Neue Wege zur Schuld

Ach, ich herrlich kompliziertes Memschenwesen. Nun war ich für eine Nacht des naiven Glaubens, ich habe jegliche Schuld hinter mir gelassen, weil ich diese Pilgerreise absolviert habe. Zudem im Año Santo, dem heilgen Jahr. Soll mich das Schicksal gegen Nachmittag eines Besseren belehren. Mein armes kleines Gewissen gibt und gibt keine Ruhe. Obschon ich sagen muss, dass die Fallstricke der Zwischenmenschlichkeit mich in diese Predouille bringen.
Doch der Reihe nach. Chaeuk, Roser und ich haben ein Zimmer geteilt in der Pension Estrela, das eigentlich nur ein Zweibettzimmer ist. Aber die Wirtsleute quetschen kurzer Hand eine Liege hinter die Tür, so dass der gesamte Raum zu einer Liegefläche wird und das Abstellen von Rucksäcken bzw. das Öffnen der Türen eine logistische Herausforderung ist. Mit 25 € pro Person ein stolzer Preis. Immerhin Handtücher, Seife, warm.
Frühmorgems erkläre ich Roser das iDogma. Demonstriere, wie man mit dem Minicomputer und ein paar Applikationen schöne kleine Fotokunstwerke kredenzt und erkläre ihr an Hand des Wortes ‚Camino‘ die für das literarische iDogma typischen Fipptehler. Der M-Bug. Ein Klassiker. Die Zukunft wird zeigen, dass der M-Bug der wohl markanteste Hinweis ist, ob ein Text, so wie dieser Blogeintrag auf einer iPhone-Tastatur geschrieben wurde. „Guck, Roser, so schreibt sich das Wort Camino, wenn man versehentlich.die Löschtaste direkt neben dem M trifft“, erkläre ich. „Cino. Man löscht nämlich statt ein M zu schreiben den Buchstaben davor. In diesem Fall das A. Die Literaturexperten der Zukunft werden viel kryptologische Arbeit leisten müssen.“ Ein weiteres typisches iDogma Merkmal ist der E-R-Konflikt. Folgt ein R auf ein E, so tippt man oft versehentlich zwei R.
So lachen wir uns wach. Chaeuk kriecht auf allen Vieren aus den Federn, hat er doch bis 3 Uhr nachts mit Rosa, Rodrigo und Thomas gezecht. Die schlafen nebenan in einem echten Dreibettzimmer. Carlos haben wir gestern Abend in den 21:40 Bus zum Flugplatz gesetzt. Wie verblasste Geister spiegeln sich unsere Silhouetten in den Omnibusscheiben.
Vor der Kathedrale am Morgen: Abgang Chaeuk und Rosrr, die sich zu Fuß nach Finisterre aufmachen. Nur etwa 80 km. Wetter zum Glück recht freundlich. Den Mittag verbringe ich mit den drei erstaunlich frisch wirkenden anderen Familienmitgliedern. Thomas mietet ein Auto, mit dem er und Sardi zuerst nach Finisterre fahren, morgen zurück nach Pamplona. Wo sein eigenes Auto – hoffentlich noch – geparkt ist. Ach Thomas und Sardi, diese meine beiden größten Herausforderungen auf dem Camino. Sei es nur, dass ich mittags, als ich in meinem nun endlich Einzelzimmer Siesta machen will, Sardi unter meinem Bett wieder finde. Der Hauswart hat nämlich den Dreien erlaubt, Rucksäcke und Hund in der Pensionsküche zu lassen, damit sie die Stadt besichtigen können. Den Hund hat er kurzerhand unter mein Bett verfrachtet in MEIN Zimmer, ohne mein Wissen.
Zum Abschied hat Thomas die grandiose Idee, Rodrigo, der aus Kostengründen die Pension wechselt, könne doch einfach in dem nun freien Bett in meinem Zimmer schlafen. Kompliziertes Gewissen-Irgendlink ON: kannst dem armen Teufel doch nicht nein sagen, immerhin seid ihr zwei Wochen zusammen gelaufen … aber das ist doch Betrug an den Wirtsleuten … egal, die Bude ist teuer genug. So mahlt es in mir. Und ich fürchte, ich muss gleich wieder loslaufen zwecks Sündenabbau, denn egal wie ich nun handele, Rodrigo reinschmuggeln oder nicht, entweder mache ich mich an den Wirtsleuten schuldig oder an dem Weggenossen. Ach Thomas, du mein Prüfstein, in was für eine Lage hast du mich wieder gebracht.
Wie sagt man so schön in Pilgerkreisen: Nach der Schuld ist vor der Schuld.

4 Gedanken zu „Neue Wege zur Schuld“

  1. Nach der Schuld ist vor der Schuld …. OMG! woher kenn ich das?

    Wieso sind alle Leute, die so denken, mir vertraut wie Verwandte und doch nicht wirklich sympathisch? ;-)

  2. Lieber Jürgen,

    solltest Du jemals Deine Pilgerreise-Gedanken als Buch herausbringen, muss der Titel lauten Nach der Schuld ist vor der Schuld.
    Muss!

    Keep on walking becoming guilty
    Axel

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