Im kurzen Moment zwischen gezücktem Geldbeutel und Kasse steckt alles Glück dieser Welt

Augenkuckverbot seit Montag. Irgendwas plagt einen ja immer. Die Augensache taucht ab und zu auf, macht Kopfweh und ein paar andere Querelen und verschwindet dann wieder. Hilfreich ist, wenn man nicht auf den Monitor starrt, viel schläft, sich keine Sorgen macht, oder wie man so schön sagt, sich keinen Kopf macht um dies und das.

Vorsorglich mal den Doktor konsultiert, was aber auch verflixt am Ziel vorbei schießt, da die Symptome bis zum Termin nächste Woche abklingen werden, jaja, sind sie ja heute schon besser, sonst würde ich jetzt nicht vor dem Monitor sitzen und diesen Artikel tippen. Wie auch immer, bis nächste Woche rechne ich mit üblicher Kerngesundheit und der Doktor und ich werden uns über dies und das unterhalten, bloß nicht über Körper und Plagerei. Vielleicht kann ich eine Kopfdurchleuchtung rausschinden, damit ich im Fall, dass das Augenweh wieder auftritt nicht immer in schockstarrende Spekulation verfallen muss, welch schreckliche Ursachen das Kopfweh hat.

Ich tippe auf eine bakterielle Entzündung im Nasen-Ohrenraum. Der Hardcore-Hypochonder in mir ist da leider anderer Meinung.

Dass die gesundheitlichen Dinge bisher immer von selbst verschwanden sollte mir eigentlich Arztbesuch genug sein. Das Leben ist nur eine Kombination verschiedener Spekulationen, die einem auf der Basis von Nichts eine Heidenangst einjagen.

Meistens.

Im Alltag läuft es nicht besonders gut. Mit der Wohnungsräumung für Freund Journalist F. habe ich mir selbst jede Menge aufgebürdet. Schließlich lagern nun jede Menge Gegenstände vom Journalisten in meinem Atelier. Der Umgang mit fremder Leute Dinge ist lästig. Im Anblick von fremder Leute Belange habe ich den Eindruck, es gibt mich selbst gar nicht als wollendes Wesen, sondern ich bin ein Gefangener zwischen den verschiedenen Bedürfnissphären anderer. Obendrein sehe ich mich mit all dem sinnlosen Material, das ein Mensch angehäuft hat und das sich im Atelier und in den angrenzenden Räumen mit all dem sinnlosen Material, das andere Menschen angehäuft haben, nun überwältigt von zu habenden Dingen, zurückgeworfen in die Zeit, als ich das Buch Haben und Sein las und mich mit der Problematik beschäftigte, an irdisches, profanes Gut gebunden zu sein und darin versuchen zu müssen etwas wie Lebensglück zu finden. Als ich das Buch vor Jahrzehnten las, war mir nicht ansatzweise bewusst, was noch auf mich zukommt und dass es mit dem Denken darüber nie und nimmer nachlässt und dass alles viel schlimmer werden wird, weil man nicht alleine ist auf der Welt und sich nicht gegen den Usus der Masse stellen kann. Wenn die Masse das Leben so und so vorlebt, habend, im Konsum versuchend, glücklich zu werden, dann färbt das auf einen selbst ab. Es ist wie an einem stark schmutzenden Verkehrsweg zu leben, den Dunst und die Abgase alltäglich einatmen zu müssen, weil es nichts anders gibt an Luft und so gibt es wohl in der Gesellschaft auch keine andere Möglichkeit als zu konsumieren und sich selbst in die Herde der Melkkühe des ewig kapitalistischen Verkäuferseelchens einzubringen.

Konstatiere ich.

Die Journalistenhabe ist jedenfalls dem einsamen Gehöft einverleibt. Neben Vaterhabe, Tantenhabe, Schwagerhabe, Onkelhabe, Freundeshabe, Freundesfreundhabe, Menschen-die-ich-längst-vergessen-habe-habe …

