Das hätte ich wohl gerne: Leben in Auflösung, jenes desperate Gefühl, das einen manchmal überkommt, wenn etwas zu Ende geht und man sich einen festen, fatalistischen Standpunkt sucht, von dem aus man die Szene beobachtet – es fühlt sich an wie fernsehen, einen langen, depressiven Film. In der Tristesse des Morgens nahm ich die Schülergruppe kaum wahr, die neben mir am Bahnhof auf den 9-Uhr-Zug wartete. Erst als das Gerangel um den Einstieg losging und ein fetter Junge sich noch bevor die ankommenden Gäste aussteigen konnten, an mir vorbei ins Abteil quetschte, erwachte ich. Ich rammte ihm den Lenker meines Fahrrads in die Leber und er tat so, als habe er es nicht bemerkt. Wir waren quitt. Unterwegs schrieb ich einige Zeilen ins lederne Notizbuch über die klassische Konstellation von Mädchen-Quartetten: es gibt die Anführerin und die Clownin, die ihr gefallen möchte und es gibt die Intelligente, die nicht gut aussieht und die Stille, die grundsätzlich rothaarig ist. Auf pfälzisch „rothoorisch Wutz“ genannt. Wenn ich als Teenager ein Mädchen und in einem Mädchenquartett gewesen wäre, wäre ich eine Mischung aus der Stillen und der rothaarigen Wutz gewesen.

Auf dem Marktplatz in S. hatte man begonnen, das riesige Festzelt aufzubauen, welches ab übernächste Woche Heimat aller Trinkfreudigen und Feiernasen der Region sein wird. Vom Haus U. konnte ich aus dem Büro ohne Wiederkehr den Aufbau von der Verlegung des Bodens über die Erstellung des Gerippes und das Bespannen mit Planen gut beobachten und freute mich, dass ich diesen Taumel wohl nicht mehr miterleben werde, da ja am Freitag mein letzter Arbeitstag ist. Freute mich zu früh, wie ein Blick in mein computergesteuertes Zeitkonto zeigte. Denn dort gaukelten an der Stelle, an der exakt null Tage Urlaub stehen sollten nun wieder ein paar Plustage. Die können nicht von ungefähr kommen. Das System administriert sich ja nicht selbst. Echte Menschen müssen das veranlasst haben, damit die Maschine mir sagt: „echte Menschen haben etwas für dein berufliches Fortbestehen getan, aber sie haben sich einen Dreck daraum geschert, dich – auch du bist ein echter Mensch – persönlich zu informieren, dass mit der Vertragsverlängerung etwas im Gange ist.“ Tse. Dabei hatte ich mich schon auf ein Leben als Europenner gefreut. Merke für Morgen: Sakko und Hemd und frischrasieren.

++Annahme: Der Mensch erreicht seinen höchsten Wirkungsgrad auf der Position, auf der er sich als unfähig erweist. Nachdem ich die tolle T. besucht hatte, kurbelte ich vorbei an der hiesigen Kaserne zurück zum einsamen Gehöft. Die obige Annahme wollte mir nicht aus dem Kopf gehen bis zu einem Nachbargehöft namens S. Erst dort kam ich zu dem Schluss, der Satz ist vollkommener Stuss. „Aber guuut, Mann, klingt so verdammt guuut, da machste was draus fürs Blog, damit die da Draußen sich den Kopf zerbrechen (oder auch nicht). Zwischen Hofgut S. und Hofgut R. labte ich mich am Wohlklang des Satzes; mein geistiges Auge beobachtet mich mit feinem Sakko und Hemd und Schönschuhchen im Büro ohne Wiederkehr, wo ich im Prinzip genau auf den Punkt zulaufe, den ich soeben fabuliert hatte: früher oder später werde ich mich als unfähig erweisen und getreu dem Peterprinzip an genau der Stelle hängen bleiben. Wie alle im Rathaus. Wie alle in allen Rathäusern. Vollbezahlt, glücklich und unübertrefflich im Wirkungsgrad.

++Annahme 2: Eine Wirkung, die man mit Nichtwirken erzeugt, ist oft größer, als eine Wirkung, die man durch konzentriertes Wirken zu erzielen gedenkt.

++Die Maschine sagt: „Ich bin zwar aus dem Takt und die menschliche Gesellschaft ist auch aus dem Takt geraten und das Krankenhaus, das du vor einer Woche noch deine Heimat nanntest, ist aus dem Takt genau wie dein maroder Körper, aber hey, ein Leben aus dem Takt ist doch die natürlichste Sache der Welt. Gib mir ne Eins. Gib mir ne Null.“

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