Feinheiten

Morgens arbeite ich am Jakobswegbuch. Versuche es zumindest. Mehr als es noch einmal lesen gelingt mir nicht. Nach zwei Stunden habe ich ein paar Tippfehler eliminiert und mir in einer externen Datei ein paar Notizen gemacht. Die Guy-Geschichte in Najera steht auf der Notizdatei. Sonst eigentlich nichts. Ich bin ratlos, was das Buch angeht. Am Anfang des Liveberichts habe ich ein bisschen Hand angelegt.

Nachmittags stürze ich mich wieder in den Atelierausbau. Ein neuer Raum ist entstanden, der mir als winterwarmes Bilderlager dienen soll. Die Ausstellung vom September hat ein bisschen gelitten unter den starken Temperaturschwankungen der letzten Monate, ist doch der Ausstellungsraum völlig unisoliert. Und so schlug sich der Tau Ende Dezember gehörig auf den nicht verkauften Bildern nieder, ruinierte ein paar Rahmen. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Bilder auch das verkraften. Mit dem Bau ist es ähnlich wie mit dem Buchschreiben: ich trete auf der Stelle, weil ich keinen Plan habe. Der obere Atelierbereich ist ein 500 qm großer Scheunenboden, in dem ich beliebig Wände bauen kann. Das ist das Problem. Diese unglaubliche Weite, die ich nur ungern zergliedere. So rätsele ich eine Stunde lang, wo ich diese eine kleine Wand hinsetze, die das Klo abtrennt vom Rest des Raums, komme mir dabei ähnlich verloren vor wie David, jener kautzige Heilige, der sechs Kilometer außerhalb von Astorga eine alte Scheune zu einem – ja was eigentlich – Meditationszentrum umbauen möchte. Er hat das Bild des fertigen Meditationszentrums schon längst im Kopf, aber es fehlen ihm die Mittel für den Umbau. Schwärmend erzählte er mir wie es einmal aussehen würde, malte mit Worten einen mit bruchsicherem Glas gedeckten Innenhof, einen dunklen kühlen Raum gleich hintendran für die Meditation und die von Mauern umgebene Lagerfeuerstelle, um die man Schamanentänze machen könnte. David zeigte mir sogar einen Plan, den er auf ein altes, graues Brett gemalt hatte. Was mich ganz schön enttäuschte. Auf dem Brett war nämlich nur ein Rechteck und ein paar Schnörkel zu sehen, sonst nichts. Ich stellte fest, dass das Leben ein einziges Wechselspiel aus Vorstellungen ist, die man in regelmäßigen Abständen mit der Realität abgleicht und dass es unsere Aufgabe ist, unsere Visionen so präzise wie möglich an unsere Umwelt zu vermitteln. David konnte gut Bilder malen mit Worten, zeichnerisch hat er versagt.

Wie ich so in der großen staubigen Scheune umherlaufe, und wenigstens schon einmal das Material beischleppe, das ich zu verbauen gedenke, wird mir klar, wie unbedeutend es ist, wo genau meine Trennwand steht. In einem Anflug von Leichtigkeit werfe ich einen Schraubenzieher. Da wo er liegen bleibt, soll die Wand sein. Ist doch egal, ob der Raum 2,45 Meter breit wird oder 3,98. Bei 2,36 Metern bleibt der Schraubenzieher liegen. So sei es. Die Tür wird 80 cm breit und in der Ecke ist dann noch genug Platz für ein kleines Gestell oder ein Regal.

An diesem Tag sind mir die großen Dinge einfach zu viel, wird mir plötzlich klar. Also widme ich mich mit aller Ruhe den Kleinigkeiten, verlege das Datenkabel neu. Es kann ja wohl schlecht mitten durch den neu entstehenden Raum führen, wechsele Glühbirnen, räume die Schreibtischschublade auf und vernagele ein 23 mal 41,5 cm großes Loch in einer Trennwand, das schon seit Jahren offen ist und durch das der Wind pfeift. Mir wird klar, dass es Zeiten gibt, in denen man sich um die großen groben Grundkonstruktionen kümmert und es gibt Zeiten, in denen man an den Feinheiten arbeitet. So soll es auch beim Schreiben sein.

Die Jakobswegwanderung, auf der ich das Buch auf der iPhone-Tastatur geschrieben habe war die große, grobe Sache. Die Feinheiten sind die einfühlsamen, minimalen Ergänzungen. Ich bin bereit.

Achja: beim Bauen versuchte ich mich auch an der Deckendämmung (große, grobe Sache), arbeitete mit ekelerregendem Glasfaserzeugs, das einem in Augen Ohren, Nase dringt, juckt, Hustenreiz auslöst. Scheiterte weil in klein-fein-Zeit kein groß-grob machbar ist. Das Material wollte einfach nicht zwischen den Balken hängen bleiben. Nun habe ich im Internet eine gute Anleitung gefunden, wie es gemacht wird :-)

2 Gedanken zu „Feinheiten“

  1. groß-grob und klein-fein gehen ja noch. was aber, wenn ich einen tag mit groß-fein aufziehen fühle? an klein-grob gar nicht zu denken! *grmpf* …

    wie wärs mit schnüre-über-die-glasfaserisomatten-spannen? hab ich mal gesehen. nur so als tipp für den nexten groß-groben tag!

    schönen tack und wohlgelingen!

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