Wahr

Langsam zehrt das Kleinkunstfestival (besser gesagt die recht anstrengende Arbeit. Mehr als 40 Überstunden an nur einem Wochenende). Im Taumel dieser Tage habe ich die letzten beiden stillen Wochen längst vergessen und all das, was ich mir geschworen habe. Ich bin Mitglied einer Art Erfolgsmenschenmafia, unfähig auch nur annähernd zu versagen. Dafür hasse ich mich. Spätnachts mit zufallenden Augen auf der A6 unweit des Neunkircher Kreuz der Erkenntnis, welches mir in fidelen Momenten tagsüber so viele Ideen beschert hat. Brückenpfeilerkonfliktstimmung. Blick auf den Tacho. Die Nadel fällt unter 80. Augen fallen zu. Ein Tanklaster überholt mich. Auf dem Anhänger steht „Wahr“. Wir biegen beide in die A8. In der scharfen Auffahrt verschwindet er im Morgendunst. Erst viel später überhole ich ihn wieder und lese auf dem Gefahrenhinweisschild, er hat 30/1202 geladen. „Irgendwie“, denke ich, „solltest du daraus eine Geschichte basteln.“ Ich liebe nächtliche Autobahngeschichten und LKWs, auf denen „Wahr“ steht, haben ein Boolesches Flair.

++Kollege B. bricht an der Kasse zusammen, legt sich kreidebleich auf die Krankenpritsche. Das Geld liegt eine viertel Stunde unbewacht und zum Glück springt Miss E. für ihn ein. Kollege B. schaut leidend, als er aufrecht nach Hause geht. Menschen, die samstags trinken sterben nicht sonntags, aber sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit montags bis freitags krank geschrieben. gestern hatte er noch geprahlt, er habe Nächte durchzecht, von denen ich nur träumen könne, Ballermann, nur Männer, Testosteron auf Spiegeln und lustige knallrote Strohhalme, die in einem verspuckten Eimer voller Himbeergrütze enden, Busen, Motorräder und all das. Dann dieser theatralische Moment, den habe ich im gestrigen Beitrag nicht richtig erzählt: Aller Aufmerksamkeit gewiss sagte er laut in die runde „Irgend – Pause – MACH- Pause – DICH- Pause – MAL – Pause – LOCKER.“ Ich mag den Kollegen B. trotzdem und eigentlich muss ich mich sogar bedanken für diese Geschichte mit dem MachDichMalLocker.

++Wieder drei Künstlerinnen auf der Bühne, sowie zwei Solisten. Das ist Zündstoff für einen angeheizten Festivalclub. Die Männchen werden wieder balzen und es wird reichlich Schnaps fließen. Alle freuen sich darüber außer Monsieur Irgendlink und Journalist F. Chef R. bleibt bis ganz zum Schluss. Die Jurymitgllieder des gestrigen Abends kommen wieder an den Künstlertisch, aber ich lasse nicht mehr zu, dass sie sich über mich hinweg beugen, mich besabbern und sich den Künstlerinnen zuwenden. Bereitwillig räume ich das Feld, ist wie beim Schach, ich gebe das gesamte Feld frei, weil es ja egal ist, ob man verliert. A1 bis H8 völlig unbewacht. Rochade. Ex-Jurymitglied H. erweist sich als äußerst netter Mensch und ich bin fast ein bisschen reuig über meine gestrigen Zeilen. Egal. Muss doch krachen im Blog. Die Catererin hat an diesem dritten Festivaltag die Künstlerbewirtungsrechnung kalibriert. Willig zeichne ich gegen 2 Uhr einen dreistelligen Betrag ab und verabschiede mich mit einem kurzen Tischklopfen. Ich lerne schnell und kann unbarmherzig sein (der Rückzug aus dem Getümmel sollte geordnet von Statten gehen, aber wenn man die Eingangstür erreicht hat und niemand es sieht, sollte man so schnell laufen, wie man kann, damit man draußen in der Raucherecke nicht noch in zähe Abschiedsrituale verwickelt wird (sorry Journalist F., ich bin gerannt wie der Teufel)). Nur die stille Komponistin B. lächelt mir zum Abschied zu. Sie ist es auch, die für die einzige Notiz des Tages im kleinen ledernen Buch gesorgt hat: „Ich durfte nicht mehr nichts tun.“ (ein Großwort, das sie messerscharf pointierte, als man sie darauf ansprach, wie sie denn in das Bühnentrio gekommen sei und dass sie nur eingewilligt habe, bei dem Projekt mitzumachen, wenn sie auf der Bühne nichts machen müsse – nuja – und als sie dann mit von der Partie war, durfte sie plötzlich nicht mehr nichts tun und nun tingeln die Drei durch die Republik von Gig zu Gig.)

++Mal wieder verpetzt worden mit dem Weblog. Irgendwann kriegen sie dich, Sudelbuchautor und OberschmierLink Irgendlink. Mir graut vor dem Tag, an dem man im Amt ohne Wiederkehr diese Blogeinträge ausgräbt. Noch schlimmer wird es, wenn sie die Artikel über das Jazzfest finden. Dieses Buch ist eine tickende Zeitbombe. Verpetzt wurde ich von Hartz IV Vollstrecker J., seines Zeichens eine Figur, die vor etlichen Monaten des öfteren in Journalist F.s Blog vorkommt. Es war mir gar nicht recht, dass er mich seiner Kollegin B. und Marketingspezialistin R.- nuja – als Blogger outete. Wir redeten über Fotografie und die Vollstreckerin erzählte von ihrem Kirschbaum, den sie in den Jahreszeiten portraitiert hatte. Sei glücklich im Herbst. Als Blogger hat man es schwer da draußen in der echten Welt. Stets dieser Dünkel, was hat dieser oder jener Mensch denn ggf. über einen gelesen. Frühmorgens, habe ich darüber nachgedacht, wie deckungsgleich die Figur Irgendlink mit seinem Autor ist. Ich sehe mich außer Stande, das richtig einzuschätzen, denke aber, Irgendlink ist weitaus fiktiver, als mancher Leser denkt. Manchmal bin ich so verrückt, zu glauben, ich habe mir die ganze Welt nur ausgedacht und bin eigentlich mutterseelenallein und alles alles alles ist nur in meinem Kopf.

2 Gedanken zu „Wahr“

  1. … alles-alles-alles nur im kopf!
    witzig. habe gestern peter stamms „die planung des plans“ (ein monolog) gelesen. könnte dir gefallen. da gehts genau dadrum! alles ist nur so und da, weil wir es denken.
    aber was soll ich mit dieser erkenntnis im büro anfangen? bin ich überhaupt hier? wirklich? *grmpf*
    erhol dich mal gut!

  2. Lieber Irgend,

    die Erschöpfungs-Expertin rät:

    Vor Ort übernachten!

    wie lang geht das denn noch?

    In jedem Fall gutes Durchhalten wünscht dir

    die E.E. / ehem. HSE

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