Bliesradweg bei Ingweiler
Km 0.14
Der „Kleine Uhu“ des Reiselebens
Wenige Stunden vor dem Start zur Nordseerunde liegen alle Europenner-Reiseutensilien auf dem Tisch im Atelier. Es erinnert mich an den Kult-Modellflieger der 70er Jahre, den kleinen Uhu. Balsaholzbausatz. Explosionszeichnung.
Auf der Südseite des einsamen Gehöfts koche ich Kaffee in der Sommer-Draußenküche. Nervös. Meisen ziehen Insekten aus der Rinne des Scheunendachs.
Ich sollte endlich diese vielen Gegenstände komprimieren. Besonderer Augenmerk auf die Kreditkarten. Nicht dass es mir so geht, wie am 17. April 2000, als ich versehentlich ohne Geld losgeradelt bin, weil die Bankkarten beim feinsäuberlichen Packen unter den Schrank gerutscht waren.
Ums Meer Projektstart Mittwoch 28. März
Kurz vor dem Aufbruch auf die dreimonatige Nordsee-Umrundung per Radel. Im Atelier und der Wohnung liegen überall Gegenstände, Zelt, Schlafsack, Werkzeug, Ladekabel, eine Kiste mit komprimierten Lebensmitteln, nur das Allernötigste.
Nun müssen noch die GPX-Files ins GPS oder im Kopf die halsbrecherische Entscheidung getroffen werden, ohne GPS loszufahren. Und ohne Karten. So wie Früher. Immer erst unterwegs nach dem Weg schauen, sich treiben lassen. Darauf wird es auch letztlich hinaus laufen.
Obschon auf meinem Schreibtisch ein Zettel liegt, auf den ich die ersten Etappenziele bis Boulogne sur Mer gekritzelt habe: Saarlouis, Esch sur Alzette ins Gaalgebirg auf 400 Metern Höhe – was wohl der höchste Punkt der Reise sein wird bis Schottland, irgendwann – Sedan, Hirson, Arras und Boulogne. Tja, Liebling, so wird meine Woche.
Vielleicht.
Nichts ist klar. Alles ist offen. Die grobe Skizze, die in der Projektbeschreibung eingefügt ist mit der Europakarte, ist abfotografiert von einem 20 Euro-Schein, die Kontur, die den Nordseeküstenradweg zeigt, ist einkopiert in die Bilddatei.
Gestern waren SoSo und ich bei dem befreundeten Künstlerpaar B. Es gab die beste Lasagne der Sickinger Höhe. Fast schon eine Henkersmahlzeit. Ich bin ungewöhnlich nervös dieser Tage. So nervös wie noch nie vor einer Reise. Wohl, weil sie so sehr an die große Glocke gehängt ist, mit dem Presse und Info-Backend, das SoSo aufgebaut hat. Ihre Arbeit trägt unglaubliche Früchte. Die Zeitungen berichten, zunächst nur regional in Zweibrücken. Noch habe ich ja nichts geleistet, noch ist die gesamte Runde ein Hirngespinst, Fiktion, die kurz vorm Wahrwerden steht. Aber durch die Zeitung ist der örtliche Fernsehsender aufmerksam geworden und bittet zum Studiobesuch, wenns klappt noch morgen. Auch ein Radiotermin steht noch an. Puuuh. Das Leben könnte so beschaulich sein, wenn ich wie gewohnt im Stillen reisen würde.
Um der Livereise-Sache willen scheint es mir dringend nötig, die Kreise ein bisschen größer zu ziehen. Somit ist es gut so wie es ist mit dem vielen Tamtam.
Künstlerin B., die die gestrige Henkers-Lasagne kredenzt hatte, regt einen bizarren Gedanken an: „Du solltest etwas mitnehmen auf die Reise und es jemandem überbringen.“-„Hä?“, zucke ich ratlos die Schulter, „Wassn mitnehmen und wem bringen?“ – „Das weiß ich auch nicht“, antwortet sie, „aber du solltest das machen, und das, was dir der Jemand gibt, dem du das Mitgenommene übergibst, das bringst du dann zu mir.“ Die Situation ist geradezu Paulo-Coelho-esque, der Tischwein war schwer und stimuliert meine Phantasie: Werde ich also etwas mitnehmen auf die Reise, von dem ich nicht weiß, was es ist, nur, dass es wertvoll ist, und das ich es jemandem überbringen werde, den ich weder kenne, noch eine Ahnung habe, wann und wo ich ihm begegne. Und er, oder sie, wird sich zu erkennen geben. Puuh. das fängt ja gut an.
Eine Grundrenovierung inmitten des Lebens
Frühjahrsputz. Und abendliches Grillen. Künstler P. fegt den Außenbereich auf der Südseite des einsamen Gehöfts, schürt Feuer, legt das Grillgut auf. Die lieben Freunde und Freundinnen! Während ich selbstgestochenen Löwenzahn putze, Eier koche, multitaskend einen griechischen Salat baue und eine 40 cm Pfanne mit vegetarischem Grillgut bestücke, wird mir klar, wie reich ich bin. Alleine wegen meiner lieben Freunde. Kein Pfennig in der Tasche und trotzdem so reich.
Wir müssen sowohl geben, als auch annehmen können, schießt es mir in den Sinn, sowohl loslassen, als auch im rechten Moment zupacken. Binsenweisheiten, aber guuut
Nun setzen SoSo und ich unsere beiden zerlegten Leben neu zusammen. Sie wird nächste Woche im Aargau in der Schweiz wieder Fuß fassen, „mit alles“ – Wohnung, Arbeit, pi, pa und po. Und ich starte voraussichtlich Mittwoch auf die 6000 km Reise ums Meer. Der Nordseeküstenradweg. Ganz schön mulmig. So „Nie“, wie ich 2010 Achthundert Kilometer wandernd zurück gelegt habe, habe ich auch 6000 km radelnd geschafft. Verdammt „Nie“. Am schwierigsten fällt mir, mir vorzustellen, mich für satte drei Monate aus meinem friedlich eingependelten Alltag zu entfernen. Spätabends wird mir das Problem endlich bewusst: das Leben ist nicht nur eine Kombination verschiedener Gewohnheiten, es ist eingebunden in das Gewohnheitsgewebe der lieben Mitmenschen und wenn ich meine Gewohnheiten für drei Monate so dramatisch ändere, dass ich faktisch nicht mehr existiere ( weil ich ja unterwegs bin), hat das auch Auswirkungen auf die Gewohnheitsgefüge meiner Liebsten.
Symbolisch könnte ich wohl von einer Totalrenovierung mitten im Leben sprechen.



