Die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges

Dass ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln. Dass ich mir das letztes Jahr versprochen hatte, wenn mein maroder Körper die Pandemie halbwegs gut übersteht, als Belohnung ans Nordkap zu radeln. Dass es ein Traum ist. Dass es jederzeit möglich ist. Dass mir bei dem Gedanken daran, sechs Wochen alleine mit dem Fahrrad unterwegs zu sein Angst und Bange wird … herrje, wie sehr hab ich mich verändert. Schon der Gedanke daran, einfach nur das Haus auf einen Tagestrip zu Fuß oder per Rad zu verlassen, macht mich unruhig. Ich muss mich regelrecht dazu zwingen, hinauszugehen. Und wenn ich dann unterwegs bin, dann geht es auch, dann fühle ich mich wohl, dann bin ich voll drin in der Sache. Auf dem Weg. Bin zu Hause in einer kleinen, sich bewegenden Blase des langsamen Vorankommens.

Eine Art Variskisches Gebirge gelebten Lebens ist mir in Form von Erinnerungen geblieben, die manchmal sanft aufleben. Wie über die Zeit erodierte Hügel. Spuren einstigen Unterwegsseins. Hier mal eine Erinnerung an eine Kaltwasserquelle in Lappland, die wir 1995 bei unserer Radtour #AnsKap entdeckten, Freund QQlka und ich, direkt an der unendlich leeren, fein geteerten Straße. War es in der Gegend mit den Orten, die allesamt auf die Silbe ’sele‘ endeten? Asele, Ramsele, Edsele, Lycksele? Ich weiß es nicht mehr. Das Vattenschild am Straßenrand im Nirgendwo existierte jedenfalls auch zwanzig Jahre später noch, im Jahr 2015. Als ob es nie verändert wurde. Ein handgeschriebenes Schild, das auf eine Quelle abseits des Teers verweist, an der man sich die Wasservorräte auffüllen kann. Und ich gehe jede Wette ein, dass sich um die Quelle Geschichten ranken, die das Wasser lobpreisen als besonders weich, besonders gut, besonders gesund und dass die Menschen der Gegend auch von weit her anreisen, um sich Kanister damit zu füllen.

„Wenn de des trinkscht, wersche hunnert Johr alt“, erzählte mir ein Lothringer jüngst an einer Quelle südlich des Städtchens Bitche. Vom Rhein her kämen die Leute dahin und füllten hektoliterweise das Wasser ab in ihren Kofferräumen voller Kanister. Oft gar die Besitzerinnen und Besitzer von Restaurants. Sagt man. Und das Wasser der Quelle nahe Mouterhouse ist tatsächlich ein Gaumenschmeichler, sage ich Euch. Es lohnt sich, sich die Flaschen damit zu füllen, den Mythos, ob man damit hundert Jahre alt wird, gibt es obendrauf, als kleines Schmankerl für den inneren Phantasten.

Der Phantast, der mir innewohnt und der sich auf die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges gelebten Lebens – in Form von mehr oder weniger präzisen Erinnerungen – stützt, sich an ihnen nährt, ist es auch, der mich sowohl vorantreibt, Neues zu erleben, Neues erleben zu wollen, als auch mich daran hindert, das Haus überhaupt noch einmal verlassen zu wollen.

Eine komplizierte Lebenssituation zwischen Unruhe, ich will nicht sagen Angst oder Phobie, auch wenn es vielleicht darauf hinauslaufen könnte – und der ungebremsten Lust, Neues zu erleben oder schon Erlebtes wieder zu erfahren.

Und um beim geologischen Bild zu bleiben vom alten, einst über zehn Kilometer hohen Gebirge, das im Laufe der Zeit abgewaschen wurde und von dem bestenfalls noch Reste in Mittelgebirgsklasse übrig sind, so gibt es doch hoffentlich auch die eruptiven Neubildungen, mal wieder raus mit dem Fahrrad auf eine große lange Reise in weite Ferne, ich muss nur die Türschwelle überwinden, der Rest gibt sich von alleine. Das Radel und das Zelt, der Sommer und die Weite und der Zufall sind mir dann Kokon genug, mich unterwegs daheim zu fühlen. Was ist man als langsam dahin tuckernder Europenner anderes als eine Schnecke, die ihr Sofa mit sich schleppt, die heimischen Wände im Sinn und die Geborgenheit und den Frieden, den einem das Daheimsein immer gibt.

