Mein inneres altes Muttchen auf dreibeinigem Schemel | #zwand20

Leere, breite, von Schnee geräumte Passstraße scheint bei einer Linkskurve hinter Warnschildern beiderseits und einer Leitplanke in den hellblau bewölkten Himmel zu führen.

6:51 Uhr erwacht. Mit Gehörschutz geschlafen. Das Zelt steht direkt neben den Stromschnellen der Ariège. Ich bin gehörig nervös. Wie wohl auch im Jahr 2000, als ich auf dem selben Campingplatz nächtigte und mich anschickte, die Pyrenäen zu überqueren. 1700 Höhenmeter stehen bevor. Vor zehn Jahren glaubte ich zunächst, es seien nur 1300, da ich Pas de la Casa als höchsten Punkt interpretierte.  Pas ist Pass. Der Skiort ist mit 2000 Höhenmetern in der Karte verzeichnet. Die Passhöhe heißt aber Porte d’Envalira. Sie ist 2408 Meter hoch. Die Vermutung, dass es nun, zehn Jahre später auf der Hauptstraße viel Verkehr haben wird und das wolkenverhangene Tal machen mir Sorge. Kopfgebäude. Manchmal kommt mir die Tour vor, als sei sie nur eine Erinnerung. Als fände 2010 gar nicht statt. Als wäre das alles nur in meinem Kopf. Gegen diese Vermutung, diesen Anflug von Wahn, sprechen allerdings die über 2000 Bilder auf dem iPhone und der D 300, die ich in den letzten 21 Tagen gemacht habe. Alle fein mit Datum und Uhrzeit versehen. Die Bilder des Telefons haben sogar GPS-Koordinaten. Sitze im Zelt, trinke Kaffee. Acht Uhr früh. Will nicht da raus. Will es doch […] (aus dem Tagebuch Zweibrücken-Andorra 2010).

Die Zeit ist ein Teufel. Der Raum ist es auch. Vor allem, wenn der Raum sich in die Vertikale ausdehnt und man mit einem fast fünfzig Kilo schweren Reiserad einen Gebirgspass erklimmt. Ich erinnerte mich, dass die Hauptstraße nach Andorra früh morgens recht ruhig ist. Kaum Verkehr, relativ breit, so dass man einen Radler mit gebührendem Abstand überholen kann. Gegen viertel vor neun bin ich auf der Straße passiere den heißen Brunnen mitten in Ax, der im Jahr 1995 so viel Wasser führte, dass man darin baden konnte wie in einer Badewanne. Nun ist der Wasserstand zu niedrig. Ich bin sowieso zu nervös, um noch einmal in Badehose in das recht große Becken zu hüpfen. Die Straße ist ruhig und sie bleibt es bis elf halb zwölf – merk’s Dir, falls du je noch mal hinaufkurbeln willst. Der frühe Radler fährt in Ruh‘. Schon gleich hinter Ax-les-Themes geht es steigungsmäßig gut zur Sache. Über einen Prolog aus Serpentinen erreicht man eine Art Hochtal bei Mérens les Vals, wo die Strecke wieder flacher wird bis l’Hospitalet. Etwa halb zwölf passiere ich den Ort, gut 1400 Meter hoch. Noch knapp tausend Höhenmeter bis zum Pass. Im Jahr 2000 schaffte ich etwa 400 Höhenmeter, egal wie steil die Strecke ist. 2010 sind es nur noch 300. Ich bin schwerer, älter, behäbiger, ruhe mehr in mir selbst. L’Hospitalet près de l’Andorre ist der letzte Ort vor der andorranischen Grenze, zugleich höchst gelegener Ort der Ariège. Nun windet sich die Passstraße serpentinös, teils mit bis zu zwölf Prozent Steigung, bis zum Skiort Pas de la Casa, dem einzigen Ort Andorras nördlich des Pyrenäen Hauptkamms.

