Laaangweilig! #flussnoten #ibcoco

Was habe ich geflucht, dabei wusste ich doch genau, dass der Radweg schnurgerade an einem Kanal aus Straßburg hinaus führt, zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig Kilometer weit. Laaangweilig stöhnte ich wieder und wieder und begab mich für einige Stunden auf Forschungsreise im eigenen Seelengewebe. Wenn man genau in sich hört, kann man die Kräfte hören, die während des Haderns mit Unabänderlichkeiten in einem malmen und wirken. Wie ein Reiben von Knochen auf Knochen, schmerzhaft, unsichtbar, unheimlich, die Umstände da draußen passen dir nicht, dein Hirn schaltet in den Hadermodus und versetzt den armen, unschuldigen Körper in eine sklavische Situation, in der er mit seinen beschränkten Mitteln tunlichst machen soll, dass das aufhört. Das unheimlich flache Land. Der schmale Kanal, der sich immerhin nach einigen zig Kilometern in ein renaturierndes Etwas verwandelt, das nicht mehr schiffbar ist, das sich selbst überlassen wurde, in dem Vögel dümpeln, Wasserratten, allerlei Getier, gesäumt wird das unnatürliche Rinnsal, das vor hunderten von Jahren als Wasserstraße gegraben wurde, von dichtem Auwald. Insekten allüberall, bunte Libellen, eigentlich ein Wunderland, das durchaus sehr schön ist, aber dein Hirn klammert sich an dem Begriff Laaangweilig fest und es erklärt das Außen als Nichtachtenswert, als unbedingt so schnell wie möglich zu durchqueren, damit die Einheit, Körper Geist bald wieder in „schöneren“ Gefielden wandeln kann. Und so trittst du rein und gibst alles. Der Radweg ist durchweg geteert. Nur ab und zu wird er für einige hundert Meter etwas unbequem, weil Wurzeln sich dicht unter dem Teer voranbohren und eine Art Wellblechpiste verursachen. Die Vorhut von Bautrupps hat die Wurzelwellen mit neongelbem Spray markiert, was aussieht wie Kunst. Platanen manchmal, mit solllchem Durchmesser. Und Angler. Hun-der-te. Die Elsässer kennen mehr Ausprägungen von Anglern, als die Eskimos Worte für Schnee haben: Angler mit Baskenmütze, Angler mit Camouflage-Anzügen, mit Schirm, Bierbauch, Pfeife, Gauloise Caporal, Zopf, rotnasige Angler, weintrinkende Angler, welche mit Pastis, im Illkanal gekühlt, Angler ohne Oberkleidung … an solchen Sachen ergötzt sich das Hirn und vergisst manchmal, den armen Körper anzutreiben. Die Oberschenkel schmerzen. Sie sind müde. Immer wenn die Laaangeweile durchdringt, wird das Kräftepaar, los, voran, weiter weiter weiter und der Schmerz, der aus dem Unvermögen, es geht nunmal nicht schneller rührt, unerträglich. Dann sucht sich das Auge Anhaltspunkte. Die Beschilderung wurde ausgebaut am Radweg, seit ich ihn 2014 radelte. Es gibt nun Hinweisschilder auf die Orte abseits. Der Kanal führt nie direkt durch ein Dorf. Auch gibt es mittlerweile Tafeln, auf denen man Hinweise auf Sehenswertes, Übernachtungsmöglichkeiten und Infrastruktur findet. Es geht voran. Aber immer noch dieses verflixte Marckolsheim! Schon 2014 fiel es mir auf. Zuerst ein Schild, auf dem steht, es sei 26,5 Kilometer entfernt, ein paar Kilometer weiter eines, auf dem 29 Kilometer steht, dann 30, irgendwann kommt dann eine Serie von Schildern, auf denen der Ort 4 Kilometer entfernt ist. Als ob es die Hinweisschilder im Zehnerpack billiger gab und ein findiger Radwegebaubeamter sich sagte, hey, da sparen wir dem Steuerzahler Geld. Die schwimmenden Siedlungen des Elsass. Marckolsheim eines der großen Mysterien unserer Zeit.Schließlich erreiche ich es dann doch, dieses Marckolsheim. Der Kanalradweg endet dort. Bzw. er biegt nach Westen ab hinauf in die Vogesen bis nach Colmar. Ich will aber nach Süden. Entweder radele ich durch die Dörfer nach Neuf-Brisach … das Hirn warnt, das war laaangweilig, damals 2014, okay okay, so schuftet sich der Körper also fünf Kilometer weit auf der Hauptstraße bis zur Schleuse bei Sasbach, rüber nach Deutschland, weiter am Rhein. Eine gute Wahl! Es läuft besser. Die Kräfte im Innern haben sich geeinigt, wirken nicht mehr gegeneinander. Es geht mir besser, im ruhigen Einklang drifte ich auf einem Kiesradweg am Rheindamm.

