
Lohnpilgertum
Diese alltägliche Runde mit dem Fahrrad. Ich nenne es Lohnpilgern. Oh ewiges Rund des täglichen Einerlei – ich grüße jeden Baum, jede Pferdekoppel, den Bäckerladen natürlich und auch eine Schar Hundegassiegänger, die mir vier Männchen/Frauchen- und Hundchen-stark alltäglich begegnen. Die Pastellierung der Welt dieser Tage gibt Anlass über das Zuviel an Farben nachzudenken. Wie gezuckert senken sich die Dächer des Dörfchens K. in einer Mulde, jeden Tag das gleiche Bild; fahl stehen die Schlote und weißer Dampf versickert im Himmel. Der wohl härteste Abschnitt meines Arbeitswegs ist das Stück hinunter ins Tal bis nach K. Etwa 100 Höhenmeter bei der Kälte mit dem Fahrrad sind kein Spaß. Von rechts kämpft sich Sonne durch den Hochnebel. Die Landschaft, ihrer Farben beraubt, bringt mich mit den bunten reflektierenden Warnklamotten voll zur Geltung.
Pastellierung muss sein, um etwas anderes, wichtigeres hervorzuheben. Wären Bäume, Pferdekoppel und der Bäckerladen grellbunt, so würde man mich vielleicht übersehen?
Auf dem 15-km Weg zur Arbeit komme ich auf seltsame Gedanken. Zum Beispiel, dass der Mensch ungleich länger tot ist, bzw. nicht geboren, als er lebt. Ich grüße die vier Hundchenbesitzer. Dann fabuliere ich: „Scheue dich nicht, die Vergangenheit zu fälschen, fälscht sie sich doch sowieso ganz von selbst. Sobald du die Hundchenleute passiert hast, wirst du dich kaum noch erinnern, was für Kleider sie getragen haben, ob der Mann einen Bart hatte und die Frau mit den langen Haaren eine Brille trug. Wenn man dich fragen würde, würdest du unweigerlich falsche Angaben machen, weil du nicht genau hingesehen hast. Was aber würde das bedeuten, wenn du die Geschichte von den vier Herrchen und Frauchen aufschreiben würdest? Du könntest sie nicht wahrheitsgetreu aufschreiben. Das wäre auch gar nicht wichtig, den Lesern wäre es einerlei, ob der Mann einen Bart hatte und einen Retriever, oder ob er einen Buckel hatte und sein Hund ein Pudel ist.“
Die Hundchenbesitzer lachten, weil wir uns täglich an ähnlicher Stelle begegnen. Ich glaube, anfangs hielten sie mich für einen Bettler, bis ich durch regelmäßiges Vorbeifahren zur gleichen Zeit an gleicher Stelle in ihrer Vorstellung zum Pendler mutierte, der auf dem Weg zu irgendeiner Arbeit ist.
Dass ich Lohnpilger bin und bußfertig für mein materielles Seelenheil diesen Weg gehe, können sie nicht ahnen. In der Tat ist der Weg zur Arbeit eine spirituelle Angelegenheit geworden. Ich habe mich dermaßen an Kälte und Wind gewöhnt und an die körperlichen Strapazen, dass es mir gar nicht mehr auffällt. Es ist die natürlichste Sache der Welt, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Früher hätte ich mich dafür geschämt, denn man fällt ja schon auf, bei der Kälte zu radeln.
Heute weiß ich: Wenn es dir nicht egal sein kann, was deine Mitmenschen über dich denken, dann hast du dein Leben versaut.
„Du weißt ja: im Vergleich zum Nichtgeborensein und zum Totsein ist das Leben eine verschwindend kleine Zeitspanne. Tue also gut daran, Spaß am Leben zu haben.“
Pendler

Antipilger – pilgern Satanisten verkehrtrum?
Angefixt durch Hörbücher während der Arbeit, phantasiere ich hin und wieder über den Jakobsweg. Besser gesagt, den klassischen Camino Frances zwischen St. Jean Pied de Port und Santiago de Compostella. Etwa 700 km Pilgerschaft über Stock und Stein, hohe Bergpässe, malerische Landschaften. Ab und an, so sagt man, laufe man auch auf Hauptverkehrsstraßen. Aber das Herz will immer nur das Schöne sehen, und so ignoriere ich die Landstraßen, konzentriere mich auf Olivenhaine, Ziegenherden, pipapo.
Ein Blick auf die Jakobsweg-Statistik, welche für das Jahr 2006 über 100.000 Pilger verzeichnet (Tendenz steigend), sagen wir mal durchschnittlich 9000 Pilger pro Monat (PPM), das macht etwa 300 am Tag, geteilt durch 30 Etappen – somit laufen zeitgleich zehn Pilger mit dir den Weg. Bei 30-km-Etappen also ein Pilger je drei km. Da aber die meisten der 100.000 Pilger in den Monaten Mai bis September laufen, dürfte es in diesen Monaten weit mehr Mitläufer geben, und in den anderen Monaten somit erträglich weniger.
Heute habe ich mit Kollege T. gewettet, dass der Owner mir dieses Jahr 6 Wochen Urlaub am Stück gibt. Es geht um einen Kasten Weißbier und Steaks, die der Verlierer dem Gewinner grillen muss. Die Aussichten stehen schlecht. Kurz nachdem wir gewettet hatten, verkündete jemand, dass die diesjährige Loungemesse ein übervolles Auftragsbuch beschert hat und dass vermutlich sämtliche Urlaube bis in alle Ewigkeit gestrichen werden. Für immer für nichts.
Nachmittags kam mir der Gedanke, den Camino Frances andersrum zu pilgern, von Santiago nach St. Jean. Ein kleines Antipilger-Gedankenspiel, um mich von der Arbeit abzulenken. In meiner Phantasie wären es genau 666 Kilometer, man müsste ein Kreuz umgedreht um den Hals tragen, ist ja logisch – ja, doch, die Vorstellung amüsiert mich, dass Satanisten den Pilgerweg andersrum gehen. Schonmal jemand da gewesen, schonmal jemand schwarz gekleidete Satanisten gesehen, die statt eines Rucksacks einen Sarg mitschleppen? Pilgrim of the Beast – ich wittere Morgenluft für Piercingstudios direkt am Weg :-)
Futter für den Zettelkasten
- Stief-Handy
- Flip-Flop-Schaltung im eigenen Gehirn (das Selbstgespräch wird nie langweilig, weil man nicht weiß, was man sich antwortet. Die Entscheidung, welche Antwort fällt, wird gemacht durch eine Flip-Flop-Schaltung im eigenen Gehirn.)
(Mit solch konfusen Gedanken aufgewacht und ganz nebenbei das Rätsel der freien Entscheidung gelöst, welches vor mir schon seit Jahrhunderten ganze Heerscharen von Philosophen beschäftigte – ich erwachte und sagte „jaaajaaajaaa“ und das war der Beginn eines kontroversen Selbstgesprächs :-) )