Ein Berghaus aus Natursteinen mit Krüppelwalmdach, frontal gesehen ist über und über mit Graffiti bemalt
Graffiti am Abzweig zum Col de Puymorens

Unterwegs am Abzweig zum Col de Puymorens steht ein einsames Haus, über und über mit Graffiti besprayt inmitten einer Schneelandschaft. Kurze Verschnaufpause in Pas de la Casa. Es gibt einen Straßentunnel. Der war vor zehn Jahren noch nicht. Gutso. Weniger Verkehr. Aber denkste. Es herrscht reger Einkaufsbummel-Pendlerverkehr. Im Skiort gibt es viele Einkaufscenter für Schnickschnack jeglicher Couleur. Fast ist es schwer, einen Lebensmittelladen zu finden.

Das Bild zeigt viel Teer einer sich windenden Straße, ein Auto. Im Drittel darüber sind zwei rote Tankstellen zu sehen vor leicht bewölktem Himmel.
Zwischen dem Ort Pas de la Casa und der 400 Meter höher gelegenen Passhöhe finden sich einige Tankstellen an der kurvenreichen Passstraße nach Andorra la Vella.

Durch den Ort führt eine kurze flache Strecke bis über die Grenze. Die letzten vierhundert Höhenmeter geht es noch einmal zur Sache bis zur Pforte der Envalira, jenseits derer der gleichnamige Fluss, Envalira, entspringt. Auf den Serpentinen jenseits von Pas de la Casa beginnt der wahre Wahnsinn. Tankstellen. Tankstellen ohne Ende bis hinauf zur Passstraße mindestens vier Tankstellen im Nichts des Gebirgspasses. Fremdkörper mit arabischem schwarzem Gold.  Lunge pumpt. Beine brennen. Hirn rumort. Ein eigenartiges Bild gepumpter Welt. Die füllen Flüssigkeiten, die sie um den halben Globus verschiffen oder durch tausende Kilometer lange Rohre pumpen in riesige Tanks an Orten, an denen solche Tanks nichts zu suchen haben und verkaufen das Zeug an Leute, die das Zeug verbrennen, um hier herauf zu fahren und es zu kaufen. Dieses Spezies hat diesen Planeten nicht verdient.
April 2020. Ich irre umher in der Zeit. In diesem Artikel schreibe ich über den gerade stattfindenden Reisetag des Jahres 2010. Bisher hatte ich in jedem Artikel die Tage zuvor ‚behandelt‘. Wie ich dies auch während der Reisen meist so gliedere. Morgens oder nachts schreibe ich die Erinnerungen an den Reisetag zuvor. Wieso ist das jetzt anders? Im Tagebuch 2010 erkenne ich einen ähnlichen Bruch. Das Buch kippt. Die Reise neigt sich dem Ende. Der Blick richtet sich nach vorne. Die Sorgen überwiegen die Unbeschwertheit des Erlebten. Im Tagebuch 2010 schreibe ich an diesem Morgen kurz vor dem Aufbruch:

Wie Nebelschaden am Berg, die sich langsam verziehen, gibt die Vergangenheit Erinnerungsfetzen preis. Manchmal glaube ich, dass die Erinnerungen bei genauerer Betrachtung eine Verknüpfung von verschiedenen Zeitebenen sind. (Der heiße Brunnen in Ax, ich erlebte ihn 1995, 2000 und nun erneut). Dass in dieser Reise sich die Vergangenheit, die Gegenwart und sogar die Zukunft begegnen (sich überlagern). Ich habe oft Deja-Vues; genau diesem oder jenem Menschen bin ich doch auch 2010 begegnet? Wir hatten das selbe Gespräch, ich stelle die selben Fragen, er gibt die selben Antworten.

Diese Tagebuchpassage lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Warum bringe ich die Zukunft mit ins Spiel?

