Der innere Bisquitkuchen der Seele

Begleiten Sie mich auf einen Spaziergang durch das einsame Gehöft, in dessen hintersten Winkel über dem Hühnerstall unter einem löchrigen, Moos bewachsenen Dach sich meine spartanisch eingerichtete Künstlerbude befindet. Schlagen Sie die Bettdecke auf in der Morgendämmerung, steigen Sie mit mir die Leiter hinab aus dem Hochbett und vier Stufen wieder hinauf in die schäbige Küche, wo sich seit gestern Abend frisch gespültes Geschirr neben der Spüle stapelt bis auf Brusthöhe. Zapfen wir uns gemeinsam ein paar Deziliter Wasser und erhitzen es in einem uralten Wasserkocher, dessen Wackelkontakt wahlweise dafür sorgt, dass das Wasser nur lauwarm wird oder dass es kocht und kocht und kocht, während wir die Bude verlassen, der Katze die Ateliertür öffnen, damit sie fressen kann, durchs Atelier scharwenzeln. Vorbei am Bierkasten, stellen  wir die leeren Flaschen des Abends hinein, rammen die klemmende Stahltür am anderen Ende des Raums auf und laufen auf der Nordseite zwischen der Halle mit den Wohnwagen und dem Lagerschuppen vorbei zum Hühnerstall. Die zehn Hennen kriegen je 35 Gramm Körner und 70 Gramm Legemehl. Dafür hatte ich einmal zwei alte Blechdosen abgewogen und markiert – damals waren es noch vierzehn Hühner und ein Hahn. Es ist also wichtig, die Becher nur zu zehn Fünfzehntel zu füllen.

Der Hühnerstall ist eigentlich ein ehemaliger Schweinestall, an dessen Mittelgang rechts und links noch die alten Tröge flankieren. Es ist immer ein Balanceakt – im wahrsten Wortsinn, mit den beiden Bechern durch die hungrigen Tiere zu balancieren, den halben Meter hinauf auf die Trogkante und auf der anderen Seite wieder hinab bis zu den Hühnernäpfen, die eigentlich keine Näpfe sind, sondern aus Brettern zusammengenagelte längliche – ja, ich würde sagen, ebenfalls Tröge. Zwei Stück. Daneben stehen zwei alte Kochtöpfe, in denen Wasser ist. Vergessen Sie nicht, nachzuschauen, ob noch genug drin ist, sonst müssen die Viecher dursten. Auf dem Rückweg schauen wir in der dunkelsten Ecke des Stalls in den Nestern direkt neben den Schlafstangen, ob schon Eier darin sind. Meist sitzt noch ein Huhn in einem der Nester, seien wir behutsam.

Langsam fährt das Hirn hoch. Also meines. Ich weiß nicht, wie es sich mit Ihrem Hirn verhält. Aber meines ist frühmorgens immer so wunderbar unschuldig, noch umlullt von Träumen – hoffentlich guten Träumen – mein Hirn ist dann in einem friedlichen Zustand und voll und ganz integer. Es denkt noch kaum, nimmt wahr, lässt den Körper automatisch funktionieren, lässt ihm wie einem kleinen, süßen, pelzigen Tier die nötige Ruhe, in Unschuld zu erwachen und sich an dem großen, friedlichen Nichts zu nähren, das die Grundlage für ein ruhiges, unbesorgtes Sein ist. Ein Nichts wie ein Bisquitkuchen, kurz bevor er mit Marmelade beschmiert wird und gerollt wird. Eine schier unendliche Weite feinsten, duftenden Bisquits, auf der schlicht alles möglich ist, alles möglich sein könnte, solange man nicht darüber nachdenkt, was möglich ist und was man gegebenenfalls in der Zeitspanne jetzt bis irgendwann erreichen könnte. Der innere Bisquitkuchen der Seele gilt so lange als unendlich unschuldig, bis man anfängt, ihn mit Marmelade zu beschmieren und ihn zusammen zu rollen. Mit diesen beiden Akten wird er festgeschrieben zu dem was er ist und er erhält seine Bestimmung, die er vorher nicht hatte und mit seiner Bestimmung verliert er alle anderen Bestimmungen, die er hätte haben können. Er entsteht. Entstehen macht Vergehen erst möglich.

Doch zurück zu den Hühnernestern. Ein Ei. Nicht schlecht. Ohne das weiße Huhn anzuschauen, das im Nest daneben sitzt, nähern wir uns langsam und greifen nach dem Ei und schon geht das Gegacker und Gezeter los. Hühner dulden keine Nähe. Die Henne flattert ab. Staub stiept. Ein weiteres Ei kommt zum Vorschein, wir schnappen es. Es ist noch huhnwarm.

