Ein nahezu quantenphysisches Problem

Während langer, mantrischer Tackerstunden haben Kollege T. und ich im Hochsommer 2008 das Jakobswegbuch von Hape Kerkeling als Hörbuch gehört. Einfach köstlich! Während der nachdenkliche Komedian mit seinen wandernden LeidgenossInnen durch Nordspanien pilgerte und sich selbst suchte, bauten Kollege T. und ich sinnlose Möbel im Akkord. Wir lechzten danach, diesen Weg zu gehen.
Als gutes geflügeltes Wort ist mir Hapes Satz ‚Erkenntnis des Tages‘ am Ende jedes Kapitels in Erinnerung geblieben. Was haben wir gelacht und mitgefühlt. Abendw gingen auch wir mit den Worten ‚Erkenntnis des Tages‘ und irgendeinem sarkastischen Spruch zum Thema Arbeit nach Hause.
Nun ist alles ein bisschen anders. Die Erkenntnisse kommen nicht tageweise und sie sind auch nicht in einem Satz zu fassen. Sie sind nicht leicht verdaulich und oft nicht für die Öffentlichkeit geeignet. Nach sieben Tagen unterwegs habe ich keine einzige handfeste Erkenntnis vorzuweisen.
Gestern, als ich das iPhone verliere, nähere ich mich erstmals dem Kern meiner Pilgerreise: würde ich den Weg auch gehen, wenn ich ihn nicht live bloggen würde. Gestern habe ich für eine halbe Stunde einen Großteil meines Sinnkonstrukts verloren. Ich stand sprichwörtlich vor dem Nichts. Der Rucksack war mir egal. Ich ließ ihn in einer Ecke in Sansol stehen und hastete verzweifelt durch die Gassen. Wo ist mein Handy? Wo ist mein Jakobsweg. Natürlich könnte ich die Reise fortsetzen und natürlich würde ich weiterdenken -erleben -erkennen. Aber:hätte ich die Reise ohne iPhone, ohne tägliche (und nächtliche – es ist halb vier) Liveblogmöglichkeit fortgesetzt? Ein geradezu quantenphysisches Problem: der Forscher beeinflusst durch den Akt der Beobachtung das, was er beobachtet. Das vorhanden Sein der Möglichkeit vernebelt die Sinne, um Herauszufinden, ob man Etwas auch ohne die Möglichkeit tun würde – nur mit anderen Mitteln.

Unterwegs schreibt fast jeder. Menschen allen Alters und jeder Nation notieren in allen Sprachen der Welt ihre Gedanken in ihre Notizbücher. Vor ein paar Tagen habe ich mir gedacht, wenn man all das in einem gigantischen Buch notieren würde, erhielte man das klügste Buch der Welt. Ich glaube sogar, vieles, was hier am Camino geschrieben wird, ist durchgehend schlüssig und wäre veröffentlichenswert. Hier schreiben sich die Geschichten wie von selbst.
Als mir Jan und Jost erzählten, dass sie für 130 € via Frankfurt-Klagenfurt heimfliegen würden, dachte ich für eine Sekunde ans Aufgeben. Erinnerte mich des Prinzips des ‚plötzlichen Lustverlusts‘ welches dazu führt, eine Reise zu beenden. Dem ‚plötzlichen Lustverlust geht meist ein Sinnverlust voraus und immer eine Erkenntnis.
Ich schließe ohne Erkenntnis – außer vielleicht: nachts, wenn ruhig sie alle schnaufen, schmatzen, röcheln, ist einfach prima liveblogging :-)

Ein Gedanke zu „Ein nahezu quantenphysisches Problem“

  1. … würde ich diese Reise auch dann machen, wenn ich nicht livebloggen würde, ja nicht einmal Kunst schaffen und fotografieren?

    Also ohne Dich persönlich zu kennen, ich schätze Dich so ein, dass Du weitermachen würdest, selbst wenn Dir iPhone und Kamera abhanden käme.
    Ersatz für das iPhone wäre Block und Bleistift und Bilder würden Dir zahlreich Deine Mitpilger nach der Reise per E-Mail oder per CD zuschicken.

    Du hast mir neulich gemailt:
    Hier ists sowas von spannend, inspirierend …
    Darauf würdest Du nicht wegen ein bisschen langweiliger Digitaltechnik verzichten!

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