Von Simmern nach Diez – #UmsLand Tag 5

Dem Hunsrück eine Lanze brechen, oder, vielleicht sagt man als Radler besser, eine Speiche brechen? Jener Moment am gestrigen Tag, auf einem Bänkchen sitzend im Ort, ich glaube Damscheid, mit einem wunderbaren Blick aufs Mittelrheintal und die Hänge gegenüber, wo der Taunus beginnt, lässt mich zurückblicken auf meinen kleinen, Schweiß treibenden Abstecher zum Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz. Hunsrück, deine Radwege, Hunsrück, deine schrecklich feine Garstigkeit, hinter der sich Abenteuer und Charmanz der eigenen Art verbergen, Hunsrück, dein ewiger Gegenwind und die gefühlte Immerbergauffahrt, was hatte ich dich verflucht, im ersten Gang, im zweiten, dritten und vierten auch, und wie froh ich war, endlich das weit sichtbare Kirchberg zu erreichen, wie geborgen man sich in den Dörfern und Städtchen fühlt, willkommen, aufgenommen und nach dem Woher und Wohin befragt und wie ausgeliefert man, Westwind umspült, Regenschauer von weitem kommen sehend, auf den augustlich abgeernteten und derb geeggten Feldern doch ist. Biss in einen Apfel von einem der Streuobstbäume, vorbei an einem – ich habe so etwas noch nie gesehen – Holunderanbau. Eine Plantage von Holundergewächsen mit schwer reifen Früchten zwischen all der Abgeerntetheit.

Am gestrigen Samstagmorgen war meine große Sorge, noch bevor alle Läden schließen, Schrauben zu kaufen für das kleine Kettenblatt. Zwei von vier Stück hatte ich unterwegs verloren, ein unfreiwilliges Opfer an den großen Hunsrückgott vielleicht. Schinderhannesradweg. 39 Kilometer Bahntrasse, ein kleiner belechteter Tunnel begrüßt einen bei Beginn der Strecke in Simmern. Über Kastellaun nach Emmelshausen führt der Weg und hier brauche ich beileibe kein kleines Kettenblatt. Im Westerwald und im rechstrheinischen Rheinland-Pfalz hingegen schon.

In Kastellaun bin ich durch morgenneblige Kuhweiden und feinste Gegenlichtszenarien radelnd schon kurz nach acht. Ein Mann mit einem riesigen Hund erklärt mir den Weg zum Radgeschäft. Bis zum Busbahnhof, dann links durch die Stadt und am anderen Ende: voilà Radgeschäft. Auf dem T-Shirt des Mannes steht ‚Dies ist ein Schweizer Sennenhund und kein Pony‘ und zum Glück lese ich noch das Kleingedruckte: Nein, man darf nicht darauf reiten. Ich muss schmunzeln, lagen mir doch gerade diese Kommentare auf den Lippen. Das Tier wiegt sechzig Kilo, sagt der Mann.

Bis neun Uhr lungere ich vorm Radladen, lasse die erwachende Stadt an mir vorbeirauschen. Der Fahrradmechaniker und die Chefin sind pünktlich, schmunzeln, ob ich vorm Laden übernachtet hätte. Nein, nur die zwei Schrauben und, schwupp, fuchtelt der Mechaniker mit einem langen Imbusschlüssel die passenden Schräubchen rein. Ich bin gerettet. Kostet noch nicht einmal was und ich tue etwas in die Kaffeekasse. Fahrrad Binz in Kastellaun, merkt es Euch, falls der große Hunsrückgott ein Schraubenopfer von Euch fordert.

Das Radwegesystem in der Gegend überzeugt. Der Schinderhannesradweg und der Hunsrückradweg bilden so eine Art Grundgerüst, von dem andere Verbindungen abzweigen. Also hier endlich mal eine Speiche brechen, toi toi toi, für den Hunsrück. Gut Radfahren und viele Sehenswürdigkeiten an recht kargem, landwirtschaftlich genutztem Hochland. Und unendlich viele Windräder.

Ein Regenschauer jagt mich in der Gegend um Laudert und Pfalzfeld über Waldwege abwärts Richtung Oberwesel.

Im engen Mittelrheintal kurzes Gemetzel auf viel zu engem Fernradweg entlang Bundesstraße nach Sankt Goar. Beängstigend voller Campingplatz, Enge, Mensch und Hektik, so dass ich froh bin, mich nach der Fährfahrt auf der anderen Seite den kleinen Schmalspurbahnradweg Richtung Bogel hinaufzuschinden. Mich meines wiedererlangten kleinen Kettenblatts erfreuend. An einer Quelle namens Burgquelle, die durch einen ausgehöhlten Baumstamm gefasst wird, wasche ich meine Kleider, hänge sie zum Trocknen auf den Gepäckträger und es gesellt sich ein anderer Radler zu mir. Wir schwätzen uns den Berg hinauf, 300 Höhenmeter, sagt der Mann, sage man, seien das da nauf. Und wir reden über dies und das und das Radeln im Besonderen und als er bei Nastätten abzweigt, um nach Rüdesheim zu radeln, rufe ich hinterher, wie heißt du denn und er ruft Tom aus Hannover und ich rufe Jürgen aus Zweibrücken.

