Wheems

Warum habe ich bloß das Gefühl, endlich angekommen zu sein? Dort wo ich hin wollte? Dort wo mich das Schicksal hingetrieben hat? Oder einfach nur zufällig am rechten Ort gelandet? Im Nachhinein ist immer gut Schicksal-hat-es-so-gewollt reden. Warum musste mir der Fährmann in JOG auch den grünen Zettel von der Wheemsfarm geben? Farmer Mike war erstaunt, dass sie bei der Fähre überhaupt seine Flyer verteilten, wollte explizit das Blatt sehen. Wie es dort hin gekommen ist? Ob es das einzige war? Nur für mich bestimmt?

Wheems ist wie Daheim. Das einsame Gehöft in Zweibrücken. Es gibt eine Open Air Küche, eine kleine Bibliothek mit abgelegten Büchern, Spielzeugkisten, abgewetzte Tennisschläger. Ein kleines Windrad erzeugt Strom. Die sanitären Einrichtungen sind spartanisch, aber sauber. Die Stille und der Hofcharakter sind es, die mich so sehr an daheim denken lassen. Hühner gackern, Gras, Ufer. Ich bleibe zwei Nächte. Per Bus 15 Meilen bis Kirkwall.

Den Tag in der Hafenstadt benötige ich, um die Shetlandfähre auszukundschaften und vor allem, um meinen Flug nach Bergen klarzumachen. Nachdem mein Ansinnen, Freund Journalist F. könne das vom heimischen PC aus für mich tun, damit ich nicht an einem fremden PC die Kredikartennummer eingeben muss, gescheitert ist, beauftrage ich ein Reisebüro mit der Buchung. Der Mann im Scapa Travel bringt mir erst einmal bei, dass „next Saturday“ in England der übernächste Samstag ist und dass der nächste, kommende Samstag „this Saturday“ ist. Er klärt per Mail, ob das Radel im Flieger mitkommt. Solange kann ich Kirkwall erkunden, lümmele in einem Café herum, und in der Bücherei – an beiden Orten Free Wifi. Herjeh, moderne Welt. Trinkbrunnen der Informationsgesellschaft.

Gegen 15 Uhr habe ich das Flugticket für 122 Pfund plus 17 Pfund Reisebürogebühr, was angemessen ist – hätte ich selbst versucht das Radel zu checken, wären wahrscheinlich auch so viele Telefonkosten aufgelaufen. Die Fluglinie transportiert pro Flug nur zwei Fahrräder, sagt mir der Reisebüroangestellte. „Have a good Gap“, wünscht er.

Zurück nach St. Margarets Hope mit dem Bus. Halbe Stunde Fußweg bis Wheems. Zum Ausruhen sitze ich auf einem Stuhl in der Sonne vor der Freilandküche und stelle mir vor, ich würde daheim unter meinem Nussbaum sitzen. Ein seltsamer Kerl, sehr wortkarg steht ein paar Meter entfernt und tut nichts. Absolut nichts. Er redet auch nicht, außer einem „Hi-there“. Ich frage mich, ob er der Spinner ist oder ich. Oder wir beide. Ich meine, sieh uns doch mal an: der eine steht nur rum wie ein Fels, die Hände in den Taschen und starrt, während der andere mit einer handtellergroßen Maschine herumhantiert, und um alles in der Welt irgendetwas technisches Zeugs in einer Steckdose einstöpselt. Ich glaube, le Spinner, c’est definitivement moi!

Immer „was am tun“, immer in Motion, permanent connected to outer web. Was ist das für eine seltsame Reise, die ich da veranstalte. Urlaub geht anders. Relaxen? Hum? ja, eigentlich relaxe ich und habe einen Heidenspaß an dem, was geschieht. Die drei Stunden in Kirkwall, in denen ich auf den Flug hoffe, sind dennoch kennzeichnend für meine Getriebenheit: was würde ich denn machen, wenn ich den Flug am Samstag nicht kriege, wenn er ausgebucht ist, wenn das Radel nicht mitkann? Mit einem Schlag wäre ich zum Stillstand verdammt, fünf Tage ruhen auf begrenztem Raum. Die Orkneys hätte ich ruckzuck abgeradelt und Shetland wäre auch schnell erledigt.

