Das labyrinthische Türendilemma

Eisige Tage. Raureif auf den Bäumen. Hänge zwischen Blog und Geocache. Ein bisschen besorgt wegen der materiellen Dinge. Aber was wäre der Künstler, zumindest der Nonamekünstler, wenn er sich nicht ständig in der Krise befände? Und Geld, naja? Ach, man hat doch als Europäer sowieso alles was man sich wünscht.
Manchmal frage ich mich, wie ich arbeiten würde – mit Geld. Wie sähe dann meine Kunst aus? Geld ist ein bestimmender Faktor für das Aussehen der Dinge. Vermutlich besäße ich eine 100-Megapixelkamera mit 10.000 Gigabyte Speicher und permanenter GPS-Funktion ahahaha.
Das Problem ist: wenn ich von Anfang an unter guten materiellen Bedingungen gearbeitet hätte, wäre ich mit der Kunst nicht dort wo ich jetzt bin.
Das Künstlerleben wäre grundlegend anders verlaufen. Vielleicht wäre ich Maler, weil ich mir hätte Ölfarben und Leinwand leisten können. Oder Klavierspieler oder Geiger. Oder kein Künstler.
Letzte Woche, kam mir das in den Sinn und ich fabulierte einige Binsenweisheiten: Dinge, die teuer sind sehen aus wie Dinge, die teuer sind. Dinge, die billig sind sehen aus wie Dinge, die billig sind.
Nach einiger Zeit sehen Dinge, die teuer waren noch teurer aus und Dinge, die billig waren sehen aus wie Müll
.
Wie auch immer. Ich gebe es nicht gerne zu, aber die materiellen Umstände bestimmen, wie man sich entwickelt und wohin der Lebensweg führt. Das ist eine neutrale Feststellung und heißt nicht, dass Menschen mit wenig Geld schlechtere Menschen sind. Es ist einfach nur das Märchen vom Mann, der durch einen Irrgarten läuft. Von Zeit zu Zeit gibt es Türen, die die Strecke des Labyrinths abkürzen. Aber der Mann hat für diese Türen keinen Schlüssel. Bei jeder Tür bleibt er stehen und probiert, ob sie vielleicht offen ist. Er klopft an, wartet, geht weiter. Auf seinem Weg durchs Labyrinth erlebt er Abenteuer, die er nie erlebt hätte, wenn er den Schlüssel zur ersten Tür gehabt hätte. Er lernt Dinge, die er nie gelernt hätte, wenn er eine Abkürzung genommen hätte.
Irgendwann kommt der Mann an eine unverschlossene Tür. Er öffnet sie und geht auf der anderen Seite weiter. Noch immer befindet er sich im Labyrinth. Noch immer findet er Türen, die verschlossen sind. Aber nun ist er nicht sicher, ob er diese Türen nicht schon von der anderen Seite gesehen hat. Was für ein Dilemma! Wenn ihm nun jemand begegnen würde, der einen Schlüssel besitzt und der ihm die Tür öffnen würde.

Worte jenseits des Tellerrands

Nu hocke ich ganz demütig in der Künstlerbude. Kopf noch ein wenig matsche weil erkältet, aber hey, das wird schon wieder. Ich habe zum Glück eine äußerst spannende Beschäftigung: WordPress.

Wenn man sich in der Administration von WordPress anmeldet, taucht als erstes ein Tableau Tellerrand auf, welches einige Links bereithält.

Jener Tellerrand,  den zu überwinden es gilt. Das Experiment boxt einen weit in die Welt des weltweiten Netzes. Will sagen: nachdem ich mit meinem Bloggerraumschiff den Planet Myblog verlassen habe, stoße ich in ganz neue Sphären vor. Kugelsternhaufen wie RSS und die unverschämte Kälte der XHTML-validierbaren Internetseiten. Das ist nicht negativ gemeint.

Wie auch immer. Zwischen den Jahren putzte ich die Zähne bei Kokolores im wohlbeheizten Badezimmer.  Der Wasserhahn hat einen Hebel, mit dem man die Temperatur regulieren kann. Während ich schrubbte, ausspuckte und lauwarmes Wasser zum Spülen verwendete, wurde mir bewusst, dass mir noch nie bewusst war, welche Technik sich hinter solch einem simplen Hebel verbirgt. Will sagen: es war mir bisher egal, Hauptsache, das Wasser ist warm.

