Ich überfuhr den Sheriff, but I did not run over the Deputy | #zwand20

Kreuzigungsszene dreier Kreuze vor Kirchenmauer.

Gibt es einen trostloseren Ort? Tiere rascheln unterm Zelt. Das hatte mich geweckt. Vielleicht war es auch der Wind, der nachts von Westen aufstarkte, Staub aufwirbelte, was auf der Zeltplane so ähnlich klang wie Regen. Nur härter. Bin ich mit dem Wort ‚trostlos‘ in Gedanken erwacht, oder manifestierte sich das Wort erst aus den Gefühlen, die jedem Traum zu Grunde liegen? Im Traum existiert ja nichts. Da ist nur Gedanke. Das Hirn, habe ich einmal gehört, sortiert nachts alle Eindrücke des Vortags, ach was, aller jemals gelebter Vortage und mischt daraus die Träume, die nur im Schlaf logisch und schlüssig scheinen. Wenn man erwacht und sich erinnert, kommen einem die Bilder und Erlebnisse meist surreal vor, können beängstigen.

Ich bin unheimlich müde. Seit vier Wochen fast ununterbrochen im Sattel. Jeden Tag durchschnittlich etwa 70 Kilometer mit dem schwer bepackten Reiseradel vorantreibend, quer durch Frankreich und nun ‚im Krieg‘ den Flüssen folgend bis zum Epizentrum des Spanischen Kriegs. Die gestrige Etappe, 69 Kilometer westwärts, Ebro aufwärts gegen den Wind, der nachmittags ordentlich aufbrauste trugen ihr Schärflein zu meiner trostlosen Stimmung bei. Nach dem Desayuno im Klosterhotel in Escatrón schuftete ich mich wieder hinauf auf die Höhen nördlich des Ebros, nur um kurze Zeit später in Sastago wieder unten am Fluss zu stehen, ich Syssiphos der Tretkurbel, ich. Das Auf und Ab endete zum Glück kurz nachdem ich das Dorf Alforque (nicht zu verwechseln mit dem Nachbarort Alborge :-)) durchquert hatte. Hinauf auf eine Art Hochebene, die wie einem Wildwestfilm entnommen schien. Nachdem sich das Stromnetzgespinst des Wärmekraftwerks von Escartón in alle Lande verliert, wird es wirklich einsam, Menschenferne. Die kleine Seitenstraße ist durchaus als Radelstrecke empfehlenswert, gute Entscheidung, die A-221 zu verlassen, die auf der südlichen Talseite des Ebros gen Zaragossa führt. Tausche Berge gegen Wind und Staub. Es ist schon recht warm am gestrigen Tag, vielleicht über 20 Grad. Der Sonnenbrand auf der Nase hat sich dank großzügigem Einsatz von Sonnencreme, Faktor unendlich, gelegt. Die Hauptrichtung ist nun auch westwärts. Das heißt, Sonne kommt erst ab 14 Uhr ins Gesicht.

Bei Quinto überquere ich den Ebro, kurzes Stück Nationalstraßengemetzel. Der kleine Ort sieht aus wie eine in die Moderne verlegte Westernstadt. Fast schnurgerade führt die N-232 hindurch. Showdown mit beweglichen Zielen. Ich überfuhr den Sheriff, but I did not run over the Deputy. Wortspiele im Kopf. Melodien wie ich den Sheriff überfuhr. Wortspiele, die ab Quinto bitter nötig sind … Alforque, Alborge, Altersvorsorge … denn die Gegend wird flach und Trist. Einziger Trost: dass es um diese frühe Jahreszeit noch recht grün ist in der, tja, wie will ich es nennen? Hochebene? Ebene? Den Great Planes? llano Estacado? Karl May schon wieder (siehe Artikel Tag 27, der zum derzeitigen Stand noch nicht geschrieben ist). Die Erde muss eine Scheibe sein. Schnurgerade führt die schmale Straße gen Belchite. Ab und zu eine Farm, ein Getreidesilo, kaum Autos unterwegs. Der Wind drückt von rechts. Manchmal ateme ich Staub, wenn ein kleiner Wirbel von irgendwo jenseits des Straßengrabens einen frisch gesäten Acker aufgemischt hat. Bin ich froh, als endlich der ‚Ameisenhügel‘ von Codo am Horizont auftaucht. 12 bis 15 Kilometer langsam, kurbelnd, ächzend, Kodo der dritte aus der Sternenmitte singend. Niemand hört mich. So muss sich Irrsein einfühlen. Mal bin ich Clint Eastwood in dem Western, der im Showdown zu Dritt auf einem Friedhof endet.

Ein Mann bückt sich vor einer langen Mauer, aus der ein Brunnen entspringt.
Trinkwasserbrunnen in jedem spanischen Dorf. Hier in Organya.

