Bergsjö

Den gestrigen Artikel erst mal in die Warteschleife gestellt, weil kurz zuvor eine Warnmeldung für Auslandskosten vom Telefongiganten kommt. Alle 20 € wird man während glücklichem Auslandssurfens über das Handynetz auf den Boden der Realität gerückt.
Und so verbringe ich den Tag mit zweifeln: wozu das Experiment hier, im Urlaub zudem; solltest doch einfach nur nichts tun und ach, dein Blog interessiert ja sowieso niemanden. So jammere ich vor mich hin und fantasiere, um die Kosten vor mir selbst zu rechtfertigen, ich sei ein wirtschaftliches Unternehmen, der Pharmakonzern der feinen Künste, der gerade ein Milliardenbudget draufgehen lässt, um eine Medizin zu entwickeln.
In der Tat experimentiere ich an einer, für größeres Publikum tauglichen, mobilen Bloglösung und das Fernziel dabei ist, dass ich einmal monatelang unterwegssein kann / werde und täglich kleine Reisebrrichte sende.
Da sollte es eigentlich kein Jammern über ein ohnehin nur phantasiertes Budget geben; und im Hinblick auf das Große, das unweigerlich kommt, spielen lumpige 50 oder 100 € sowieso keine Rolle.
Ich bin auf der Suche nach einem neuen Reiseliteraturformat und fummele dabei in meiner Mini-Blog-Suppenküche in den Nischen zwischen den klassischen Formaten: bebilderte Reisereportage ala Geo und Reisekurzgeschichte ala Andreas Altmann; über allem gaukelt das Reisestandardwerk Umterwegs von Jack Kerouac als eine Art heiliges Buch.
Doch worüber sollte ich eigentlich schreiben, gibt es doch keinen roten Faden, außer dem Täglichneu, dem Niedagewesenen, das irgendwann morgens so gegen halb Neun eintritt und vor dem du, dich räkelnd, dir die Augen reibend, wieder und wieder und wieder stehst.
Der Boden des kleinen Servicehauses des Sagliden Campings unweit von Bergsjö ist so schief, dass man sich darauf vorkommt, wie auf einem auf Grund gelaufenen Schiff. Hoffend, dass die nächste Flut genug Wasser unter den Kiel bribgt, damit man wieder frei kommt. In der Tat bangt es mir ein bisschen, dass die schräge Hütte zusammenbricht und mich begräbt. Dennoch wasche ich in dem halbdunklen potentiellen Grab das rechte Bein meiner Shorts, über das ich gestern Fischsoße geschusselt habe.
Der Platz ist ein Idyll direkt am See. Vor der Rezeption die üblichen Troll-Figuren, allmögliches, liebenswertes Chaos bestehend aus uralten Gartengegenständen, Bottichen, abblätternder Farbe, ein paar Landmaschinen. Durchaus aufgeräumt, sauber, herzlich und mit umgerechnet 8.5 € pro Nacht exorbitant günstig.
Der See ein Wunder für sich, gestern Abend seltsame 16 Grad kalt, heute Morgen überraschende 20.
Bis zum Bauchnabel läuft man auf feinem Sand etwa 80 Merer weit ins bräunliche Klar. Das Platzeigene schneeweiße Ruderboot kann kostenlos genutzt werden.
„Na, Monsieur Irgendlink, fleddern wir gerade ein Bisschen im GeoReportageJargon – nee, so gediegen ist die Sprache nu auch wieder nicht.“
Von schrägen Hütten wüsste Freund QQlka viel zu berichten. Auf der Radeltour 1995 nutzten wir nämlich des Öfteren diese uralten schwedischen Scheunen, um uns vor Gewitterregen unterzustellen und stellten fest: die Zimmerleute hatten bei diesen Gebäuden wohl gänzlich der Kraft ihrer 9-Inch-Nägel vertraut und in selbstherrlicher Ignoranz auf stabilisierende Schrägstreben verzichtet. Deshalb auch das schräge Servicehaus hier auf dem Sagliden Zeltplatz.
Bild: der große Pharmakonzern der mosernen Reiseblogliteratur hat die Mittel für Bildbeiträge eingefroren bis zur nächsten Aktionärsversammlung.

2 Gedanken zu „Bergsjö“

  1. Hallo Monsieur I.,

    also ich finde dein Experiment sehr gelungen und der einzige Grund, weshalb ich mich bisher noch nicht bei euch beiden im Blog gemeldet habe, ist: ich war selber in Urlaub und hatte nur Not-Internet. ;)

    Aber jetzt habe ich den ganzen langen Reisebericht doppelt nachgelesen… und habe glatt schon wieder Fernweh! Skandinavien ist einfach wunderschön! :)

    Euch beiden noch ein paar super schöne Urlaubstage, grüßt mir die Elfen und Trolle, und ganz liebe Grüße aus dem Süden,

    Andrea

    1. Danke. Hab oft an euch gedacht und hoffe, die Cache- und Wanderreise war erfüllend. Gruß zurück von Elch und Troll und D. Und mir.

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