Der zweite Reisetag. Zwischen Breisach und Neuenburg findet sich ein feines Lagerplätzchen unter uralten Eichen. Die Autobahn rauscht auf der einen Seite und jenseits des Altrheinarms hört man die Rheinschiffe brummen.

Eine neue Straßenkarte für dein Leben, Herr Irgendlink? #IBCOCO

Beim Lesen meiner alten Roadmap diese Woche wurden mir zwei Dinge klar: erstens, ich merke gar nicht, in welchem Ausmaß mein künstlerisches und literarisches Schaffen voranschreitet. Einige zeitaufwendige Projekte konnte ich in den letzten drei Jahren realisieren. Im Liveblog radelte ich ans Nordkap und nach Gibraltar. Done. Ich stelle fest, ES GEHT MICH. Sozusagen. Und zweitens: weitermachen. Deshalb habe ich die drei Jahre alte Roadmap aus der Navigation genommen und eine neue, ungefähre Skizze mit Projekten und Büchern, die mir am Herzen liegen, geschrieben.

Eine grobe zeitliche Überschlagung ergibt fünfzig Monate Arbeit, wenn ich alles, was in der Roadmap gelistet ist realisieren will. Ich muss mir also überlegen, wie ich strukturiert weiterarbeiten kann.

Cover der vorläufigen Heiko Moorlander Biografie - verlassener Truck auf Erdhügel im siebziger Jahre Stil, bläulich gelb verwaschene Farbtöne.
Cover der vorläufigen Heiko Moorlander Biografie

Viele Fäden sind im Spiel. Ich werde sie weiterspinnen. Vorab und zum Wochenschluss lädt gerade eine Preview der Biografie von Heiko Moorlander auf den Server. 32 Seiten nur, aber immerhin ein Anfang. Zum Download des Expeditionen ins Erdreich eBooks.

Wie geht es nun weiter mit dem irgendlinkschen Kunst- und Schreibkomplex? Wie bisher, aber strukturierter und mit erhöhter Absicht, von Kunst und vom Schreiben leben zu können.

Übrigens, einen Punkt auf der Roadmap werde ich schon ab nächstem Wochenende in Angriff nehmen. Gemeinsam mit Sofasophia werde ich den Rhein hinabwandern.

Wir bloggen live und Ihr kommt mit, wenn ihr mögt. Flussnoten.de

 

 

Vorblicke #Flussnoten #ibcoco

Ab etwa achten Juli werden Frau SoSo und ich den Rhein ab Tomasee abwärts wandern. Vielleicht schaffen wir es bis zum Bodensee. Wir haben drei Wochen Zeit und schlendern um die zehn Kilometer pro Tag. Dazwischen bleibt viel Zeit zum Bloggen und Twittern.

Auf dem brandneuen Blog http://flussnoten.de kann man der Reise live folgen. Eventuell werden wir Postkarten von unterwegs schicken. Eventuell setze ich die Reise ab dem Endpunkt der Wanderung fort bis zur Mündung des Rheins in die Nordsee. Vielleicht vielleicht … vieles ist offen. Das Projekt wird sich sicher ganz von selbst entwickeln.

Für das vergangene Reisekunstprojekt, per Fahrrad von Zweibrücken nach Gibraltar, habe ich vor einiger Zeit ein Poster erstellt, das, wie seit der Umrundung der Nordsee üblich, auf 42 Stück limitiert ist.

Noch bis nächsten Samstag, (2. Juli 2016) könnt Ihr es zum Ausgabepreis von 40 Euro bestellen (zuzüglich Versandkosten). Danach kostet es, ebenso wie die beiden anderen Poster 60 Euro.

In diesem Artikel kann man sich die Kunstwerke anschauen.

Ich habe mir nun noch etwa ein Jahr eingeräumt, indem ich mich intensiv mit Schreiben und Kunstschaffen beschäftige. Greife alte Projekte auf und feile an den Feinheiten des „Was-bisher-geschah“.