Genauso ist es mit der Myblog-Plattform: wenn man oben aufdreht kommt unten wohl temperiertes Blog heraus. Trotzdem: mit WordPress auf etwas anderes gestoßen, welches vielleicht die Supermischbatterie der bloggolerischen Erkenntnis sein könnte?
Das Leben ist Sokratesk (Link existiert nicht mehr).

(Nachtrag 9.11.2013: Mittlerweile ist WordPress zum beliebtesten Blogsystem weltweit gewachsen. Der Tellerrand heißt schon lange nicht mehr Tellerrand, sondern schlicht wie im Englischen Original Dashboard.)

Vom Wert des Menschen

Gestern wäre viel zu berichten gewesen. Ich erinnere mich, mehr oder weniger, den ganzen Tag am PC verbracht zu haben. Zwischendruch kam Konzeptkünstler R. zu Besuch. Er hatte seinen Kopf mit Moos und Flechten geschmückt. An der Wolljacke waren ganze Äste befestigt. So betrat er die Wohnung, setzte sich auf die Treppe und ich weiß nicht mehr wie, aber wir gerieten in Streit um den Wert des Menschen.
R. provozierte mich mit den Worten: „Na, noch immer Steuererklärung? Das wäre doch nicht nötig. Wenn alle so leben würden wie ich, bräuchte es solchen Quatsch nicht.“ Schon war ich versucht beizupflichten, fühlte mich aber durch seine Aussage provoziert. Ich schaltete auf stur.
– „Das Geld ist übermächtig,“ sagte ich, „wo du auch hinschaust ist Geld. Alles wird bewertet und umgerechnet. Du wirst wohl nichts Unbezahltes in dieser Welt finden.“
– „Aber es kann doch nicht sein, dass wir einem Schein wie Geld solche Bedeutung zumessen?“ zweifelte R. „Das ist nicht richtig. Wir sind doch Lebewesen.“
– „Auch wir lassen uns in Geld messen. Je mehr du verdienst, desto mehr bist du wert. Je besser deine Ausbildung ist, desto gieriger lecken sie die Finger nach deiner Arbeitskraft. Wenn man will, kann man grundsätzlich alles auf dieser Welt in Geld umrechnen. Jedes Ding, jede Dienstleistung, mehr noch: es gibt nichts Unbezahltes. Versteh‘ mich nicht falsch, aber siehst du hier irgendwo im Raum etwas, was nichts gekostet hat? Der Fußboden war teuer, die Tapeten und der Vorhang. Alles wurde irgendwann bezahlt.“
– „Was ist mit dem Schreibtisch? Ich erinnere mich, dass ich dir geholfen habe, ihn vom Sperrmüll zu holen. Der hat nichts gekostet.“
– „Nicht ganz richtig. Nur weil er mich nichts gekostet hat, muss er noch lange nicht nie etwas gekostet haben. Ich bin mir sicher, irgendwann wurde er einmal von Menschen für Menschen mit der Absicht der Gewinnerzielung hergestellt. Gekauft, bezahlt, benutzt.“
– „Wenn deine Theorie stimmt, dann wäre ein Mensch wie ich also weniger wert, als ein Mensch wie du. Ich habe noch nie für Geld gearbeitet.“ sagte R. enttäuscht.
Es schmerzte mich, dass ich ihn mit dieser Aussage getroffen zu haben schien.
– „Es ist ja nur eine Annahme, verstehst du. Ich meine dich nicht persönlich. Nach diesen Maßstäben bin ich selbst nicht gerade viel wert. Wir Freiberufler sind die hungerleidenden Betteltiere dieser Gesellschaft. Nicht wirklich gescheitert, fristen wir ein Schattendasein.“ Ich tippte ein paar Buchstaben in einem Textprogramm. „Aber theoretisch kostet jeder Buchstabe, den ich hier tippe Geld. Sein Wert errechnet sich aus den Gesamteinnahmen, die mir aus der Textgestaltung entstehen, geteilt durch die Anzahl der Buchstaben, Satz- und Leerzeichen. Ein A kostet Nullkommanullnullnullnochwas.“
Demonstrativ ließ ich den Finger von weit oben auf das A fallen. „Da! Da! Da und nochmal Da!“

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

R. fixierte einen Punkt im Nichts unweit des Telefons.

Wenn man uns so sehen würde, zum Beispiel mit den Augen eines außerirdischen Forschers, würde man sicherlich zu dem Schluss kommen, da sitzen zwei Lebewesen. Sie atmen. Sie transpirieren. Komplizierte chemische Prozesse, die man messen kann, ereignen sich in ihnen und um sie herum.
Dass zwischen uns auf dem Boden eine Ansammlung von Kassenzetteln lag und am Fenster eine Lohnsteuerkarte befestigt war, würde dem Forscher sicherlich Rätsel aufgeben: Ist es für das Überleben dieser Spezies wichtig, Papierstückchen nach einem bestimmten Schema zu sortieren und die Zahlen, die auf sie gedruckt sind tabellarisch zu erfassen und mittels komplizierter, vermutlich mathematisch gesteuerter Regeln zu sortieren?

