Kneift mich … | #zwand20

Ein grünlich schimmerndes verglastes Hochaus in städischer Szene am Ufer eines Flusses, gesehen von der anderen Flussseite

Ran an den Feind. Rein in den Blogstollen. Geld ist das heutige Thema. Im Jahr 2000 erwachte ich nach dem gestrigen siebten Reisetag auf dem Campingplatz Villerest an einem Loire-Stausee südlich der Industriestadt Roanne. Nieselregen tippelte aufs Zeltdach. Ich war von einer Woche ununterbrochenen Radfahrens mit Etappen teils über hundert Kilometern und zwischendurch Kunstfotografieren und Schreiben ziemlich erschöpft. Ich erinnere mich, dass ich mich im Schlafsack immer wieder umdrehte, in die Morgendämmerung hinein döste und der Tag von Kurzschlaf zu Kurzschlaf langsam seinen Lauf nahm. Es wurde und wurde nicht heller. Ich kochte Kaffee, las in einem Buch. Ich müsste recherchieren, ob es Erich Fromms ‚Haben und Sein‘ war.

Campingplatz Villerest. Die Kirchturmuhr schlägt gerade zum zweiten Mal 9 Uhr [die meisten französischen Turmuhren schlagen im Abstand von etwa einer Minute die Zeit zwei Mal hintereinander, wohl für diejenigen, die nicht mitgezählt haben]. Seit etwa zwei Stunden regnet es. Momentan nur noch Niesel, also Regen, der auf der Haut verdunstet, wenn man sich […] genug bewegt. Trotzdem keine große Motivation, aufzustehen. Alleine, das Zelt zusammenzupacken wird eine Überwindung – nass einpacken. Brrr. […] Es sieht nach ewig grau aus. […] Statistik gestern 56,79 km, Durchschnitt 14,7. Mein Abendessen wird immer besser. Ich bin auch lockerer, froher geworden. Sinn der Reise!

An diesem 23. April 2000 notierte ich ins Tagebuch, dass ich gegen 16:30 zusammenpacke und nach Feurs weiterradele, etwa 40 Kilometer Loire aufwärts. Keine Notiz, welches Buch ich gelesen habe. Ich erinnere mich aber, dass ich den Tag lesend im Europenner-Zelt verbrachte.

„Geld Geld Geld“ war eine Werbung in den Taschenbüchern der 1980er Jahre. Das hat sich mir eingebrannt. Irgendwo mitten im Roman eine Seite, auf der oben diese drei Worte standen und der Name der Firma, irgendwelcher Anleihen, die die Seite bezahlt hatte. Mit Geld hatte ich immer Berührungsängste. Ich nehme es nicht gern. Ich nehme es. Ich brauche es nicht. Ich brauche es. Es zerbricht mir den Kopf, dieses merkwürdige, abstrakte, von Menschen für Menschen gemachte Kreislaufsystem; mehr noch als mir das Phänomen Zeit den Kopf zerbricht. Beides, Geld und Zeit in Kombination und die menschliche Arbeitskraft, der messbare Wert einer Person ist für mich ein undurchdringliches Dickicht, in dem es geheimnisvolle Zusammenhänge gibt, einerseits ein Segen, dass wir etwas hervorgebracht haben, das uns auf Gedeih und Verderb – schreibs groß, GEDEIH UND VERDERB – zu einer Gesellschaft wachsen lässt, die dazu im Stande ist, wirklich große Dinge hervorzubringen. Ragwegenetze, Gesundheitssysteme, Weltraumflüge, Traumschifffahrt … Gerechtigkeit für alle? Vergiss es. Des einen Gedeih ist des anderen Verderb.

Eine verspielte, bunte Malerei auf einem Brunnensockel. Schräg wie fliegend trägt eine Frau mit rotem und grünem Gewand eine Teekanne vor sich her und gießt in den Brunnen.
Reliefmalerei am Brunnen des Klosters der 1000 Buddhas in Boulay/Frankreich. Das Buddhistische Zentrum war Besuchsort beider Reisen nach Andorra, 2000 und 2010. Das Bild ist aus dem Jahr 2010.