Mindestens ein druckbarer Roman/Buch soll am Ende vom Fließband der feinen Künste fallen. Vielleicht die Biografie der Mudartlegende Heiko Moorlander? Daran arbeitete ich in den letzten Tagen wieder. Es gibt viele ungeschriebene skurrile Geschichten über den millionenschweren amerikanischen Landart-Künstler, der einen Teil seiner Kindheit in meiner Heimatstadt verbracht hat. Im Blog Erdversteck.de sammele ich sie. Die Lücke zwischen 2015 und jetzt fülle ich nach und nach auf. Es lohnt sich (vor allem für diejenigen unter den Irgendlink-LeserInnen, die eher auf der skurrilen Seite des Lebens stehen), im Erdversteck öfter mal reinzuschauen.

Projekte gibt es zur Nöche. Vom bauesoterischen Krimi über den Zukunftsroman der feinen Künste bis zum gesellschaftskritischen Angestelltenroman liegen einige Ideen auf Halde.

Mehr Diziblin, Muschi #ibcoco

Wo fange ich an, wenn ich längst angefangen habe, aber alles was angefangen wurde und im Gange ist, so unsichtbar ist, dass man nicht sieht, dass es begonnen hat?

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Mitten im Leben sammelt sich der Fluß zu einem See, der, von außen betrachtet, ruhig, liegend, nimmer fortbeweglich wirkt. Nur der Fachmann für Seen, die Flüsse unterbrechen, vermag vielleicht zu erkennen, dass der See nur eine beschauliche Schönwetterwarmwasseransammlung suggeriert, unter deren Oberfläche kalt der Fluss in Wirbeln und Strudeln abtaucht, in unerreichbarer Tiefe bei hohem Druck seinen Weg sucht bis zum Ende des Sees, wo er gewärmt aber ungezähmt austritt und seine Reise fortsetzt.

So komme ich mir gerade vor. Sammeln neuer Kräfte, mich mischend mit all dem Vielen. Abtauchen, taktieren, mich durchschlängeln, die Luft anhalten und schließlich da weiter zu machen, wo ich vor dem großen Schwurbelwirbelchaos aufgehört habe.

Ein Buch ist entstanden, das ich eigentlich schon vor zwanzig Jahren hätte schreiben wollen. In fünfzig Tagen, die ich von Zweibrücken nach Gibraltar radelte, habe ich live, täglich zum Mitlesen meinen Roman ‚Europenner‘ geschrieben. Wenn ich ihn vor zwanzig Jahren geschrieben hätte, wäre es ein vollkommen anderes Buch als es jetzt ist und die Versionen vor fünfzehn, zehn oder zwei Jahren wären auch völlig andere Versionen. Mal wäre es eine Liebesgeschichte geworden, mal ein Reisebuch à la Jack Kerouac, mal ein komplizierter Roman, der vom Tunnelbau handelt – und ehrlich, es gibt all diese Entwürfe noch. Sagen wir einmal, das waren verschwurbelte Kaltwasser-Warmwasserbeimischungen, die sich im Laufe von zwei Dekaden in einem tiefen, langen, breiten See ereigneten und die alle zur Oberfläche hätten steigen können, wenn es die Strudel nur zugelassen hätten.

Nun aber ist ‚Europenner‘ ein einfaches, emotionales Livereiseblog mit vielen tausenden Bildern geworden, Schnappschuss eines Künstlerlebens zwischen Zweibrücken und dem Süden Spaniens.

Ich bin zufrieden. Ich glaube, mit diesem Satz endet das Buch. Und das stimmt.

Die letzten Tage waren anstrengend. Parallel zur Einrichtung eines neuen PCs habe ich mit Arbeiten auf dem einsamen Gehöft begonnen, mit Gartenarbeit – eine ziemlich schlammige Arbeit. Ich kann eigentlich nur mit Gummistiefeln in den Garten, sinke ein bis zum Knöchel. Jede Pflanze, die ich aus den Pflanzgefäßen in den Sumpf versenke, tut mir ein bisschen Leid. Überall quatscht Wasser und auch heute regnete es fast den ganzen Tag. Das Gehöft ist von Gewittern umlauert, wurde aber bisher von Katastrophen, über die man in den Nachrichten allabendlich hört, verschont.

Was ich feststelle: ich komme wieder in eine Position, in der ich arbeiten kann. Nach all dem Aufräumen dieser Tage. Sei es nur, dass ich die Werkstatt in einen derart ordnungsgemäßen Zustand versetzt habe, in dem ich auch einen Vierzehner-Schlüssel finden kann, um den Rasenmäher zu reparieren, oder eben, die Daten alle auf einem neuen PC vereint habe, den Server repariert habe, auf dem dieses Blog läuft und nun, theoretisch, einfach nur ein Browserfenster öffnen muss, um einen Blogeintrag schreiben zu können. Die Maschine läuft rund.

