Gleichtakt

Nun hast du den Winter überlebt, sagt eine innere Stimme. Der herrlichste Tag seit Jahren. Dieser Winter hat so lange gedauert!

Kurzfristig ließ ich mich zu einem Gedicht verleiten. Ich dachte es, während ich hinunter radelte in die Stadt und ein weiteres einsames Gehöft durchquerte. Kälber blökten aus dem Stall. Ein älterer Mann hätschelte seinen Enkel in der Wiege und der Hofhund, der für gewöhnlich Radlern folgt, bis sie das Gehöft auf der anderen Seite verlassen, lag träge in der Sonne. Hellgrüne Knospen drückten sich aus den Spitzen der Bäume. Ich dachte:

Frühling

in den Poren,

in Ulm, in mir,

um Ulm, um mich,

um Ulm herum und um mich herum.

In Alberstadt albern acht alberne Albaner apokalyptische Aphorismen.

Ich war schon immer ein großer Dichter. In Frankfurt nahm ich vor zwanzig Jahren nämlich eine Brise Stadtluft, während ich mir das Senckenberg-Museum anschaute. Dieser Atemzug enthielt ein Molekül Goethe, das auf irgendeine Weise aus dem Grab des Dichterfürsten diffundiert sein muss und nun zu einem der Moleküle meines Körpers wurde. Über Lunge, Blut und Fettstoffwechsel lagerte es sich in meinem Gehirn ein und seitdem kann ich dichten, Balladen schreiben und all das verrückte Zeug.

Am Meisten fasziniert mich an dem Gedanken, dass wir tatsächlich zu geringen Teilen aus den Atomen bestehen, die einmal Bausteine anderer Menschen- , Pflanzen- und Tierkörper waren. Wenn man ein Atom auf seiner Reise durch das Äon zielgenau beobachten könnte, wäre man verblüfft, wo es schon überall war.

Verrückt?

Hauptsächlich atmete ich heute die Luft der tollen T., wie sie neben mir her radelte auf einer 50-Kilometer-Tour durch diese herrliche Gegend. Selten erlebte ich einen Gleichtakt dieser Art mit einem Menschen. T. mochte ich, bis auf den widerlichen Abend, an dem ich sie in einer Spelunke um die Jahrtausendwende kennen lernte, schon immer. Ich glaube, sie war damals ein getriebener, verzweifelter Mensch, ist sie vielleicht heute noch, denn die Getriebenheit und die Verzweiflung vergeht ja nie. Wir dimmen sie nur und machen sie zu einem verschrobenen Teil unserer selbst, je Älter wir werden. Wir lernen unsere Macken zu lieben oder wir gehen daran kaputt und stürzen uns verdrossen von einer hohen Brücke. Meistens jedoch gelingt es zu überleben, die Macken in sich zu integrieren, wie wir es ja auch mit all den Molekülen machen, die wir täglich essen, atmen, durch Berührung aufnehmen.

Der große Flann O‘ Brien hat dies in The Third Policeman auf satirsche Art treffend beschrieben: Menschen, die viel Fahrrad fahren, nehmen durch die Reibung ihres Körpers auf dem Sattel unweigerlich Fahrradmoleküle in sich auf und werden im Laufe der Zeit selbst zum Fahrrad. Das Fahrrad wird zum Mensch. Die Ähnlichkeit alter Ehepaare kommt nicht von ungefähr. Weil sie so viele Jahre miteinander verbracht haben, werden sie sich immer ähnlicher. Und Menschen, die einen Hund haben, sind nach einigen Jahren Teil des Hundes und er ein Teil von ihnen. Das sind ganz einfache Molekül-Gesetze.

Aber mal im Ernst: jeder kann nachvollziehen, dass er im Laufe der Zeit, in der er sich etwa in einer Clique von Freunden befindet, feststellt, dass sich ein eigener Sprachcode entwickelt, dass sich die Verhaltensweisen der Menschen annähern, man ähnliche Ansichten vertritt, Werte bildet und sich nach und nach ähnlicher und ähnlicher wird. Funktioniert auch ohne Moleküle, einzig durch die unsichtbare, unerforschte, nicht greifbare Kraft, die wir ins Leben streuen.

Die tolle T. erzählte klasse Geschichten. Ich liebe das. Ein Stück Leben, wie ich es in all den Jahren, in der ich ihr ungefähr einmal pro Jahr begegnete nie erlebt habe. Warum? Weil wir noch nie etwas zusammen unternommen haben, sondern uns in stillem Einvernehmen auf Partys die Kanne gaben und nie nie nie es über das Oberflächliche hinaus ging.

Natürlich gibt es keine Zukunft, denn ich bin ja alternder Nichtsnutz; sie ist Sinnsuchende. Verliebt, was ein Initial sein könnte, ist auch keiner von uns beiden. Aber zusammen Radfahren, das können wir, ohja.

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