Nichts davon bin ich. Manchmal, wenn ich all die Gegenstände betrachte, die irgendwann irgendwer hier auf dem einsamen Gehöft eingelagert hat, nur mal eben ein paar Monate, erfreue ich mich eines Dings und stelle mir vor, wie es wäre, es zu besitzen, komme aber zur Erkenntnis, dass nicht der Besitz eines Dings das ist, was einen glücklich macht, sondern der Kauf. Dieser kurze Moment zwischen Kasse und Ladentüre, in dem der Gegenstand, sagen wir ein Blumentopf, noch nicht ganz mir gehört, aber auch schon nicht mehr demjenigen, der ihn mir verkauft. Das muss wahres Glück sein. Im kurzen Moment zwischen Kasse und gezücktem Geldbeutel steckt alles Glück dieser Welt. Der Gegenstand, sagen wir ein Neuwagen, hat in deisem Moment noch genau den Wert, der auf dem Preisschild steht. Diesen Wert wird er nach abgeschlossener Bezahlung nie wieder erreichen. Genauer betrachtet wird der Gegenstand, sagen wir ein Fernsehgerät, nach dem Bezahlvorgang, wenn er in mein Eigentum übergegangen ist, gar nichts mehr wert sein. Wenn man den Gegenstand, sagen wir ein Ebike, nach dem Kauf wieder loswerden möchte, ihn verkaufen möchte, muss man sich einreihen in die Riege der Händlerinnen und hoffen, dass das Argument, der Gegenstand, sagen wir ein Elektroherd, ist ja gebraucht, hat Kratzer usw., nicht allzu mindernd auf den Preis auswirkt.

Ich schweife mal wieder ab. Bitte entschuldigen Sie. Es war nur mal wieder ein Auge-auf-Monitor-Moment, in dem ich nicht umhin konnte, ein paar Zeilen zu schreiben. Muss doch geschmeidig bleiben, das Hirn, um Großes zu schreiben irgendwann.

PS: Telefonbuch, Waschmaschine und das Fragezeichen.

Das Blog vertont

Beinahe wäre es passiert! Ich hätte mich nachmittags vors Mikrofon gesetzt und einen Blogeintrag gesprochen, also nicht einen schon geschriebenen Blogeintrag gelesen und ver-em-pe-dreit, sondern statt zu schreiben ihn live ins Mikrofon diktiert.

Telefonate und andere Querelen kamen dazwischen.

Beflügelt und auf die Idee gebracht, dass man ja statt zu schreiben driekt aufs Mikrofon einreden könnte, hatte mich, dass ein erster Beitrag nun auch als mp3-Datei fertig geworden ist. Die Schauspielerin Silvia Bervingas hatte ‚Haferflocken, die halbe Miete der Künstlerernährung‚ gestern gelesen.

Es ging recht flott und ganz zwanglos. Wir tranken Kaffee, rauchten Zigaretten, schwätzten ein wenig. Zwischendurch las Silvia den Text probe, den ich ausgedruckt hatte und das war auf Anhieb gut. Im Audiofile, das ich in den oben verlinkten Artikel eingefügt habe, findet Ihr den zweiten Anlauf, eingelesen im Irgendlinkschen Atelier mit einem guten Mikrofon an einem lautlosen Raspberrypi und mit Audacity zurecht geschnitten und entrauscht.

Tja. Ein Musterbeispiel langsam gelebten Lebens mit Bedacht.

Tja, jetzt ist es soweit. Die selbst auferlegte Pflicht, täglich zu bloggen, bringt diesen Artikel hervor, der wahlweise von Bedingungslosigkeit, vom Künstlerinnenalltag, von komplexen Suchen merkwürdiger Dinge auf einem einsamen Gehöft irgendwo im Grenzland zwischen Saarland, Pfalz und Lothringen, oder von Besteckschubladen handeln könnte.

Gutso, dass  ich es nun, fast 24 Uhr spät noch angehe. Der Tag war arbeitsam. Ich hatte überlegt, Pesto zu machen irgendwann in einer Art Mittagspause, was allerdings einen Rattenschwanz an Tätigkeiten nach sich ziehen würde. Der Basilikum im Garten wächst wunderbar, Parmesan ist im Kühschrank, Salz, Pfeffer, Knoblauch gibts auch und kürzlich rettete ich die Säcke mit den Walnüssen, die ich letzten Herbst gesammelt hatte vom Dachboden ins immerkühle Atelier.

Die Walnüsse müssen geknackt werden. Natürlich. Ohne geknackte Nuss kein Pesto. Logisch. Ich bin alt und träge. Die Handgelenke sind nicht die besten, weshalb ich Walnüsse immer mit dem Schraubstock knacke. Ein langsamer Akt produktiver Zerstörung. Der Schraubstock ist blau, klein und der Hebel, mit dem man die Backen zusammen dreht ist seit Jahren kaputt. Irgendwie gelingt es trotzdem, das Ding zu bedienen, aber das kann ja kein Dauerzustand sein, weshalb die heutige Kunstbübchen-Pesto-Vorbereitungsaktion mit Schraubstock zum Musterbeispiel langsam gelebten Lebens mit Bedacht wurde. Ich hatte es schlicht satt, mit einem improvisierten Schraubstock, dessen Drehgriff sich permanent löst, zwölf Nüsse fürs Pesto zu knacken.