Ich bin wieder da.

Da kommt mir die Einladung von Freund Hagen gerade recht, machste mit bei Ironblogger, fragte er kürzlich per Twitter.

Hä, wassen das?

Schnell mal Suchmaschine. Sie spuckt 110000 Ergebnisse aus, 250 davon sind relevant. Noch während ich mich durch die Ergebnisseiten scrolle, frage ich mich, hat je ein Mensch alle Suchseiten bei Google durchforstet und falls ja, wie lautet der allerletzte Eintrag? The Omega-Google-Rank sozusagen (feat. das ist ein Beitrag für Twitter (das müssen Sie nicht verstehen)) …

… zurück zum Thema Ironbloggerei. Bei Hagen geht es es irgendwie auch um IT und das CMS Joomla und die Geschichte, wie es zum Joomla-Ironblogger kam ist abenteuerlich mit Alles, Grenzkontrollen, Schikane usw. (englischer Text).

Die Ironbloggerei gibt es aber in verschiedenen Derivaten schon länger.

Frühe relevante Spuren für die Ironbloggerei führen z. B. ins Jahr 2011/2013. Es handelt sich um eine Art Initiative, verwaiste Blogs wiederzubeleben. Die Teilnehmenden bei einer Ironbloggerei verpflichten sich, einen Eintrag pro Woche zu schreiben und wenn sie dies nicht tun, müssen sie einen kleinen Betrag in eine gemeinsame Kasse löhnen. Die Bußgelder werden nach einer Weile von den Teilnehmenden entweder gemeinsam verzecht – die Initiativen sind oft regional und es gibt sie in allen größeren Städten – oder im Fall der #ibcoco, der ironblogger.cocoate.com, werden wir uns zu einer virtuellen Konferenz treffen und gemeinsam beraten, wohin das Geld fließt. Ein Wohltätigkeitsprojekt zum Beispiel.

Unsere Bedingungen sind moderat: Wenn man nicht bloggt, fließen fünf Euro in die Kasse. Gedeckelt wird das Ganze bei dreißig Euro. Das ist glaube ich in vielen Ironblogs so üblich, damit sich niemand verschuldet.

Kalt bin ich und strebsam. Der See kommt mir ebenso recht wie er mir in die Quere kommt. Er bremst mich. Er verwirrt mich. Er macht mich meine Identität verlieren für eine Weile. Wie lange brauche ich, um ihn zu durchqueren und wie sehr wird er mich verändern? Werde ich noch ich sein, wenn ich am Ende – es gibt doch hoffentlich ein Ende, ich darf doch weiter fließen? – wenn ich am Ende des Stehgewässers wieder austrete …

… ich habe es doch tatsächlich geschafft, aus zwei alten Computern und drei Festplatten und etlichen USB Sticks einen nigelnagelneuen Computer einzurichten, der mein gesamtes digitales Dasein seit 2001 birgt. Fast zwei Wochen habe ich Daten aufgeräumt, Fotos kopiert, eine neue Verzeichnisstruktur aufgebaut und das System unter Linux dennoch so schlank gehalten (danke, fslint, dankeee), dass es kein halbes Terrabyte umfasst. Dabei sind mir die alten Blogtexte aus den Urjahren des Irgendlink/Europenner-Schreibimperiums unter die Finger gekommen.

Ich lese normalerweise keine eigenen Texte. Nach zweimal Korrekturlesen ist Schluss.

Deshalb war es fast so, als hätte ich ein fremdes altes Blogbuch aufgeschlagen. Von Brotjobs, Reisen, Alltagsleid und Alltagsfreud lese ich und finde so einige Schmankerl, die sich gut auf Twitter machen würden. Faszinierend, dass dieses Twitter, mein derzeitiges Lieblingssozialesmedium, erst einige Jahre nach meinem Eintritt in die digitale Schreibwelt entstanden ist.

Ich ufere aus.

Lasst mich schließen nun. Es ist halb drei nachts. Ein Blogeintrag aus dem Jahr 2005 gibt diesem Artikel seinen kruden Titel – mit der Bahn fuhr ich durch die Südpfalz in einem verranzten Fahrradabteil in einem uralten klappernden Bahnwagen, an dessen Wand jemand mit Edding den Spruch ‚Eine Muschi mit Diziblin‘ geschrieben hatte.