Soweit ich mich erinnere, tippte ich genau die obigen Zeilen, während R. in seinem komischen Kostüm als Baum auf meiner Treppe saß. Das ist bizarr, dachte ich, das darfst du niemandem erzählen. Die Leute halten dich für verrückt. Tagelang verkriechst du dich in deiner Bude und was weiß der Geier was du tust, verplemperst deine Zeit in seltsamen Projekten, dann kommt ein schräger Typ zu Besuch, verbreitet modrigen Geruch in der Wohnung und zettelt einen Konflikt an zum Thema Wert des Menschen.
Das passt ha! Du bist selbst nichts wert. Wieviel hast du im letzten Monat verdient?
Und so weiter und so fort.

R. beobachtete mich, wie ich vor mich hin tippte. Er hatte, soweit ich weiß, nie eine geregelte Arbeit. Früher habe er Kunst verkauft. Eigene Werke. Riesige Gemälde, die so sehr Oil on Canvas waren, dass man sie unter dieser Bezeichnung sogar an Sammler in den USA verkaufte. Auch eine rotlippige Koreanerin habe zu seinen Kunden gehört.

Als ich R. vor drei Jahren kennenlernte, spazierte er nackt am Rheinufer und sammelte Steine. Er schichtete sie im seichten Wasser einer Sandbank zu einem gut anderthalb Meter hohen Stapel. Ein Monument der Vergänglichkeit. Hätte ich damals schon einen Satelitennavigator besessen, so hätte ich den Punkt wahrscheinlich eingemessen.
Der Steinstapel erinnerte mich an die Steinstapel, wie man sie in Island an exponierten Wegpunkten findet. Dort sind sie allerdings größer und dort werden sie nicht von nur einem Menschen gebaut, sondern sie entstehen aus dem Glauben, es bringe Glück, wenn man als Reisender einen Stein auf den Stapel legt. Die isländischen Steinstapel sind Ausgeburt gemeinschaftlichen Glaubens oder Aberglaubens.
Irgendwie kam ich mit R. ins Gespräch. „Warum baust du den Stapel so nah am Wasser?“ fragte ich. „Das nächste Hochwasser wird ihn wieder wegschwemmen.“ Da erklärte er mir seine seltsame Vorgehensweise: „Zunächst setze ich mich ans Ufer und beobachte. Das kann stundenlang dauern. Manchmal einen ganzen Tag. Bis ich den markantesten Punkt gefunden habe.“
– „Du meinst die Mitte des Bilds?“
– „Exakt. Und an dieser Stelle errichte ich das Monument. Es spielt keine Rolle, wie lange es stehen bleibt. Wichtig ist nur, dass ich das Monument an genau dieser Stelle errichte.“

Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Steinstapel – er stand in der südlichsten Ecke des Fürstentums Liechtenstein mit Blick auf die Gegend der Schweiz, welche man Heidiland nennt – nur Teil eines gigantischen Kunstprojekts ist. R. bereiste den Rhein von der Quelle bis zur Mündung. Alle 50 km errichtete er ein Monument, stets in der Mitte des Bildes. Das Projekt zog sich über mehrere Jahre. Derweil führte R. das Leben eines Bettlers. Im o.g. Sinne des Wertfindens eines Menschen könnte man sagen, er habe in dieser Zeit den absoluten Nullpunkt erreicht, wenn nicht gar unterschritten. Keine Ahnung wovon er damals lebte. Er hatte einmal behauptet: „Ich nehme was der Fluss mir gibt.“

Ich bin mir nun, da ich dies schreibe, nicht mehr sicher, ob man den Wert des Menschen tatsächlich in Geld messen kann. Von außen betrachtet und mit den Maßstäben der Gesellschaft gesehen sicherlich ja. Aber je mehr ich über R.s Idee von der Mitte des Bildes nachdenke, desto mehr steigert sich das Gefühl fürs Unsichtbare. Für die Dinge, die noch im Dunst einer unbestimmten Zukunft warten und auch für jene Dinge, die längst in einer Wolke des Vergessens in der Vergangenheit zurück geblieben sind.