Tagesziel Schraubstock reparieren. Ich beginne damit nachmittags. Wie in jedem normalen Computerspiel muss man zum Pesto machen, respektive Nüsse knacken, respektive Schraubstock reparieren, um Nüsse fürs Pesto knacken zu können, zahlreiche Level durchlaufen und sich die Habseligkeiten zusammen suchen. Axt, Schlüssel, Schutzbrille, usw. Der Phantasie ist keine Grenze gesetzt. Das einsame Gehöft ist groß und man kann kilometerweit umher irren, um sich Level für Level all die Dinge zusammenzusuchen. Aber hey, im Grunde repariere ich doch nur einen Schraubstock.

Wie erkläre ich das nun kurz und knackig? Gewindestab absägen, biegen, selbstsichernde Mutter und zwei Kontermuttern, alles durch Löcher stecken, verschrauben und schließlich noch einen handschmeichelnden Korken als Griff, ein Abenteuer zweifellos, diebisch sich freuend am improvisierten Detail. Ich bewege mich den ganzen Tag jenseits der neoliberalen Ambition, sich selbst zu optimieren und beim Discounter ein Gläschen Pesto für 1,49 Euro zu kaufen.

Kurzum, gegen Dunkelheit konnte man den Künstler, moi même in der Außenküche unter dem Vordach vor dem Atelier sehen, wie er zwölf Walnüssse mit frisch renoviertem Schraubstock knackt, die Kerne heraus puhlt, sie in eine Tupperschüssel füllt und zufrieden mit dem Tagwerk den Abend ausklingen lässt.

Pesto ist dann der nächste geile Scheiß. Ich weiß noch nicht, wie ich morgen oder übermorgen den Parmesan reibe, aber da fällt mir bestimmt etwas ein, mit dem ich den Neoliberalismus und die Selbstoptimierung verhöhnen und Zeit verschwenden kann, ohne auch nur ansatzweise in Versuchung zu gelangen, beim Discounter für billig Geld, rasant an fairer Arbeitsteilung vorbeischliddernd, ein Gläschen Pesto zu kaufen.

Nachtrag: Die Themen Bedingungslosigkeit, Arbeitsteilung, Geld, Lebenszeit, Fairness, Aus- und Selbstausbeutung wären theoretisch auch in diesem Artikel anzusprechen gewesen, aber mein innerer Selbstoptimierer schaute eben auf die Uhr, jessas, schon halb zwölf, nun aber mal raus mit dem Blogartikel.

Nachtrag: Die Besteckschublade, ach die. Ich hatte sie schlicht aufgeräumt, denn es ist einfach ein Weg der tausend Umwege, einen Schraubstock zu reparieren, mit dem man Nüsse knacken kann. Da muss man zwischendrin Geschirr spülen, im Bett liegen, einen Stromkasten anschließen und eine Geschirrschublade aufräumen.

Sie verstehen das hoffentlich.

Vom Tanz mit dem Balkenmäher, den Melvins und dem Mattenhängen

Ich bin so müde. So müde wie gestern. So müde wie vorgestern. Nur noch Wand anstarren gelingt. Oder Hängematte hängen.

Mein innerer Udo Bölts schreit mich permanent an, quäl Dich, Du Sau und jagt mich einen Mont Ventoux nach dem anderen hinauf. Beziehungsweise früh morgens startete ich heute den Balkenmäher, um dem übermäßig wachsenden Gras und den Brennnesseln im Garten Herr zu werden. Das ist wichtig, damit im Herbst, wenn die Äpfel fallen, leicht ernten ist. Der Balkenmäher macht ein ratterndes, sehr schnelltaktiges Geräusch, wenn die Scheren am Mähbalken bei Vollgas übereinander schlagen. Es klingt ein bisschen wie das Lied Hung Bunny von den Melvins, wenn ab Minute 7:49 das Schlagzeug einsetzt und nimmer nimmer aufhören mag. So laufe ich heute morgen dem zum Glück selbstfahrenden Gerät hinterher und es gerät ein bisschen wie Tanz zu einer absolut schrägen Musik, die bestimmt so gut wie kein Mensch leiden kann, also nicht nur das nervige Motorengeräusch und das Scherengeklackere, sondern auch das Original von den Melvins, das gewiss nicht alltagsgeschmackstauglich ist. Ich mag das Lied. Ich mag seltsamerweise viele Dinge, die sonst keiner mag. Auch dem den-Mont-Ventoux-hinaufradeln kann ich etwas abgewinnen, obschon ich das noch nie gemacht habe. Der Mont Ventoux ist ein bald 2000 Meter hoher Berg in der Provence, der ziemlich alleine steht links der Rhone und der bei der Tour de France – ich glaube seit Menschengedenken – stets eine Etappe wert ist.