Ha, Diziblin. Ha, Muschi.

English for the #ibcoco bloggers: It’s impossible to translate this article and even if you try to autotranslate it you will not get a human readable information.

I’m new in ironblogging. And I did not have any contact to Joomla. But I’ll install it on a local server to make my experiences with it. Maybee i’ll write about my experiences. But there are else things to think – and write about.

I guess it’s not only about Joomla, your iron blogging projekt, is it?

Me: Artist, Germany, traveler, photographer, literarian, blogger. Living in the outscirts of a small town near the french border.

Ironblogger auf cocoate.com:

http://daydah.com/about-us/our-blog.html | http://twitter.com/daydah

https://davidaswani.wordpress.com/ | http://twitter.com/susumunyu

http://christinegraf.co.uk/ | http://twitter.com/christinegraf

http://hagen.cocoate.com/ | http://twitter.com/hagengraf

 

 

Das demütige Leben eines Klammermanns am Rande des grauen Bands, das niemals endet

Ich erinnere mich nicht mehr so recht, wie das war mit den Klammermännern oder wie Frau SoSo sie nannte, es war hochphilosophisch, wir standen verabschiedend am Bahnhof in Laufenburg, mein Gefühl sagt mir, dass der Moment eine große Sache der Erkenntnis war – für mich, und wahrscheinlich auch für Frau SoSo.

Abschiede sind nicht schön. Sie tun weh. Wir warteten auf den Zug. Ich um einzusteigen und Frau SoSo um zu winken, was sie dann auch tat. Die Klammermänner waren in ihren orangenen Klamotten am Straßenrand auf der gesamten zwanzig dreißig Kilometer langen Strecke von Frau SoSos Haus bis zum Bahnhof am Hochrhein emsig tätig, Fast war ich versucht, ihnen aus dem Autofenster zu winken. Mit dreiviertelmeter langen Klammern sammelten sie Müll und packten ihn in große Tüten. Könnte mir gut vorstellen, so eine Arbeit zu tun, sagte ich zu Frau SoSo. Es hat sowas Erfüllendes, die Welt schöner zu machen. Man muss sich nur bücken. Dinge aufheben, die andere weggeworfen haben, sie in Säcke packen und am Feierabend, was muss das für ein Gefühl sein, den vollen Sack auf einen Kleinlaster zu werfen, zurückzublicken, sich daran zu erfreuen, dass die paarhundert Meter, die man abgelaufen hat, nun für eine Weile so sind, wie sie von der Natur vorgesehen sind. Das demütige Leben eines Klammermanns am Rande des grauen Bands, das niemals endet, würde ich gerne führen. Ich hätte so gerne meine Ruhe vor den höllischen Kunsthirngespinsten, die mir den Alltag zurümpeln, all den Träumen vom ‚wann kann ich von meiner kreativ korrupten Künstlerarbeit leben‘, so stieg ich in den Zug, Frau SoSo winkte tatsächlich mit Taschentuch, und fünf Stunden später spuckte der Zug mich in der Heimat wieder aus.

Zwei Pakete warteten und ein total versumpfter Garten. Die Unwetter hatten das einsame Gehöft zwar verschont, aber das Grundwasser hier auf 340 Metern Höhe steht so hoch wie seit langem nicht. Es sickert ins Mauerwerk. Vereinzelt sind die Pflastersteine des Atelierbodens voller Wasser und im Garten kämpfen die Kartoffeln tapfer gegen die Fäule. Wenn man sich hinein wagt in den Garten, steht man bis zum Knöchel im Schlamm. Ein Ausnahmejahr, zweifelsohne. Da kamen die beiden Pakete gerade recht. Paket eins enthielt eine erste Tranche von Gibrantiago-Postern, ruckzuck signierte ich sie auf einem eigens dafür eingeplanten Feld. Kunstwerke signieren ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Das zweite Paket enthielt den Computer, auf dem ich diese Zeilen schreibe. Seit 2008 mein erster neuer Computer. Ich hatte lange überlegt, ob ich mir das Ding leisten will – immerhin fast zwei Kunstbübchenmonatslöhne gehen dafür drauf.  Die Arbeit auf den alten Gurken war jedoch wegen zu geringer Speicherkapazität zunehmend schwierig … fast eine Woche habe ich gebraucht, um aus zwei alten Rechnern, drei externen Festplatten und etlichen USB-Sticks das neue Schwert zu schmieden. Gerade eben habe ich die Arbeiten abgeschlossen und verfüge über ein passabel schnelles System und – ich glaube – über alle Daten seit meinem Eintritt ins digitale Leben im Jahr 2001.

