Gartenbau 2.0

Wenn schon Garten und HTML in einen Topf werfen, dann wäre es klasse, wenn man die Bohnen durch simples Auskommentieren unsichtbar machen könnte, um sie vor den Schnecken zu schützen. Oder die Wurzeln der Salatpflanzen mit einer PHP-Funktion erst dann einbinden, wenn die Wühlmäuse schlafen. Und das Dillrätsel: wer ist Schuld, dass er so schlecht wächst? Der Maulwurf, der das Beet zerwühlt, oder der Mensch, moi même, der die Saat über dem Maulwurfbau ausgebracht hat?

HTML im Garten

Auf der Südterrasse vor dem ehemaligen Rinderstall Nichtstun üben. Das ist gar nicht so einfach, wenn man neben dem Nichtstun auch noch nichts denken will. Wind rauscht durch zwanzig Meter hohe Pappeln. Der Gemüsegarten liegt gepflegt wie eine zeitgemäße Homepage, dreispaltig mit Zwiebeln und Mohrrüben und im Contentbereich eine Phalanx Kartoffeln. Der Header besteht aus zehn Zucchinipflanzen und als Seitenuntertitel dienen Stangenbohnen. Versteckt das Impressum, die AGB und eine Sitemap aus Petersilie und Schnittlauch am östlichen Ende des Gartens.
Nichtstun durchwirkt von etlichen Du-solltest-endlich-mals. Zum Beispiel den Blogartikel „Wie ein Dackel vor spaltweitoffener Tür“ schreiben. Der handelt auch vom Nichtstun und wie das Leben sequentiell an einem vorüberzieht. Ein Höhlengleichnis mit Hund sozusagen. Und du solltest endlich mal das Seminar „HTML im Garten“ formulieren. Homepagebauen und Garten anlegen sind nämlich frappierend artverwandt. Das weiß ich seit über zehn Jahren und so alt ist auch die Idee mit dem Seminar. Nur eben: das Leben walzt einen immer so platt und es gibt ja so vieles anderes zu tun. Und HTML im Garten kann warten und überhaupt: wer braucht denn heute noch HTML?

Derjenige, der unabhängig sein will braucht HTML. Derjenige, der sich nicht von irgendwelchen Webdesignfuzzies auf den Füßen rumtrampeln lassen will braucht es. Und derjenige, der frei sein will. Und das ist noch so eine Gemeinsamkeit, die die Auszeichnungssprache des Internet mit dem Garten hat, Freiheit. Das wurde mir klar, als ich im Lebensmittelladen vor dem Tomatenmarktubenregal stand und überlegte, in welcher Tube am wenigsten Gift ist, welche die am wenigsten qualvolle Wanderarbeiterschinderei enthält. Du weißt es nicht, du weißt es nicht. Kurzerhand kaufe ich eine abgewrackte Tomatenpflanze, die den Kopf schon ziemlich hängen lässt und pflanze sie sofort in den eigentlich unsichtbaren Headbereich des Gartens, quasi das Metatag des Gemüseanbaus mit Expireattribut Herbst 2014. (Das Letzte, das muss man nicht verstehen und es ist auch weit hergeholt, aber in dem Seminar HTML im Garten kommt das bestimmt zur Sprache).

Den Brennnesseln zu Leibe rücken

Mit der Sense, die so stumpf ist, dass man sie getrost Kindern zum Der-Tod-spielen geben könnte, rücke ich den Brennnesseln zu Leibe. Friedlich stehen sie am Zaun und sie stören eigentlich nicht. Sie nehmen keiner meiner Nutzpflanzen Licht, Stickstoff oder andere Nähestoffe und da sie längst verblüht sind, konkurrieren sie auch nicht um Bienenbesuch mit dem spätblühenden Apfelbaum. Sie müssen eigentlich nur sterben, weil das Bild von der Welt, das ich mir mache einen Zaun vorsieht quasi mit Kurzhaarfrisur, schön gerade, geradezu einschneidend gerade. Einen Großteil seiner Lebenszeit verbringt der Mensch damit, der Natur nicht ihren Lauf zu lassen. Nicht immer artet das in Rasentrimmexzesse aus.
Ich muss das Vorwort zu Schon wieder ein Jakobsweg (als eBook und gedruckt bestellbar) neu bedenken. Dort heißt es in etwa:

Wenn du einen verwilderten Garten dein eigen nennst, und dir insgeheim vorstellst, wie er gepflegt aussieht, ist es dann nicht an der Zeit, ihm mit Hacke und Spaten zu Leibe zu rücken …

Ich kriege das aus dem Gedächtnis nicht mehr so genau hin. Es ist seit dem Brennnesselmassaker vorhin ohnehin obsolet. Besser müsste es heißen:

Finde heraus, ob die Welt, wie du sie dir vorstellst, viel zu kleingeistig gedacht ist und wachse mit jedem Widerspruch, den du in dir entlarvst.

Appspressionismus

Appspressionismus, der; Kunstrichtung des frühen 21. Jahrhunderts. Appspressionistische Kunstwerke werden so lange wie möglich in einem unmateriellen Zustand gehalten. Bevorzugt auf dem Smartphone oder Tablet, nutzen die Appspressionisten die zur Verfügung stehenden Apps (Software) auf dem Arbeitsgerät. Zum Einsatz kommen Foto-, Zeichen-, Musik-, oder Funsoftware, sowie Textsoftware und Datenübermittlungs-, bzw. Shopsoftware, um die Kunstwerke direkt via Datennetz und Onlinebestellung in die Galerie oder zum Kunstsammler zu übermitteln.

Jürgen Rinck - I'm ASCII appspressionistische Smartphonekunst 2014
„I’m ASCII“ – erstellt auf IOS mit Flashface (eine Funapp zur Erstellung von Phantombildern, sie liefert die Brille), alle anderen Bildelemente und der Rahmen wurden mit Polamatic erstellt. Hierbei wurde iterativ die Textfunktion genutzt, die neben normalen Schriftzeichen des Ascii Zeichensatzes auch Symbole wie Nase und Mund erlaubt. Die Brillenbügel bestehen aus Backslash und Slash, Haare sind Pipe-Zeichen und Bindestriche, Augen sind Os, in die Gradzeichen als Pupillen eingesetzt wurden. Die Sprechblase ist ein weiteres Icon, dessen ursprünglicher Inhalt (drei Punkte) mit einem weißen Zeichen überstempelt wurde, um einen halbwegs sauberen Hintergrund für den Text „I’m ASCII“ zu generieren.
Dieser Blogeintrag wurde auch per App verfasst und publiziert und gilt somit ebenso als appspressionistisches Dokument.