Die zittrigen Finger der Nichtleser

Frühling! Der Mann verlässt die lange Unterhose … und: ’s ist Wind, ’s ist Wind, ’s ist Wind, der an den Nerven zerrt.

Zwei charakteristische Aphorimen, die den Tag kennzeichnen. Frühmorgens stand die Wohnungstür sperrangelweit auf. Im Halbschlaf wunderte ich mich über das laute Rascheln der Pappeln und bemerkte erst, als die Katze krächzend in die Wohnung schlich, dass die Tür nicht mehr schließt. Das Schloss klemmt. Was für eine marode Welt.

Ein Rückenleiden, denke ich beim Aufwachen, macht die Welt zweidimensional – ne, quatsch, macht dich zweidimensional. Ist der gesunde Mensch bequem in der Lage, den Raum von null bis über zwei Meter Höhe mühelos zu managen, schmälert sich der Bereich für den Rückenleidenden, je nach Schweregrad. Letztes Jahr war ich zwei Tage lang zweidimensional. Dieses Mal komme ich glimpflicher davon.

Ich habe das Blog durchsucht, um herauszufinden, ab wann ich mich vielleicht wieder gut fühlen werde, denn ich muss doch auch letztes Jahr über das unsägliche Leid geschrieben haben? Aber was macht das für einen Sinn? Prognosen sind nicht bindend und die Zukunft an Hand von Blicken in die Vergangenheit vorherzusagen, hat noch nie getaugt.

Was einzig zählt ist doch die Gegenwart.

Ich bin alles andere als gut drauf. Komischerweise ist es selten Schmerz oder Depression oder sonstiger äußerlicher Einfluss, der einen Menschen schlecht drauf sein macht – es ist die Angst und die Unfähigkeit, Ungewissheit zu akzeptieren.

Vielleicht erklärt das die Magnifikanz von z.B. Wetterprognosen: dadurch, dass man mit ungefährer Treffsicherheit Wind, Regen und Sonne prognostiziert für mehrere Tage, kann man sich schon einmal auf die Zukunft einstellen. Sei es nur ein Anhaltspunkt, die langen Unterhosen überzustreifen. Die Wetterprognose kann die Angst mindern. Sie kann sie aber auch schüren. Vielleicht aber erzeugt sie sie erst?

Interessant ist die allgemeine Hysterie, die sich aus solchen Prognosen ergibt. Der abendliche Wetterbericht malt in unseren Köpfen ja manchmal die schrecklichsten Szenen, so dass man am nächsten Morgen nie wieder aufwachen möchte, weil ja vermutlich Ziegelsteine durch die Luft fliegen werden oder der Blitz einschlägt. Früher war das anders: das Wetter kam. Man nahm es hin, durchstand oder genoss die Zeit und erst hinterher ließ man sich über die Ereignisse aus.

Heute gibt es Prognosen. Katastrophales Machtinstrument, finde ich. Ganze Gesellschaften kann man so in Angst und schrecken versetzen, um sie besser zu beherrschen, um ihnen Regenschirme und Wundermittel zu verkaufen oder Versicherungen und Geldanlagen.

Ich glaube, darin liegt das eigentliche Geheimnis der Blicke in die Zukunft. Wenn ich eine Regenschirmfabrik hätte und einen direkten Draht zum Wetteronkel, würde ich ihm Geld geben, dass er das, was da kommt, möglichst dramatisch darstellt.

Als Virus-Impfstoff-Hersteller, wäre ich sehr daran interessiert, dass das Thema Pandemie in den Medien groß ausgewalzt wird, sobald jemand auch nur niest. Arme Schweine.

Als Vermögensberater würde ich meine Hauptarbeit darauf konzentrieren, den Menschen eine ganz schlimme Zukunft zu prognostizieren, und ihnen heimlich ein Produkt anpreisen, das sie vor dieser schlimmen Zukunft bewahrt.

Und als Weblog-Schreiber – hier lüge ich nicht im Geringsten, noch übertreibe ich – kann ich gutväterlich vor den Schlimmen Folgen warnen, mit denen die vielen armen Nichtleser des Irgendlink-Blogs unweigerlich gestraft werden: zittrige Finger, Blindheit, Bluthochdruck, Inkontinenz, sexuelles Versagen; Ihr werdet Eure Arbeit verlieren, Eure Ehegatten verlassen Euch und die Kinder nehmen Drogen, stehlen Autoradios, missbrauchen Eure Kreditkarte … um nur einige negative Folgen zu nennen, wenn man das Irgendlink-Blog nicht liest.

Wohl dem, der bis zum Ende dieses Artikels durchgehalten hat :-)

4 Gedanken zu „Die zittrigen Finger der Nichtleser“

  1. Wenn du dich da nur nicht übernommen hast mit deinen Zukunftsprognosen und wüsten Verwünschungen, lieber Irgendlink, kann gut sein, dass der verbale Schuss nach hinten losgeht ins Feld der Vögel und Lilien auf dem Felde, die aufs Schönste singen und blühen und beim Anflug ihrer Nester und beim obligaten Blick zur Sonne, trotz des sauren Regens und der Pestizide, gedeihen und allenfalls gesunden; und ich berufe mich auserdem auf einen Nichtleser des Irgendlink-Blogs, der sich nach wie vor mit ruhigen Fingern allen linkfernen Dingen zuwendet und sich dabei sehr wohl, um nicht zu sagen sauwohl fühlt…

  2. Wie gut, daß Dein blog in meinem Feedreader ist. Sonst hätte ich es womöglich nicht gelesen und meine noch so junge Ehe wäre den Bach runtergegangen, ohne daß ich jemals erfahren hätte, woran es gelegen hätte.

    ;-)

    „Im Kreuz“ hab ich es seit gestern auch. Metamizol hält mich einigermaßen beweglich.

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