Ich und der Tod

Mittwoch. Schnellwegda-wegda-wegda – wir haben keine Zeit. Die Tackerwerkstatt ist wie ein Ameisenhaufen. Last-Minute-Management ist ein Teil der Firmenkultur. Kollege T. drückt mir den FirmenLKW in die Hand: „Für dich. Fünf Uhr gehts los. Du bist der einzige, der die Firma noch retten kann“.
Nun, da ich dies schreibe, weiß ich, dass einen das hektische, schnelle Leben mit seinen vielen kleinen ZuTuns nur vor der großen Angst vor dem Ende ablenken soll.
Wie sie mich alle warnen, der ich zwar die Lizenz zum Lasterfahren habe, aber es eigentlich nicht kann: „Pass gut auf dich auf, fahr schön langsam, nur keine Hektik“. Alle sind besorgt, dass etwas schief geht. So dass ich mit einem mulmigen Gefühl in den Donnerstag-Morgen gehe: ob es vielleicht mein letzter Tag ist? Verscheuche diesen Gedanken im grellen Sonnenlicht des letzten Sommertags. Nicht ahnend, dass diese Fahrt und das Brimborium darum nur eine kleine Vorgeschichte ist, die mit dem Folgenden nichts zu tun hat.
Hat sie das wirklich nicht? Oder hängt grundsätzlich alles im Leben mit allem zusammen und jeder mit jedem?
Donnerstag-pervers-früh, Dreck am Stecken: die Fahrerkarte zickt, der Bordcomputer blinkt krypische Zeichen und „ungültig“ ist zu lesen. Das fängt gut an. Ich meide Rastplätze, wie Kollege T. mir empfiehlt. Wegen der ‚Bullen‘. Kurz vor der Rheinbrücke ein Stau. Vollsperrung. Jemand stirbt vielleicht. Seichter Nebel liegt in den  Auen. Genau die Stimmung, aus denen man friedliche Volkstrauertag-Fotomotive macht. Ich maile der Zentrale, dass sie den Kunden auf Verspätung einstimmt. Bleibe gelassen. Manchmal liebe ich Situationen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Im Osten ragt der Pylon der Rheinbrücke ins Morgengrau. Der Stau löst sich auf. Ich kann es noch schaffen.
Es läuft aus dem Ruder, während ich dies schreibe. Ich werde unterbrochen. Ich werde nicht gerne unterbrochen. Ist der Tod nur eine Unterbrechung?, schießt es mir in den Sinn. Ach Quatsch. Nach dem Tod kommt nix mehr. Warum sollte es auch. Es gibt keinen Gott und es gibt keine Seele und es gibt auch keine Geister. Oh ich kleingeistiger Möchtegern-Naturwissenschaftler.
Man sagt, 80 Prozent seiner Wahrnehmungen macht der gesunde Mensch mit den Augen. Nehmen Blinde also nur 20 Prozent der Welt wahr? Längst ist es Donnerstag nach 12 Uhr. Wenn ich es in der Regel-Fahrzeit für LKW-Fahrer von 9 Stunden noch nach Hause schaffen will, darf mir jetzt kein Stau mehr unter kommen. Andererseits macht eine Fahrzeitüberschreitung nach dem Dreck, den ich am Stecken habe wegen der kaputten Fahrerkarte, nun auch nichts mehr aus. Wenn ich gestoppt werde, kostet das 500 Euro und es gibt Punkte. Kurz vor Karlsruhe überholt mich der pechschwarze Laster einer Sandfirma ganz in der Nähe von Zweibrücken. Böser schwarzer LKW, viel zu schnell, nur drei Meter hinter einemKleinwagen, der sich bei exakt 80 km/h auf der linken Spur an die Geschwindigkeitsregeln hält. Die Sandlaster der Firma gleich um die Ecke hat mein Vater auf den Namen Der Tod getauft, wegen ihrer wuchtigen Gewalt und den alles verachtenden Fahrern. Ich bremse und lasse Den Tod vor mir einscheren, damit er den Kleinwagen rechts überholen kann. Der Tod scheitert an einer grüne Limousine, die auf der rechten Spur sich ebenfalls an die Geschwindigkeitsbeschränkung hält. „Man könnte sagen, die beiden bremsen den Tod aus“, lache ich in mich hinein und fabuliere eine Geschichte – nichtsahnend der Ereignisse, die kommen werden – die vom Tod handelt und dass es besser ist, den Tod vor sich zu haben, anstatt auf den Fersen.