Vielleicht ist das der Moment, an dem es beginnt, an dem das Hirn, also meins – kommen Sie mal mit rein und schauen sie sich um, versuchen Sie gemeinsam mit mir herauszufinden, ob das der Moment ist, an dem mein Hirn in seltsamen Denkschleifen damit beginnt, Systeme aufzubauen, die nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln betreffen. Das Hirn denkt, das Heu in den Nestern könnte mal wieder erneuert werden. Das impliziert unweigerlich, dass Hände das alte Heu herausnehmen müssen und neues Heu hinein füllen. Kein Thema. Ganz einfache Sache. Doch wohin mit dem alten Heu und woher das neue Heu? Wir lassen die Nester erst einmal wie sie sind und nehmen die Eier. Im Vorraum des Hühnerstalls steht ein Korb mit frischem Heu. Das alte Heu muss in die entgegengesetzte Richtung zur Südseite des einsamen Gehöfts auf den Komposthaufen. Hierzu müsste man die Südtüre des Stalls öffnen, die Gehegetüre öffnen, zum Komposthaufen neben dem Quittenbaum gehen und das Heu dort hinschütten. Um es überhaupt schütten zu können, müssen wir es vorher in einen Korb füllen, den wir zunächst finden müssen und zu den Nestern bringen müssen. Okay, wir könnten auch einen Schubkarren finden und die Nester insgesamt darauf packen und sie am Komposthaufen … ein Schublarren steht bestimmt bei den Körben irgendwo in der großen Halle des einsamen Gehöfts, wo sich allerlei Gerätschaft, Rasenmäher, Traktoren und Schweißgeräte befinden. Wir lassen das erst einmal bleiben mit dem Nester neu mit Heu bestücken, kommen Sie mit.

Unser Kaffeewasser kocht bestimmt schon. Auf der Nordseite kommen wir am alten Traktor vorbei. Ein schöner, grüner Deutz, der leider kein Tüv mehr hat. Die Motorhaube steht offen. Ein Batterieladegerät hängt an. Da es nach über 24 Stunden noch immer nicht grün leuchtet, können wir davon ausgehen, dass die Batterie kaputt ist. Eigentlich ist die ganze Elektrik im Arsch. Das Hirn gibt schon seit Monaten Anweisungen, dass der Körper sich wie auch immer einmal um den Traktor kümmert. Immer, wenn wir an dem Traktor vorbei kommen, setzt eine Art Mahnreflex ein, der dem Gehirn ja auch nicht gut tut. Wertvolle Rechenzeit geht dabei drauf, wenn man wieder und wieder etwas anmahnen muss, statt es einfach zu erledigen. Doch so einfach ist das nicht mit dem Traktor. Im Prinzip ist es wie mit dem erneuern der Nester. Ein Rattenschwanz an Dingen hängt an der einzelnen Tat, Traktor reparieren. Viele Türen müssen geöffnet werden.

Ein elektrischer Defekt, der wie ein Hühnernest funktioniert. Dafür muss man viel nachdenken und davor scheut man sich. Also besser die Denkenergie ins Mahnen stecken. Das sind immer nur ein paar Sekunden, wenn der Traktor ins Sichtfeld kommt. Um ihn zu reparieren muss man Stunden am Stück nachdenken und obendrein auch noch handeln. Fehler finden, Bauteile bestellen, Schrauben lösen … schnell weg, das vergessen wir besser. Vielleicht den Schubkarren oder einen Korb? Ach ne, das Kaffeewasser erst einmal. Katze frisst. Ateliertür einen Spalt offen lassen, damit sie anschließend raus kann.

Wir schaffen es bis in die Wohnung. Eier in den Kühlschrank. Endlich ein Kaffee. Irgendwie haben wir es geschafft, ohne Größeres zu schaffen, Katze und Hühner zu füttern, zwei Eier zu retten und Kaffee zu kochen und sitzen nun in den beiden Sesseln in der Künstlerbude unterm löchrigen Dach mit dem vielen Moos darauf. Mhmmm Kaffee. Blick zum Fenster. Könnte geputzt werden. Blick zum Dach. Müsste erneuert werden. Gut, dass es nicht regnet und apropos, der Winter naht und man müsste die Regenrinne so umbauen, dass das Wasser nicht mehr in die Regenfässer fließt, sondern über ein fünf Meter langes Rohr direkt in den Garten geleitet wird. Außerdem müsste das Wasser abgelassen werden aus den Fässern und, seit Jahren denken wir darüber nach, alle Fässer einmal gründlich zu reinigen und die komplizierte Schlauchkonstruktion, mit der sie verbunden sind zu erneuern. Sind Sie noch bei mir? Gell, es ist ganz schön verwirrend, in so einem fremden Hirn zu stöbern?!