Vor etlichen Jahren verbrachten die Frau SoSo und ich unsere Winterferien zu Füßen des ‚Giganten der Provence‘ im kleinen Dorf Mazan in einem Ferienhaus. Wir unternahmen ein paar Versuche, zu Fuß hinauf zu kraxeln, nicht die gesamte Distanz, sondern wir fuhren mit dem Auto bis zur Schranke, die die kleine Landstraße bei schwierigem Wetter versperrt, so dass nicht Hinz und Kunz mit dem Auto hinauf fährt und dabei in Gefahr gerät. Der Wind pfeift elend auf dem Standalone-Berg. Ich hatte das einmal erlebt. Im Winter ist die Passstraße glaube ich immer gesperrt. Aber mit dem Fahrrad und zu Fuß kommt man natürlich durch. Was hatte ich die Radlerinnen und Radler beneidet, die stehenden Pedals im kleinen Gang aufwärts schwitzten. Frau SoSo und ich, zu Fuß und gemütlich unterwegs, ersparten uns die Qual der Strecke bis zum Gipfel, die im südlichen Abschnitt durch eine absolut bizarre Geröllwüste führt.

Das Wochenende, jetzt und hier, verbrachten wir mit Hängematte hängen im Aargau. Eine einfache, friedvolle Tätigkeit. Frau SoSo berichtete darüber in ihrem Blog.

Fürs Hängematte hängen braucht man Wanderschuhe, Hängematte, etwas zu essen fürs sogenannte Zvieri (den Nachmittagshaps zwischendurch). Badehose ist auch sinnvoll, denn in den Aargauer Flüssen rings ums sogenannte Wasserschloss (da fließen Reuss und Limmat in die Aare), findet man immer schöne Badestellen. Man wandert oder radelt also los mit einem kleinen Rucksack voller Hängematten- und Zvieri-Bedarf, findet eine schöne Stelle am Fluss, an der sich genügend Bäume in idealem Abstand befinden und bindet die Matten fest. Dann kann man hängematten, bzw. mattenhängen oder hängemattenhängen. Es sind die einfachen Freuden. Wir badeten auch, obwohl die Flüsse durch die Schneeschmelze ziemliches Hochwasser hatten.

Wohl ist es dem Mattenhängen geschuldet, dass mir gar nicht so bewusst wurde, wie müde ich dieser Tage bin. Ausgelaugt. Urlaubsreif. Wandanstarrend zum Stillstand gekommen. Wären da im Hinterkopf nicht die vielen Zutuns, die einen anstacheln, sich zuzurufen, quäl Dich, Du Sau, könnte ich mir vorstellen, den Sommer hängemattenbaumelnd zu verbringen.

Ich bin so müde dieser Tage.

Momentanes Tagesziel ist, man hat es wohl schon vermutet, jeden Tag ein bisschen zu schreiben. Ich muss in der Übung bleiben, gerade was das Schreiben betrifft. Deshalb habe ich diese möglichst täglichen Blogberichte lanciert. Mal schauen was daraus wird.

Dusmo natürlich. Immer scheen dusmo (das ist pfälzisch für französisch doucement, was soviel heißt wie langsam, gemütlich, na, Ihr wisse jo was ich menn).

