
Aufnahme vom 5. Februar – eine halbe Stunde schien die Sonne, dann zog sich der Himmel zu und es regnete. Morgenrot – nasses Brot.
Artist in Motion

Aufnahme vom 5. Februar – eine halbe Stunde schien die Sonne, dann zog sich der Himmel zu und es regnete. Morgenrot – nasses Brot.

Eine Tackerwerkstatt ist eine Werkstatt wie jede andere auch. Dort gibt es alle möglichen Werkzeuge, Hämmer, Scheren, Schraubenzieher, und natürlich Drucklufttacker, die mit Spitzengeschwindigkeit Nägel bis 1,5 cm in Holz treiben. Es gibt auch eine Stretchmaschine. Das ist ein zwei Meter hohes elektrisches Gerät mit einem Drehteller so groß, dass eine Europalette darauf passt. Mit der Stretchmaschine werden fertig gepackte Paletten per Lichtschranke vollautomatisch in Folie gerollt, so dass man nur noch einen Knopf drücken muss und ansonsten seiner Lohntackerei nachgehen kann.
Als ich heute Morgen den Raum betrat, hing ein Pappschild an der Stretchmaschine: „Megadrome 5 Euro“. Kollege T. stand an seinem Arbeitstisch. Irgendwie schien die Tackerwerkstatt verändert. Ich schaute mich weiter um. Kollege T. grinste über beide Backen und fixierte einen Punkt zu seiner Linken. Auf einer Palette Möbelkorpusse klebte ein Zettel: „Was sagen die Runen? Ein Mal Zukunft 4 Euro“. Noch ehe ich begreifen konnte, was das bedeuten soll, ließ sich T. auf den Boden fallen, am ganzen Körper zuckend und in den Händen einige Holzstückchen, die in der Tat aussahen wie Runen. Er murmelte mantrisches Zeug mit kehliger Stimme: „Uahlo um kolla runz“. Dann warf er die Runen nach Hinten über den Kopf. Wir betrachteten das Ergebnis. Mit der Hand das Kinn reibend sagte T.: „Oh die Lebensrune …“ „Was ist damit?“ „Hummmh, ich weiiiiß nicht …“ Die drei Punkte am Ende seiner Rede machten mir Sorge. Ich schaute aus dem Fenster, auf das die Lebensrune zeigte: „… direkt zum Müllhaufen, meine Scheiße“.
Auf diese Weise retten Kollege T. und ich einen Tag nach dem anderen vor der vorgezeichneten Tristesse.
Im Laufe des Tages verwandelten wir die Tackerwerkstatt in eine wahre Loungemöbel-Kirmes. So klebte ich, als T. mal kurz wegschaute, ein Schild an die Tür zum Hinterhof, auf dem geschrieben stand: „Das Labyrinth des Tackers – geheimnisvoll und voller Abenteuer 3 Euro“. Kollege T. kritzelte neben das Megadrome noch eine Notiz „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“, wie man es früher auf Jahrmärkten fand. Dann reichte er mir ein Schild, auf das er „Geisterbahn“ geschrieben hatte: „Wenn du dich traust, das an die Bürotür zu hängen, dann bist du ein Held“.
Der absolute Knaller war jedoch eine Arbeit, die wir in der Mittagspause anfertigten. Mit Schnur, einem Stab und einem Magneten bauten wir neine Angel, arrangierten einige Möbelkorpusse zu einer Art Aquarium und versenkten darin kleine Fische, die wir aus Pappe ausgeschnitten hatten und mit Schrauben durchbohrt. Das Angelspiel tauften wir auf den Namen „Dumm fischt gut“ und als Hauptgewinn lobten wir den Sattelschlepper von Vorarbeiter A. aus.
Ich fürchte, ich bin nicht mehr in der Lage, einen vernünftigen Artikel zu schreiben. Ich bin vollkommen verrückt. Die Mo-Geschichte, einen Eintrag zuvor, sagt alles. Herr Irgendlink hat nur noch Quatsch im Kopf. Wenn ich mein braunes, lederbezogenes Notizbuch durchblättere, in das ich, meist morgens, seltsame Gedanken, Worte und Ideen skizziere, wird mir Angst und Bange. Wenn das jemand in die Hand kriegt, droht mir die Klapse.
