Wie Landstraßen. Schrödingeresk befahren unbefahren #AnsKap

Kälte kriecht den Rücken hoch. Vor mir der Trangiakocher, Kaffeewasser sitzt auf. Bestecke, Topfgreifer, Küchenhandtuch liegen auf der Isomatte und daneben steht der leergeleckte Couscous-Topf von gestern Abend. Wenn das Wasser kocht, wird es im Zelt schlagartig warm. Dampf steigt auf. Wie in einer Schwitzhütte. Der schwedische Trangia-Spirituskocher entfacht eine ungeheure Energie. Zudem lässt er sich, mit viel Vorsicht, auch im Zelt aufstellen. Das ist bei Kälte oder bei Mückenbefall von unschätzbarem Wert.Büro, Küche, Lagerraum und Schlafplatz gehen unscharf ineinander über. Kaum auszumachen, wo was beginnt und wo was endet auf dieser winzigen, zwei Quadratmeter großen Wohn- und Arbeitsfläche.

Das Schneidersitzbüro besteht aus einer Bluetooth-Tastatur und dem Smartphone, das auf dem Feurzeug lehnt, leicht schräg, wie ein Pult. Daneben ein Notizbuch, Bleistift, Pufferakkus, Kabel, ein Stück Schokolade, eine halbe Zwiebel, Milch, Kaffee, Wasserflasche. 

Coop Supermarkt Schriftzug vor blauem Himmel in Övertorneå/Lappland Ich weiß nicht, aus wievielen Gegenständen das Lager besteht. Unzählige. Der neueste ist ein Beutel ‚Semper Mjölk‘. Das sei Trockenmilch, hat man mir versichert. Nach dem Debakel im ‚Paradies‘ auf der Landzunge am See – Kaffee zweiter Klasse trinken zu müssen, also ohne oder mit saurer Milch – habe ich mich nach einer Alternative umgeschaut.

Bis ans Nordkap, nun noch zwischen 700 und 800 Kilometer, je nach Strecke, kommen nicht mehr viele Einkaufsmöglichkeiten.

Ein Blick aus dem Zelt auf die Baustelle an der Straße 99. Drei vier Arbeiter in gelben Warnwesten werkeln an der gesperrten Brücke. Hämmern und flexen und schrauben seit halb sieben. Unter der Brücke und neben meinem Zelt rauscht der Bach, der in den Torne-Fluss mündet. Das Zelt steht neben einem – hmm, was ist das? – eine Art Trafohäuschen. Drumherum frisch gemäht, davor der Radweg, geteert, der unter der Straße hindurchführt.

Wenn die Straße nicht gesperrt wäre, hätte ich hier nie das Zelt aufgeschlagen. So aber ist es ruhig.

Interessanter Weise hat sich meine Lagerplatztaktik seit 1995 um 180 Grad gedreht. Konnte es mir damals nicht unbelebt und menschenfern genug sein, zieht es mich heute eher in die Siedlungen (nur hier in Schweden).

Beliebt ist das ‚Kirchenasyl‘, sprich direkt neben der Kirche das Zelt aufzubauen. Natürlich nicht auf dem Friedhof, obwohl sich der auch bestens zum Zelten eignet. Um die Kirchen sind die Wiesen immer frisch gemäht und es gibt meist Trinkwasser und ein WC. Sportplätze sind auch eine tolle Zeltmöglichkeit. Eigentlich ist es mir heuer egal, wo das Zelt steht. Nur nicht zu nahe an einer Straße. Und nicht dort, wo Mücken sind, in hohem Gras, im dichten Wald usw.

Apropos Mücken. Bisher kann ich den Lappland-Mücken-Supergau, wie man ihn aus unzähligen Reiseberichten kennt, noch nicht bestätigen. Nichts, was ich nicht schon daheim auch so erlebt hätte.

Zu Beginn der Reise hatte ich – wegen dieser Berichte, wegen dieser ‚Kenntnisse‘ – die Horrorvorstellung,kliometerweit bergauf, langsam, angreifbar durch Stechmückenschwärme radeln zu müssen, die Augen kaum aufzukriegen in einer mit Mücken durchmischten Luft. Das ist mir bisher erst einmal passiert. Und zwar am Main.

Abends wenn ich das Zelt aufbaue, richte ich es dennoch so ein, dass ich drinnen koche und nicht vor der Türe. Es ist einfach gemütlicher. Die Technik, das Innenzelt mit allen Utensilien, Kochpacktaschen, Matte, Schlafsack usw. zu befüllen, noch ehe es im Gestänge eingehakt wird und dabei den Reißverschluss zuzuziehen, hat sich bewährt. Dann können sich keine Viecher hinein verirren, wie dies der Fall wäre, wenn man nach dem Aufstellen bei offenem Reißverschluss alles einräumen würde.

Zeltfachsimpelei.

Kenntnisse.

Wissen.