Der Kaffee tut gut. Unser Blick fällt auf die drei Poster dreier Reisen, die nebeneinander über dem Bürotisch hängen. Der Bürotisch ist genial vor Regen geschützt. Falls es denn mal wieder so stark regnet, dass es durchs marode Künstlerbudendach tröpfelt, denn überm Bürotisch ist auch ein Teil Hochbett. Das Wasser würde also zuerst ins Bett und dann auf den Computer und die Poster. Das Bett rettet die Kunst. Der Preis ist doch vertretbar, oder sollen wir das Dach reparieren?

Schon seit Sommer sollte eigentlich ein viertes Poster an der Wand hängen, das halb fertig designt im Computer gaukelt. Sieht ziemlich gut aus, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden. Sie wären auch nicht ganz zufrieden, wenn Sie ich wären, vermute ich. Irgendwas müssen wir daran noch ändern, kommen Sie, wir schalten mal den Computer ein und klemmen uns hinter die Sache. Derweil gackern die Hühner im Stall unter uns. Wieder ein Ei im schmutzigen Nest. Während das Betriebssystem lädt, könnten wir doch die Körbe, damit wir die Nester, aber dann müssten wir am Traktor vorbei, der ja kaputt, ach herrjeh, was nicht alles kaputt ist, steht nicht irgendwo bei den Schubkarren und Körben auch das Schweißgerät, mit dem wir das Blechteil des großen Balkenmähers schweißen könnten, damit entweder Sie oder ich später, wenn wir mit der Computerarbeit fertig sind, das hohe Gras unter den Quittenbäumen mähen könnten …

Das System ist geladen. Was wollten wir? Erst einmal Mails checken und bis das Mailprogramm geladen ist, den Browser öffnen und da er nicht richtig beendet wurde am gestrigen Abend – waren Sie das, der den Computer einfach so ausgeschaltet hat, oder ich – öffnen sich alle Fenster vom Abend, Twitter gucken, Facebook. Achgott und da ist noch die Bestellung beim Elektronikladen, die wir noch nicht weggeschickt haben, weil wir erst einmal das Bankkonto anschauen müssen in einem anderen Browserfenster.

Die Mails sind da. Jemand will was zu einem bestimmten Zeitpunkt und da fällt uns siedend heiß ein, dass wir eine Sache verbummelt haben und deshalb einen Umweg machen mussten und warten mussten bis Bedingung A und B erfüllt sind, damit wir uns an C aktiv ranmachen können und dem, der per Mail etwas will, endlich zur Seite stehen können. Alles kein großer Akt, aber so filigran zerzieselt wie ein Fraktal. In Twitter gibt es diverse interessante Nachrichten, kommen Sie, wir lesen erst einmal diesen verlinkten Zeitungsartikel über die Regierungsbildung in Bayern. Diese Freien Wähler sind Ihnen doch auch suspekt, oder? So eine Art CSU, nur anders, ach, lassen wir das, der Artikel ist hinter einer Bezahlschranke. So ärgerlich. Sollen wir uns beschweren bei dem Twitterer, dass er solche Artikel überhaupt verlinkt?

Die Bestellung kann raus, auf dem Bankkonto ist genug Geld.

Wir schauen mal im Ordner mit dem Poster, was wir noch ändern können … Obschon, das Hirn ist mittlerweile derart durcheinander, dass es zu kreativen Dingen überhaupt nicht mehr fähig ist. Blitze zucken. Was für ein Donnerwetter. Alles, was wir jetzt anpacken und was Feingefühl benötigt, wird zur groben Masse – wenn es ein Bisquitkuchen wäre, würden wir einen hässlichen, übel schmeckenden Kuchen zusammenrollen, der keinerlei Gehalt hat und sogleich in seine Einzelteile zerbröseln würde.

Irgendwo ist noch ein Browserfenster offen mit einem Blogartikel, den wir begonnen haben lange bevor alles aus dem Ruder lief hier bei unserem Spaziergang durch mein Leben, durchs einsame Gehöft, vorbei an all den Dauerbaustellen. Ein kleines Wunder von Blogartikel. DIESER hier. Ein Glück, dass alles, worüber in diesem Blogartikel berichtet wird noch nicht geschehen ist. Ich finde, wir sollten ihn publizieren. Was meinen Sie?

Und dann setzen wir uns einen Kaffee auf, füttern die Katze und die Hühner und machen einen Spaziergang durchs einsame Gehöft.