Später begegne ich einem zündelnden Kerl am Strand. Er organisiert ein Feuerchen für die Schulkinder, die den lieben langen Tag Müll gesammelt haben, der vom Meer angespült wurde. Der Müll wird zu den Shetland-Inseln geschifft, wo er in einer Verbrennungsanlage zu Energie verarbeitet wird. tse. Ob die auf meiner Fähre auch Müllcontainer mitnehmen?

Das brillante Sonnenlicht und die atemberaubende Vielfarbigkeit des Meeres sind … ach, ich finde dafür keine Worte. Frühmorgens scheint schon wieder Sonne. Fast windstill. Der seltsame Kerl lümmelt schon wieder vor der Freilandküche. Woher er kommt, frage ich. USA. Er sei ein retired Soldier der US Army, ein Rentner, er toure durch Europa, habe das Geburtshaus seines Großvaters in Namur in Belgien besucht – von dort ist die Familie vor hundert Jahren ausgewandert, als der Opa gerade mal fünf war. Wisconsin, da habe er seine Wurzeln. Ruckzucke Skizze der Lebensgeschichte – wir Reisenden haben dafür eine gewisse Professionalität entwickelt – im September hatte er einen Stroke, einen Schlaganfall, konnte weder gehen, noch reden, und es sei ein Wunder, dass er nun hier sitze und das alles sehen dürfe. Mit der Hand streicht er über den östlichen Horizont, wo sich die Sonne hebt und das Meer im ewigen Blau wogt.

Wie viele Tage bleiben wohl dir noch, denke ich dermaßen wachgerüttelt. Ein Stroke kann heutzutage ja jeden ereilen. Ich muss an Frau P. denken, die mir vor der Reise, Ende März, eindringlich Mut gemacht hat, als sie sagte, „machen Sie das, solange Sie es noch können, reisen Sie“, und, hey, das ist doch genau mein Credo, seit vor ein paar Jahren die körperlichen Wehwehchen zunahmen. Jeder kleine Schlag in die Magengrube des einst so unsterblich wirkenden Körpers war ein kleiner Hinweis für mich: du musst handeln auf Teufel komm raus, du darfst jetzt in der Mitte des Lebens auf keinen Fall in eine Art sinnlosen Sicherheitsmodus an die Rente und Altersversorgtheit-denken-Kacke verfallen, du musst handeln. Dinge, die getan werden können, können nur getan werden, wenn man sie tut, dichte ich lapidar leichtfüßig.

Die Uhr die tickt, die Zeit sie rinnt, Tickitick tickitick tickitick tick tick.

Wie wir beiden seltsamen Spinner eine ganze Weile in den sonnigen Morgen schwätzen, verliere ich plötzlich jede auch nur geringste Lebenssorge; ehrfürchtig betend vorm Altar des gelebten Moments, den wir errichten.

Stunden später radele ich auf Kirkwall zu auf einer schnurgeraden, nicht sehr schönen A Achthundertnochwas. Mäßiger Verkehr. Im Fahrradgeschäft Cycle Orkney frage ich nach einem Pedalenschlüssel, damit ich die Dinger in Sumburgh am Flugplatz abmontieren kann. Der Ladenbesitzer schenkt mir einen schmalen 15er und wir sind uns einig, dass beide Pedale durch Drehen nach Vorne abmontiert werden müssen.

