O Cebreiro

Auch El Cebreiro genannt. 1400 m hoch gelegen. Beautyful, einfach nur bonito. Ein Bergdorf aus Stein mit Kirche, Kälte, Sternenhimmel. Auf dem Weg zum Restaurant telefoniert Roser mit einem Freund und lässt sich das Firmament erklären. Der helle Punkt neben dem Halbmond, das sei der Jupiter. Heuer besonders gut sichtbar. Im Tal liegt Nebel, der sich milchig gegen die schwarzen Bergrücken abgrenzt und unter der Nebeldecke erkennt man die Dörfer – eigentlich nur eins – als hellen Fleck. Vielleicht jener Ort, in dem Thomas und Hund Sardi untergekommen sind. Was war das für ein Drama! Als Rpser, Carlos und ich als letzte das Sieben Kilometer steile Stück nach O Cebreiro hochkriechen, kommen uns die anderen, Rodrigo, Rosa, Chaeuk, Thomas und der Hund entgegen, versuchen jede Tür eines jeden Schuppen zu öffnen, um ein Plätzchen für den Hund zu finden. In einem aufgeräumten Bergdorf wie diesem mit Souveniershop, mehreren Restauramts und Hostals schier unmöglich. Nach zwei Stunden finden sie einen Padre, der sich erbarmt und Thomas und Sardi ins nächste Dorf fährt, wo er eine Herberge klar gemacht hat. Wohl dem, der spanische Freunde hat und sich verständlich machen kann. Carlos sagt, in Galizien herrschen noch striktere Regeln für Hundepilger. Kurz vor O Cebreiro steht der bunt bemalte Grenzstein zur Provinz. Und am Camino finden wir alle halben Kilometer einen Stein, auf dem die Entfernung nach Santiago eingemeißelt ist (ungefähr 150 km). Wenn das bis zum Ziel so weitergeht, dann willkommen Leistungspilgerei. Das ist ja wie Glotze, die überm Tresen hängt. Ständig bannt sie deinen Blick.
Die Hinweisschilder der Gegend sind allesamt mit Farbe überpinselt. Aus J wird grundsätzlich ein X gemacht und El wird zu O und La glaub ich zu A umgemalt. Ein Krieg der RegionalschriftsprachenverfechterInnen gegen die von staatswegen doktrinierte Schreibweise.
Kurz vor dem Anstieg überhole ich im Tal einen torkelnden Pilger, der sich krakelend mit einem Honighändler unterhält. In einigem Abstand fofgt er mir, brabbelt vor sich hin, schlägt mit dem Pilgerstock auf die Leitplanke. Später bei einem Picknick wo ich Roser und Carlos wieder treffe, setzt er sich uns gegenüber auf den Boden, zieht seinen Pullover und Unterhemd aus, redet mit Carlos. Wirres Zeug, erklärt dieser mir. Am Abend finde ich ihn im Restaurant wieder auf dem Steinboden liegend, am Kopf blutend, aber wohlauf, Bierflasche neben sich. Ein Fremdkörper von Mensch.
In dem riesigen Schlafraum der hießigen Herberge sind noch neun weitere PilgerInnen. Seltsame Atmosphäre am Abend um Halbelf. Zunächst quasseln vier Spanier lauthals über alle Etappen bis Santiago, endlich ankommen. Selbst Roser findet das ungewöhnlich laut. Dann unterhält sich eine Spanierin, die sich den Magen verdorben hat auf Englisch in voller Kneipenlautstärke mit einem kehligen Bayern. Und schließlich als Gutenachtlied die Etappen bis Santiago, das Wetter und die Herberge und die wehen Füße auf Deutsch, Stammtischlautstärke.
Nicht genug. Als es endlich dunkel ist und der gute Carlos munter schnarcht, kommen erste Stimmen auf, die Bestürzung bis Wettbewerbsdenken ausdrücken. Einer sagt, wollen doch mal sehen, wer hier der Lauteste ist.
Ich ziehe mich gedanklich zurück in ein Schnarcherversenken-Spiel: der Schlafraum ist das Spielfeld. Der Gegner ist die neunköpfige Pilgergruppe. Sie wissen nicht, wer von uns schnarcht und wir nicht, wer von ihnen schnarcht. Somit wird die Wahl des Bettes zu einem wahren Schiffeversenken Blindflug.
Jetzt, mitten in der Nacht, ist Carlos in die Küche geflüchtet. Dieser herrlich rücksichtsvolle Kerl.

3 Gedanken zu „O Cebreiro“

  1. … und du liegst wach und schreibst (ich auch, perversfrüh, wie du so schön sagst) … du, unser chronist des camino.
    die metapher mit der glotze ist genial. hm, leistungspilgern? es gibt doch nix, was sich nicht mit leistung verkoppeln liesse! da wird das sich-selbst-und-seinem-tempo-treu-bleiben zur ganz großen herausforderung.

    habs gut und buen camino natürlich!

  2. Sind die letzten 100 km nicht die, die man zwingend laufen muss, wenn man sich zukünftig „Jakobspilger“ nennen mag? Bin mal gespannt, welche Typen du da in den nächsten Tagen treffen wirst! ;)
    Dir weiterhin einen guten Weg und liebe Grüße,
    Andrea

  3. „Ein Fremdkörper von Mensch“.
    Herausragender Satz. Fremdeln, frieren, man kann nicht alle wärmen; der ist wohl zu weit abgeglitten. Dass so wer pilgert…ein Fall von Pilgersucht auf dem Hintergrund anderer Süchte…
    Mal keine Ferndiagnose.
    Auch der in der Küche schläft…
    Für die letzten drei mal fünzig KM meine besten Wünsche!
    Sonja

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