Puuuh.

Nun kommen mir die Klammermänner wieder in den Sinn. Ich gehe davon aus, dass sie ihre Arbeit hassen, wie jeder normale Mensch, der in die Menschenmühle geknechtet wird. Es ist dabei fast egal, welcher Tätigkeit wir nachgehen, Das Geheimnis der Arbeit und wie werde ich damit glücklich. Als Klammermann hätte ich sicher ein tolles Leben, stelle ich mir vor. Die Künstlerei und Literarerei ist aber auch okay, auch wenn sie mir manchmal ziemlich schwer fällt. Es ist ja nicht so, dass monatlich exakt X Euro auf meinem Konto landen. Wenn ich Klammermann wäre, wäre dem so, Deshalb beneide ich den Klammermann wie er tagein tagaus in so einer Art Natur herum spaziert und den Dreck wegräumt, den andere arglos aus dem Autofenster werfen. Ich beneide auch den Vorstandsvorsitzenden, der im Akkord Aufgaben delegiert und den Amtsmann, der aus Langeweile auf seinem Bürocomputer die Windows-Spiele fleddert – ein Glück, wenn die Systemadministration vergessen hat, den Computer für diverse Internetdienste zu sperren  – ich weiß, wovon ich rede, ich war mal so ein Amtsmann … das große Problem, das wir Künstler haben, ist diese ungemein große andere Welt im eigenen Kopf, die sich partout nicht abschalten lässt (Betonung auf nicht abschalten lassen!) und dann gehen wir dieser oder jener Tätigkeit nach, um irgendwie einen Lebensunterhalt beizuschaffen, aber im Hinterstübchen rattert unaufhörlich die Gedankenmühle an anderen, phantastischen Projekten, die so unglaublich unverkaufbar sind, aber dennoch nicht locker lassen, kurzum, der Moment, an dem man sich eine Teillobotomie wünscht, die einen in den Zustand versetzt, als Vorstandsvorsitzender, Klammermann oder Amtsmann zu leben oder als Dachdecker, IT-Fuzzie, Onlineredaktiosmitglied, egal, als Irgendwas, bloß keine dieser elenden Ideen im Kopf, ach, was wäre das herrlich.

Die beste Zeit meines Lebens habe ich als Tacker in einer Loungemöbelfabrik verbracht. Der Arbeitsvertrag enthielt ungefähr die Bedingungen ‚für immer und für nichts‘, Kurzum, die Stelle war miserabel bezahlt, aber dank freier Zeiteinteilung und, nunja, Hände, die Möbel bauen brauchen ja kein Hirn, war das ein cooler Job – am Monatsende verzeichnete das Konto exakt X Euro Plus. Schlafen bis in die Puppen, zur Arbeit radeln, Möbel bauen bis der Auftrag erfüllt ist, nebenbei denken was man will, war echt toll. Die Firma ging bankrott und ich landete auf einem Provinzkulturamt, wo ich lernte Minesweeper zu spielen, um die Zeit totzuschlagen. Zum Glück erkrankte ich und wurde entlassen.

Ich schweife ab.

Nun sitze ich vor der frisch renovierten Festplatte, die mein gesamtes Datenleben enthält. Alle Fotos, alle Texte, alle Ideen, die Roadmap eines fast zu Ende gelebten Lebens liegt vor mir. Ich muss nur noch der Spur folgen. ‚Keine Arbeit, kein Geld, keine Ahnung wie es weitergehen soll‘, um es mal mit Otto zu sagen. Aber immerhin ein Fundament für das zehntausendstöckige Hochhaus des Scheiterns. Ich bin zufrieden. Der Garten wird wieder trocknen. Nicht alle Kartoffeln verfaulen und die gute alte Lehre, irgendwas wächst immer, gilt auf Ewigkeit. Wenn einem bloß keine Menschen dabei in die Quere kommen. Aber ich lenke schon wieder ab: das Leben eines Klammermanns an irgendeinem verlorenen Straßengraben, in den multiple Idioten ihren Macdonalds-sonstwie-Müll werfen ohne über das Gefüge der Welt nachzudenken, scheint mir in meinem beinahe aufgelösten Zustand gar nicht so unerstrebenswert.

Aber erst noch ein paar Kunsthirngespinste zu Ende bringen.