Gefunden in Homburg. Ein „Naturdada“.
Windisch le Schön
Der Mensch, in Zerlegung begriffen
Es ist schwierig, die Ereignisse der letzten Tage in Worte zu fassen. SoSo und ich haben unsere Leben in Einzelteile zerlegt. Sehr bildlich: das Auseinandernehmen der Wohnung in Zweibrücken und das Verpacken in Kisten. „Ein Umzug ist nichts anderes, als die Simulation eines Todesfalls bei lebendigem Leib“, schießt es mir in den Sinn. Plötzlicher Zusammenbruch des Gewohnheitskonstrukts des Alltags, das einem Halt gibt und Sicherheit, und dann: auf in ein neues Land.
Was war ich aufgeregt, mit dem völlig überladenen 3.5-Tonner, als wir gestern die Grenze bei Rheinfelden passieren, auf einem riesigen Parkplatz voller LKWs mit Gütern von Irgendwo nach Irgendwo festhängen, Gedränge und Hektik, knapp eine Stunde Formalitäten und Papierkram, durchgewinkt und hinein in das herrliche Land, in dem alles so schön sauber ist und aufgeräumt. Aufgeräumter und sauberer noch, als bei uns. „Ich möchte ein Schweizer sein, am kalten Polar“, schießt es mir in den Sinn, treu dem NDW-Song, von wem noch? „Jadell-Dadell-remm-remm-remm“.
Jede Menge Freundinnen und Freunde von SoSo helfen beim Ausladen von exakt 11 Kubikmeter Transporter. Bemerkenswert ist die seltsame Art der Kommunikation, wenn vier fünf Leute im Hin- und Herlaufen reden, die einander nur über den Sechsten kennen, der alle einbestellt (ne, freundlich gebeten) hat, beim Umzug zu helfen. Mit den einzelnen Kisten, die man schleppt auf den zwanzig Metern zwischen Haus und Auto, transportiert man auch immer ein paar Worte: „Gehts? Kann ich dir helfen? Ist das nicht zu schwer? Woher kennst du eigentlich SoSo?“ So trägt man mit jedem kleinen Lastenpäckchen auch ein bisschen Information. Ameisen sind wir.
Tags drauf, heute, richten wir die Bude ein, eine urige Erdgeschosswohnung aus Holz und gegen 14 Uhr trudelt eine SMS ein, die mir beinahe den Tag ruiniert: der Telekommunikationsanbieter droht mit Abschaltung, wenn ich nicht sofort die überfällige Rechnung bezahle. herrjeh. Die letzten Wochen waren ja so intensiv, dass ich glatt alles und das Allerichtigste auch noch vergessen habe. Ich bin kurzum urlaubsreif. „Sofort!“, steht in der SMS, heißt heute.
Kurz nach 23 Uhr, wieder daheim, rufe ich demütig die Hotline des Telekommunikationsanbieters an und genehmige eine Lastschrift. Hatte ich sowieso vor, wegen des Ums Meers. Was ist der Mensch in Zerlegeung doch so angreifbar. Unkonzentriert. Auf herrlich natürliche Weise schludrig. Ich finde, man muss dazu stehen. Der Mitarbeiter an der Hotline ist sehr freundlich und äußerst verständnisvoll, will mir aber nichts garantieren. Mit korrekter Bestimmtheit gibt er mir zu verstehen, dass mir die Schlinge schon um den Hals liegt.
Aber auch positive Dinge: langsam werden die Finger einer Hand knapp, an denen ich die Zahl der SponsorInnen für Ums Meer abzählen kann. Morgen werde ich endlich an der SponsorInnen-Sektion arbeiten können und die Übersetzungen für das Projekt einbinden können.
Der hießige Offene Kanal möchte einen Fernsehclip über das Projekt drehen … es kommt mir vor wie Klettern. Der Halfdome der feinen Künste, tausend Meter hohe Steilwand der modernen Blogliteratur. Alles Leben ist Kelttern. Suchen nach selbst noch so wenigen Trittmöglichkeiten, Vorsprüngen, Absätzen, gut verkeilbaren Rissen, in denen man sich empor ackern kann.
Verzicht
Beim Ausstellungsbauen sind insbesondere die Konzeptkunstgeschichten wahre Ideenquellen, so dass ein gedachtes Projekt immer größer ist, als das, was am Ende tatsächlich zu sehen ist. Ist wie Eisberg. Das Meiste verbirgt sich unter der Wasserlinie. Da eigentlich immer zu wenig Zeit ist, um alle Ideen umzusetzen, habe ich schon vor langer Zeit eine Art Schichtenmodell des Ausstellungsbaus entwickelt, welches zwiebelschalenähnlich theoretisch alles umsetzbar macht, was das Künstlerhirn sich einfallen lässt. Theoretisch. Wegen Zeitmangels verzichte ich fast immer auf Feinheiten. So funktioniert es auch mit dem Putzen der Künstlerbude, der ich heute wegen Damenbesuchs mit Eimer und Lappen zu Leibe rücken musste. Theoretisch wäre Pikobello möglich gewesen. Aber da ich der Dame, SoSo, auch beim Umzug helfen wollte, hab ich die Ecken generös übersehen. Nun ist SoSos Wohnung ins Umzugsauto verpackt und sie haust bei mir in der Künstlerbude.
Ich sollte verzichten, nächsten Montag auf die Reise ums Meer zu starten. Manchmal denke ich, ich sollte ganz auf die Reise verzichten. Hab mal wieder drei Leben in eins gepackt. Das ist Kräftezehrend bis mörderisch.