April 2020. Die Nacht war löchrig. Vielleicht ähnlich löchrig wie die Nacht vor zehn Jahren auf dem Campingplatz von Ax-les-Thermes, in der mich das Getöse des Flusses wieder und wieder aus dem Schlaf riss, ich zudem sehr angespannt war und mich kaum beruhigen konnte. Hier und jetzt, im Jahr 2020, wieder einmal 10 Jahre sind ins Land gegangen, plagen mich nach dem 21. ‚Reisetag‘ die Gedanken an das Zurück oder das Weiter. Gegen Morgendämmerung erwache ich und drehe mich grübelnd hin und her. Aber das ist auch gut so. Der Schlaf, sei er noch so löchrig, ist ein Meister der Klärung. Man sagt, das Hirn würde im Schlaf unbewusst die Fäden, die einem im Alltag partout nicht entwirrbar scheinen, sortieren und für Klarheit sorgen. Ich stelle mir ein altes Frauchen vor, das auf einem dreibeinigen Schemel vor einem Spinnrad hockt und geduldig das Gespinst zu einem Faden eint. Immer nachts entsteht das Wollgarn unserer Zukunft, Meter um Meter, geknäuelt und fertig, um am nächsten Tag etwas klarer zu beginnen als tags zuvor.

Es ist kurz nach neun, als ich erwache und mir klar ist: die Sache mit Lind Kernig, der in einer fernen Zukunft auf dem Mond lebt und diese Reise fiktiv weiter schreibt, die lasse ich schön bleiben. Das passt nicht. Würde man Seidenfäden mit Nesseln verwinden? Es setzt mich unnötig unter Druck. Ich habe auch das Gefühl, es sind zwei verschiedene Projekte. Dieses Buch neigt sich dem Ende. Die dritte Reise per Fahrrad nach Andorra, die wegen der pandemischen Reisebeschränkungen unmöglich wurde und am heimischen Bürostuhl als virtuelles Blog-Experiment stattfand (jetzt rede ich schon in der Vergangenheit), steht für sich selbst. Ich bin zufrieden mit der eigentlich gescheiterten Radtour. Ich habe viel gelernt und ich habe mir das Schreiben wieder angewöhnt, das ich im Laufe der letzten beiden Jahre ziemlich vernachlässigt habe. Lind Kernig, sein Zukunftsroman der feinen Künste, ist eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die es wert ist, verfolgt zu werden. Das wird mir klar als ich die Notizen lese, die ich mir zu dem Buchprojekt gemacht habe. Ich arbeite daran.

Wie geht es hier weiter? Nun, im Jahr 2010 befinde ich ich mich just mitten im Pass hinauf nach Andorra, werde gegen halb vier die Passhöhe erreichen und in atemberaubender Geschwindigkeit die schiefe Ebene namens Andorra durchqueren.

Blick in die Pandemie-Landkarte des Jahres 2020. Sie listet 525 bestätigte Infektionen. Das Land hat 78000 Einwohner. Der größte europäische Zwergstaat hat eine Fläche von 468 Quadratkilometern. Andorra hat zwei Staatsoberhäupter. Beides ausländische Amtsträger, so Wikipedia: Der Bischhof von Urgell teilt sich das Amt mit dem französischen Präsidenten.

Fast muss ich schmunzeln, als ich das lese, muss an eine Monty Python-Szene denken, in der ein schielender Expeditionsleiter alles doppelt sieht und sich auf eine Expedition zu den beiden Kilimandscharos begeben will.

Fast wie ich mit meinen beiden Zweibrücken-Andorras und dessen beiden Staatsoberhäuptern.

Mein inneres altes Muttchen auf dreibeinigem Schemel macht sich an die Arbeit, an der nahen Zukunft zu spinnen.

Den Kartenmarker des heutigen Blogeintrags lege ich auf den Heißwasserbrunnen in Ax-les-Thermes (Bassin des Ladres). Hoffentlich werde ich darin je wieder baden können.

