Den Brennnesseln zu Leibe rücken
Mit der Sense, die so stumpf ist, dass man sie getrost Kindern zum Der-Tod-spielen geben könnte, rücke ich den Brennnesseln zu Leibe. Friedlich stehen sie am Zaun und sie stören eigentlich nicht. Sie nehmen keiner meiner Nutzpflanzen Licht, Stickstoff oder andere Nähestoffe und da sie längst verblüht sind, konkurrieren sie auch nicht um Bienenbesuch mit dem spätblühenden Apfelbaum. Sie müssen eigentlich nur sterben, weil das Bild von der Welt, das ich mir mache einen Zaun vorsieht quasi mit Kurzhaarfrisur, schön gerade, geradezu einschneidend gerade. Einen Großteil seiner Lebenszeit verbringt der Mensch damit, der Natur nicht ihren Lauf zu lassen. Nicht immer artet das in Rasentrimmexzesse aus.
Ich muss das Vorwort zu Schon wieder ein Jakobsweg (als eBook und gedruckt bestellbar) neu bedenken. Dort heißt es in etwa:
Wenn du einen verwilderten Garten dein eigen nennst, und dir insgeheim vorstellst, wie er gepflegt aussieht, ist es dann nicht an der Zeit, ihm mit Hacke und Spaten zu Leibe zu rücken …
Ich kriege das aus dem Gedächtnis nicht mehr so genau hin. Es ist seit dem Brennnesselmassaker vorhin ohnehin obsolet. Besser müsste es heißen:
Finde heraus, ob die Welt, wie du sie dir vorstellst, viel zu kleingeistig gedacht ist und wachse mit jedem Widerspruch, den du in dir entlarvst.
Appspressionismus
Appspressionismus, der; Kunstrichtung des frühen 21. Jahrhunderts. Appspressionistische Kunstwerke werden so lange wie möglich in einem unmateriellen Zustand gehalten. Bevorzugt auf dem Smartphone oder Tablet, nutzen die Appspressionisten die zur Verfügung stehenden Apps (Software) auf dem Arbeitsgerät. Zum Einsatz kommen Foto-, Zeichen-, Musik-, oder Funsoftware, sowie Textsoftware und Datenübermittlungs-, bzw. Shopsoftware, um die Kunstwerke direkt via Datennetz und Onlinebestellung in die Galerie oder zum Kunstsammler zu übermitteln.

„I’m ASCII“ – erstellt auf IOS mit Flashface (eine Funapp zur Erstellung von Phantombildern, sie liefert die Brille), alle anderen Bildelemente und der Rahmen wurden mit Polamatic erstellt. Hierbei wurde iterativ die Textfunktion genutzt, die neben normalen Schriftzeichen des Ascii Zeichensatzes auch Symbole wie Nase und Mund erlaubt. Die Brillenbügel bestehen aus Backslash und Slash, Haare sind Pipe-Zeichen und Bindestriche, Augen sind Os, in die Gradzeichen als Pupillen eingesetzt wurden. Die Sprechblase ist ein weiteres Icon, dessen ursprünglicher Inhalt (drei Punkte) mit einem weißen Zeichen überstempelt wurde, um einen halbwegs sauberen Hintergrund für den Text „I’m ASCII“ zu generieren.
Dieser Blogeintrag wurde auch per App verfasst und publiziert und gilt somit ebenso als appspressionistisches Dokument.
Reisejournalismusfotoliteraturdingsda
Seit Langem liegen zwei Liveschreibprojekte in der Schublade, bei denen die Zusammenarbeit mit Printmedien nötig wäre. Am Besten mit Tageszeitungen. Wie ein Pferd, das beim Turnier verweigert, mache ich immer mal wieder einen Anlauf, bremse kurz vor dem Hindernis, werfe den inneren Dressurreiter ab. Und drehe vor den Augen des Wettvolks, seitlich schielend, schnaubend, angeschlagen meine Runde auf der Rennwiese.
„Es käme einer Operation am offenen Herzen des Journalismus gleich“, erzähle ich gestern meinem Freund Journalist F. Gestikulierend wie ein Südländer breite ich eine imaginäre Karte vor Ihm aus, beschreibe das große Nichts ohne Fix- und Angelpunkt, das vor mir liegt, wenn, ja wenn ich das Projekt endlich durchziehe.
