Schuld und Restepilgern

Erstmal Entschuldigung für die vielen Fipptehler im vorigen Beitrag. Ich habe ihn quasi im Gehen geschrieben außerhalb von Punte la Reina gerade an der Kläranlage vorbei und eben wird es mir richtig warm, es geht steil berghoch, die langen Unterhosen und das zweite T-Shirt, Schal und Handschuhe machen mich ordentlich schwitzen. Kurz vor der Bergkuppe, wo der Camino wieder auf die Nationalstraße trifft, ziehe ich mich mitten auf dem Weg aus. Nacktbeinig wackele ich in der Sonne, da kommt ein Pilger mit Hund daher, Thomas aus Kufstein. Er hat sein Auto in Pamplona auf einem öffentlichen Parkplatz neben der Polizeiwache abgestellt und quält sich nun mit dem Rucksack. Hundefutter im Gepäck, Beckengurtschnalle kaputt, Schulterprobleme und kein Wort Spanisch. Ich erkläre ihm die Dehnungsübungen, die mir Alvaro beigebracht hat, um den oberen Rücken zu entspannen und dass er die Gurte fester zieht, die das Rucksackoberteil an die Schultern ziehen. Mein Vorurteil: als Tiroler Bewohner der Berge müsste er doch mit dem Wandern, Klettern, Rucksack usw. bestens vertraut sein. Schon seltsam, wie die Herkunft eines Menschen doch darüber bestimmt, was man in ihm sieht, wenn man ihn nicht näher kennt. So wandern wir einige Kilometer zusammen, stempeln unsere Credecials, unsere Pilgerpässe selbst, als wir das auf einer Bergkuppe gelegene Cirauqui durchqueren. Sieht aus wie ein Ameisenhügel. Und mittendrin, am höchsten Punkt in einer engen Gasse steht ein Tisch mit einem Stempel.
Kurze Zeit später bei einer mittelalterlichen Brücke treffen wir ein mühsam sich dahinschleppendes Häufchen Pilger, Tomek aus Polen. Er hat seinen Rucksack in einen Müllsack gehüllt, ist total erschöpft. Seit Pamplona laufe er nun, sei die ganze Nacht gelaufen und es bestätigt sich der Verdacht, den ich am Morgen nicht aussprechen wollte: das was da an die Tür der Herberge gehämmert hat, das waren keine Vandalen, das war der völlig erschöpfte, unterkühlte Tomek. Sogleich fängt in mir die Gedankenmühle zum Thema Schuld an zu mahlen und ich frage mich, wie wir nur so ignorant sein konnten, so gedankenlos, so ängstlich. Naja, eigentlich ja nur Jesus. Denn ich habe ja mit en hochdichten Tacker-Ohrenstöpseln nix gehört. Dennoch frage ich mich, wie ich in der Situation gehandelt hätte? Einzig der Gedanke, den ich hatte, als mir Jesus die Geschichte erzählte, „vielleicht waren es ja Pilger?“, deutet darauf hin, dass ich die Tür aufgemacht hätte. Freispruch also? Selbst Jesus bin ich bereit, freizusprechen. Der Mensch aus dem Schlaf gerissen ist immer eine Ausnahmesituation.
Tomek ist Katholik auf der Suche. Seit einer Woche unterwegs: Rom, Lourdes, jetzt der Camino und danach noch einen religiösen Ort in Portugal, wo es eine Marienerscheinung gab. Als wir an einer Kirche vorbei laufen, bekreuzigt er sich. Befremdend. Ich habe sicher ein bisschen Berührungsangst gegenüber religiösen Menschen. Die Padres, die das Haus in Puente la Reina führten wirkten auch so seltsam als lebten sie in einer anderen Welt. Fotografierend verliere ich Tomek aus den Augen. Meine Füße tun weh. Ich glaube nicht, dass ich viel mehr als 20 km am Tag schaffe. Gegen 17 Uhr in Estella, pochenden Herzens wegen des mutmaßlichen Weinbrunnens. Aber der Brunnen kommt und kommt nicht. Hunde bellen mich in die Stadt. Von Grundstück zu Grundstück, was eine eigenartige akustische Kennung gibt. Ein blinder Scharfschütze könnte mich ohne Probleme erledigen, allein durch die Peilung der verschiedenen Hundegebelle. Laute summende Fabriken für Irgendwas, rechts der kleine Fluss, eine Weinkelterei und noch eine, Hochhäuser in der Abendsonne, Kleider hängen zum Trocknen an den Balkonen und über den Fluss trägt es die Stimmen der spielenden Kinder.
In der Pilgerherberge treffe ich Tomek wieder. Ich kaufe Spaghetti und Tomatensoße, Eier und Thunfisch. Die Zutaten für ein richtiges Essen kann ich in dem winzigen Laden, in dem das wohl größte Chipstütenregal der Welt steht, nicht kaufen. Koche daraus in der Küche der Pilgerherberge ein Mal für uns beide. Was ihn riesig freut und mir so eine Ablass verspricht für die Sünde, die ich von Jesus geerbt habe.
Herbergsmutter Anna kommt aus Argentinien. Sie hat sich ihre Pilgerausrüstung für den Camino aus den Dingen zusammen gestellt, die andere Pilger im Laufe der Zeit hier gelassen haben. Inklusive Rucksack. Sie ist quasi eine Restepilgerin. Sie gibt uns auch den Tipp, dass, wenn wir etwas benötigen, wir es aus dem Restefundus der Herbergen ab Pamplona kriegen könnten, denn ab Pamplone etwa weiß ein jeder, was er für den Weg wirklich braucht und lässt alles andere zurück. Tomek hat 9 Kilo nach Hause geschickt. Und ich ärgere mich, dass ich den Pilgerführer habe liegen lassen, denn da steht drin, wo der Weinbrunnen sich befindet.

Ein Gedanke zu „Schuld und Restepilgern“

  1. ich mag diese deine unterwegs-getroffen-geschichten immer sehr. und für einmal dürfen wir mit dir zusammen gar buße tun *lach*.
    im ernst, deine texte sind besser als jede fiktion!
    hast du den brunnen denn für heute auf dem programm?
    wein am morgen?
    buon camino!

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