7 Gedanken zu „Mein inneres altes Muttchen auf dreibeinigem Schemel | #zwand20“

  1. „Ich stelle mir ein altes Frauchen vor, das auf einem dreibeinigen Schemel vor einem Spinnrad hockt und geduldig das Gespinst zu einem Faden eint. Immer nachts entsteht das Wollgarn unserer Zukunft, Meter um Meter, geknäuelt und fertig, um am nächsten Tag etwas klarer zu beginnen als tags zuvor.“

    Ich seh die drei, Urd, Skuld und Verdandi, nicht in den Wurzeln von Yggdrasil. Nein nein. Sie sitzen im Schatten DES BIRNBAUMS und weben des Schicksals Fäden. Heute warst Du wieder gut bildgewaltig, Europenner-Bürostuhlrenner. Gut bildgewaltig.

    1. Wieder etwas Futter zum Suchmaschinensuchen: „Urd, Skuld (Schuld?) und Verdandi, nicht die Wurzeln von Yggdrasil (das Wort habe ich schonmal gehört)“. Danke Dir, oh Du mein (Aus)bilder im Hintergrund.

    1. Die Tücken des Liveschreibens. Ich weiß nicht, wie ich den Artikel noch geradebiegen kann. Er verwirrt mich auch und ich bin nicht zufrieden. Irgendwie komme ich mir gerade ein bisschen vor wie in einer Zeitschleifenfolge von Doctor Who. Egal. Schwamm drüber. Heute gehts weiter. Abwärts rauschen die Porte d’Envalira. Welcome to Konsumbetonhöhlenland Andorra, wo man Uhrenshops in den Fels gemeiselt hat.

  2. Hallo Irgendlink,

    hallo alle anderen alten Bekannten, die ich wieder hier treffe. Ich freue mich zu wissen, dass noch Leute unterwegs sind so wie ich jahrelang unterwegs war, auch mit dem Fahrrad. Da hast Du Dir ja nicht die leichteste Pyrenäenüberquerung ausgesucht. Und schade, dachte ich, ich hätte Dir Adressen geben können wo Du in frankreich mal ein paar Tage im Warmen hättest verbringen können, aber ich habe bis eben nichts davon gewusst. Erst als ich mal wieder nach langer Zeit in die abonnierten Blogs reinschaute bei meinem alten Vagabundenblog, den ich wieder etwas reaktiviert habe, denn: ich habe endlich mein Buch „Der Vagabundenblog: Vom Leben ohne Geld“ als Taschenbuch und e-book herausgegeben und das möchte ich hier unter meinen alten damals mit ersten und langjährigen Leser*innen posten. Das warst weniger Du als die, die Deinen Blog lesen und ich hoffe, sie lesen diesen Artikel nachträglich auch noch.
    Ich habe die Pyrenäen nie mittendrin mit den Fahrrad überquert, sondern entweder nicht weit vom Mittelmeer oder dann am Atlantik. Aber ich kenne die Strecke vom Trampen her. Ich selbst habe ja jahrelang in Aude und Ariège gelebt. Das war für mich das beschriebene Hippiland. Und darin spielt auch mein Buch (ohne das zu erwähnen). Ich schicke es Dir gerne auch als kostenbefreites e-book zu damit Du was zu lesen hast auf deiner Reise, wenn Du Dich in die Koje legst … Für alle anderen gibt’s das entweder als kostenloses Rezensionsexemplar bei mir oder ganz klassisch zu kaufen, alle infos dazu auf vagabundenblog.wordpress.com.
    Und Dir Irgendlink, ganz viel Spass weiterhin auf deiner Reise!

    1. Hallo Michelle, ich bin natürlich nicht in ‚echt‘ unterwegs. Wegen der Restriktionen in Frankreich konnte ich leider nicht losradeln und fleddere meine Tagebücher aus dem Jahr 2000 und 2010. Alle zehn Jahre radele ich von Zweibrücken nach Andorra. Nur dieses Jahr klappt es nicht und ich reise virtuell. Auf Dein Ebook bin ich schon sehr gespannt. Ich melde mich noch per Mail. Wenn Du magst, sende ich Dir auch ein Ebook von mir. Entweder das über den Jakobsweg oder eine Fahrradtour ans Nordkap.

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