Die Rückkehr der Tacker

Der Owner. Einfach nicht tot zu kriegen. Heute Morgen begrüßt er mich mit den Worten: „Hab lange nix über das Tackern gelesen in deinem Blog.“ Schlagfertig antworte ich: „Hab ja auch lange nicht getackert. Kein Tackern, kein Erlebnis, keine Geschichte vom Tackern.“ Für diejenigen, die erst jetzt zuschalten: der Owner ist mein Chef und Tackern, also mit einem druckluftbetriebenen Gerät Metallnadeln in Holz treiben, ist mein Job, in dem ich seit ca. 4 Wochen freigestellt war.

Ich kann ihm ja nicht sagen: „Die Sache ist mir zu heiß, in dem Blog liest mittlerweile jeder Feind mit, den ich habe, jede Konfliktperson, alle Frauen, mit denen ich schlafen will, mein Chef, die große Jazzgemeinde aus dem Nachbarstädtchen S., Kollegen, ja sogar Freunde lesen hier. Es gibt kein Thema mehr, über das ich unverfangen schreiben kann. Schreibe ich über die Arbeit, habe ich ihn am Hals, schreibe ich über erotische Phantasien, beziehen das die Frauen, Männer, Tiere, die das lesen auf sich. Ohne mich in Widersprüche zu verstricken kann ich eigentlich nur noch über Blümchen schreiben.

Die Luft war kühl, zehn Grad, sonniger Morgen. Von Norden wälzte sich behäbig ein graues Etwas über die Szene, so dass gegen Mittag mit Regnen zu rechnen wäre. Hier im Bruch, jener Gegend zwischen Kreisstadt H., Landstuhl und Kaiserslautern liegt meine neue Arbeitsstätte. Der Owner hat letzten Monat in einer Nacht- und Nebelaktion die gesamte Tackerwerkstatt, welche sich in Containern befindet, auf LKW laden lassen und auf dem Gelände eines Mietkloimperiums wieder aufgebaut. Kollege T. und ich können von Glück reden, dass man uns nicht darin angekettet hat und gleich mit abtransportierte.

Das Bruch (oder heißt es der Bruch? Gesprochen wird es jedenfalls mit einem langgezogenen U, Bruuch), ist ein ehemaliges Moor, durch das sich die A6 zieht, Bahnfernstrecke und eine unerträgliche Bundesstraße. Das einzig Schöne am Bruch ist der Radweg, welcher zwischen Wiesen und Bächlein an Militäranlagen vorbei führt. Ich hasse das Bruch. Ich hasse Flachland generell, weil es nur mit zähem Hinschauen dem Blick einen Anreiz gibt, sich irgendwo festzubeißen: eine alte, verfaulende Weide etwa oder die Simultankirche in Vogelbach. Im Bruch habe ich meine Kindheit verbracht. Nicht etwa spielend mit Ball und Fahrrad und Freunden, sondern auf der A6 jeden Sonntag, die Großeltern besuchend. Vielleicht bin ich deshalb ein solch verschrobener Einzelgänger: Jahre meines Lebens habe ich mich auf der Autobahn gelangweilt und Ich seh‘ etwas was du nicht siehst gespielt.

Junggrüner Löwenzahn – ich wollte doch über Blümchen schreiben – quetschte sich durch die Ritzen des Pflasters vor dem Mietkloimperium. In einer Ecke hatte man die Tackercontainer aufgestellt. Auf dem Gelände geschäftiges Treiben. Ein Wesen wie aus dem Weltall mit einem Anzug, der zum Atomschutz taugen würde, röhrte mit einem Hochdruckreiniger und putzte die Mietklos. Gelbe Gummiestiefel, Schutzmaske, alles aus Gummie wie in einem speziellen Sexstudio, dazu das überdimensionale Druckgerät, bald so groß wie ein Einfamilienhaus.

Das ist die Desynchronisierung der Fäkalien. Hier wird der natürliche Fluss gebrochen. Mietklos von überall aus der Gegend, in weiter Ferne verschmutzt, benutzt; missbraucht, um sich Drogen zu spritzen, zu weinen, Wutausbrüche zu kriegen, manchmal vielleicht Sex? Ne. Wer treibts denn auf einer Miettoilette, Handhoch?

Neben dem Löwenzahn gab es eine Lücke im Pflaster, in dem sich Gänseblümchen breit gemacht hatten und Klee und Gras. Schon jetzt freue ich mich auf die Grasblüte.

Die Aufgabe war einfach. Der Owner in neuem Glanz, stellte uns Herrn W. vor, „quasi euer neuer Chef, er ist der hiesige Mietklo-Mogul. Ihr müsst nur zwei Paletten Hocker und ein paar Tische bauen, dann geht ihr als freie Männer aus der Geschichte.“ Der Owner blickte nach Westen in den stetig ekelerregender werdenden Dunst, der sich täglich über dem Bruch bildet. Irgendwo waren Hügel zu erahnen, etwas, an dem man sich festklammern könnte in diesem hilflosen Einerlei. Und der Westen, das weiß doch jedes Kind, ist die Richtung, in die der Held nach vollbrachter Heldentat davon reitet. Das hat Kollege T. und mich schon immer an unserer alten Arbeitsstätte gestört: dass man nach getaner Arbeit nicht in den Sonnenuntergang reiten kann. Wer im Westen arbeitet und im Osten wohnt, kann nicht in den Sonnenuntergang reiten.

Nun hat sich das Blatt gewendet. Unsere Heimwegrichtung könnte man mit viel Mühe als Westen bezeichnen. Spitzwegerich spriest an einem dreckigen Rech und eine Blume, deren Name ich nicht kenne, überwuchert rankenartik Bauschutt.

Nachmittags saßen Kollege T. und ich in der Sonne, die dann doch noch die Oberhand gewonnen hatte und beäugten die Nachbarn. Hinter dem Container, kaum ein Meter entfernt, befindet sich ein vernagelter Bretterzaun, durch den man den Atem scharfer Hunde hören kann. „Denen will ich nie begegnen,“ sagte T., „solch stille Viecher töten lautlos, hinterlassen keine Spuren.“ Nebenan eine Baustofffirma, weiter hinten eine Grünschnittentsorgungseinrichtung. Obwohl wir sie nicht sehen können, muss sie da sein, denn tagein tagaus fahren Autos mit vollbeladenen Anhängern vorbei, ein uralter Bulldog mit verkommenem Kipper war schon zweimal hier und hat Gartenabfälle gebracht, hochoben auf dem Anhänger die Überreste roter Blumen.

„Wassen das da drüben für ’ne Firma?“ fragte T. und wies mit dem Kinn über die Straße. Aufgeräumtes Gelaände vor unscheinbarer Halle, kein Firmenschild, nichts, was auf deren Tätigkeit hinweist.

„Die bauen Loungemöbelvernichtungsmaschinen,“ scherzte ich.

Wir schlugen uns auf die Schenkel und betrachteten eine blaue Blume, die sich als einzige in einer Mauerritze halten konnte. Schillernd grüne Käfer schwirrten.

So verging unser erster neuer Arbeitstag im neuen Leben. Die Pilgerei findet weiterhin im Hosentaschenformat statt. Ein gut Stück des 25 km langen Weges führt auf dem Jakobsweg. So fühlen wir uns mit Compostella stets verbunden.

So.

Nun soll mir nochmal einer nachsagen, ich könnte nicht über Blümchen schreiben.

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