Alles, was ich hier erzähle sind ja subjektive Wahrnehmungen.Das geht mir beim Radeln öfter durch den Kopf. Ich schiebe dann eine Art Wissen von der Welt, die mich erwartet vor mir her, das ich mir durch Bloglesen und Reiseberichte, manchmal auch vom Hörensagen von Mensch zu Mensch unterwegs, angeeignet habe.

Dass es sich dabei aber um andere, subjektive Welten handelt, die nicht unbedingt deckungsgleich mit meiner erlebten Welt sein müssen, durchsschaue ich zunächst nicht. Lappland gleich Mücken. Finnen gleich Messer, Berge gleich schwitz, Gegenwind gleich gemein, unsichtbar. Oaaah, was für ein höllisches Radlerleben, das ruckzuck vor einem liegt, wenn man die selektiven Wahrnehmungen der anderen zu seinen eigenen macht und im Hintergrund sein Bild von der Welt festzementiert, ohne sie selbst gesehen zu haben.

Ja, auch dieser, mein Bericht, zementiert, ob du willst oder nicht, ein Bild, ein Feeling von dem was Lappland, was diese Radreise zum Nordkap ist. Für dich, in dir. Vergiss es. Versuche zumindest, es zu vergessen. Es ist meine Welt, die du da montierst, stellvertretend für etwas, was du noch nicht erlebt hast (oder was du selbst auch schon erlebt hast, nur eben anders).

Seit Ewigkeiten geht mir das im Kopf rum. Dass wir so wenig wissen im Vergleich zu dem, was wir zu wissen glauben. Selbst wenn ich meine eigene Vergangenheit betrachte, zum Beispiel die Reise 1995 mit dem Fahrrad zum Nordkap, die ja Vorlage für die jetztige Reise ist: wir hatten sechs Wochen lang nur Sonne. So erzählen wir es, QQlka und ich. So haben wir das erlebt. So erinnern wir uns. Im alten Tagebuch, das leider sehr spärlich ist und sich fast ausschließlich mit dem Kunststraßenprojekt beschäftigt, steht etwas ganz anderes. Natürlich gab es Regen. Natürlich hatten wir Gewitter. Gegenwind. Kälte. Mücken? Ne, Mücken gab es damals auch nicht. Dafür war es am Ende in Kautokeino mit fast null Grad wohl zu kalt. Ich erinnere mich, in einem Gästebuch auf dem Campingplatz Kautokeino lasen wir einen Eintrag von einem Deutschen, der eine Woche vorher dort war, der sich über die Mückenplage ausließ.

Es könnte also sein.

Seine Welt, nicht unsere.

Wenn ich eine Landstraße radele und darüber fluche, wie stark befahren sie ist, bin ich vielleicht in der nachmittäglichen schwedischen Stoßzeit geradelt. Sonntags früh sieht die Straße ganz anders aus.

Wenn also jemand in der Stoßzeit radelt und über die Straße schreibt, ist sie stark befahren, wenn jemand sonntags radelt und darüber schreibt, ist die Straße menschenleer. Geradezu schrödingeresk.

Eigentlich handelt dieser Beitrag vom trügerischen sich selbst eine Welt und Sichtweise zusammenschustern und daraus in herrischer Uneinsicht abzuleiten, dass diese eigene Sichtweise – wie die Dinge nunmal so sind – für immer und jederzeit auf alle anderen übertragbar ist.

Ein gefährlicher Aspekt des Menschseins. Denn es gilt ja nicht nur für Witterungszustände, Insektenplagen, Gegenwinde, verkehrsreiche Straßen, es gilt auch für uns Menschen und wie wir uns gegenseitig sehen. Vorurteile. Rassismus.

Die Finnen haben alle Messer.

7 Gedanken zu „Wie Landstraßen. Schrödingeresk befahren unbefahren #AnsKap“

  1. Hallo Jürgen, wieder ein sehr schöner Reisebericht, manchmal entdecke ich mich darin wieder, mache ähnliche Erfahrungen und manchmal inspirieren mich deine Berichte auch. Viel Freude und gutes Gelingen weiterhin…Thorsten.

    1. Irgendwie ist ja sowieso alles miteinander verbunden. Dieser ganze Planet mit allem was darauf kreucht. Ähnliche Lebenswelten bringen ähnliche Erfahrungen und auch einsichten, vermute ich.

  2. Ein wunderbarer Text und die Erkenntnis, dass alle Erfahrungen, die wir machen, subjektiv sind, sollten wir uns viel öfter klar machen. Viel zu oft legt man den eigenen Maßstab an, wenn man über etwas urteilt. Und auch wenn ich man schreibe, nehme ich mich dabei keinesfalls aus.

    Liebe Grüße zu dir in den hohen Norden,
    Szintilla

  3. dafür möchte ich dich (später einmal) umärmeln, wenn du magst- was du hier schreibst, lese ich mit ganz grosser Freude- Danke dir und nur immer weiter mit DEINEN Bildern, deinem Erleben, da wird sich natürlich das eine und andere in meine Hirnwindungen einnisten, und das ist gut so!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.