Tschüssikovski und andere Natürlichkeiten

Irgendwo auf der Welt habe ich einmal Bäume gesehen, die streng in eine Himmelsrichtung wuchsen. An einem windstillen, sonnigen Tag wunderte ich mich sehr über die zerzausten Äste, die allesamt in eine Richtung zeigten, als wollten sie einem den Weg weisen: da lang und nicht dort.

Vor Jahren habe ich auch mal keck behauptet: „Der Wurm schmeckt immer nach der Frucht, in der er lebt.“

Der göttliche Physiotherapeut Sch. knöpfte sich gestern meinen Körper vor. Aber anstatt sich direkt auf das Zentrum des Schmerzes, am unteren Ende des Rückens zu konzentrieren, werkelte er vor allem an den Beinen. Ich langte ins Kreuz: „Hier tut es weh.“ „Der Schmerz ist nur die Spitze des Eisbergs“, antwortete er, „die Ursachen dafür sind über lange Zeit selbst gebastelt.“

Da dämmerte mir endlich, dass man, wenn man in einer Firma arbeitet, in der sich alle mit „Tschüssikovski“ verabschieden, nach nur wenigen Wochen die Leute auch mit „Tschüssikovski“ verabschiedet. Weil die Dinge, so banal sie auch seien, oder so gravierend sie einen plagen auf unheimliche Art unter der Oberfläche verwoben sind und man, eingebunden in größere, unbegreifliche Systeme, gar nicht anders kann, als irgendwann „Tschüssikovski“ zu sagen, oder in die Windrichtung zu wachsen oder nach der Frucht zu schmecken, in der man lebt. Der eigene Körper hat keine Chance, zu entrinnen, wenn er über lange lange Zeit durch psychische und physische Feinheiten umgeformt wird. Kann sein, dass es mit den Füßen beginnt, weil vor dem eigenen Bett eine Unebenheit ist, die man jeden Morgen beim Aufstehen überwindet; die somit von der Sohle bis zum Scheitel über all die Jahrzehnte den Körper verformt, bis er krumm und voller Schmerzen ist. Das ist ein einfaches, fiktives Beispiel. Die Wirklichkeit ist leider ungemein komplizierter. Selten gelingt einem ein klarer Blick auf die Basis des Eisbergs, der das Leid, das in einem steckt verursacht. Ich schätze mal, die krumm gewachsenen Bäume irgendwo in der Welt, die ich einmal gesehen habe, erkennen nicht, dass die vorherrschende Windrichtung ihren Krummwuchs verursachen. Vermutlich nehmen sie den Krummwuchs als natürlich hin.

2 Gedanken zu „Tschüssikovski und andere Natürlichkeiten“

  1. hat da jemand gesagt, dass das leben ideal ist?

    herrschende winde – umgebungen …
    tja, wer beeinflusst da wen, was war zuerst? und lasst uns nicht vergessen, dass auch selbstgebastelt-ERFREULICHES anstecken kann!
    zum glück!

  2. Wie gut, daß wir keine Wurzeln haben. Wir können uns die Frucht aussuchen, die wir am liebsten mögen. Und den Platz, an dem wir uns endlich mit „Tschüssikovski“ verabschieden können.

    Haben wir es gut.

    :-)

    Schönen Gruß,
    Nutella-Prinzessin

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