In Codo laufe ich den örtlichen Trinkwasserbrunnen an. In jeder spanischen Siedlung gibt es mindestens einen Ort, ein Brunnen, oft auch einfach ein Wasserhahn, an dem man sich mit Trinkwasser versorgen kann. Weiter weiter weiter. Belchite sechs Kilometer. Gegen Abenddämmerung durchquere ich das neue Blechite, das nach der Schlacht im Sommer 1937 errichtet wurde. Die alte Siedlung wurde als Mahnmal belassen: Seht nur, was der Krieg anrichtet! Ein Ensemble zerschossener, ausgebombter Häuser, mehrere Kirchen, Brunnen, Marktplatz. Würde mich interessieren, wieviel Blei verschossen wurde während der etwa zwei Wochen andauernden Kampfhandlungen. Wieviel Gemetzel. Wieviel Hass, wie wenig Erbarmen. Man sagt, es wurde niemand verschont. Es gab nur noch das Töten oder den eigenen Tod. Auf beiden Seiten des wirren Kriegs. In den letzten Sonnenstrahlen schimmert die Häuserlinie der Ruinen rötlich. Vorbei am Besucherzentrum folge ich entgegen dem Uhrzeigersinn einem Weg entlang es Zauns bis zur Gegenüber liegenden Seite, wo ich in den Google Maps einen Wildzeltplatz ausgespäht hatte. Als könnte man durch schlichtes Umrunden des Mahnmals die Zeit zurückdrehen.
Ich bin normalerweise sehr vorsichtig, was Wildzeltplätze angeht. Diesen hier nehme ich ungesehen hin. Eine kleine Schutthalde zwischen Einzäunung und der nahen Landstraße, ein Gehöft, Hundgebell und Straßenrauschen dominiert von der Iglesia de San Martin de Tours.

Das ist kein Wildzeltplatz. Das ist eine Sakristei.

Hier und Jetzt, Ostermontag, 13. April 2020. Spanien unbereisbar. Frankreich unbereisbar. Deutschland, ganz Europa. Grenzen allüberall. Ich räume das Atelier auf, dringend nötig, überlege, wie ich die Ausstellung gestalte, obwohl niemand sie sehen wird. Aber ich bin es mir selbst schuldig, eine Atelierausstellung zu machen. Nachts hatte ich geträumt, mit Freund QQlka ein paar Bilder an den Außenwänden unterm Vordach aufgehängt zu haben. Zwischen Brennholzanhängern, Schrotthaufen, Kunststoffmüll und platten Schubkarren. Im Aufwachen reif ich, inspiriert wie Wickie, Ich habs! Wir behängen die ganze 50 Meter lange Wand mit Kunst und machen vorm Hoftor einen Aussichtspunkt, von wo die Leute mit Fernglas die Ausstellung anschauen können.
Mein Bett ist der trostloseste Ort des ganze Planeten. Trostlos. Ohne Trost. Gibt es überhaupt noch Orte? Wirres Zeug, das einem den Tagesstart bereitet. Surreales Lunchpaket deiner Nachtträume.

Und die beiden Zweibrücken-Andorras? Langsam merke ich, wie ich mich aus den Reisen von 2000 und 2010 verabschiede, wie sie immer blasser werden und sich auf ihren Rückwegen verlieren im Nebel der Vergangenheit. Im Jahr 2000 bricht wildzeltend neben der Kreismülldeponie in Berg/Pfalz der letzte Reisetag an. Es ist der 13. Mai 2000. Im Jahr 2010 verbringen Frau SoSo mit dem Auto tourend vermutlich eine zweite Nacht auf dem frühsaisonleeren Campingplatz in Sankt Pere Pescador. Frau SoSo berichtet im Rückspiegel über das Abenteuer.


Den Artikel vom gestrigen Tag 27 liefere ich im fertigen Buch nach; er erfordert etwas Recherche und Fingerspitzengefühl.

8 Gedanken zu „Ich überfuhr den Sheriff, but I did not run over the Deputy | #zwand20“

  1. Je mehr so Kreuze, desto weniger so Trinkwasserbrunnen, oder was?
    Echt jetzt, das erste Foto, ich wollt`s kaum glauben, dass es von dir kommt…
    Ob wir bei Frau Rückspiegel ähnliches erblicken oder geschildert bekommen?
    Die Idee mit der Ausstellung, die niemand sehen wird, ist exzellent, auch wenn man rein von der Beschäftigungstherapie absieht, sowas haben Künstler eh nicht nötig.

      1. Danke, liebe Sofasophia,
        und meines hoffentlich richtigen Erinnerns habe ich das damals alles schön mitverfolgt, habe ja auch drei Reiseplakate hier hängen- guck nach links, aha.
        Gruß von
        Sonja

    1. Ich habe immerhin das Atelier aufgeräumt. Und erinnere mich, dass ich im Jahr 2000 sehr viele Kreuze ‚gesammelt‘ habe. Meine innere Augenrinderherde grast sich durch die Jahrzehnte von Sujet zu Sujet.

  2. „Ich überfuhr den Sheriff, but I did not run over the Deputy.“
    Lieber Juergen,
    meine Eltern haben mir mal ein elektrisches Spielzeugauto mit einer (Kabel)fernsteuerung geschenkt. Dazu gab es auch ein kleines Heftchen mit Hinweisen zu Autofahren, z.B. zum Einparken etc. Und darin auch das nette Wortspiel, „Man soll den Polizisten umFAHren, aber nicht UMfahren!“ Finde ich heute noch gut.
    Liebe Gruesse, und bleib‘ gesund,
    Pit

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