Nun sitze ich in dem Café gegenüber der Clydesdalebank. Wieder dieses Dilemma, dass man den Ort, an dem man ist, selbst gar nicht kennt und nur das Außenrum wahrnimmt zwecks Orientierung. Barhocker am Fenster, Blick auf die Bank, Free Wifi, Heizung direkt vor den Füßen. Ein Typ am Nebentisch sagt, ich erinnere ihn an seinen Freund Joseph Hewes, der kaum 25 Meilen nördlich auf der Insel Rousay lebt, und der auch ein leidenschaftlicher Radler sei. Und Künstler. Nicht das erste Mal, dass ich einen Doppelgänger habe. Wenn ich auf Rousay vorbei schaue, solle ich einfach nach ihm fragen. Tse.

Nun werde ich den Ort wechseln, in die Library weiter ziehen, wo ich schon gestern die Vorzüge des freien Internets an einem Desktoprechner nutzen konnte.

3 Gedanken zu „Wheems“

  1. Es ist schon eine seltsame Sache: Abgeschiedenheit auf der einen Seite und Verbindung per Internet in die ‚ganze Welt‘. So ist das heute. Wie gut für dich!

    Für mich ist das klar: Urlaub ist ‚Sich-Ausruhen‘, ‚reisen‘ das Gegenteil davon. Und dazwischen gibt es sicher eine ganze Palette von Grauschattierungen.

    Cees Nooteboom kennst du wahrscheinlich? Er hat sich auch interessante Gedanken zu seinen Reisen gemacht. Du könntest oder solltest vielleicht auch ein Buch veröffentlichen.
    LG und gute Überfahrt zu den Shetlands,
    April

  2. seitdem auf den Orkneys bist/warst (?) denke ich bei jedem Bild, bei jedem Wort, nur noch JA… ja, SO ist eine Reise ums Meer… klar, alles andere auch, aber hier trifft es sich mit meinen inneren Vorstellungen, die ja oft genug eine Art Falle sind.

    heute sage ich einfach nur mal wieder danke für all deine wunderbaren Bilder und deine ehrlichtiefen Worte, die mich oftmals durch den Tag begleiten. Einzelne Sätze sind es, die sich dann in mir weiterspinnen.

    have a nice day du Guter
    herzlichst Li Ssi

  3. Wow, in Scapa Flow warst du an einem berühmt berüchtigten Orte der nautischen Geschichte! Zur Zeit Snorri Sturlosons, also im Hochmittelalter als Walther von der Vogelweide charmant die niedere Minne besang und Wolfram von Eschenbachs Parzival vom tumben tor zum Gralskönig wurde, hatten die Wikinger hier einen wichtigen Hafen, der später von Napoleon genutzt wurde. Zu einem bekannten Kriegsschauplatz wurde Scapa Flow im WW I und II. Scapa Flow war Hauptstützpunkt der britischen Flotte in beiden Weltkriegen. Und in beiden Weltkriegen gelang es deutschen U-Booten dort einzudringen – ihr könnt im Computerspiel Silent Hunter mal versuchen, in Scapa Flow einzudringen, mir gelang es nie. Im WW I war das Eindringen des U-Boots von geringer Konsequenz, im WW II aber gelang es einem U-Boot die HMS Royal Oak mit 1400 Soldaten an Bord zu versenken. Das wurde von der Propaganda im Nazi-Deutschland bis zum Überdruss ausgenutzt, so dass Scapa Flow zu einem der Denkmäler der faschistischen Kriegsführung wurde.

    Guten Flug und feines Radeln in Norwegen. Du musst dir in Bergen zumindest einen Tag frei nehmen. Das Viertel mit den Hansehäusern und überhaupt die Atmosphäre dieser alten Handelsstadt lohnen sich zu genießen.
    Liebe Grüße von Sirifee, die vor Jahren den spielunwilligen Master überreden konnte, Silent Hunter mit ihr zu spielen und so Scapa Flow kennenlernte. Masterchen, mein liiiiebes Schwesterlein Selma und die liiiebe Dina senden Feenhauch und liebe Grüße auch.

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