie wären meine Arme zu kurz gewesen. Die ursprüngliche Idee, ein Portrait auszudrucken und einzukleben wäre ein unnötiger Umweg gewesen und überhaupt, ist doch vor allem eine Spaß-Idee.  Kurzum, die Schnappschussrafinesse hat das Kunstwerk nun doch noch zum Leben erweckt.

Voilà, Volstreckermentalität, moi même ist nun fein gerahmt. Snapseed auf dem Handy erledigte den Rest und es wurde ein feines, skurriles Selfie by the Hand of SoSo.

Vorhaben? Aber ja. Dinge fertig machen und seien es auch nur ulkige Handlungen mit Verpackungsmüll.

6 Gedanken zu „Irgendlink als heiliger Agur“

  1. Die Idee mit dem Kaese-Selfie finde ich Klasse, lieber Juergen! :)
    Liebe Gruesse, und alles Gute im neuen Jahr, vor Allem gute Gesundheit,
    Pit & Mary

  2. Wünsche dir von Herzen, dass du schaffst, was du dir vorgenommen hast. Und wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter. :)

    Die Nummer mit der Verpackung ist klasse!

  3. Unter diesem Label solltest Du zukünftig all Deine vollmundigen Projekte mit einer würzigen Selbstdistanz zur cremigen Konsistenz reifen lassen, langsam, sehr langsam … Believe in your selfie 😉

    Uwe

  4. Heiligkeit,

    das Sichtfenster in der Schatulle des St. Agur ist achteckig, passend zu zahllosen achteckigen Türmen aus dem europäischen Mittelalter. Mystische Gründe, wissenschon. Ich weiss das, weil ich grade auf die Packung in meinem Kühlschrank geguckt habe. Neben dem Fenster steht übrigens „vollmundig, würzig, cremig“. Vielleicht will man die Körperhygiene vor Anfertigung des Portraits auch ein wenig mittelalterlicher anmuten lassen, um diese Attribute zu erfüllen?

    Unabhängig davon: Großartige Idee. Weitermachen, bitte.

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