Die tausend Spatenstiche von Sars-Cov-2 | #zwand20

Draufsicht auf ein Meer kleiner lila blühender Frühlingspflanzen

Während der gestrigen, täglichen Blogarbeit wurde mir plötzlich klar, wie sehr in meinem Kunstkonzept alles miteinander verzahnt ist.

„Gerade merke ich, welchen Flickenteppich ich in den letzten zwanzig Jahren als Konzeptkünstler vorbereitet habe“, schrieb ich auf Twitter (nur echt mit Tippfehler).

Ich betreibe ungefähr zehn eigene Webseiten, drei davon sehr intensiv, darunter dieses Blog, meine Schaltzentrale seit zwanzig Jahren, den Shop als geschäftliches Backend und Werksverzeichnis für Bildprodukte und mein verrücktes kleines Steckenpferd, den fiktiven Künstler Heiko Moorlander. Er hat alles, was ich nicht habe, Ruhm, Geld, Groupies; er wird hofiert von Kunstsammlern weltweit, gehassliebt von korrupten Staatschefs, die seine Kunst sammeln, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen … ich sehe gerade, ich komme ins Schwätzen. Heiko Moorlander findest Du im Erdversteck.

Zurück zum Flickenteppich: Wie durch ein Zufall war das gestrige, tägliche Shop-Motiv im Irgendlink-Shop eine schwarz-weiß Retro-iPhoneografie der Kirche von Marainviller, jenem kleinen Ort nahe Lunéville bei Nancy in Frankreich, den ich bei der virtuellen Reise nach Andorra als mutmaßlichen Übernachtungsort festgeschrieben hatte. Als ich die Shopbilder im Februar auswählte und ins Backend des Shops lud, konnte ich diesen Zufall nicht ahnen. Es ist geradezu unheimlich.

Heute werde ich erstmals Handschuhe brauchen, zum Fahren. Und lange Unterhosen. Leichter Nachtfrost. Bordthermometer zeigt 0,5 Grad Celsius. Auf den stinkenden Socken, die ich vor’s Zelt gelegt habe, um die Wildschweine abzuschrecken, liegt Raureif.

Geschrieben am 23. April 2010, wild zeltend in der Gemeinde Attigny an der oberen Saône, nicht sehr weit von deren Quelle entfernt. Ich erinnere mich, es war schön dort, eine sehr landwirtschaftliche, grüne, frühlingsfrüh keimende Gegend, kaum Straßenlärm, kaum Lichtschmutz in der Nacht. Das ewig gleiche Bimmeln französischer Kirchturmuhren, stets zwei mal hintereinander im Abstand von etwa fünf Minuten  einer Minute, taktete die Nacht. An der Lautstärke und mittels Peilungen auf einer Landkarte, könnte man den eigenen Standort genau bestimmen, Dorf ‚A‘ auf 348 Grad, Dorf ‚B‘ auf 50 Grad und Dorf ‚C‘ auf 269 Grad. Im Schnittpunkt liegt das Zeltchen irgendwo auf feuchtfrüher Wiese. Kühe dampfen stoßweise aus den Nüstern. Ihr scharrendes Grasen.

Schlaflos im Zelt. 0:45 Uhr. Mittwoch, 18. 4. 2000. Dieses Montigny! So still. Das ist paradox, dass ich hier nicht schlafen kann. Hier hört man wirklich überhaupt nicht das Übliche: Hintergrundrauschen der Straße, Menschenstimmen, Technomusik aus nahenden Autos […] hab noch den Ein-Uhr-Glockenschlag gehört. Zur vollen Stunde schlägt die Uhr immer zwei Mal. […] Ein harter Fahrtag heute (eigentlich gestern). Statistik 115,67 km. Durchschnitt 18,0 […]

Im Verlauf des ziemlich langen, handschriftlichen Tagebucheintrags komme ich aufs Kunststraßenkonzept zu sprechen und mache mir meine nächtlich fröstelnden Gedanken über das unbequeme Zeltlager. Alles ist Konzept. Alles ist Weg. Nichts ist ohne das Davor und ohne das Jetzt gibt es kein Danach.

Eine burgundische Dorfkirche.
Ormoy liegt auf halber Strecke der dritten Etappenziele 2000 (Montigny) und 2010 (Attigny). Attigny und Montigny sind Luftlinie etwa 30 Kilometer voneinander entfernt.