17 Gedanken zu „Der innere Bisquitkuchen der Seele“

      1. Ja, genau. Außerdem sind sie sehr zäh. Einmal ging ein Huhn verloren. Wir dachten, der Fuchs habe es geholt. Etwa zwei Wochen später fand ich es in einem leeren Regenfass, das auf dem Scheunenboden stand. Der Deckel des Fasses lag so, dass er kippt, wenn ein Huhn sich darauf setzt. Das Huhn fiel rein, der Deckel obendrauf. Es war ein bisschen Wasser im Fass. Das Huhn hat überlebt. Zwei Wochen oder länger. Ohne Nahrung. Purer Zufall, dass ich es überhaupt gefunden habe. Es hätten können Monate vergehen, ehe ich den Scheunenboden betrete.
        PS heutige Ausbeute: fünf Eier.

    1. Ihr Lieben, danke für das Lob. Der Text ist übrigens einer, den ich beinahe nur auf privat gestellt hätte, zum Einen, weil er mir recht intim erschien, zum anderen aber auch, weil ich dachte, wer will ihn lesen. Ich lerne daraus, dass ich selbst meine Texte gar nicht beurteilen kann. Und vielleicht ist das auch ein Geheimnis des Schreibens, dieses viel zitierte ‚Einfach machen‘.

  1. Was für ein wundervoller Text! Ich lese normalerweise keine literarischen Texte, sie sind mir in der Regel zu „langatmig“, zu selbstverliebt, zu sehr L’art pour l’art. Aber DIESER hat mich mitgenommen ohne je einen Funken Langeweile aufkommen zu lassen. Alles so vertraut, wenn auch nicht identisch, aber ähnlich. Erinnerungen anstoßend, an die Hühner während meiner zwei Mecklenburger Jahre (ans leidige AUSMISTEN hat dein Hirn gar nicht gedacht! :-)), ans alte Heim vom Schwein, an die ToDos im Garten, die ich auch gerne verschiebe, ans Homebüro, in dem ich gerade sitze, am „Cockpit“ meines Weltzugangs, wo es mir genauso ergeht wie Dir – erstmal News gucken, und Twitter, dies und das Verlinkte – manchmal (zur Entspannung) dann noch meine Blogroll und so hierher.

    Ganz ganz toll!

    1. Vielen Dank, Claudia. Du erinnerst mich nun erneut (hast Du vor anderthalb Jahren schon einmal in einem Blogartikel) an die Blogrolle und ich muss mal nachschauen, ob ich sie eingebunden habe oder nicht – in den Widgets unter dem Inhalt des Blogs. Gut möglich, dass ich sie im Zuge der DSGVO-Wirren entfernt habe. Gleich-guck-Geräusch :-)
      Der Ex-Schweinestall, in dem unsere Hühner gackern, sieht vom Aufbau her ähnlich aus wie auf Deiner Bilderstrecke (die übrigens verstörend brilliant lost-place-ig ist). Unser Stall ist aber viel kleiner und, so merkwürdig es klingt, auch heimeliger. Die Pferche waren mit Holzbohlen umgeben. Das Freilaufgehege ist ein verwunschender Obstgarten … ach, was plaudere ich.

  2. Köstlich, deine Gedankengänge nachzuverfolgen. Kommt mir zum Teil irgendwie bekannt vor, weil ich sowas auch kenne. Vor allem, wenn ich nachts nicht schlafen kann, gebiert ein Gedanke aus dem anderen und letztlich scheint alles, was zu tun wäre, ein unüberwindlicher Berg zu sein, der das Wiedereinschlafen komplett verhindert. Nur hätte ich meine Hirnaktivitäten im Vorbeigehen an allem, was sich so zeigt, nicht so gut formulieren können. „Das Bett rettet die Kunst“, ein köstlicher Satz. So eine Künstlerbude kenne ich auch, alles provisorisch und eigentlich nicht wirklich zum Wohnen gedacht. Bewundernswert, dass du neben dem Künstlerdasein auch noch „Bauer“ bist, jedenfalls gewissermaßen. Wie auch immer, wird schon alles weitergehen! Liebe Grüße, Ute

    1. Dankesehr liebe Ute. Das mit der Bauerei ist minimal. Die paar Hühner, Katze und Garten. Ich liebe ja die Kombination der beiden Tätigkeiten: Computerschuften und wenn der Kopf qualmt, im Garten entspannt etwas Erde wühlen. Dein Credo ‚wird schon weitergehen‘ bestärkt mich. Das wünsche ich Dir auch. Nebst Ruhe in der nächtlichen Gedankenmühle.

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