27. April 2010. Nacht in Toulon-sur-Arroux. Was für eine exorbitante Silhouette, die hellerleuchtete Arroux-Brücke … wassen Stuss! Das Licht ist aus. Es ist eiskalt. Der Mond, fast voll, liegt hinter Schleierwolken. Ich habe unruhig geträumt und nun surren die Gedanken. […] Gestern Abend überquerte ich den Boule-Platz, um mit D. zu telefonieren. Auf dem großen Platz unweit des Campings gibt es eine öffentliche Toilette und eine Telefonzelle. Ein Trucker parkt […] macht offenbar die vorgeschriebene Ruhepause. Renault-Werkstatt, schöne alte Häuser mit schweren Fensterläden, die in der Dämmerung geschlossen werden. Zwei Mädchen überqueren den Platz. Jede Menge Autos rauschen an der Telefonzelle vorbei, dass man manchmal nichts versteht. […] Gestern hielt ich mich im Tempel der 1000 Buddhas (Wikipedia, französisch) länger auf als geplant. Besichtigte dieses Mal [entgegen des Besuchs vor zehn Jahren] auch das Innere. Hin und weg! Ein Wunder! Ich inhalierte die Stille, das Mantrische. Vor dem Tempel steht ein halbkreisförmiger Brunnen, dessen Plätschern sich am Gebäude reflektiert und somit ein starkes Rauschen erzeugt, das sehr belebend ist. […] Ein [weiteres Gebäude], rundum verglast rechts neben dem Brunnen, enthält eine drei Meter hohe Gebetsmühle. Erst als ich die Hand anlege und ein paar Runden drehe, merke ich, wie träge das Ding ist. Es muss aus Beton sein, oder aus purem Gold :-). Aber wenn man es einmal angestoßen hat, läuft es ganz leicht.

Am siebten Reisetag 2010, dem 27. April, bin ich im Vergleich zur Radtour 2000 Luftlinie etwa 85 Kilometer ‚hinterher‘. Ich bin nicht langsamer. Ich halte mehr inne. Ich fotografiere intensiver, ich möchte nicht sagen ganzheitlicher, obwohl es der Entwicklung, die sich bis ins Jetzt fortzusetzen scheint, sicher nahekommt. Entweder wirst Du immer mehr eins mit dir und deiner Umgebung als kleiner Mensch, oder du zersplitterst im ewig mahlenden Wahn der Gier, die Dich bedroht.

Einst krochen zwei Gegen aus dem Nichts und formten das Ganz, indem sie sich teilten in Gegen und Für, die sich teilten und Gegen und  Für hervorbrachten und so weiter und so fort. Zerrissen, sich vereinen zu wollen, teilten sie sich bis in alle Ewigkeit und wuchsen weiter weiter weiter. Auseinander.

Im Jahr 2000 passierte etwas Schlimmes. In Dijon, nach vier Tagen unterwegs, bemerkte ich, dass ich die Bankkarte verloren hatte. Auf einen Schlag hatte ich nur noch etwa 200 Franc (30 €) im Geldbeutel, sowie drei Reiseschecks, die ich als Reserve für einen Rückflug hatte. Mein angepeiltes Ziel, Gibraltar, würde ich mit den Schecks im Wert von, ich meine 300 DM (150 €), nie und nimmer erreichen. Ich bin froh, dass ich trotzdem weiter radelte und das Beste aus der Situation machte. Dieses Buch würde nie geschrieben, wenn ich damals auf die Stimme des Geldes gehört hätte.

Jetzt. Der gestrige Reisetag sieben der Fahrradreise nach Andorra ist auch ungefähr der siebte Tag, an dem die sogenannte Corona-Krise (verstärkt) ihren Lauf nahm. Von Tag zu Tag wird das öffentliche Leben mehr eingeschränkt. Die Grenzen sind mittlerweile europaweit, wenn nicht weltweit, dicht. Der öffentliche Verkehr ist stark eingeschränkt. Die Maßnahmen der Regierungen laufen bedrohlich nahe auf Ausgangssperren hin. Seit heute darf man nur noch höchstens zu zweit unterwegs sein, sollte das Haus nur noch für elementare Dinge verlassen: Arbeit in systemrelevanten Jobs, Arztbesuche, Einkaufen. Zum Glück darf man noch Sport treiben. Alleine. Ich schreibe diese Zeilen nicht fürs Jetzt, sondern für die Chronik. Falls ich in zehn Jahren wieder nach Andorra radele, bin ich froh um jeden nebenbei dahin gesagten Hinweis auf die Umstände.

