Von Diez zur Fuchskaute – #UmsLand Tag 6

Idealerweise befände sich irgendwo außen an der Leichenhalle eine Steckdose, an der ich meine Geräte laden könnte. Der Nachlagerplatz ist jedenfalls ein Jackpot! Ruhige Lage, nur von Nordwest summt eine geschäftige Straße. Das Dorf, Homberg, schläft. Keine Hundegassigänger, nur vereinzelt Spazierende auf den vielen Wanderwegen rings um die Fuchskaute. Nebenan ist ein Trinkwasserhahn, einer jener nach oben spritzenden Hähne mit Druckknopf, wie man sie oft in Schweizer Städten findet. Das Wieschen hinter der Leichenhalle ist frisch gemäht, ideal zum Zelten und niemand in der Nähe, den es kümmert, ob da jemand für eine Nacht lagert oder nicht.

Zwar nicht wirklich ein Jackpot, aber sehr bizarr war der gestrige Lagerplatz auf einem verlassenen Sportplatz in der Nähe von Diez. Ich fühlte mich an einen Lagerplatz irgendwo in Lappland nahe Karesuando erinnert, auch ein Sportplatz in einem winzigen Dorf neben einer Schmugglerroute, die zu einer Kaltwasserquelle führe, so sagte man. Dort, vor fünf Jahren, hochoffiziell zeltend, dem Jedermannsrecht seis gedankt, fühlte ich mich auch sehr wohl und stellte das Zelt mitten im Tor auf. Gestern begnügte ich mich mit einem weniger prominenten Platz am Rande bei den Mannschaftsbänken unter einer Kiefer. Das Dorf war nah. Bis spät abends hörte ich die Stimmen feiernder Bürgerinnen und Bürger und um Punkt null Uhr sangen sie ein Geburtstagsständchen. Hoch soll er leben. Ein Mann also, der geburtstierte just am gestrigen 30. August, irgendwo nahe Diez in einem kleinen Dorf.

Die Strecke gestern: barbarisch! Bis Diez, noch etwa acht Kilometer in einem Bachtal lief es ganz gut auf geteerten Wegen. Schöne Stadt. Ich trank Kaffee, hinterließ die coronabedingte Datenspur auf einem Zettel, versorgte mich mit Croissants und Käsestangen für unterwegs. Einmal mehr der Eindruck, sie lässt sich gar nicht umsetzen, die totale Hygiene. Sei es nur, dass Geldfinger auch Kaffeeteilchenfinger sind usw. Seisdrum, irgendwo muss man sich ja versorgen.

Durch die Altstadt und Fußgängerzone, jemandem Luftpumpenhilfe gegeben und, achja, ich könnte ja auch mal wieder aufpumpen, das Hinterrad eiert. Leider schafft die Notluftpumpe Drücke über zwei Bar nicht mehr, also eiere ich weiter auf der Suche nach einer Tankstelle, scheitere an Lustlosigkeit und Umkehrwillen in Diez, ächze Richtung Montabaur und stelle nach drei Stunden fest, dass die Rheinland-Pfalz-Radroute gar nicht durch Montabaur führt, sondern östlich daran vorbei. Das erklärt, dass irgendwann Montabaur nicht mehr auf den Hinweisschildern stand und ich die Stadt auch nie erreichte. Brutalstes Auf und Ab auf oft wüsten Forstwegen, die zudem von Holzerei zerpflügt und mit Splittern und Ästen übersät sind. Ich radele bis in den Nachmittag nur mit einem Schnitt von unter zehn Kilometern. Demütig zwar, aber über meine Belastungsgrenze gehend, so dass ich in Walmerod erleichtert bin, endlich einen Bahntrassenradweg zu ergattern. 11 Kilometer windet sich das Kleinod durch eine wunderbare Landschaft, mal Wald, mal Wiese, wenig Feld und Abgeerntetheit, bis nach Weltenburg. Dort endlich Luft fürs Hinterrad. Schrieb ich im Frühling in diesem Blog über die Spanischen Vias Verdes und die Areas de Descanza, also die ab und zuen Picknickplätze am Rande der alten Bahntrassen, so muss ich für den Westerwald sagen, die Bahntrassenradwege selbst sind die Areas de Descanza. Eine elf Kilometer lange Erholungszone. Ich trödele dahin.

Richtung Rennerod rings um Seck nimmt das Land eine absolut idyllische Wendung, da bin ich mir mit einem Radlerpaar einig, das einst sechstausend Kilometer rund um Deutschland radelte. Wir fotografieren und lustwandeln, vorbei an einem Golfplatz, wo uns dicke Autos den Weg versperren, Menschen mit Caddys dahinscharwenzeln, der Sonntag gefeiert wird und neben der Übungsbahn stehen Schilder, dass man angezeigt wird, sollte man es wagen, einen der Golfbälle aufzulesen, die ab und zu flapsig auf dem Radweg landen. Nicht etwa Warnschilder wie man es von anderen Golfplätzen kennt, auf denen vor Golfballflug gewarnt wird. Egal, ich überlebe die Schusselgolfübungsanlage und natürlich stehle ich keinen der Bälle, ich schwörs.