Dazu verdammt, die dritte Reise nach Andorra wegen der Pandemie auf dem heimischen Bürostuhl auszusitzen, mische ich die Gegenwart und die beiden Vergangenheiten 2010 und 2000. Was ich im obigen Tweet schrieb, das Projekt „#zwand20 hätte nicht produktiver scheitern können“, ist Programm. Es sprießen die Ideen. Ich absolviere meinen Alltag, weiß mich glücklich zu schätzen als freilaufender Künstler auf einem Hof weit außerhalb der Stadt. Ich kann in den Garten gehen und auf einem Stuhl sitzend dem Lauf der Sonne folgen. Atmen, denken, schreiben, versuchen, die wirklich erheblichen Sorgen und Ängste, die auf mich eindreschen ein bisschen zu dimmen. Der verpassten, physischen Reise nach Andorra, weine ich keine Träne nach. Ehrlich. Ich hatte mich im Vorfeld ohnehin gefragt, welchen Sinn es denn hätte. Ich meine, ich verdiene seit dreißig Jahren kein Geld mit Kunst (zumindest nicht so viel, dass ich den Felgaufschwung zur Mittelschicht wagen könnte), führe stattdessen ein komisches Leben wie nicht von dieser Welt, wie behördlich keinesfalls vorgesehen und folge meinen für die kapitalistische Verwertungskette völlig nutzlosen Künstlermorgenblütenträumchen … mittags ergreift mich eine unglaubliche Nervosität. Weder denken, noch schlafen, noch sitzen und starren ist angenehm. Das Herz rast. Ich bin schlapp. Ich muss etwas tun, überlege, das Radel zu satteln und eine Runde zu drehen, kann mich nicht überwinden, greife den Spaten und beackere den Garten. Die Anbaufläche will ich ein bisschen vergrößern und ich steche das sture Gras ab, das seit 2015, seit mein Vater den Garten großflächig mit Pferdemist düngte, wuchert ohne Gnade. Im Mist waren die Samen des robusten Grüns enthalten und sie gingen auf und sie wuchsen und das Gras ging nieder, nur um im nächsten Frühling noch stärker wiederzukehren und wir gaben einen Teil der Gartenfläche auf, überließen das Land dem Gras. Faszinierend, wie alles wächst und vergeht und wächst und vergeht. In spatenbreiten Stichen hole ich unser Land zurück, höre plötzlich ein Brummen. Hinter mir ist ein großes Areal mit lila blühenden Pflänzchen, das ich im Begriff bin, umzugraben. Ich beobachte die Hummeln, wie sie fleißig sammeln und fressen und es bricht mir fast das Herz und ich halte ein und umspate die lila Wiese und konzentriere mich auf das Gras, das sicher auch für jemanden oder etwas einen Nutzen hat und Nahrung ist, aber nun geht es ja um uns hier, mich, meine Familie, die vielen Freundinnen und Freunde. Wer weiß, wie sich die Seuche entwickelt. Mehr Lebensmittel sind besser als weniger und das selbst gesäte Zeug, da weiß man was man hat. Im schweren Boden winden sich Würmer und Kerbentiere. Wie ich deren Welt nun durcheinander bringe! Ach wenn das Virus doch ein Herz hätte und sich auch darüber Gedanken machen könnte, wie es die Welt der Menschen gerade durcheinander bringt.

Und noch abstrusere Gedanken kommen mir: Der Spaten ist vielleicht 30 Zentimeter lang. Stich um Stich reiße ich die Erde auf, wie oft? Tausend mal? Ich zähle nicht. Tausend Spatenstiche mal 0,3 Meter ist gleich 300 Meter. Wenn ich alle Spatenstiche senkrecht übereinander rechne, würde ich mich dreihundert Meter in den Pfälzer Lehm eingraben, bis weit unter die Brunnensohle des Trinkwasserbrunnens hier auf dem einsamen Gehöft. Ich spiele mit Gedanken, während ich geradezu mantrisch spate.  Ich sollte diese Spatenstich-Vertikalität einmal vormerken für ein weiteres Projekt, eine weitere, noch zu befüllende Webseite, bauesoterik.de (da gibt es nichts zu sehen). Die Bauesoterik behandelt Phänomene und Verrücktheiten vertikaler, horizontaler und zirkulativer Natur. Mir schwebt ein Buch vor im Stil von Flann O’Brians ‚Der dritte Polizist‘.