In diesem Moment muss er in den letzten Zügen gelegen haben. Hinter seiner Sauerstoffmaske verschwimmt die Welt. Weniger Licht.

Abends liegt das neue Spuren-Heft auf dem Tresen in der Freilandküche. Sofasophia ist aus Bern angereist. Sie schreibt für das Schweizerische Magazin, welches sich oft bewegender Themen annimmt. Dieses Mal zum Thema Tod.
Ein friedlicher Abend, ich schlafe ein. Gegen Mitternacht schrecke ich hoch, ringe um Luft, für den Moment scheint mein vegetarisches Nervensystem auszusetzen. Ich kann weder schlucken, noch mit den Augen blinzeln, meine Bauchmuskeln ziehen sich zusammen, sprichwörtlich stehe ich senkrecht im Bett. „Es war nur ein Traum“, sagt Sofasophia mit beruhigender Stimme.

Vielleicht war dies sein letzter Atemzug?

Der Freitag läuft schleppend, wie in Trance. So als würde etwas nicht stimmen mit der Welt. Drei Uhr nachmittags machen wir einen Spaziergang auf der Sickinger Höhe. Dunkle Wolken, Nieselregen, in altem Grün verschwimmen Bäume am Horizont. Ich sehe verdammt schlecht, denke ich, fokussiere die Skyline eines Dörfchens, welches sich hinter einem Hang versteckt und nur wenige Häuser preis gibt. Fast wie im Leben, fast wie beim Sehen. Das Unsichtbare ist immer um ein Unendliches größer, als das Sichtbare.
Meine Augen sind schlecht. Ich habe Angst, die Welt zu verlieren.
Abends rufe ich QQlka an, ob er zum Offenen Atelier und zur Malaktion kommt.
„Büssi ist tot“, sagt er. Seine Stimmer klingt belegt. Er ist den Tränen nahe. Ich auch. Lasse mir nichts anmerken. Ich habe es leicht. Ich bin weiter weg. 100 Kilometer und 10 Jahre. Büssi, Antipopikone, mit ihm habe ich Jahre in einer WG gelebt. Fast alles vergessen.
Vielleicht schützt mich meine Blindheit und mein Vergessen vor meinen Gefühlen.
Erst nachts wird mir klar, dass alles, was ich in dieser Geschichte zusammengetragen habe, zusammen gehört. Es ist ein größeres Ganzes, das ich nicht begreifen konnte, weder gestern noch vorgestern noch überhaupt. Erst jetzt, da ich dies schreibe fängt an zu stehen was hier steht und ich habe das Gefühl, dass noch viel mehr kommen wird von dem ich noch viel weniger Ahnung habe.

Machtlos abwarten.

Wie konnte ich den Tod nur ignorieren? Dass er vor mir ist, hinter mir und um mich, das Ulm, um Ulm und um Ulm herum des Unbegreiflichen.

3 Gedanken zu „Ich und der Tod“

  1. das unbegreifliche, das mich überkam, nachdem ich vom tod meiner mutter, die ich am nachmittag noch sooo munter und optimistisch nach ihrer herz-op erlebte, durch meine schwester erfuhr. auf jeden fall unbegreiflich. du erfassest letzte dinge mit feinen worten. die machen das unbegreifliche bisschen irdischer- aber ein schleieriger vorhang des nichtwissens bleibt…
    gruß von sonja

  2. Der tod mein lieber, ist oft nur schlimm fürmdie die bleiben.
    Hohle Worte?
    vielleicht. Doch sie besitzen auch weisheit. Es muss uns weh tun damit wir verstehen die, die uns verliessen zu würdigen.
    In unserer trauer schätzen wir ihr leben wert und unser verlust macht ihr gewesenes sein erst wertvoll.

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