Die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges

Dass ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln. Dass ich mir das letztes Jahr versprochen hatte, wenn mein maroder Körper die Pandemie halbwegs gut übersteht, als Belohnung ans Nordkap zu radeln. Dass es ein Traum ist. Dass es jederzeit möglich ist. Dass mir bei dem Gedanken daran, sechs Wochen alleine mit dem Fahrrad unterwegs zu sein Angst und Bange wird … herrje, wie sehr hab ich mich verändert. Schon der Gedanke daran, einfach nur das Haus auf einen Tagestrip zu Fuß oder per Rad zu verlassen, macht mich unruhig. Ich muss mich regelrecht dazu zwingen, hinauszugehen. Und wenn ich dann unterwegs bin, dann geht es auch, dann fühle ich mich wohl, dann bin ich voll drin in der Sache. Auf dem Weg. Bin zu Hause in einer kleinen, sich bewegenden Blase des langsamen Vorankommens.

Eine Art Variskisches Gebirge gelebten Lebens ist mir in Form von Erinnerungen geblieben, die manchmal sanft aufleben. Wie über die Zeit erodierte Hügel. Spuren einstigen Unterwegsseins. Hier mal eine Erinnerung an eine Kaltwasserquelle in Lappland, die wir 1995 bei unserer Radtour entdeckten, Freund QQlka und ich, direkt an der unendlich leeren, fein geteerten Straße. War es in der Gegend mit den Orten, die allesamt auf die Silbe ’sele‘ endeten? Asele, Ramsele, Edsele, Lycksele? Ich weiß es nicht mehr. Das Vattenschild am Straßenrand im Nirgendwo existierte jedenfalls auch zwanzig Jahre später noch, im Jahr 2015. Als ob es nie verändert wurde. Ein handgeschriebenes Schild, das auf eine Quelle abseits des Teers verweist, an der man sich die Wasservorräte auffüllen kann. Und ich gehe jede Wette ein, dass sich um die Quelle Geschichten ranken, die das Wasser lobpreisen als besonders weich, besonders gut, besonders gesund und dass die Menschen der Gegend auch von weit her anreisen, um sich Kanister damit zu füllen.

„Wenn de des trinkscht, wersche hunnert Johr alt“, erzählte mir ein Lothringer jüngst an einer Quelle südlich des Städtchens Bitche. Vom Rhein her kämen die Leute dahin und füllten hektoliterweise das Wasser ab in ihren Kofferräumen voller Kanister. Oft gar die Besitzerinnen und Besitzer von Restaurants. Sagt man. Und das Wasser der Quelle nahe Mouterhouse ist tatsächlich ein Gaumenschmeichler, sage ich Euch. Es lohnt sich, sich die Flaschen damit zu füllen, den Mythos, ob man damit hundert Jahre alt wird, gibt es obendrauf, als kleines Schmankerl für den inneren Phantasten.

Der Phantast, der mir innewohnt und der sich auf die fein gemahlenen Gebirgsreste meines Variskischen Gebirges gelebten Lebens – in Form von mehr oder weniger präzisen Erinnerungen – stützt, sich an ihnen nährt, ist es auch, der mich sowohl vorantreibt, Neues zu erleben, Neues erleben zu wollen, als auch mich daran hindert, das Haus überhaupt noch einmal verlassen zu wollen.

Eine komplizierte Lebenssituation zwischen Unruhe, ich will nicht sagen Angst oder Phobie, auch wenn es vielleicht darauf hinauslaufen könnte – und der ungebremsten Lust, Neues zu erleben oder schon Erlebtes wieder zu erfahren.

Und um beim geologischen Bild zu bleiben vom alten, einst über zehn Kilometer hohen Gebirge, das im Laufe der Zeit abgewaschen wurde und von dem bestenfalls noch Reste in Mittelgebirgsklasse übrig sind, so gibt es doch hoffentlich auch die eruptiven Neubildungen, mal wieder raus mit dem Fahrrad auf eine große lange Reise in weite Ferne, ich muss nur die Türschwelle überwinden, der Rest gibt sich von alleine. Das Radel und das Zelt, der Sommer und die Weite und der Zufall sind mir dann Kokon genug, mich unterwegs daheim zu fühlen. Was ist man als langsam dahin tuckernder Europenner anderes als eine Schnecke, die ihr Sofa mit sich schleppt, die heimischen Wände im Sinn und die Geborgenheit und den Frieden, den einem das Daheimsein immer gibt.