Nachdem ich den Garten durchwühlt habe und zufrieden auf die schön geebnete, bepflanzbare Fläche blicke, ist die Unruhe etwas gewichen. Die Gedankenmühle läuft trocken. Die Sorgen immer noch unterschwellig, insbesondere zum Freund Journalist F., den ich tagsüber mehrfach versucht hatte zu erreichen. Donnerstags wird er gegen 11 Uhr abgeholt zur Dialyse und wenn er in der Dialyse liegt, geht er eigentlich immer ans Telefon. Horrorvorstellungen ergießen sich in mein Hirn. Was, wenn er daheim zusammengebrochen ist? Was, wenn der Taxidienst, vor verschlossener Tür stehend, dachte, juhu, frei, ist sowieso mühsam, den Kerl mit dem ultraschweren Rollstuhl immer rein und raus zu wuchten?

Ich sattele das Radel und fahre zum nahen Klinikum. Viele Joggerinnen und Jogger, Radlerinnen und Radler. Elender Begegnungsverkehr, trotz großzügigen Abstands. Ich frage mich, ob es die Anderen genauso machen wie ich, kurz vor der Begegnung noch einmal tief Luft holen, Luft anhalten, möglichst den Gegenüber auf der Luvseite, der Wind zugewandten Seite passieren. Es ist windstill. Apnoeradeln.

Das Großklinikum, ist abgeriegelt. An allen Zufahrtsstraßen sitzen Pförtner, die nach einem Passierschein fragen. Längst hat sich in meinem Hirn das Gespinst ausgebreitet, Journalist F. liegt tot in seiner Wohnung. Der Pförtner sagt, er habe keinen Kontakt, um in der Dialyse anzurufen, um nachzuforschen, ob ein Herr F. heute da war und er erinnert sich auch nur an einen Dialysepatienten, der heute mit Taxi gebracht wurde, ein Kerl mit blauem Holzfällerhemd und Bürstenschnitt. Ne. Das isser nicht. Schließlich winkt er mich durch, ich könne in der Zentrale mal fragen, ob der Herr F. heute da war. Puh. Pochenden Herzens weiter, im Kopf schon die Treppe zur Information hochhechtend, aber so weit kommt es gar nicht, denn unten vor dem Dialysegebäude erkenne ich schemenhaft eine Gestalt im Rollstuhl sitzend, eine Zigarette rauchend, könnte Freund F. sein. Ich kneife die Augen zusammen. Sehkraft im Alter ist ja doch ein kleines Problem und dann erkenne ich ihn. Frisch dialysiert, auf das Taxi wartend.

Es geht ihm besser, sagt er. Nur die Psyche. Das Alleinesein, mache ihm zu schaffen. So verspreche ich ihm, dass ich ihn besuchen würde am heutigen Freitag. Ich weiß nicht, ob ich mich das traue. Das Virus hat eine unheimliche Macht über unsere Psychen erlangt. Niemand weiß, was richtig ist, was falsch, was echt ist oder nur ein Hirngespinst. Niemand weiß, ob er infiziert ist oder nicht, ob ihm der Tod droht oder nicht. Die tausend Spatenstiche von Sars-Cov-2 wühlen im dichten Lehm des Gesellschaftsgefüges.

Das einzig erfreuliche an dieser Situation, für mich persönlich, ist der kleine Arschtritt ins eigene Hirn, der es zu Höchstleistungen auflaufen lässt und Texte wie diese ermöglicht. Erstmals seit dreißig Jahren schreiben, habe ich ein tiefes Gefühl, ein Schriftsteller zu sein. Glaube ich daran, etwas Bedeutungsvolles hervorbringen zu können. Ideen gibt es zur Nöche. Der Kern ist sicher diese direkte, ungefilterte, ungehobelte Art, live, von unterwegs zu bloggen. Ich hoffe, ich halte es durch.

My Home is where my Bürostuhl rolls.

Der Marker in der Karte des Projekts Zweibrücken-Andorra befindet sich Heute im Hochsicherheitsbereich des Uniklinikums.

Journalist F. berichtet hier -> auf seiner Facebookseite.

13 Gedanken zu „Die tausend Spatenstiche von Sars-Cov-2 | #zwand20“

    1. Super, mach’s Dir gemütlich auf dem Gepäckträger. Hmm. Da kommt mir eine Idee für ein bizarres (Kunst-)Objekt: Bürostuhl mit Gepäckträger und Fahrradtaschen.

  1. „Wenn ich alle Spatenstiche senkrecht übereinander rechne“ – Weiter so, lieber Juergen, und irgendwann kommst Du in Australien an! :D
    Liebe Gruesse, und bleib‘ gesund,
    Pit

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