Die Börsenkurse fallen rasant. Die Weltwirtschaft bricht zusammen. Insgeheim habe ich Sorge, dass es der Beginn einer schrecklichen Kettenreaktion ist, die in Revolutionen und Kriege mündet, in Mord und Totschlag, in Willkür und Restriktion. In der Zerschlagung von Staaten und Zivilgesellschaften. Hin zu einer Regentschaft der Konzerne und rebellischer Kriegsherren. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Wenn ich das Geld beobachte und die, die es besitzen wollen, kann ich mir schwer vorstellen, dass sie ihre Felle einfach so den Bach runter gehen lassen. Es fliegen fast nur noch Militärflugzeuge. Ich wohne nahe der US-Airbase Ramstein. Man munkelt, die wenige Industrie, die noch mit voller Kraft arbeitet, sei die Waffenindustrie. Vielleicht ist das nur ein verschwörerisches Gerücht. Ich hoffe es. Es herrscht eine unheimliche Stille hier in der Pfalz. Kaum noch das alltägliche Hintergrundrauschen des Pendlerverkehrs, das verzweifelte Jaulen aufgemotzter Karren jungspritzender Männleinbübchen auf dem Parkplatz am Stadtrand (ich weine dem keine Träne nach). Der Stillstand aller Auspuffe. Bei der vorgestrigen Radtour in der Abenddämmerung durch die Vororte der Stadt fragte ich mich, wo all die Menschen sind. Kaum ein Fenster beleuchtet. Haben in diesen Häusern je Menschen gelebt? Für einen Moment des Wahns dachte ich, ich bin vielleicht tot, träume das alles nur, befinde mich nun in einer selbst erzeugten Innenwelt, während man meinen Körper verbrennt, die Asche in eine Urne füllt und sie neben der Urne meines Vaters unter dem Familienbaum auf dem Waldfriedhof im Pfälzer Wald versenkt. Wo hätte ich gedacht, dass ich der zweite bin, der in dem schönen Grab versenkt wird. Kneift mich! Weckt mich! Versichert mir glaubhaft, dass das, was ich träume alles nicht wahr ist und kneift mich weiter, bis das, was wohl kollektive, weltweite Realität ist, auch nicht wahr ist, nie wahr gewesen sein wird. Kneift mich weiter, so lange, bis die Welt in Ordnung ist und alle Menschen ein glückliches Leben im Einklang mit der Natur leben dürfen.

Träume weiter, Kunstbübchen, träume weiter!

Einige Artikel zuvor löschte ich einen Satz aus einem Artikel, der etwa so ging: „Geld hat keine Bedeutung …“; ich ließ mich etwas verächtlich über Geld aus und behauptete, ich brauche kein Geld. Eine gewisse Europenner-Überheblichkeit, die das Handeln vieler lieber und braver Menschen vielleicht verächtlich machen würde und ich wollte ja niemanden beleidigen damit, nur weil es mir in dem Moment nicht möglich war, zu erklären, warum Geld bedeutungslos ist. Klar, man kann sich klassisch rausreden: Geld ist nur ein Scheinwert. Von Unmenschen für Menschen gemacht. Du kannst es nicht essen. Es pappt voller Viren … ich scherze … jenseits dieser oberflächlichen, klassischen Ausrede, muss ich sagen, Geld ist eine mächtige Waffe. Es zwingt uns in die Unselbständigkeit, macht uns jenseits seiner eigentlichen Funktion zu den Tausend Sklaven der Freiheit Einzelner. Wir werden von Kindsbeinen in dieser Konsumgesellschaft auf Unselbständigkeit getrimmt. Man füttert uns mit den Erzeugnissen aus Saatgutpatenten. Wir lernen, dass wir unbedingt dieses oder jenes Produkt benutzen müssen. Eigene Ideen sind unerwünscht, was uns letztlich das Genick brechen wird, wenn wir jetzt tonnenweise Klopapier in unseren Vorratskammern horten müssen und die Heferegale leerkaufen, in der Hoffnung, zu den Wenigen gehören zu dürfen, die der möglicherweise bevorstehenden Apokalypse entrinnen.