Der Versuch, den Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz zu erradeln letztes Wochenende, war schon recht vielversprechend. Fünfzehn Stunden war ich unterwegs für eine Stecke von 200 Kilometern. Die Strecke fast ausschließlich auf Bahntrassenradwegen oder Flussradwegen, in der Hauptsache Glan-Blies- und Naheradweg wäre bis nach Bärweiler nahe dem Flughafen Hunsrück Hahn, wo sich der Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz befindet etwa 130 Kilometer gewesen, hin und zurück also 260 Kilometer. Eine Distanz, die ich noch nie an einem Tag, bzw. in einem Stück geradelt bin. In Kirn an der Nahe, unterhalb meines finalen Ziels, beschloss ich, umzukehren, da ich mir nicht vorstellen konnte nun auch noch hinauf in die Berge zu strampeln. Ich hatte sehr wenig Ausrüstung dabei. Nur eine Regenjacke und eine Hängematte und den ganzen Tag drohten Gewitter und Unwetter und ich hatte vor allem keine Lust auf Berganstiegsqualen, gefolgt von einbrechender Nacht und Kühle und eben, womöglich Starkregen, den man in einer Hütte, frierend, abwarten müsste.

Der kleine Ausbruch in die weite Welt, das Verschieben meines schmalen Wohlfühlkokons in unvorstellbare Gefielde, gerieten zum körperlich anspruchsvollen, dennoch recht leichten Spaziergang und ich hatte mich zu jeder Minute der Minireise wohl gefühlt. Auch auf dem Rückweg, nachts, alleine mit Fuchs und Hase auf dem meist ungeteerten Glan-Blies-Radweg, fühlte ich mich wohl, obschon ein reges Wetterleuchten den Ausbruch eines Gewitters ahnen ließ, was zum Glück ausblieb.

Nachts um drei war ich erschöpft, aber trocken und warm zurück in der Künstlerbude. Im Prinzip ist das die Blaupause für eine Radelreise beliebiger Länge. Für die Reise des Lebens gar selbst. Du kannst Erinnerungen hinterher radeln, auch wenn sie nur noch sehr blass wirken, aber die Reise wird dennoch etwas Neues werden. Seien die Pfade noch so ausgetreten. Dein Weg ist immer Dein Weg und er wird immer neu sein, auch im alten, postulierte ich. Aber es gibt diese Überwindungsbarriere, die Grenze, über die man den inneren Schweinehund treiben muss, damit die Angst weggeht. Weiß nicht, ob das ein allgemeines Phänomen ist und ob das über die Jahre schlimmer wird. Durch das Pandemie-Jahr jedenfalls scheint es mir so, als habe es sich, als habe es mich verändert.

Warum ich Lust habe, dieses Jahr ans Nordkap zu radeln? Vielleicht, um das Vatten-Schild irgendwo in Lappland wieder zu sehen, meine Trinkwasservorräte aufzufüllen an öder Landstraße, beäugt von Elch und Rentier. Oder dort eine Weile zu warten, einen Tag oder auch zwei, auf Menschen, die mit dem Auto voller leerer Kanister dahin fahren, um die Vorräte aufzufüllen und ihnen das Geheimnis der Quelle zu entlocken. Oder ist es die 9 Prozent steile Sause runter in den Nordkaptunnel, die bis ein paarhundert Meter unters Meer führt und ebenso neun Prozent wieder hinauf, was mich reizt? Oder einfach nur das alltägliche Plündern eines Süßigkeitenregals in einem schwedischen Supermarkt? Erinnerungen, blass und verklärt. Das war kein Zuckerschlecken, im Nordkaptunnel ganz unten anzukommen und zu wissen, man muss mit dem elend schweren Reiseradel wieder hianuf. Und auch beim Vatten-Schild, erinnere ich mich, herrschte während der Tour 1995 kalter Wind mit Regenneigung aus arktischen Gefielden und es wäre geradezu tollkühn gewesen, unbestimmte Zeit am Straßenrand zu lagern, den Holzlastern beim Vorbeidonnern zuzuschauen und auf einen wunderlichen Menschen zu warten, der vorbeikommt und einem das Geheimnis der Quelle erzählt.

Alles ist nur im Kopf. Die Erinnerungen, die einen anfixen, etwas noch einmal zu erleben, das man als schön empfunden hat, die Phantasie und die Neugier, die einen Neues erforschen machen mag, und nunja, wer garantiert einem, dass man sich richtig erinnert. Insbesondere beim Reisen, das muss ich mir eingestehen, färbt man im Nachhinein so manches schön.

Es war nicht schön, wochenlang verloren durch Lappland zu radeln. Es war nicht schön, letzte Woche in die Nacht und ins Ungewisse des Wetterleuchtens zu radeln.

Es war aber auch nicht Nichtschön.