Schrödingers Wasserscheide

Morgens in Gutach empfiehlt mir eine Bäckerin, Sie müssen uuunbedingt die Martinskapelle sehen. Dort entspringt die Donau, sagt sie ganz stolz. Und es gibt einen Gasthof und einen Stein, auf dem der Verlauf der Donau eingemeißelt ist, sowie alle acht – sind es acht oder neun?, fragt sie sich –, alle Länder, die der Strom durchfließt. So malt sie mir ein Bild von der Martinskapelle, das ein einsames Kirchlein ist unter schönen grünen Fichten, vielleicht mit einer frisch gemähten Wiese daneben, an der ich gemütlich mein Zelt aufbauen kann und dann hinüberlaufen zum Gasthaus, wo ich mir eine Schweinshaxe gönne und Pommes und Weizenbier. Mjam-Mjam. Aber erstmal dahin kommen!

Die Martinskapelle ist ab Schonach ausgeschildert. Ich schinde mich vorbei an der Skisprungschanze, stets dem gut beschilderten Schwarzwald-Radweg folgend bis es nicht mehr höher geht und ich mich plötzlich, so kurz vor Dunkelheit, richtig einsam und verletzlich fühle. Ein Gebirge ist nunmal ein Gebirge, auch wenn es an dieser Stelle gerade mal tausend Meter hoch ist. Irgendwo muss doch die Wasserscheide sein, mutmaße ich. Jener ominöse Ort, an dem, wenn man einen Eimer Wasser ausschüttet, es völlig unklar ist, ob er den Rhein runter fließt und in der Nordsee landet, oder ob er in die Donau gelangt und im Schwarzen Meer endet. Schrödinger mit seinem verflixten Katzenexperiment kommt mir wieder in den Sinn. Wie oft habe ich den Mann schon in diesem Blog erwähnt. Sicher würde er sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, welch krude Theorien ich auf halbwissenschaftlicher Basis hier zurechtzimmere. Aber ist es nicht so? Genauso wenig, wie man den Zustand eines subatomaren Teilchens vorhersagen kann – so ähnlich hatte es Urschrödinger doch gemeint – kann man vorhersagen, wo die Spucke landet, die man auf einer Wasserscheide ausspuckt. Irgendwann verliere ich die Martinskapellenschilder und es geht nun nur noch bergab. Ich folge dem Schwarzwald-Radweg. Groooßer Fehler. Er zweigt ein Tälchen zu früh ab und mündet knapp zwei Kilometer unterhalb der Bregquelle, die auch als Donauquelle gilt, ins Bregtal. So stehe ich ein bisschen enttäuscht, um Schweinshaxe, Weizenbier und schöner Lagerplatz geprellt, in einem malerischen, völlig friedlichen Tälchen.
Einsame Gehöfte hie und da, eine recht große andere Kapelle liegt auf einem ameisenhügelähnlichen Berg. Paar Ziegen mit Glocken um den Hals. Und theoretische zwei Kilometer zur Quelle, bei teils sechzehnprozentiger Steigung, die ich mir natürlich verkneife. Mein Lager schlage ich auf einer frisch gemähten Wiese auf, im Schutz zweier Baumgruppen, die es gegen die Blicke der weit entfernten Nachbarhäuser abschirmen.

2 Gedanken zu „Schrödingers Wasserscheide“

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