Am 2. Dezember letzten Jahres notierte ich etwa Die Kran-Nische des Ibikus. Ich stellte mir einen Kranfahrer vor namens Ibikus, der in seinem Kran eine geheime Nische eingerichtet hat, in der er sein Bier abstellt. Ibikus ist Alkoholiker und kann erst den Kran bedienen, wenn er einen gewissen Level intus hat. Unter der Ibikus-Notiz steht geschrieben Verschmutzungszertifikate für das Mitarbeiterklo. In unserer Firma gibt es nämlich ein Problem. Manche Mitarbeiter haben so kurze Penise, dass sie es nicht schaffen, ins Urinal zu zielen. Deshalb steht manchmal eine Pfütze im Männerklo. Darüber ist der Owner nicht sehr glücklich. Die Putzhilfe auch nicht. Toiletten sind Krisengebiete. Ich hatte überlegt, ob es nicht gut wäre, es den Weltökonomen gleich zu tun, die mit CO2 Emissionen jonglieren, Verschmutzungsrechte zu vergeben für jeden Mitarbeiter.
Ihr seht, meine seltsamen Worte haben durchaus einen ökopolitischen Hintergrund.
Genauso wie das Großwort, Der lebende Schredder für Ideen und Hypothesen, einen Mensachen bezeichnet, der vollkommen resistent ist für innovative Vorschläge und der somit ein ähnliches Zerstörungswerk anrichtet, wie ein Papierschredder mit Papier, nur eben, dass bei ihm das gesprochene, wohlmeinende Wort geschreddert wird.
Aber auch die Kompression hat etwas für sich – noch einiges aus dem Notizbuch:
Schriebs in einer Ampelphase, es war noch nicht halb neun.
Die Loungeforensik hat eine neue Maßeinheit beschert: Das Mo. Das Mo ist ein Maß für die Langsamkeit. Benannt ist es nach Kollege Mo. T. hat ihn einmal „Die Entdeckung der Langsamkeit“ genannt. Heute haben wir während der Arbeit wichtige Formeln für das Mo diskutiert: „Es ist ein absolutes Maß“, sagte T., „ähnlich wie der absolute Nullpunkt der Temperatur von minus 273 Grad Celsius.“
„Du meinst, ein Mo ist die Maßeinheit dafür, dass es nicht mehr langsamer geht?“
„Jawoll. Es kann niemals 1,5 Mo oder gar zwei Mo geben, sondern immer nur Werte, die kleiner sind als ein Mo.“
„0,9 Mo wäre auch noch recht langsam?“
„Sehr langsam, Irgend. Wir beide arbeiten im Nano-Mo-Bereich.“
Mehr und mehr freundeten wir uns mit dem Mo als Maß für die absolute Langsamkeit an, bis wir auf das Problem der Langsamkeitssphären stießen. Langsamkeit, diskutierten wir, ist ja von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz verschieden. Im Büro nebenan etwa muss eine noch viel langsamere Langsamkeit herrschen, als bei uns in der Abteilung Loungeforensik.
„Kaum vorstellbar“, sagte T., „ich fürchte jedoch, wir müssen eine zweite Größe, das De (Anm.: benannt nach Kollegin De.) einführen. Erst dann deckt unsere Gleichung alle Bereiche der Langsamkeit ab.“
„Ein De ist ungefähr 1,5 Mo, was widerum ein Problem ist, genau wie mit der Lichtgeschwindigkeit“, sagte ich, „Schnelligkeit geht ja auch nicht schneller, als Lichtgeschwindigkeit, und so ist es auch mit der Langsamkeit, langsamer als 1 Mo geht nicht.“
„Doch, ein De! Das ist die spezielle Langsamkeitstheorie. Da geht langsamer als langsam. Eigentlich alles analog zu Einstein.“
PS: liebe Leser, wenn Ihr diese Theorie nicht versteht, macht Euch nichts daraus, die Relativitätstheorie versteht auch kaum jemand und die ist viel weniger komplex, als die Langsamkeitstheorie.