Es ist ein großer Fehler, zu denken, mit Bogel und den vermutlichen 300 Höhenmetern ab Rhein, sei man irgendwie irgendwo oben, denn die Radroute folgt ja den Grenzen von Rheinland-Pfalz und nicht etwa radlergefälligen Bächleinwegen. Elende Abs und Aufs, eine Kamelhöckerroute bis nach Katzenelnbogen, aber ziemlich gut und meist abseits der Straße auf recht guten Forstwegen geführt.

In Miehlen bei einem Brunnen, an dem nicht steht, dass es kein Trinkwasser ist, fülle ich meine Trinkflaschen. Zwei Frauen im Vorgarten gegenüber warnen mich, es sei womöglich nicht trinkbar und ich könne bei ihnen Wasser kriegen. Wir reden eine Weile. Dass der Räuber Schinderhannes hier geboren wurde in Miehlen. Sein Geburtshaus ist eine Bücherei heute. Und es gebe aber sonst nicht viel zu sehen im Dorf, einen schönen See oberhalb, leider aber abseits meiner Radelroute, wie auch immer, Die beiden Damen sind mit ihrer Freundlichkeit und der Wärme des Gesprächs doch auch eine Attraktion, denke ich, sage ich aber nicht. Es sind die kleinen Begebenheiten, die eine Region, eine Gegend, ein Dorf formen und es spannend machen oder eben todlangweilig. Miehlen werde ich trotz offensichtlicher Abwesenheit von physikalischen Sehenswürdigkeiten (kein Eifelturm, Brandenburger Tor, nichts), dennoch nicht vergessen.

Oberhalb des Dorfs sitze ich eine Weile auf einer Bank und schaue hinüber nach Damscheid, wo ich morgens saß und herüber schaute. Dem Westerwald und dem Westtaunus eine Lanze brechen, äh, eine Speiche, daran arbeite ich die nächsten zwei drei Tage.

Links im Bild das Rad auf Radweg stehend, rechts im Bild der Künstler und das Rad als Schatten, im Hintergrund Wiese im und Wanderweg.
Künstler-und-sein-Rad-Schattenselfie
Im Wald, zwischen den Baumstämmen flutet LIcht auf den Waldboden.
Im Wald
Blick von unten zu den Mauern der Burg Kastellaun hoch. Im Eckturm eine Deutschlandfahne. Am Schlossberg Hecke, Gebüsche, Bäume. Darüber Blauhimmel mit einzelnen Wolken.
Burg Kastellaun
Kastellaun, nochmals im Hintergrund die Burg, vorne eine Häuserzeile, die Straße, die eine Kurve macht, rechts Hecken. Über allem wolkiger Blauhimmel.
Der Ort Kastellaun im Rhein-Hunsrück-Kreis
Rote Lokomotive auf dem Abstellgleis, vorne Wiese, hinten Häuser und Grauhimmel.
Rote Lokomotive auf dem Abstellgleis
Baustelle. Neubaufassade mit Fensteröffnung, die behelfsmäßig mit Stoff verschlossen ist. Der Stoff ist halb zerrissen. Rechts daneben eine Metalltür, die mit einer schweren Metallstange zugesperrt ist. Darüber ein dickes Kupferrohr quer durchs Bild.
Du kommst hier nicht rein. Hier wird gebaut.
Am Rheinufer steht diese Skulptur eines Flössers samt Steuerrad auf einem weißen Brett. In der Bildmitte quer der Rhein, dahinter das andere Ufer mit unten Häusern und oben einer Burg.
In Sankt Goar bei der Fähre
Ein Fährschiff quert den Rhein. Vorne Sandstrand und Gebüsch, hinten das andere Ufer, ein Ort, Hügel, darüber Blauhimmel
Die Fähre
Auf der Fähre. Ein Ausblick auf andere Radler:innen auf der Fähre, vorne bereits das andere Ufer mit einem hohen Kirchturm. Im Vordergrund rechts noch das Künstlerrad, schwer beladen.
Auf der Fähre

6 Gedanken zu „Von Simmern nach Diez – #UmsLand Tag 5“

  1. Vier Kilometer von St. Goarshausen Richtung Bogel, recht liegt Reichenberg, wo ich 6,5 Jahre gelebt habe, von 1979-1985. In Nastaetten kam 1979 und 1982 meine Kinder zur Welt. 1985 ging es dann nach Berlin. H. ist in Reichenberg geboren und aufgewachsen. Seine Mutter lebt heute in Miehlen. Du siehst, das alles ist mir sehr vertraut 😊 Jetzt plopped die Erinnerungen nur so hoch!
    Liebe Grüße
    Ulli

  2. Holunderplantagen. Dachte ich doch bis heute, dass es weit mehr wilden Holunder gibt als die Menschheit je konsumieren könnte. Aber die industrielle Verarbeitung will halt rationell sein…

    Freue mich bereits auf die weiteren Eindrücke aus einer mir unbekannten Region. Vielen Dank fürs Radeln!

    1. Liebend gerne. Ich fand die Holunder auch kurios, so in Reih und Glied. Die Rheinland-Pfalz-Radroute ist echt toll. Nur der rechtsrheinische Teil ist sehr steil und ein heftiges Auf und Ab.

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