Vielleicht aber bietet der derzeitige Zustand einen Ausweg? Vielleicht besinnen wir uns rück? Vielleicht erkennen wird, dass wir in unseren Köpfen kein Klopapier haben, sondern ein Hirn, ein vorzügliches Organ, das einem Möglichkeiten ungeahnten Ausmaßes eröffnet. Was, wenn wir alle unsere Hintern mit Zeitungspapier wischen würden, wie es unsere Großmütter noch bis in die 1970er Jahre getan hatten auf dem alten Plumpsklo überm Hof. Kleingeschnitten und auf Fleischerhaken hing immer ein guter Vorrat in dem zugigen Kabäuschen meiner Oma. Was, wenn wir alle unsere Hefe selbst herstellen aus ein paar getrockneten Früchten, einem Löffel Zucker und ein bisschen Wasser? Wenn unser Strom, den wir nur spärlich nutzen, weil wir zur Einsicht gekommen sind, aus Solarzellen auf dem heimischen Balkon kommt? All die Möglichkeiten zu nennen, die wir, mit dem Gesicht einfallslos zu einer Wand stehend hinter unserem Rücken haben, würde den Blogartikel sprengen.

Wir treten vielleicht gerade den Rückweg an. Wir hören auf zu wachsen. Wir bringen Opfer. Wir büßen ein. Der Rückweg und der Stillstand haben eine ungeahnte Kraft. Wir wissen das nur nicht, weil die Angst es überlagert.

Der heutige Marker in der Landkarte meiner Reisen nach Andorra befindet sich in Frankfurt, obschon der Ortsname in diesem Artikel niemals gefallen ist.

Geld Geld Geld!

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Kneift mich … | #zwand20“

  1. *kneif*
    Sind wir wach oder ist das alles doch nur …

    Was wäre, wenn wir uns die Welt neu erfinden könnten?

    Ich sehe eine Balken-Waage vor mir. Wir laden die konstruktiven und die zerstörerischen Aktionen dieser Zeit in die Schalen. Und können nur hoffen.
    Puh.

  2. Ach Danke. So schön auf den Punkt gebracht, was mir schwammig und unformulierbar in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen ist. Ja, vielleicht ist sie darum da, diese weltweite Krise, weil wir anders nicht begreifen können, dass es schon lange nicht mehr so weiter geht. Dass Wachstum schon lange keine Lösung, überhaupt keine Möglichkeit mehr ist, und das wir uns jetzt entscheiden müssen, ob wir anders wachsen, in echte Alternativen, oder ob wir endgültig vor die Wand fahren.

  3. Geld ist so ein Thema, auch für mich und gerade jetzt, wo wirklich NICHTS mehr, außer dem Hartz IV-Zoix, eingenommen werden kann und ich somit auf noch schmalerem Fuß leben muss. Ich glaube, dass die meisten wirklich nicht wissen, was es heißt von 40 € in der Woche leben zu MÜSSEN.
    Aber es geht mir deswegen nicht wirklich schlecht. Anderes macht mir mehr zu schaffen, vieles von dem benennst du in aller Klarheit.
    Aber ich übe mich auch jeden Tag darin zuversichtlich zu bleiben, dass die Menschen diese Lektion zu etwas Gutem nutzen, viele tun es jetzt schon, aber diese Vielen leben wie ich in einer Blase. „Wir“ das Inselvolk …
    Herzliche Grüße
    Ulli

  4. Was für ein toller Satz: „Einst krochen zwei Gegen aus dem Nichts und formten das Ganz, indem sie sich teilten in Gegen und Für.“
    Früher war ich ja eher Ganz Für Gegen,
    heute eher Ganz Gegen Für.

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