Das Kastanienmonument von Navone

Regen, Regen, Regen. Ein Bisschen fühlt sich diese Woche an wie die Woche Anfang Mai, in der ich durch die Tarnschlucht radelte. Es will und will nicht aufklaren. Von Südwesten treibt es dunkle Wolken das Tal herauf und die Schneefallgrenze liegt – ähnlich wie im Mai – bei etwa 900 Metern. Im Gegensatz zur Tarnschlucht, haben wir aber hier ein schnuckeliges kleines Häuschen als Basislager. Machen Tages- oder nur Stundentouren, leichte Rucksäcke, Wanderschuhe, Regenjacken, Mütze und Handschuhe. Wir lassen uns von Zufällen führen, bzw. von findigen Geocachern, die im Bleniotal ein paar besondere Orte markiert haben, indem sie einen Cache versteckt haben. So gibt es eine Kastanienbaum-Serie, die zu den größten und ältesten Bäumen im Tal führt. Einer von ihnen steht in dem winzigen Bergdorf Navone. Ein 2 Meter breiter Teerweg windet sich von der Hauptstraße ab dem Dorf Motto dort hinauf. Der Weg ist so beklemmend eng, dass es uns lieber gewesen wäre, über den Wanderweg die 350 m zu erklimmen. Aber der Regen … Unterwegs lauerte allmögliche Gefahr, naja, mehr in den Köpfen. So erinnerten wir uns jenes Kleinlasters, der uns bei der Anreise an unübersichtlicher Stelle überholt hatte – wenn man so etwas erlebt hat, muss man ständig daran denken, dass dieser Henker von Fahrer sich wohl immer noch auf den engen Straßen im Tal herumtreibt. Wenn er einen nicht gerade überholt, könnte er einem auch entgegen kommen. Am Castello di Serravalle hat sich just ein Unfall ereignet. Böses dunkles Auto hängt motorhaubenabwärts über einem Weinberg. Der verkehrsregelnde Polizist grinst. Paar Schaulustige. Auf dem Weg nach Navone blockiert eine Schafsherde die Straße. In Navone selbst herrscht Stille. Kein Mensch scheint hier auf knapp 800 Metern dauerhaft zu wohnen. Das Dorf besteht aus herausgeputzten Ferienrusticos, Strom scheint es nur von Solarzellen zu geben. Dann die 12 Meter hohe Kastanie mit einem Stammumfang von über 9 Metern. In ihr soll eine rote Katze wohnen. Der Nur-Stamm-Baum lebt noch immer. Hunderte von kleinen Ästen wachsen aus dem alten Holz. Zentrales Bauwerk in Navone ist eine achteckige wunderschöne Kapelle mit einem einladenden Vorbau, der bestimmt so manchem Wanderer schon als Schutz vor Regen gedient haben mag.
Auf unserem Rückweg schauen wir uns die Ruine der Serravalleburg an. Die Unfallstelle ist mittlerweile geräumt und dort wo das böse schnelle Auto hing, ist jetzt ein Loch in der Weinbergsmauer. Das Auto wäre nur ein zwei Meter abgestürzt. Es gibt andere Stellen im Tal, an denen es steiler, gefährlicher, böser ist. Ich frage mich, wie es dem Kleinlaster(henker) geht, der uns am Ankunftstag überholt hat.

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