Rennerod, fragt Ihr? Und ich singe eine Lobeshymne auf die bisher einzige Gemeinde am Radweg, die für Trinkwasser sorgt. Außerhalb auf dem Anstieg zur Fuchskaute, die nur etwa zehn fünfzehn Kilometer entfernt ist, gibt es einen kleinen Trinkbrunnen direkt auf der Wasserscheide zwischen Lahn und Dill, an der ich meine Flaschen fülle.

Ein Bahntrassenradweg aus schwarzer Asche führt schnurgerade fast unheimlich durch den Nadelwald und jenseits des Radwegs droht ein Militärgelände bis hinauf nach Rehe. Der Radweg führt weiter zur Krombachseetalsperre. Ich biege ab. Zwischen Rehe und Homberg steht, wohl auf der Gemeindegrenze, eine skurrile Tafel, auf der eine Art Friedensvertrag von 1997 verewigt ist, mit dem Gelöbnis Aisch werds nie wieder tun (siehe Bild). Ich recherchiere bei einem Mann, der auf einer Parkbank sitzt und in den Abend starrt. Die Geschichte geht so: Einmal im Jahr feiern die Homberger im Gemeindehaus in Rehe ein Fest, sozusagen zur Miete bei den Nachbarn. Der Ortsbürgermeister von Homberg pflegte bis zum Friedensvertrag von 1997 nach dem Fest das Reher Wappen in der Halle abzuhängen und das von Homberg aufzuhängen. Mit dem feierlichen Kontrakt war dann Schluss, sagte der Mann und setzte verschmitzt hinzu, seither hängt unser Bürgermeister unser Wappen ÜBER das Rehener Wapen.

Herrliches Kleinod am Rande des Weges.

Am gestrigen Tag, dem ersten Tag der Stadtradeln-Phase Zweibrückens, schaffte ich leider nur knapp 70 Kilometer für das Budget, aber immerhin. Hey, das ist der Westerwald hier und die Bahntrassenradwege sind meine Erholungszonen.

Nun noch zwei Kilometer bis hinauf zur Fuchskaute, die mit etwa 650 Metern der höchste Berg im Westerwald ist, meine ich.

Mittig von vorn nach hinten verlaufender Radweg, rechts und links Wiesen, im rechten Hintergrund ein Hügel mit einer Burg samt Hügel. Links Wald, darüber wolkiger Blauhimmel.
Unterwegs, bei Holzheim
Das Rad steht in der Bildmitte vor einer aus Naturstein gemauerten Unterführung, die auf die andere Seite des Dorfes führt an einem Kreisvortritt. Darüber Blauhimmel.
In Diez
Aus Stein gehauene Skulptur, die einen radelnden Menschen zeigt. Die Vorderseite des Vorderrades und die Rückseite des Hinterrades sind abgebrochen. Die Skulptur steht auf einer Art Schanze aus Klinkersteinen. Im Hintergrund ein Gebäude mit zwei Kippfenstern.
Hoch zu Rad
Hellblaues Fahrrad an schmiedeisernem Gitter gelehnt, mit einem Korb dekoriert, in welchem rote Begonien blühen. Im Hintergrund eine Hecke und Häuser.
Platt, aber nicht minder hübsch
Ritterrüstungskulptur aus Metall in Habachtstellung auf Metallplatte auf grauem Plattenboden vor modernem Gebäude.
Der Ritter von Görgeshausen
Große rote Trillerpfeife als Hausnummerbeschriftung an Pfahl befestigt, an welchem ein Familienwappen hängt. Im Hintergrund ein Baum und Häuser unter grauem Wolkenhimmel
Es Peifche
Graues Haus mit vielen Fenstern, vor denen überall weißblühende Blumen aus Blumenkisten wachsen, unter grauem, bewölktem Himmel.
Das blühende Haus von Niedererbach
Klassischer Jagdhochsitz am Wegesrand. Holzkaine aus Fertigelementen auf handgezimmertem Unterbau. Drumherum Bäume, vorne rechts ein Stück Radweg.
Ein Hochsitz mal wieder
Ein Richtung Himmel fahrender gelber Roller als Deko und Werbung für ein Zweiradgeschäft namens Krekel vor graublauem bewölktem Himmel
Himmelfahrt
Gullydeckel in Westerburg mit dem Wappen der Stadt, ringsum Teer,
Gullydeckel in Westerburg
Sackgassenverkehrschild vor Radweg. Unter der Sackgassentafel steht eine Warnung weiß auf grün: Diebstahl von Golfbällen führt zur Anzeige.
Bitte keine Golfbälle klauen!
Gewitterdunkler Wolkenhimmel über hellblauem Gebäude, das mit Strandszene bemalt ist. Im Vordergrund Wiese, hinten eine Discounterwerbung.
Leider unscharf. Aber trotzdem schön.
Baumstamm von unten fotografiert, aus welchem ein grüner Langlaufloipen-Wegweiser herauswächst. Darüber Äste und Laub.
Verinnerlichte Loipe
Erinnerungstafel aus Metall auf Stein, die zwei Parteien an eine Vereinbarung aus dem Jahre 1997 erinnern soll.
Vergissmeinnicht, aber anders

3 Gedanken zu „Von Diez zur Fuchskaute – #UmsLand Tag 6“

  1. Aich willet immä widda sehe, so`n tollen Hochsitz…
    und weiter mitfahren bei deinem Wagnis, bei dem du meiner Heimat, dem Siegerland, recht nahe kommst…Und es soll GUT sein…
    Sonja

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