Der Versuch, den Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu erradeln letztes Wochenende, war schon recht vielversprechend. Fünfzehn Stunden war ich unterwegs für eine Stecke von 200 Kilometern. Die Strecke fast ausschließlich auf Bahntrassenradwegen oder Flussradwegen, in der Hauptsache Glan-Blies- und Naheradweg wäre bis nach Bärweiler nahe dem Flughafen Hunsrück Hahn, wo sich der Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz befindet etwa 130 Kilometer gewesen, hin und zurück also 260 Kilometer. Eine Distanz, die ich noch nie an einem Tag, bzw. in einem Stück geradelt bin. In Kirn an der Nahe, unterhalb meines finalen Ziels, beschloss ich, umzukehren, da ich mir nicht vorstellen konnte nun auch noch hinauf in die Berge zu strampeln. Ich hatte sehr wenig Ausrüstung dabei. Nur eine Regenjacke und eine Hängematte und den ganzen Tag drohten Gewitter und Unwetter und ich hatte vor allem keine Lust auf Berganstiegsqualen, gefolgt von einbrechender Nacht und Kühle und eben, womöglich Starkregen, den man in einer Hütte, frierend, abwarten müsste.

Der kleine Ausbruch in die weite Welt, das Verschieben meines schmalen Wohlfühlkokons in unvorstellbare Gefielde, gerieten zum körperlich anspruchsvollen, dennoch recht leichten Spaziergang und ich hatte mich zu jeder Minute der Minireise wohl gefühlt. Auch auf dem Rückweg, nachts, alleine mit Fuchs und Hase auf dem meist ungeteerten Glan-Blies-Radweg, fühlte ich mich wohl, obschon ein reges Wetterleuchten den Ausbruch eines Gewitters ahnen ließ, was zum Glück ausblieb.

Nachts um drei war ich erschöpft, aber trocken und warm zurück in der Künstlerbude. Im Prinzip ist das die Blaupause für eine Radelreise beliebiger Länge. Für die Reise des Lebens gar selbst. Du kannst Erinnerungen hinterher radeln, auch wenn sie nur noch sehr blass wirken, aber die Reise wird dennoch etwas Neues werden. Seien die Pfade noch so ausgetreten. Dein Weg ist immer Dein Weg und er wird immer neu sein, auch im alten, postulierte ich. Aber es gibt diese Überwindungsbarriere, die Grenze, über die man den inneren Schweinehund treiben muss, damit die Angst weggeht. Weiß nicht, ob das ein allgemeines Phänomen ist und ob das über die Jahre schlimmer wird. Durch das Pandemie-Jahr jedenfalls scheint es mir so, als habe es sich, als habe es mich verändert.

Warum ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln? Vielleicht, um das Vatten-Schild irgendwo in Lappland wieder zu sehen, meine Trinkwasservorräte aufzufüllen an öder Landstraße, beäugt von Elch und Rentier. Oder dort eine Weile zu warten, einen Tag oder auch zwei, auf Menschen, die mit dem Auto voller leerer Kanister dahin fahren, um die Vorräte aufzufüllen und ihnen das Geheimnis der Quelle zu entlocken. Oder ist es die 9 Prozent steile Sause runter in den Nordkaptunnel, die bis ein paarhundert Meter unters Meer führt und ebenso neun Prozent wieder hinauf, was mich reizt? Oder einfach nur das alltägliche Plündern eines Süßigkeitenregals in einem schwedischen Supermarkt? Erinnerungen, blass und verklärt. Das war kein Zuckerschlecken, im Nordkaptunnel ganz unten anzukommen und zu wissen, man muss mit dem elend schweren Reiseradel wieder hianuf. Und auch beim Vatten-Schild, erinnere ich mich, herrschte während der Tour 1995 kalter Wind mit Regenneigung aus arktischen Gefielden und es wäre geradezu tollkühn gewesen, unbestimmte Zeit am Straßenrand zu lagern, den Holzlastern beim Vorbeidonnern zuzuschauen und auf einen wunderlichen Menschen zu warten, der vorbeikommt und einem das Geheimnis der Quelle erzählt.