Das größte Problem des Lifeschreibens ist, dass nichts geschrieben wird, wenn man nicht schreibt, wie auch das größte Problem des Schreibens selbst darin besteht, dass nichts geschrieben wird, wenn man nichts schreibt. Beim Lifeschreiben kommt hinzu, dass man kein Thema hat, wenn man sich nicht von der Stelle bewegt. Und ohne Thema, selbst beim besten Willen, worüber sollte man dann schreiben? Auf den Lifereisen um die Nordsee und auf dem Jakobsweg habe ich die Themen aus den Tiefen meiner Seele geholt, wenn mir nichts eingefallen ist. Aber damit kann ich einer Tageszeitung nicht kommen. Das sieht mehr nach narzistischem Künstleregotripp aus, nicht nach Berichterstattung. „Das ist das Hindernis!“ flüstert Journalist F. , „Der Versuch, die Methoden der herkömmlichen Schreibe, journalistisch, literarisch, lyrisch, egal welchen Genres, auf die Literatur, die Lyrik und den Journalismus des Internetzeitalters anzuwenden. Weißt du, wie man ein Hindernis überwindet, um mal beim Pferdebild zu bleiben?“ „Ämm? Drüberspringen?!“ „Und …? …alternativ?“ „Darum herum laufen? Aber das ist doch keine Lösung. Das will doch auf der Rennwiese des Lebens niemand sehen. Die Leute wetten nicht auf Alternativdenken. Und überhaupt, werfen wir doch jetzt Spring-, Dressur-und Rennreiten in einen Topf.“ „Exakt. So ist es nunmal im Internet. Die verschiedenen Disziplinen mischen sich zu einer neuen, verstörenden, gewöhnungsbedürftigen Gesamtdisziplin, für die es vielleicht jetzt noch wenig Freunde gibt.“
Langsam formiert sich ein abstraktes Bild des Reisejournalismusfotoliteraturdingsda. Irgendwie angesiedelt auf der Rennwiese des Lebens, angereichert mit Minimaldudenkenntnissen, dem Wissen um eine unheimliche Datenbank, die zu füttern es gilt, und mit programmiererischen Kenntnissen, garniert mit ein bisschen Mut und dem Tatendrang, blind ins Nichts vorzustoßen, in der Hoffnung, schon nach wenigen Metern mit etwas belohnt zu werden, vor dem man ehrfürchtig und dankbar auf die Knie geht.
„Aber diesen Satz,“ höre ich Jounalist F. sagen, „der da oben steht, den wirst du so nicht schreiben, oder?“ „Nein. Da gehe ich drumrum“.
Die Kelten, einigen wir uns auf die Kelten
„Fünf keltische Schwerverbrecher hat man einst kopfstehend hier beerdigt“, behaupte ich, „weiß Gott, welch abscheuliche Taten sie begangen haben und das ist ein paartausend Jahre her, jaja, das war damals so üblich, Schwerverbrecher kopfnachunten zu beerdigen, womöglich lebendig?“ Wir stehen vor dem Beet, meine Mutter, ein Freund der Familie und ich, mitten im Garten, der in voller Frühlingsblüte steht, Kartoffeln sprießen, Petersilie, Mohrrüben, Tomaten, Paprika, allmögliches Zeug wächst. Überall, nur nicht in diesem fünf Meter langen, sechzig Zentimeter breiten Stück Land. Was haben wir nicht alles versucht: Erbsen gelegt und gewartet, aber nichts keimte, nach Wochen in der Tiefe nachgeschaut, die Saat war verdorben, Salat, schon am nächsten Tag war er verschwunden, Bohnen, Rote Beete. Nichts wächst in diesem Beet. „Wenn wir Amerikaner wären, stephenkingesque Unheimlichkeitsamerikaner im Nordosten der USA, würde ich ja sagen, das Land ist verhext, es war einmal ein Indianerfriedhof … großes Unheil über alle, die es betreten oder gar bepflanzen wollen, aber hier, im friedlichen Europa?“ Wie kann das gehen, dass da nichts wächst? Die Kelten! Einigen wir uns auf die Kelten.