Alles ist nur im Kopf. Die Erinnerungen, die einen anfixen, etwas noch einmal zu erleben, das man als schön empfunden hat, die Phantasie und die Neugier, die einen Neues erforschen machen mag, und nunja, wer garantiert einem, dass man sich richtig erinnert. Insbesondere beim Reisen, das muss ich mir eingestehen, färbt man im Nachhinein so manches schön.

Es war nicht schön, wochenlang verloren durch Lappland zu radeln. Es war nicht schön, letzte Woche in die Nacht und ins Ungewisse des Wetterleuchtens zu radeln.

Es war aber auch nicht Nichtschön.

 

 

11 Gedanken zu „Die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges“

  1. Sehr schöner Text, oder nicht nichtschöner Text mein ich natürlich.

    Wobei dieses Schön ja eigentlich nicht wirklich ist, was wir es zu sein glauben. Auch Schönheit ist ein Kopfding, letztlich, wie alles, ins Herz imaginiert – oder aus ihm raus? Wer weiß das schon so genau?

    Ich hoffe, dass dir noch viele Reisen unter die Räder und Füße geraten!

    1. Ich entdecke die Arbeitsweise meines Vaters neu. Knauben. Ich hielt es lange für Schluderei, dieses Knauben und notdürftig Zusammenschustern von was auch immer, an dem man gerade arbeitet. Im schwinden der Zeit wird mir bewusst, wie wichtig es sit, sich von der eigenen Perfektion zu verabschieden und sich ins Skizzenhafte zu begeben. Sei es etwas tatsächlich aus Material Gebautes oder eben die noch zu schreibenden Bücher und Texte oder die noch durchzuführenden Kunstideen.

  2. Vielleicht ist das das universelle Wesen des variskischen Gebirges in uns selbst, dass all die in Falten gelegten Erinnerungen, es immer voraussetzungsvoller machen, noch einmal aufzubrechen.

    1. Ich glaube, da hast Du recht. Manchmal habe ich so eine Vorstellung, dass ich immer wieder um die gleichen Themen schreibe, in ihnen denke und lebe und dass es aber nie ganz gleich ist. Wie ein Schraubengewinde, bei dem man sich regelmäßig an ähnlicher Position wiederfindet.

  3. Das Ding mit den zunehmenden Ängsten war auch gestern Thema bei einem Abendplausch mit der Nachbarin. Ich habe festgestellt, dass sie mehr geworden sind und nicht nur im Coronajahr. Ich bin aber nicht gewillt das zuzulassen und arbeite mit den Ängsten, nach dem Motto, Jepp, ich habe dich gehört, aber nun mache ich mal wieder mein Ding – funktioniert ;-)
    Anders ist das mit den Erinnerungen, die zeigen sich wie sie wollen, lassen sich nicht wirklich zähmen, nur durch Bilder und Aufgeschriebenem einigermaßen relativieren.
    Wie auch immer noch, ich wünsche dir noch viele Radelreisen, ob nun noch einmal zum Nordkap oder ganz woanders hin.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    1. Oder daheim auf dem Sofa sitzend. Hauptsache, man ist damit zufrieden. Ja. Und was die Ängste betrifft, erinnere ich mich an eine Lebensphase vor sehr sehr langer Zeit, in der ich tatsächlich nur gegen intensives Herzrasen und Panik verreisen konnte. Zum Glück bin ich damals nicht darin stecken geblieben.

  4. Falls, ich meine: FALLS Dir mal die Ideen für Radreisen ausgehen, könnte ich Dir bestimmt noch einige „liefern“. Eine zB ist 325 km (+ 55 km) lang, leider kein Rundkurs ;-)

    1. Na da bin ich aber sehr gespannt. Kreuzworträtselfrage: Was ist 325 km lang plus 55 km und kein Rundkurs :-). Ne, im Ernst, lieber Emil, sags mir.

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